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korrespondenz -> london, 12. feb 2009
 
 
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Der Schnee ist richtig, nur es ist zu viel

von Frank Heinz Diebel

London, 12. Feb 2009_  Am Sonntagabend blicke ich überrascht aus dem Fenster: dicke, weiße Schneeflocken fallen vom Himmel. "Nur ein Schauer", denke ich und arbeite weiter. Zwei Stunden später sind die Grashalme in unserem Garten nicht mehr zu sehen. Bis zum nächsten Morgen ist die Schneedecke auf 20 Zentimeter angewachsen. Die stärksten Schneeschauer in Großbritannien seit 18 Jahren.

Die Briten und die weiße Pracht: ein Kapitel für sich. Mehrfach habe ich erlebt, wie bei zwei Zentimetern Schnee auf den britischen Inseln alles zusammenbrach. Auch diesmal stehen die Briten dem Ansturm des Winters machtlos gegenüber. Es gibt keine Schneepflüge nur einige Streufahrzeuge. London und die Autobahnen bleiben unter den Schneemassen begraben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Metropole wird fast der gesamte öffentliche Nahverkehr eingestellt. Selbst als die deutsche Luftwaffe während des Zweiten Weltkriegs ihre Angriffe auf die Hauptstadt flog (auch genannt "The Blitz"), verrichteten Busse und Bahnen weiterhin ihre Dienste. Ein Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung ist gezwungen, dem Arbeitsplatz fernzubleiben. 6000 Schulen bleiben geschlossen. Viele Autobahnen werden gesperrt. Der größte Stau auf der M25 (Londoner Autobahnring) ist mehr als 50 Kilometer lang. Die britischen Automobilclubs AA und RAC warnen liegengebliebene Autofahrer vor dem Tod durch Erfrieren. Am Flughafen Heathrow und dem London City Airport werden alle Flüge gestrichen. Tausende von Reisenden müssen in London übernachten.

Immerhin unterläuft dem spitzbübischen Londoner Bürgermeister Boris Johnson (der mit den strubbeligen blonden Haaren) nicht der gleiche Schnitzer wie British Rail 1991. Damals setzte starker Schneefall die Eisenbahnen außer Gefecht. Als Ursache für den Komplettausfall gaben die Bahner an, es sei eben die "falsche Art von Schnee" gewesen. Johnson umschifft diese Klippe und erklärt spitzbübisch, der Schnee sei schon richtig, nur sei es zu viel.

Die Briten in ihrer stoisch-gelassenen Art bleiben cool und machen sich einen schönen Tag. Die britische Tageszeitung The Guardian schickt Reporter nach Primrose Hill, einer der wenigen Hügel in der britischen Hauptstadt. Hunderte von Menschen fahren dort Schlitten. So begeistert sind die Briten, dass sie fast an jeder Straßenecke einen Schneemann aufstellen. In der Tageszeitung Daily Telegraph schreibt Kolumnist Philip Johnston: "Der Schnee in Großbritannien ist ungewöhnlich und magisch -- laßt uns nicht darüber meckern."

Am Spätnachmittag (man weiß ja als Kontinentaleuropäer, daß Winterspaziergänge in der Dämmerung am schönsten sind) beschließen meine Söhne Finn (8) und Josh (6) und ich, uns das Winterwunderland aus nächster Nähe anzuschauen. Meine Jungs sind als halbe Deutsche gut auf winterliche Tiefs vorbereitet. Seit unserem letzten Urlaub im bayrischen Grainau besitzen sie eine komplette Ausrüstung: lange Unterwäsche (in UK weitgehend unbekannt), Roßhaarsocken (kennt in UK auch niemand), Skihosen (kennen nur die Skifahrer) Moonboots (kennt der ein oder andere) und Strickmützen (sind bekannt)... Schon der kurze Spaziergang zum Park ist ein unvergeßliches Erlebnis. Es ist 17 Uhr, Rushhour, aber nur eine handvoll Autos tastet sich im Schneckentempo die verschneiten Straßen entlang. Es herrscht eine Stille, wie ich sie in London selten erlebt habe. Die Passanten grüßen einander freundlich und lächeln selig. Schneeflocken rieseln leise vom Himmel. Victoria Park ist voller lachender Menschen, wie an einem sonnigen Sonntagnachmittag in den Sommerferien. Eigentlich wird der Park im Winter pünktlich um Viertel vor Fünf geschlossen ¿ nicht an diesem Tag: es herrscht Ausnahmezustand.

Am Royal Oak Pub werfen einige Gäste aus lauter Übermut Schneebälle auf Spaziergänger. Auch ein Pärchen wird getroffen. "Soll ich einen zurückwerfen", fragt er mutig, aber sie beschwichtigt ihn: "Ach, lass doch, Darling. Das sind junge Leute, die vermutlich schon den ganzen Tag am Bechern sind."

Schließlich machen wir am örtlichen Supermarkt halt. Die meisten Kassen sind geschlossen. Wie ich später erfahre ist das nicht die Ruhe vor, sondern nach dem Sturm. "Hier war heute die Hölle los", erklärt mir eine Kassiererin. Panikkäufe. Wir greifen uns die letzten Bratwürstchen und machen uns auf den Heimweg. Zuhause angekommen klingelt das Telefon. Meine britische Schwiegermutter ist dran. Sie prophezeit einen Weltuntergang: "Über Nacht soll es frieren und noch mehr Schnee geben. Es soll spiegelglatt werden", verkündet sie mit unheilvoller Stimme.

Inzwischen sind es zwei Grad über Null. Der Schnee beginnt zu tauen. Die feinen meteorologischen Details, die ein Abklingen der winterlichen Witterung ankündigen, entgehen vielen Briten. Die Eiszapfen sind bereits verschwunden. Der Schnee ist schwer und pappig und fällt bereits von den Bäumen herunter: Tauwetter.

Ein anderes Indiz verrät die britische Unkenntnis des Winters: Fast alle Insulaner glauben, man könne bei Schnee kein Auto fahren. Vor einigen Jahren war ich mit meiner Familie über Weihnachten zu Besuch bei meinen Eltern in Frankfurt. An einem wunderschön verschneiten Winterabend wollte ich mir mit dem Auto den Taunus ansehen. Meine Frau (Britin) sah mich entgeistert an: "Du willst Auto fahren? Bei dem Wetter?" fragte sie ungläubig. "Warum nicht", sagte ich, "wir haben doch Winterreifen". Von Winterreifen hatte sie noch nie gehört. Auch meine ehemaligen Kollegen Johnny und Richard (wir arbeiteten gemeinsam an einem Automagazin), wußten mit dem Begriff Winterreifen wenig anzufangen. Als ich ihnen erzählte, daß in Deutschland viele Autofahrer in den Wintermonaten andere Reifen aufziehen lassen, sahen sie mich entgeistert an. "Die Deutschen fahren den ganzen Winter mit Spikes herum", wunderte sich Richard. Folgerichtig haben die Briten auch noch nie etwas von Sommerreifen gehört. In Großbritannien gibt es eben nur Reifen.

Zurück nach London. Eine Bekannte von uns -- Österreicherin -- fragt auf facebook bang, was passieren würde, wenn dieses Wetter einen Monat lang anhielte. Im Supermarkt um die Ecke sei die Milch bereits ausverkauft. Besorgte Kunden hätten die Regale leergeräumt. Natürlich würde das Vereinigte Königreich bei einem einmonatigen Schneechaos zugrunde gehen. Stromausfälle, Hungersnöte, Plünderungen, Großbrände, Seuchen ... und schließlich Bürgerkrieg. Damit es nicht so weit kommt, hat Bürgermeister Boris Johnson eine Botschaft für den Wettergott: "Meine Bitte an den Himmel ist: Das war eine tolle Schnee-Show, aber es reicht jetzt."_//
 

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