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no. 22: zeugenschaft -> perspektive
 

perspektive

Stolpersteine -- denn es gab "sechs Millionen individuelle persönliche Holocausts"

von Pavel Stránský

Der Ausdruck 'Stolpersteine' ist im Deutschen als Metapher geläufig und in seiner doppelten Bedeutung leicht zu verstehen. Die tschechische Sprache hält leider kein direktes Äquivalent bereit. So braucht es eine Umschreibung, wenn man den Begriff übersetzen will: Steine, über die man stolpert, was jedoch im Tschechischen den übertragenen Sinn nicht zum Ausdruck bringt: Gemeint ist in der deutschen Sprache nicht ein tatsächlich physisches Stolpern, sondern ein symbolisches, innerliches Stolpern, ausgelöst durch einen Denkanstoß.

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Abb. 1

Beispiel Köln: Ein Fußgänger geht die Straße entlang und bleibt plötzlich stehen. Im Pflaster blitzen ein, zwei oder mehrere quadratische Messingflächen auf. Etwas steht dort geschrieben. Der Fußgänger beugt sich vor, um festzustellen, was sie vermitteln -- und mit seiner Verbeugung erweist er den Opfern der nationalsozialistischen Willkür eine Ehrerbietung. Diese Szene könnte sich ebenso in inzwischen mehr als 120 anderen deutschen Städten abspielen, in denen es mittlerweile 'Stolpersteine' gibt.

Vor einigen Jahren kam Gunter Demnig, ein in Köln lebender bildender Künstler, zu der Überzeugung, den von Nationalsozialisten ermordeten und zu Tode gefolterten Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, den politisch Verfolgten und auch den Behinderten, die Opfer einer erzwungenen Euthanasie wurden, auf eine besondere Art zu gedenken. Er hatte dabei weniger ein weiteres pompöses Monument auf einem neutralen Platz im Blick, wie man es bisher häufig außerhalb eines Stadtzentrums errichtet hat. Vielmehr begann der Künstler, 10 x 10 cm kleine, für sich genommen noch unvollständige Messingplatten für die Gestaltung von Würfeln herzustellen. Und so geht er bis heute vor: Er füllt diese mit flüssigem Beton und setzt sie in den Bürgersteig vor die Häuser, in denen die Menschen bis zu ihrer Deportation gelebt haben. Es werden entsprechend individuell verschieden folgende Worte nach dem einleitenden "Hier wohnte" in die Oberfläche der Messingwürfel eingraviert: der Vorname und der Nachname eines Menschen, der zum Opfer der Nationalsozialisten wurde, das Geburtsjahr, falls bekannt das Todesdatum sowie der Ort eines meist gewaltsamen Todes.

Das Verlegen der ersten Stolpersteine hat sich Demnig beim Kölner Oberstadtdirektor sprichwörtlich erkämpfen müssen und die ersten Steine finanzierte er aus eigener Tasche. Heute bestellen Interessenten und Angehörige der zweiten oder dritten Generation bei ihm die Stolpersteine für das Andenken an ihre Eltern oder Großeltern zu je 95 Euro. Eine der Bedingungen der zuständigen Ämter ist, daß die Stolpersteine aus Sicherheitsgründen aus dem Pflaster nicht herausragen dürfen.

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Abb. 2

"Allein in Köln sollten es rund 15.000 Stolpersteine sein", sagt Gunter Demnig, "und schließlich und endlich 6 Millionen in ganz Europa." Das ist natürlich eine reine Utopie, da bis jetzt Gunter Demnig nicht damit einverstanden ist, daß die Stolpersteine von jemand anderem außer ihm hergestellt und einsetzt werden. Er hat aktuell so viele Bestellungen, daß die Paten etwas Geduld aufbringen müssen, bevor sie an die Reihe kommen. Inzwischen gehen Bestellungen auch aus Städten außerhalb von Nordrhein-Westfalen ein. In einigen Fällen wurde das Einsetzen der Steine in das Pflaster leider nicht genehmigt. Ich persönlich halte die zurückweisenden Argumente in den folgenden Fällen für falsch. Anders ausgedrückt: Meines Erachtens überwiegt der symbolische und moralische Beitrag der Stolpersteine deutlich den befürchteten Nachteil.

In Leipzig hat der Stadtrat die Verlegung von Stolpersteinen zunächst mit der Begründung abgelehnt, daß eine Analogie zu den fünfzackigen Sternen aus Hollywood bestehe, auf denen im Sunset Boulevard in Los Angeles Namen berühmter Filmstars zu sehen sind. Man kann mit dieser Argumentation soweit einverstanden sein, daß es sich um eine analoge Art und Weise der Ehrung von Menschen mit völlig unvergleichbarem Schicksal handeln würde. Allerdings sehe ich darin keinen Grund für eine Ablehnung der Stolpersteine. [Anm. d. Red.: inzwischen liegen auch in Leipzig genehmigte Stolpersteine].

In München wurden die Stolpersteine vom Ältestenrat der Stadt abgewiesen. Einige Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde brachten ihr Einverständnis mit dieser Entscheidung zum Ausdruck. Die Begründung dort: Die Stolpersteine würden von Fußgängern betreten werden. Zwei bereits eingesetzte Stolpersteine hat man sogar wieder entfernt und auf den jüdischen Friedhof versetzt. Man konnte dann vorübergehend die -- dort gewiß absurde -- Mitteilung lesen: "HIER WOHNTE ..." Nach der Ablehnung des Projekts kommen allerdings immer mehr Bestellungen für Stolpersteine in München an. Herr Joseph Schuster, der Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde in München vermutet, daß die dubiose Entscheidung des Stadtrats dem Projekt der Stolpersteine praktisch geholfen hat.

Im Kölner Stadtteil Marienburg bat ein Hausbesitzer Herrn Demnig, keinen Stolperstein vor seinem Haus einzusetzen. Im Haus gegenüber treffen sich nämlich Neonazis und der Hausbesitzer fürchtete, daß das Einschlagen der Fenster in seinem Haus noch die harmloseste Reaktion dieser gewaltbereiten Jugendlichen sein würde. Aber soll man sich ausgerechnet von diesen 'Unverbesserlichen' das Gedenken verbieten lassen?

Es gibt unzählige Möglichkeiten der Ehrung und Erinnerung an die Opfer des Holocausts. Stolpersteine scheinen mir dank ihres persönlichen Bezugs eine originelle und sehr passende Art und Weise zu sein. Denn wie schon so oft gesagt wurde: Es gab nicht einen Holocaust von sechs Millionen, sondern sechs Millionen individuelle persönliche Holocausts.

 

Aachen und Fredy Hirsch

Im Juni 2004 war ich zum ersten Mal in Aachen. Bis dahin habe ich noch keine Gelegenheit gehabt, diese liebliche Stadt mit ihren rund 60 Brunnen, ihren dreieckigen Plätzen und ihrer Mittelmeeratmosphäre zu besuchen. Seit dem Holocaust war der Name der Stadt in meinem Gedächtnis immer mit dem Namen von Fredy Hirsch verknüpft.

Nach meinem Vortrag in einer Aachener Schule hat man mir eine Stadtbesichtigung mit einem qualifizierten Reiseführer geboten. Auf meinen Wunsch besuchten wir auch zwei Stätten, die mit dem Leben von Fredy Hirsch verbunden sind. Sein Geburtshaus und das Haus, aus dem er emigrierte. Beide Häuser wurden durch Bomben zerstört und an ihrer Stelle stehen neue moderne Häuser.

Der Klappentext des Buches von Lucie Ondrichová über Fredy Hirsch skizziert ihn wie folgt: "Fredy Hirsch (1916 Aachen -- 1944 Auschwitz-Birkenau) war ein sportlich besonders begabter Junge und jüdischer Pfadfinder, am Ende ein vorzeitig ergrauter, reifer Mann, der sich in Theresienstadt als Erzieher größte Verdienste erworben hatte, in Auschwitz-Birkenau vergeblich um das Schicksal von mehreren Hundert Kindern kämpfte und sich schließlich das Leben nahm, bevor er vergast werden sollte."

In Aachen gibt es noch keine Stolpersteine. In Anbetracht dessen, was dieser die Kinder liebende tapfere Mann für die Kinder und für das Überleben einer Reihe von Mithäftlingen in Auschwitz-Birkenau getan hat, wäre es mein Wunsch, daß der erste Stolperstein in Aachen seinen Namen trägt. Das Überleben verdanken Fredy Hirsch nicht nur ehemalige Betreuer des Kinderblocks in Auschwitz-Birkenau, sondern auch einige Mädchen aus diesem Block, die bei der Selektion 'durchgekommen' sind, und 89 Jungen, die so genannten 'Birkenau Boys'.

Meiner Meinung nach sollte die Theresienstädter Initiative den Stolperstein für Fredy Hirsch stiften. Die Aufschrift müßte leicht abgewandelt werden, denn normalerweise liegen Stolpersteine vor Häusern, aus denen jemand direkt in Konzentrationslager deportiert worden ist. Fredy aber emigrierte zuerst in die damalige Tschechoslowakei. Bei der Enthüllung der Gedenktafel an Fredy Hirsch im Garten der Theresienstädter Kinder vor einigen Jahren hat Zuzana Ruzicková unter anderem folgendes gesagt: "Wir Juden haben keine Heiligen. Wir haben jedoch die 'Zaddikim' -- Gerechte -- oder könnte man vielleicht übersetzen -- Anständige? Fredy Hirsch war ein Mensch, er hatte seine Fehler, er war kein Heiliger. Er war jedoch ein Gerechter -- ein Zaddik. Und so wollen wir hoffen, daß, wenn der Letzte von uns, die wir ihn kannten, dahingegangen ist, künftige Generation vor dieser Tafel stehenbleiben und sagen: Dies muß ein guter, tapferer und schöner Mensch gewesen sein."

Der Beitrag wurde zuerst unter dem deutschen Titel "Stolpersteine" veröffentlicht im Bulletin der Theresienstädter Initiative (Terezínské iniciativa), Nr. 29, Oktober 2004. Für parapluie wurde der Text wurde vom Autor aus dem Tschechischen übertragen und von der Redaktion aktualisiert. Die Fotos machte Thomas Hilger.

Literaturhinweise

  • Ondrichová, Lucie: Fredy Hirsch. Von Aachen über Düsseldorf und Frankfurt am Main durch Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau. Eine jüdische Biographie 1916-1944. Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2000.
  • Kraus, Ota B.: Die bemalte Wand. Köln: Dittrich Verlag 2002.
  • Stránský, Pavel: Als Boten der Opfer. Von Theresienstadt nach Theresienstadt mit 'Übergangsaufenthalt' in Auschwitz-Birkenau und Schwarzheide. Selbstverlag 2002.
  • Stránský, Pavel: As Messengers for the Victims. From Theresienstadt to Theresienstadt, with a stop in Auschwitz-Birkenau and Schwarzheide. Translated from the German by Benjamin M. Block. 2000.

 

autoreninfo 
Pavel Stránský, Jahrgang 1921, hat seine Erlebnisse der Jahre 1939 bis 1945, worüber zu reden es ihm als tschechischem Juden viele Jahrzehnte lang schwerfiel, in einem Buch aufgeschrieben. Sein Lebensweg führte von Prag nach Theresienstadt, Auschwitz, Schwarzheide in Sachsen und zurück nach Prag. In Theresienstadt heiratete er 1943 seine Frau, ehe beide nach Auschwitz deportiert wurden. Nach dem Krieg gab es ein glückliches Wiedersehen. Die Namen Theresienstadt und Auschwitz wurden zu Symbolen für den Mord an den europäischen Juden. Und dennoch schreibt Stránský als ersten Satz seiner als Buch erschienenen Überlebensgeschichte: Das wichtigste im Leben ist die Liebe.

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