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Das Ende des Multikulturalismus?

von Frank Heinz Diebel

London, 21. Jul 2005_  Großbritannien nach den Anschlägen vom 7. Juli: Die Zahl der Übergriffe auf Muslime und Anschläge auf Moscheen war sprunghaft angestiegen. Muslime wurden auf offener Straße angespuckt, beschimpft und tätlich angegriffen. In Nottingham wurde der Inder Kamal Raza erschlagen -- die muslimischen Gemeinden befürchteten, daß es sich um einen Racheakt für '7/7' (wie die Attentate in Anlehnung an den 11. September bereits von mehreren Tageszeitungen genannt wurden) handelte.

Die Nachricht, daß es sich bei den vier Selbstmordattentätern der Terroranschläge um britische Staatsbürger handelte, schlug in Großbritannien wie eine Bombe ein. Vergessen waren die Politiker-Reden und Leitartikel, die unmittelbar nach den grausigen Ereignissen eine schnelle Rückkehr zur Normalität forderten.

In der Tat hatte sich bei mir schon am Abend nach den Anschlägen der Eindruck breit gemacht, daß Großbritannien nicht so schnell zum "business as usual" zurückkehren würde. Die Stimmung in London am Donnerstagabend war sehr bedrückend, fast schon gespenstisch. Die Straßen der Innenstadt, die sonst bis spät in die Nacht mit Leben pulsieren, waren wie leergefegt, Geschäfte und Restaurants geschlossen und nur einige wenige Pubs geöffnet. Wer wollte es den Londonern auch verdenken, ihren Frust in Ale und Whiskey zu ertränken. In der Woche nach den Anschlägen hatte sich die Normalität durchaus noch nicht eingestellt. "But normal is not normal any more on the London Underground and on London buses" schrieb Michael McCarthy in der englischen Tageszeitung The Independent. Was er damit meinte, wurde mir auf dem Weg zur Arbeit klar. Keine Spur von den üblichen Verkehrsstaus, in Bussen und Bahnen blieben während der Rushhour sogar Sitzplätze frei (zur Info: Die Tube ist während der Hauptverkehrszeiten in der Innenstadt so überfüllt, daß man sich mit Gewalt hineinquetschen muss. An einen Sitzplatz ist schon gar nicht zu denken). Von unseren Nachbarn erfuhren wir außerdem, daß es schwierig war, in London Fahrräder zu kaufen. Aus Angst vor erneuten Anschlägen waren viele Bewohner der Metropole von öffentlichen Verkehrsmitteln auf Drahtesel umgestiegen und hatten die Geschäfte leergekauft. Auch unsere Nachbarin wird künftig nicht mehr in den Bus der Linie 388 zur Liverpool Street einsteigen, denn eine ihrer Arbeitskolleginnen hatte bei den Anschlägen beide Beine verloren. Unmittelbar nach den Attentaten stellte sich auch die Frage nach den Langzeitfolgen eines Ereignisses von solcher Tragweite: War mit den Opfern von 7/7 auch die britische Multikulturalität gestorben? Star-Kolumnist Matthew Parris schrieb dazu in der Times (bevor bekannt wurde, daß es sich bei den 'suicide bombern' um Briten handelte): "Wenn sich herausstellen sollte, daß auch nur einer der Übeltäter der Greueltaten vom Donnerstag ein britischer Muslim ist oder von britischen Muslimen geschützt wurde, sollte man die Reaktion der englischen Landbevölkerung nicht unterschätzen." Auch im Independent wurde nach einer Serie von Anschlägen auf Moscheen in London, Bristol, Leeds, Telford, und Birkenhead vor einer steigenden 'Islamophobia' gewarnt. Muslim-Führer riefen ihre Glaubensbrüder auf, Ruhe zu bewahren.

In der Online-Ausgabe des Independent zeigten sich junge Muslime besorgt, aber auch vertrauensvoll. Furkan Sharif, 24, Jurastudent aus dem Londoner Stadtteil Hackney, fühlte sich nicht wohl in seiner Haut: "Wer einen Muslim-Backround hat, der wird jetzt von Blicken verfolgt, wenn er sich in der Öffentlichkeit sehen lässt. Ich fühle mich genauso britisch wie jeder andere, aber in den Augen mancher Menschen bedeutet das nichts. Es ist verständlich, daß man in so einer Zeit mißtrauischer ist, aber es ist keine Entschuldigung für Vorurteile." Andere Muslime setzten auf die vielbeschworene Toleranz der Engländer: "Ich habe Glück, daß die Menschen hier in London aufgeschlossen sind und verstehen, daß die Attentäter nicht die Gesinnung der wahren muslimischen Gemeinschaft widerspiegeln", sagte Waheed Araf, 27, ebenfalls aus Hackney.

Auch wenn es in der Financial Times hieß, daß Tony Blair den Dialog mit der britischen Muslim-Gemeinde verstärken wollte und eine umfangreiche Kampagne ankündigte, die britische Muslime davon abhalten sollte, den Verlockungen des Extremismus zu erliegen, so appellierte der Premierminister doch auch an die Verantwortung der Imams "to stand up to the poisonous and perverted interpretation of the religion of Islam". Ähnliche Töne kamen auch von der Times. In einem Leitartikel nahm die konservative Tageszeitung die muslimische Gemeinschaft in die Pflicht: "Eine ungeheure Last liegt nun auf den Schultern der muslimischen Gemeinschaft. Ihre Führer, gebildet und wortgewandt, haben zwar den Extremismus wiederholt verurteilt. Aber auf lokaler Ebene muss gehandelt werden. Die Duldung von Extremismus ist völlig unakzeptabel." Einige Zeilen weiter ging die Times noch härter mit den Muslimen ins Gericht: "Zu oft sind solche Ansichten nicht nur toleriert, sondern von schlecht ausgebildeten Imams sogar in Moscheen verbreitet worden. Diese Imams wurden direkt aus pakistanischen Dörfern hierher verschifft, sprechen kein Englisch und sind nicht in der Lage, junge Muslime in einer westlichen Gesellschaft anzuleiten."

Kritisch anzumerken war bei diesen Überlegungen, daß hier die Rolle der britischen Regierung völlig außer Acht gelassen wurde. Diesen Umstand bemängelte auch Londons scharfzüngiger Bürgermeister Ken Livingstone (Spitzname: 'Red Ken'), der die Ursache der Anschläge in einer fragwürdigen Auslandspolitik Großbritanniens suchte. Die jahrzehntelange Einmischung von Großbritannien und den USA in die inneren Angelegenheiten der ölreichen Länder des Nahen Ostens habe die Selbstmordattentäter von London motiviert, sagte Livingstone in einem Gespräch mit BBC News. Zwar betonte der Bürgermeister, daß er kein Mitgefühl mit den Attentätern habe, und er Gewalt grundsätzlich ablehne, aber seiner Ansicht nach wären die Anschläge nie passiert, hätte der Westen die arabischen Nationen nach dem Ersten Weltkrieg wie versprochen in Ruhe gelassen. Livingstone: "Wir haben fragwürdige Regierungen unterstützt, wir haben diejenigen, die uns unserer Meinung nach nicht wohlgesonnen waren, gestürzt." Auch Osama Bin Laden sah der Mayor als ein "hausgemachtes" Problem an: "...die Amerikaner haben Osama Bin Laden angeheuert und ausgebildet, haben ihm beigebracht wie man tötet...und ihn auf die Russen angesetzt, um diese aus Afghanistan zu verjagen. Sie haben nicht daran gedacht, daß Osama -- nachdem er mit den Russen fertig war -- sich gegen seine 'Schöpfer' auflehnen würde."

Durch diese historische Brille betrachtet, wirkten Tony Blairs Bemühungen, mit verantwortlichen Muslimen in den Dialog zu treten und eine internationale Konferenz für Länder, die sich von islamistischen Extremisten bedroht fühlen, ins Leben zu rufen, etwas verkrampft. Insbesondere, weil der britische Premierminister eine Verbindung zwischen Großbritanniens Beteiligung am Irak-Krieg und 7/7 kategorisch ablehnte. Die Frage war nur, wer ihm hier auf der Insel noch Glauben schenkte? Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete, sahen laut einer Meinungsumfrage zwei Drittel der Briten einen Zusammenhang zwischen dem Irak-Krieg und den Bombenanschlägen vom 7. Juli. In einem an die Öffentlichkeit durchgesickerten Memo des englischen Geheimdienstes wurde außerdem vorgeschlagen, daß der Irak-Feldzug das Land eher zu einer Zielscheibe für Terroristen gemacht habe. Spätestens nachdem die irakischen Massenvernichtungswaffen -- immerhin der casus belli für den bewaffneten Konflikt -- nie gefunden wurden und Blair somit als Lügner dastand, dürfte es vielen Briten schwer fallen, Tonys rethorische Winkelzüge noch Ernst zu nehmen.

Über einen Mangel an Verantwortung ganz anderer Art beschwerten sich aber einige US-Journalisten, die London bereits in 'Londonistan' umgetauft hatten: "London is easily the most jihadist hub in western Europe" teilte ein ehemaliger Spezialist für Terrorismusbekämpfung des Weißen Hauses, Roger Cressy, der Los Angeles Times mit. "London has been an indoctrination and recruiting centre for many years", sagte auch Michael Radu, Terrorismus-Experte des Foreign Policy Research Institute in Philadelphia der Philadelphia Tribune. Der Grund: Die britische Regierung habe es versäumt, Überwachung und Anti-Terror-Gesetze zu verschärfen, aus Angst, britische Muslime zu verprellen.

Das sollte sich ändern: Tony Blair kündigte an, daß radikale Muslim-Kleriker, die religiösen Haß predigen oder Terroranschläge anzetteln, von der Gemeinschaft ausgeschlossen oder ausgewiesen werden sollten. Die zentrale Frage war und ist, ob die Kardinaltugend des britischen Multikulturalismus, die Toleranz, von einem krankhaften Mißtrauen abgelöst wurde? Der Kompromiß -- ein gesundes Mißtrauen beispielsweise -- ist den Briten weitgehend unbekannt. Wer im Alltag zu neugierig erscheint oder zu viele Fragen stellt, gilt schnell als unfreundlich. Ein Vorurteil, daß besonders Deutschen mit ihrer eher direkten Art anhaftet. Die britische Idee der Toleranz kann allerdings bisweilen auch mit blindem Vertrauen gleichgesetzt werden. Madeleine Bunting schrieb im Guardian, daß der britische Multikulturalismus wie nie zuvor in Frage gestellt werden würde. Sie riet außerdem, die muslimischen Gemeinden zu Verbündeten zu machen, nicht zu Feinden. Das war leichter gesagt als getan. Die Sun und der Daily Telegraph hatten auf ihren Titelseiten bereits dazu aufgerufen, den islamischen Intellektuellen Tariq Ramadan auszuweisen, weil er angeblich den Terrorismus unterstütze. Im Gegenzug plädierte Bunting dafür, respektierte Muslime wie Ramadan als Alliierte im Kampf gegen den Terrorismus zu gewinnen.

Ähnlich zwiegespalten war auch die britische Bevölkerung. Es gab solche, die Brandbomben auf Moscheen warfen, und andere, die Gemeinschaftsaktionen von Christen, Juden und Muslims organisierten. Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß 7/7 das Ende des britischen Multikulturalismus eingeläutet hat. Die Anschläge haben jedoch eines bewirkt, und die Terroristen in dieser Hinsicht ihr Ziel erreicht: Die Attentate zeigten ein Problem, daß der Multikulturalismus nur zu gerne verdeckt: Daß ein Nebeneinander der Kulturen noch lange keinem Miteinander gleichkommt. Und das war ein Schock für die britische Gesellschaft von dem sie sich noch lange nicht erholen wird.

Bereits zwei Wochen nach den Ereignissen vom 7. Juli heulten in London am Donnerstag, 21. Juli, schon wieder die Alarmsirenen. Bei Redaktionsschluß war noch nichts genaueres bekannt, außer das die Tube gegen 14 Uhr wegen vier versuchter Selbstmordattentate (U-Bahn: Oval Station, Warren Street Station, Sheperds Bus Station; Bus: Linie Nr. 26) geschlossen wurde. Nach Angaben der Londoner Polizei detonierten die Bomben nicht vollständig, so daß die Zahl der Verletzten sehr gering war. Der Londoner Polizeichef Sir Ian Blair appellierte jedoch an Londoner sich nicht vom Fleck zu rühren. Ein Update wird in Kürze folgen. _//
 

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