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korrespondenz -> dresden, 12. apr 2006
 
 
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Bilder einer Überschwemmung

von Patrick Wilden

Dresden, 12. Apr 2006_  Nein, "man steigt nicht in denselben Fluß zweimal", sang Franz-Josef Degenhardt einmal, nicht lange vor der Wende, "in diesen schon gar nicht: Baden verboten." Gemeint war der Rhein, an dessen mythischer Bedeutung und öko-katastrophaler Realität der störrische Barde, heute eine der letzten Mumien der deutschen Liedermacherkultur, damals in geradezu kindischer Weise seine Leier wetzte.

Inzwischen haben sich die Inhalte -- auch politisch -- verlagert, sind andere Schauplätze wichtig geworden. Nicht die "trutzigen Burgen" und "Traumtänzerritter" der mittelrheinischen Weinberge, sondern die berstenden Dämme und Feuerwehrretter entlang der Ströme des wiedervereinigten Deutschland stehen im Vordergrund. Man erinnert sich vielleicht noch an die trüben Ausblicke auf die Hochwässer an Rhein und Donau in den 1990er Jahren, die Klagen der Geschäftsleute der Kölner Altstadt, die ihre Läden mehrere Frühjahre in Folge trocknen, streichen und neu einrichten durften.

Doch schon mit der sogenannten Oderflut des Jahres 1997 verschoben sich die Gewichte. Plötzlich konnte man den Eindruck gewinnen, eine ganze Nation fiebere mit den unfreiwillig Untergetauchten hinter den rutschenden Deichen am Westufer der Oder mit. In der Sorge um die vom Wasser versehrten Oderbruch-Hütten auf den Fernsehbildschirmen der Wohnzimmer waren die Schmerzen der Wiedervereinigung gelindert, schien das Land endlich zu sich selbst zu finden. Wobei -- aber das nur nebenbei -- ein wenig aus dem Blick geriet, daß das Wasser am Ostufer der Oder-Neiße-Grenze ganze Landstriche und einige hundert Kilometer flußaufwärts das polnische Breslau verheerte.

Den Vogel abgeschossen aber hat Dresden -- das ist allen klar. Nachdem die sächsische Landeshauptstadt im Sommer 2002 gleich mehrfach durch reißende Bäche, die aus dem Erzgebirge zu Tal schossen, und durch eine regelrechte Flutwelle der Elbe an vielen Stellen und neuralgischen Punkten absoff, ist sie in diesen Tagen der Schneeschmelze wieder in aller Munde. Die 'Jahrhundertflut', wie sie damals sehr schnell genannt wurde, obwohl das neue Jahrhundert gerade erst zwei Jahre alt war, sorgte nicht nur für Tote und Verletzte und milliardenteure Schäden im ganzen Land, sondern sie schuf auch eine besondere Form von Öffentlichkeit für die Stadt Dresden -- einen Namen sozusagen, der auch heute noch verpflichtet.

Dazu leistet die Berichterstattung einen entscheidenden Beitrag. Seitdem man von Massenmedien sprechen kann, also ungefähr seit 150 Jahren, ist es eine Binsenweisheit, daß Nachrichten vor allem für diejenigen verfaßt werden, die am Geschehen nicht beteiligt sind. Das war zwar auch schon vor dem Erscheinen von Zeitungen in hoher Auflage so, diese Nachrichten waren allerdings nur einer kleinen Klientel von Menschen -- den des Lesens mächtigen eben -- zugänglich. Der große Rest der Gesellschaft befriedigte seine Neugier mit den Gerüchten, die Händler und wandernde Gesellen streuten. Es ist eine verhältnismäßig neue Entwicklung, daß das ganze Land über Nachrichten und Fernsehbilder eine Überschwemmung mitverfolgen kann, die es in weiten Teilen nicht betrifft. Auch wenn inzwischen so getan wird, als sei das das Normalste von der Welt.

Das heißt aber auch: Dresden als prototypische Überschwemmungsstadt ist zum Kristallisationspunkt für öffentliche Anteilnahme geworden. Wenn hier die Elbe über die Ufer tritt -- was jedes Jahr im März geschieht --, dann laufen sofort die Drähte heiß. Wer nicht umgehend exklusive Bilder liefert, könnte womöglich einen neuen Flut-Superlativ verpassen. Und wenn die Realität zu schwach ist, um den Aufwand zu rechtfertigen, muß man eben ein bißchen nachhelfen. Die wenig aussagekräftigen Bilder, die aus Dresden gesendet wurden, haben immerhin ein paar bekennende Fluttouristen aus Hannover angelockt.

Demonstrative Coolness von seiten der Politiker ist ebenfalls nicht gefragt -- das hat niemand so schmerzlich erfahren müssen wie der sächsische Ministerpräsident. Als Georg Milbradt -- von seinen Experten offenbar gut informiert -- öffentlich sagte, daß dieses Hochwasser nicht so schlimm ausfallen werde wie das des Jahres 2002 und daß es diesmal keine staatliche Hilfe geben werde, wurde er von vielen verständnislos angesehen. Die betroffenen Bewohner, ob nun in Gohlis bei Riesa oder im gleichnamigen Dresdner Stadtteil, empfahlen dem gebürtigen Sauerländer sogar, dahin zurückzugehen, woher er gekommen sei. Zu tief sitzt der Schock der Flut vor vier Jahren, bei den Beteiligten, bei den Zeitungslesern und Fernsehguckern, ja sogar bei den Journalisten.

Noch immer sind wir hier der Paradiesvogel unter den Hochwasserstädten. Die Anrufe und E-Mails, die in den letzten Tagen bei mir eingegangen sind, waren rührend. Die wohlmeinend-ironische Frage "Na, seid ihr schon abgesoffen?" war wohl der häufigste Satz, mit dem die Telefongespräche begannen, und der geäußerte Wunsch, die Deiche mögen halten, ließ einen schon etwas schmunzeln. Eine gewisse Medienroutine spricht natürlich daraus, aber, wie mir scheint, auch so eine kleine Abenteuerspielplatz-Phantasie. Die Vorstellung vielleicht: "Ich kenne einen, der wohnt tatsächlich in dieser Stadt, die immer absäuft", und damit verbunden die ernst gemeinte Frage, ob ich mein Auto schon habe umparken müssen.

Ich gebe zu: ein bißchen adventure ist schon dabei. Zum Beispiel ist die Loschwitzer Brücke, das bekannte Blaue Wunder, für den Autoverkehr gesperrt worden. Was die Stadtrundfahrtsbusse machen, die die Überquerung der Brücke normalerweise als Highlight nutzen, weiß ich nicht, aber es herrscht ein reger Fußgängerverkehr, und viele Menschen halten Fotoapparate in der Hand, während die Stadtwerke die unverhoffte Ruhe zur Ausbesserung der Fahrbahn nutzen. Auch die Straße hinüber zum Stadtteil Laubegast war ein paar Tage lang überspült, weshalb die Straßenbahnen nicht dorthin fuhren.

Vor den elbnahen Gastronomien am Blauen Wunder und an der Augustusbrücke fallen die Sandsackbarrieren und Pumpstationen ins Auge, mit denen der Fluß aus den Gebäuden ferngehalten werden soll. Und es ist daher kein Wunder, daß genau dort die Ü-Wagen der Fernsehsender parken. Die Presseleute sind denn auch die letzten zahlenden Kunden der versumpfenden Kneipen, wo der Ausschank, ähnlich wie auf der Titanic, so lange weitergeht, bis die Stadt den Strom abstellt.

Vielleicht sollte man dem Ministerpräsidenten glauben, der im übrigen ein medienerfahrener und in seinem Freistaat ohnehin nicht sehr beliebter Mann ist. Es gibt keine Katastrophe -- zumindest nicht in dieser Stadt --, nur mehr Verkehrsstaus infolge gesperrter Brücken und Uferstraßen und für die nicht eben zahlreichen Bewohner, die tatsächlich 'zu nah am Wasser gebaut' haben, ein paar höchst ärgerliche wasserreiche Tage, die neuerliche Renovierungsarbeiten und Auseinandersetzungen mit der Versicherung nach sich ziehen.

Man steigt nicht in denselben Fluß zweimal, und nicht jedes Hochwasser ist eine Jahrhundertflut -- zumindest nicht in Dresden. Die Bilder aus Melník und Ústí nad Labem, aus Hitzacker und Lauenburg sprechen da schon eine andere Sprache. Aber auch hier in Dresden hat die Elbe wieder einmal, und das sogar pünktlich zum 800. Geburtstag, der vor wenigen Tagen begangen wurde, unter Beweis gestellt, daß wir Respekt vor ihr haben dürfen. Das war aber wohl auch schon bei den drezdani, den altslawischen 'Waldbewohnern' so, die der Stadt ihren Namen gaben.

Was Dresden betrifft, sind wenigstens in diesem Jahr die Bilder von der Überschwemmung gewissermaßen Routine. _//
 

autoreninfo 
Patrick Wilden , geboren 1973, aufgewachsen in der Gegend zwischen Kassel und Göttingen. Geschichtsstudium in Tübingen und Rouen, Verlagsvolontariat in Stuttgart. Lebt und arbeitet als Antiquar in Dresden. Schreibt neben gelegentlichen journalistischen Arbeiten Lyrik und Kurzprosa. Mitarbeit bei den Internet-Zeitschriften parapluie und kultura-extra.de. Im Jahr 2000 Würth-Literatur-Preis mit der Kurzgeschichte "Klassenfeind". Gründungsmitglied des Literaturforums Dresden.

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