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korrespondenz -> dresden, 08. feb 2006
 
 
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Du bist Dresden

von Patrick Wilden

Dresden, 08. Feb 2006_  Auch Dresden ist Deutschland. Wenn auch nur als Kulisse: hinter der spurtenden Radlerin, die mit den Worten "Es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Deutschlandbahn" auf den Lippen ihr Scherflein beiträgt zum inzwischen vielgeschmähten "Du-bist-Deutschland"-Clip, ragt ganz deutlich die Kuppel der Frauenkirche auf. Jenes Gotteshaus also, das gut sechzig Jahre nach seinem kriegsbedingten Einsturz jüngst wiedereröffnet worden ist und nun "in altem Glanze erstrahlt" -- oder wie die erbauer- und bürgerstolzen Formulierungen in den einschlägigen Publikationen dann auch immer lauten.

Baukräne sieht man hinter der Radlerin aufragen, die die steinerne Reling einer Brücke entlangflitzt, und eine düstere Gebäudefront, über der eine weitere, durchsichtige Kuppel aus Metall und Glas schwebt. Deren güldene Figur kann von der Kamera allerdings nicht mehr fokussiert werden, denn da ist die Radlerin schon wieder von der Brücke herunter. Der sekundenkurze Blick auf die Dresdner Stadtsilhouette ist verschwunden, kaum daß er Spuren hinterlassen hat auf der Netzhaut.

Was soll ich nun schreiben über diese Stadt, über die doch schon so viel gesagt worden ist; im vergangenen Jahr etwa, als die Reko-Kirche, von der bereits die Rede war, ihre Weihe erhielt, aber auch da sich das Kriegsende und die damit einhergehende Zerstörung Dresdens zum sechzigsten Mal jährte. Was gibt es überhaupt zu schreiben über Dresden, was nicht schon im gerade erschienenen Merian-Heft, Nr. 11/2005, steht?

Ich könnte mir vorstellen, daß viele, die den "Du-bist-Deutschland"-Clip gesehen haben, die Kulisse von Dresden gar nicht bemerkt haben. Wenn man hier lebt, schaut man genauer hin. Das hat wohl damit zu tun, daß von Kulissen und Silhouetten hier allerorten die Rede ist. Augenblicklich findet in einem wiedereröffneten Trakt des alten Akademiegebäudes an der Brühlschen Terrasse eine ganze Ausstellung statt, die sich nur mit den Darstellungen der Dresdner Stadtsilhouette durch die Jahrhunderte beschäftigt: von den frühesten Kupferstichen in einem Städtebuch des 16. Jahrhunderts bis hin zu den Werken des vor kurzem verstorbenen Kunstprofessors Siegfried Klotz, der das Ensemble an der Elbe wohl so oft wie keiner sonst in großformatigen Ölgemälden festgehalten hat. Die Kunstakademie mit ihrer Glaskuppel und der goldenen Fama ist übrigens -- aber das nur nebenbei -- Teil der Silhouette, die in dem Clip kurz aufscheint.

Auch Durs Grünbein, der Dichter, der seiner Geburtsstadt bereits 1985 den Rücken kehrte, besingt in seinem jüngsten Gedichtband Porzellan. Poem vom Untergang meiner Stadt (Suhrkamp Verlag, 2005) in 48 Zehnzeilern aufgeklärt nostalgisierend den fragilen Charme der Dresdner Stadtsilhouette. In Nr. 32 etwa lesen wir:

Altstadtufer, Schokoladenseite, innigste Partie ...
Bin gebannt von diesen früh vertrauten Umrißlinien.
Schließ die Augen: auf den Lidern, innen, siehst du sie.
Schwarz vorm Abendhimmel, etwas andre Pinien,
Ragen Kuppeln, Glockentürme. Seltsam nah
Aus der Ferne geht dir dieser Haufen alter Steine.
Eine Lichtung in der Zeit dies, in pittura metafisica,
Und ein Hymnus, den der Raum sich sang zum Eigenlob.
Hier in eins geführt, zeigt eine Stadt sich als das Eine
Ihren Nachgebornen, ein Ensemble, psychotrop.

Sicherlich hat auch die Radfahrerin, obwohl hörbar keine gebürtige Dresdnerin, diesen Blick für die Silhouette Dresdens. Alle haben ihn oder gewöhnen ihn sich an. Es ist ja auch fast das einzige, was der Stadt nach den Metamorphosen, die sie im 20. Jahrhundert erfahren hat, geblieben ist. Insofern war die Rekonstruktion der Frauenkirche nur eine Art Schlußstein, um das Elb-Ensemble wenigstens äußerlich wieder herzustellen -- als Kulisse, die nichtsdestoweniger ihre Originalität bis heute bewahrt hat.

"Es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Deutschlandbahn" -- das ist natürlich eine etwas andere Rhetorik als die feinsinnige Grünbeinsche Verskunst. Da bleiben schon ein paar Fragen offen. Woher nimmt die Frau zum Beispiel den Überschwang, den sie in ihre Worte legt? Vielleicht weiß sie, daß aus 'Boomtown Dresden' jeder fünfte Computerchip kommt, der weltweit produziert wird? Oder eine andere Frage: was ist eine "Deutschlandbahn"? Ob damit einfach das nationale Autobahnnetz gemeint ist, an das natürlich auch Dresden angeschlossen ist? Damit auf dem Dresdner Abschnitt der "Deutschlandbahn" weiter etwas rollt, hat der Volkswagen-Konzern seine Nobelkarossen-Schmiede in die Stadt verlegt: seit einigen Jahren wird hier der Phaeton in Schauproduktion zusammengesetzt, damit auch der letzte merkt daß es vorangeht.

Zuletzt: wie ist das mit der Geschwindigkeitsbegrenzung zu verstehen, wo doch im Ort Tempo 50 gilt? Für die mit den Örtlichkeiten Vertrauten stehen die Worte der Frau in einem gewissen Widerspruch zu den verkehrstechnischen Gegebenheiten. Es ist ganz klar: die Frau radelt, nein, sie schrotet gerade über die Augustusbrücke. Diese Brücke ist unter Radlern berüchtigt für ihr Kopfsteinpflaster, an diesem Ort Geschwindigkeitsrekorde zu brechen, und das, nach der Logik des Spruchs, "für Deutschland", erübrigt sich also. Allerdings harmonieren die schönen Worte der Frau auf erstaunliche Weise mit dem Fahrverhalten von PS-starken Limousinen, deren Fahrer ihre Karossen auf der Brücke gerne mal im zweiten Gang auf achtzig, neunzig Sachen hochziehen. Das ist vielleicht auch der geheimere Grund dafür, warum die Stadt an der breitesten Stelle des Tals eine autobahnähnliche Elbquerung errichten will, auch wenn sie dies den erst kürzlich erworbenen Status 'Unesco-Weltkulturerbe' kosten könnte. Oder ist bei den rasenden Phaeton-Fahrern auf der Dresdner Augustusbrücke der Groschen etwa schon gefallen? Sind sie auch Deutschland?

Bleiben wir noch ein bißchen beim Kulissenblick. Neulich fragte ein Freund, der ganz gerne mal ein Bier trinkt, als er zum ersten Mal in seinem Leben vor der Semperoper stand: "Liegt Radeberg eigentlich hier in der Gegend?" Eine treffende Frage (die Antwort darauf lautet "Ja"), denn wer irgendwo in diesem Land -- oder qua Globalisierung auch darüber hinaus -- mit Radeberger Bier in Berührung kommt, wird auf das Gebäude der Sächsischen Staatsoper stoßen. Festlich erleuchtet ragt dessen Fassade auf den Werbetafeln der Brauerei aus der Nacht auf, in Untersicht aufgenommen verjüngt sich der Bau nach oben, was einen monumentalen Eindruck erweckt, und gebiert ein formschönes, leuchtendes Glas Bier aus seinem Schoß bzw. Eingangsportal.

In der Wirklichkeit sucht man diese Perspektive, die durch das Denkmal des Königs Johann versperrt wird, allerdings vergebens. Als ich neulich wieder am Theaterplatz vorbeikam, habe ich das Denkmal von allen Seiten beäugt und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß der Fotograf seine Kamera dem Eingang gegenüber auf den unteren Stufen des Monuments, direkt unterm Schwanz des königlichen Rosses aufgebaut und für das Bild mit einem respektablen Weitwinkelobjektiv ausgestattet haben muß. Damit ist ihm ein echtes Erfolgsfoto gelungen, denn dank der intensiven Kooperation der Radeberger Brauerei mit der Semperoper hat inzwischen jeder gute Deutsche -- gesetzt, jeder gute Deutsche ist Biertrinker -- eine Vorstellung von Dresdner Kulissenkunst.

Vor ein paar Wochen wurde sogar neben der Frauenkirche, wo gerade ein altes Stadtviertel in historischen Fassaden aus dem Schutt der Geschichte neu ersteht, auf der ganzen Front eines noch im Rohbau befindlichen Hauses ein solches Werbeplakat ausgerollt, keine 500 Meter von der Oper entfernt.

Dresden ist eben nicht nur Deutschland. Dresden ist auch -- ein Radeberger! _//
 

autoreninfo 
Patrick Wilden , geboren 1973, aufgewachsen in der Gegend zwischen Kassel und Göttingen. Geschichtsstudium in Tübingen und Rouen, Verlagsvolontariat in Stuttgart. Lebt und arbeitet als Antiquar in Dresden. Schreibt neben gelegentlichen journalistischen Arbeiten Lyrik und Kurzprosa. Mitarbeit bei den Internet-Zeitschriften parapluie und kultura-extra.de. Im Jahr 2000 Würth-Literatur-Preis mit der Kurzgeschichte "Klassenfeind". Gründungsmitglied des Literaturforums Dresden.

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