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Ewenken der Ästhetik

von Christoph Bock

München, 1. Apr 2004_  München hat drei Pinakotheken, die jeder kennt und eine Kunstakademie, die niemand kennt. Ein an sich reiches Experimentierfeld voller junger Künstler, die höchstens alle zwölf Monate durch ihre Jahresausstellung von sich reden machen. Das soll sich hier und jetzt ändern. Mit einer sechsteiligen Serie von Kunstabenden unter dem Titel Ewenken der Ästhetik präsentiert sich die Münchner Akademie jeweils am 1. April eines Jahres der Öffentlichkeit. Das Duo Clara Peters und Nina Schongauer gab im Münchner Herkulessaal mit Werken von Ernst und Picasso den Auftakt.

Das Programmheft apostrophiert sie als vielversprechende Nachwuchsmalerinnen. Und wahrlich, die Voraussetzungen beider für eine große Karriere sind optimal. Keine nervenaufreibenden Wunderkindjahre, sondern behutsame Entfaltung der künstlerischen Fähigkeiten. Zwanglos zur Meisterschaft gereiftes technisches Können, statt früher Rekorde auf der Leinwand. Und nicht zuletzt: Eine Freundschaft, die über das Interesse an künstlerischer Zusammenarbeit hinausgeht. Die jungen Malerinnen wissen: Disharmonie auf der menschlichen Ebene belastet ein Künstlerduo weit mehr, als Konkurrenzdruck von außen.

Sie brauchten lange, um in dem ausverkauften Haus ihre Konzentration zu finden. Dann aber entstand Ernsts Hausengel (nach der 1. Fassung, 1937) mit dem ersten Strich. Keine zarten Einstimmungsskizzen, sondern Bildaufbau von Anfang an. Ungewöhnlicherweise wählte das Duo die Konzeption der Element- und Figurenteilung: Peters, die innerhalb von vier Schichtungen den Hintergrund erarbeitete und dann die Darstellung des Vogel Loplop übernahm, glänzte durch ihr Verfahren der horizontalen Farbanordnung. Für die grüne Fläche im unteren Drittel des Bildes verwendete sie verschiedene Emeraldtöne. Die vorbereitete Gelb-rot-Mischung wurde erst während der zweiten Antrocknungsphase in die Komposition eingebracht. Der nicht unproblematische Weg, mit der dunkleren Farbe zu beginnen, erwies sich als der richtige. Ernsts Grünnuancen wurden ausnahmslos sichtbar. Die spanische Hochebene kontrastierte bestens mit der Farbtiefe des Himmels. Gleichzeitig entstand eine transparente Grundlage für die Würgeengeldarstellung ihrer Duopartnerin.

Nina Schongauer zeigte Nerven und gestaltete die filigranen Gesichtszüge und Zahnreihen des Ungeheuers trotz der hohen technischen Schwierigkeiten mit ruhiger Hand. Bereits ein wenig zuviel Druck im Unterarm kann gerade an diesen Stellen nicht wieder gutzumachende Folgen haben.

Flexibilität in der Pinselführung

Den roten Überwurf, den man als junger Akademieschüler normalerweise so richtig hinfetzt, sparte Schongauer zunächst völlig aus, um ihn später (vierte Schichtung) in lyrischen Bögen zu kolorieren. Beeindruckend: ihre Flexibilität in der Pinselführung.

Das Duo zeigte die Fähigkeit, sich der Kunst hinzugeben, ohne exhibitionistisch zu wirken. Darüber hinaus vergaß es nicht, das Werk immerfort auf seinen Gehalt zu hinterfragen. Die Grausamkeit des spanischen Bürgerkriegs kam in der Mimik des Würgeengels überzeugend zum Ausdruck. Nicht weniger plastisch war die Ohnmacht des Loplop gegenüber der kommenden Katastrophe.

Kein Lob ohne kritische Bemerkung. Die Beziehung zwischen den Hauptbildelementen und deren Stellung in der bzw. zur Gesamtperspektive wurde nur wenig schlüssig. Hier hätte durch Ausformung der inneren Spannungsmomente mehr Authentizität erreicht werden können. Beckmesserei? -- nein, eher Ausdruck der Hoffnung, daß die jungen Künstlerinnen, die übrigens ihr Studium noch nicht abgeschlossen haben, auch die Schwierigkeiten einer surrealen Großform meistern lernen.

Als zweites kam ein Werk aus der frühen Spätphase Picassos zur Ausführung: Las Meninas, eine Umsetzung des gleichnamigen Gemäldes von Velásques. Hier arbeiteten die Künstlerinnen nach dem üblichen Konzept der Farbaufteilung (Peters: weiß, Schongauer: schwarz). Nun erlebte man Duogestaltung par excellence. Selbstverständliches Aufeinandereingehen in spontanen Dialogen, während der Figurenschraffur. Beschwingte Virtuosität, gepaart mit hoher Risikobereitschaft bei der Detailanlage. Keine Hilfslinien beim Anlegen der Raumaufteilung, keine Fluchtpunkte für die Perspektive. Grandioses Ergebnis nach zwölf Schichtungen: Eine Palette feinstabgestimmter Grautöne mit einwandfrei gelungener Oberfläche. Kleine Patzer konnten nach der fünften Trockenphase vergessen gemacht werden.

Dem Duo kam bei diesem Bild zugute, was ihnen bei Ernst bezüglich der kurzen künstlerischen Reifezeit Schwierigkeiten bereitet hatte: ihre Jugend. Sie verstanden es, die Reduzierung der Bildersprache auf die simple Abstraktheit von Kinderzeichnungen umzusetzen, ohne dabei den Fehler zu begehen, die Kindlichkeit als idealisierte Vergangenheit zu begreifen. Gerade dies fällt erfahrenen Malern oft schwer.

Picasso, nach der Aussage des Gemäldes gefragt, hatte einst geantwortet, er habe eine Frage darstellen wollen. Was für eine Frage dies auch gewesen sein mag, angesichts des jungen Duos muß sie unumwunden mit Ja beantwortet werden. Eine andere Frage blieb allerdings offen: Was um Himmels Willen sind Ewenken?

Vorschläge für die Kunstabende der kommenden Jahre, können den Organisatoren eingereicht werden unter: ewenken@parapluie.de _//
 

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