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Verdrängungskultur

Thomas Bernhards Heldenplatz und das Tätertrauma Österreichs

von Marc Klesse

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* literatur
* druckbares

Erst seit Mitte der 90er Jahre wird allmählich eine Politik revidiert, die die europäischen Nachbarländer Deutschlands nach dem Krieg von einer Aufarbeitung ihres faschistischen Erbes unter Berufung auf ihre Opferrolle im deutschen Annexionismus vorschnell freisprach. Daher ist nicht verwunderlich, daß erst in jüngster Zeit die Debatte zum Umgang mit dem historischen Erbe des Faschismus auf Länder wie Italien oder Österreich ausgeweitet wird. So legte der Schweizer Historiker Aram Mattioli 2005 eine Studie über Italiens mangelnde Auseinandersetzung mit Mussolinis Politik im Abessinienkrieg vor. Auch in Österreich ist im Hinblick auf den Umgang mit der eigenen Vergangenheit von offizieller Seite noch nicht allzu viel geschehen -- daran hat sich auch seit den Reaktionen auf Thomas Bernhards Heldenplatz noch nichts Wesentliches geändert. Bernhards Stück war zwar in Auftrag gegeben, dann aber doch nicht so gewollt, woran sich im Gerangel um Ruhm und Nachlaß des 'großen österreichischen' Schriftstellers Bernhard nach dessen Tod 1989 schon wieder niemand mehr so recht erinnern wollte ...

 
"Der Österreicher ist [...] der geborene Vertuscher und Verdränger[.]"
Thomas Bernhard: Alte Meister (1985)

 

1. Traumatisierte Täter: Deutsch-österreichische Erblasten

Im Wintersemester 1945/46 macht Karl Jaspers in seinen Heidelberger Vorlesungen über die geistige Situation in Deutschland deutlich, wie sehr der Aufbau neuer demokratischer Strukturen in Deutschland in der Folge des NS-Regimes an eine öffentliche Reflexion deutscher Schuld geknüpft ist. Zweifelsohne war diese von Jaspers geforderte kritisch-moralische Auseinandersetzung für die Konstituierung einer deutschen Demokratie schon allein deshalb unabdingbarer Bestandteil, da sich für Deutschland nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 die Schuldfrage nicht stellte, wies doch das Potsdamer Abkommen den Nationalsozialisten und dem deutschen Volk die alleinige Verantwortung für die begangenen Verbrechen zu. So ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die in seinem Namen begangenen Verbrechen bis heute untrennbar mit der Täterschaft der Deutschen verbunden, und mit dem Zusammenbruch des 'Tausendjährigen Reiches' begann zwangsläufig die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuldhaftigkeit als unverzichtbarem Teil der Gedenkkultur.

In Österreich gestaltete sich diese Auseinandersetzung mit Ende des Zweiten Weltkriegs vollkommen anders. Die Mitglieder der ersten provisorischen Regierung erklärten 1945, das hilflose Österreich sei Opfer des deutschen Annexionismus geworden. Dieser These leistete bereits die Moskauer Deklaration der Alliierten aus dem Jahre 1943 Vorschub, die Österreich als von den Nationalsozialisten okkupiertes Land bezeichnete, das es zu befreien galt. Mithilfe dieses 'Unschuldsdiktats' gelang es Österreich, die notwendige Aufarbeitung von sieben Jahren nationalsozialistischer Politik und ihrer verheerenden Folgen beiseite zu schieben und zu verdrängen, während die geschickte Inszenierung der Opferrolle als Akt der Selbstentlastung spätestens 1955 Früchte trug, als nämlich am 15. Mai mit dem Österreichischen Staatsvertrag der demokratische 'Freibrief' unterzeichnet wurde, der das Land in die Souveränität entließ: In keiner Passage war von einer Mitschuld die Rede. Mittels dieser staatlich gebilligten Lebenslüge ließ sich die kollektive Verdrängung, die absolute Tabuisierung aller unbequemen Fragen zur NS-Zeit, deren Beantwortung zweifelsohne auch eine Stigmatisierung des Landes als Tätervolk an Deutschlands Seite nach sich gezogen hätte, zunächst erfolgreich bewerkstelligen.

Auch für Österreich stellte sich die Schuldfrage also nicht, allerdings in gänzlicher Opposition zum deutschen Modell der Vergangenheitsbewältigung: Durch die Alliierten wurde Österreich von jeglicher Schuldfähigkeit freigesprochen. Ruft man sich nun die Ausführungen Jaspers ins Gedächtnis, so wird deutlich, daß die Entwicklung eines demokratischen Selbstverständnisses in Österreich auf der öffentlichen Reflexion der deutschen Kriegsschuld basierte, wodurch jede Eigenverantwortung ausgeblendet wurde. Als problematisch oder gar gefährlich erweisen sich solche Akte des Ausblendens unliebsamer historischer Tatsachen und Problemkonstellationen stets dann, wenn sich das Verdrängte erneut seinen Weg an die Oberfläche bahnt, wenn unbewältigte Ereignisse der Geschichte einem Trauma gleich wiederkehren und in der Öffentlichkeit eine Bandbreite unterschiedlichster Reaktionen -- sie reichen von aufrichtiger Erschütterung bis hin zu unverhüllter Aggression -- hervorrufen.

So geschehen beispielsweise im Jahre 1985, in dem Österreich von seiner verdrängten Vergangenheit heimgesucht wurde, als die ÖVP den ehemaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufstellte. Waldheim sah sich bald mit Enthüllungen um seine NS-Vergangenheit konfrontiert, und der Vorwurf, er sei als Wehrmachtsoffizier in Judendeportationen auf dem Balkan verstrickt gewesen, ließ sich nie mit völliger Sicherheit beweisen, jedoch auch nie entkräften. Der Kandidat hatte sich noch zu der Äußerung verstiegen, er habe "als Soldat lediglich seine Pflicht getan", und aufgrund der schockierten Reaktionen des Auslandes sahen sich die Österreicher erstmals dazu angehalten, leise Zweifel bezüglich der Opferthese in den Blätterwald zu streuen. Signifikant für die Akte Waldheim waren erste Anzeichen einer durch empörte Reaktionen des Auslands initiierten Reflexion der versäumten Aufarbeitung.

Mit den Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des Anschlusses an Hitlerdeutschland war 1988 eine weitere Möglichkeit gekommen, um sich von der Opferthese distanzieren zu können und somit gleichzeitig das in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene Selbstbild zu revidieren. Mit Waldheim an der Spitze des Staates, wartete das "Bedenkjahr" -- als solches wollten es vor allem kirchliche Kreise bezeichnet wissen -- mit einer Fülle unterschiedlichster 'Be'- und Gedenkveranstaltungen, Symposien und Publikationen auf, in denen sich das Phänomen abzeichnete, eine allmähliche, behutsame Annäherung an die historischen Tatsachen vollziehen zu wollen, doch der Versuch, das Feld der Verdrängung in kleinen Etappen abzuschreiten, mußte den Kritikern im eigenen Land als fauler Kompromiß erscheinen. Das Verdrängte findet -- so zeigt bereits der Skandal um Waldheim -- stets die entsprechenden Kanäle, um an die Oberfläche des Bewußtseins zurückkehren zu können. Im Falle des 'Bedenkjahres', in dem die Obrigkeit bewußt leisere Töne anschlagen wollte, um sich der Vergangenheit stellen zu können, ohne übermäßige Selbstkritik üben zu müssen, bahnte sich der virulente Ballast des Nationalsozialismus zwangsläufig seinen Weg in jenen öffentlichen Bereich, den die Politik nicht ohne weiteres zu normieren wußte: In den Bereich der Kultur.

 

2. Ein (Be-)Denkzettel zum 'Bedenkjahr'

1988 galt es nicht nur der Ereignisse von 1938 zu gedenken, auch der Geburtstag des Wiener Burgtheaters jährte sich zum 100. Mal. Dies schien dessen Direktor Claus Peymann ein willkommener Anlaß, bei Thomas Bernhard, dem meistgehaßten literarischen "Nestbeschmutzer" der Zweiten Republik, nach einem Stück anzufragen, das beiden Anlässen gerecht würde. Der Autor, der sich anfangs nicht gerade vor Begeisterung überschlug und wenig geneigt schien, eine solche Auftragsarbeit abzuliefern, überraschte Peymann dennoch mit einem Manuskript, an dem sich das österreichische Gemüt entzünden und das bereits im Vorfeld seiner Uraufführung einen der spektakulärsten (Theater-)Skandale heraufbeschwören sollte. Bernhards über dreißig Jahre währende Arbeit als Schriftsteller war stets ein Anschreiben gegen Verdrängung, Verklärung, eine Anklage gegen die nationalsozialistischen Erblasten, und so verhielt es sich auch mit dieser letzten Arbeit für das Theater, Heldenplatz, mit der sich dessen Autor nach Meinung Johann Sonnleitners "der politisch und medial verordneten Selbstzufriedenheit und Schuldlosigkeit der Österreicher verweigert." Darüber hinaus zeugt das Stück von Bernhards schriftstellerischem Selbstverständnis, wonach Literatur primär auch Gegenwartskritik darstellen müsse -- daß dieselbe zudem noch konstruktiven Charakters sein solle, hat Bernhard in seinem Postulat wohlwissentlich ausgeklammert.

Die Auftragsarbeit platzte wie eine Bombe in den Herbst des Bedenkjahres, und mit einem Mal waren sämtliche zaghaften Revisionsabsichten ad absurdum geführt, zerschlugen sich doch infolge alle Bemühungen um die Wahrung jenes 'angemessenen Tones', wie er bei öffentlichen Gedenkveranstaltungen stets als besonders notwendig erachtet wird. Es bedurfte nur einer strategisch geschickten medialen Berichterstattung, um das Land dorthin zu katapultieren, wo es sich nach Meinung der Publizistin Sigrid Löffler längst befand, nämlich mitten in den zwischen Politikern, Medien und Künstlern ausgetragenen "Kampf um die kulturelle Vorherrschaft in Österreich". Stein des Anstoßes war ein Exemplar des Manuskripts zu Heldenplatz, das während der Proben im Burgtheater entwendet und in Auszügen der Presse zugespielt worden war. Gerade jene Passagen, in denen Bernhards Figuren in aller Drastik über den österreichischen Staat und seine Bürger herfallen, erschienen einschlägigen Boulevardblättern -- allen voran der reaktionären Neuen Kronen Zeitung -- geeignet genug, um zum wiederholten Male eine Kampagne gegen Bernhard initiieren zu können. Tatbestände wie die Bezeichnung der Österreicher als "sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige / die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien", wurden in den Leitartikeln der einschlägigen Gazetten angeprangert. "Der Regisseur wird kommen", orakelt Bernhard, "und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen[.]" Auch der Befund, "Österreich selbst ist nichts als eine Bühne / auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist", verfehlte seine Wirkung nicht, im Gegenteil: "Sechseinhalb Millionen Statisten" (oder wenigstens ein von der Presse motivierter Bruchteil), darunter auch zahlreiche Politiker wie der Bundespräsident, "ein verschlagener verlogener Banause / und alles in allem deprimierender Charakter", gaben nun den zu Heldenplatz gehörigen Skandal auf jener 'verkommenen Bühne' zum Besten, fühlten sie sich doch in ihrem Nationalstolz zutiefst gekränkt. Kunst, so argumentierten reaktionäre Journalisten und Politiker, die wie Kunstkritiker agierten, sei dies nicht im weitesten Sinne. Man möchte meinen, Kunst ende dort, wo die Provokation beginnt.

"Es fielen Worte wie die vom 'ruhrgermanischen Besatzungsregime' [gemeint ist Claus Peymann, der zuvor Intendant in Bochum war; d. Verf.] oder der 'deutschen Theater-SA' am Burgtheater, und zum anderen konnte in Waldheims drittem Amtsjahr die Parole von den 'ausländischen Kreisen' und mit ihr die alte Verschwörungstheorie, die eine Opfertheorie ist, wie selbstverständlich reaktiviert werden." (Wolfram Bayer)

Die Form der öffentlichen Debatte um Heldenplatz unterstreicht, daß grundsätzlich offenbar alles ausgesprochen und diskutiert werden durfte, was dem Ansehen Österreichs nicht abträglich war. In dem Ansinnen, die über Jahrzehnte verinnerlichte Opferrolle weiter ausspielen zu können, beschwor beispielsweise die Boulevardpresse -- wiederum die Neue Kronen Zeitung -- ein 'Wir-Gefühl' propagandistischer Empörung, das sämtliche 'anständigen Bürger' stets als redliche "Steuerzahler" bezeichnete und zum Widerstand gegen subversive Elemente aus der Kultur aufrief. Erstaunlich ist, daß Heldenplatz keineswegs als Bernhardsche 'Urszene' in Sachen "Nestbeschmutzung" gelten kann, sondern vielmehr den Schlusspunkt einer traditionsreichen, lebenslang gepflegten Misanthropie darstellt, welche stets zwischen Litanei und Verdammung oszillierte. "Die vertane Chance einer gesellschaftlichen Erneuerung", so Sonnleitner, "führte schon in seinen literarischen Anfängen zur Negation jeder geschichtlichen Perspektive", an deren Stelle die Auffassung von Geschichte "als zyklische Katastrophe" tritt. Bereits in der Verstörung (1967) werden die Bewohner der Romanschauplätze zu "Musterbeispiele[n] für eine von den Jahrmillionen und Jahrtausenden auf die ordinärsten Körperexzesse hin konstruierte[n] Steiermark" erhoben, und so lassen sich diese und ähnliche Topoi bis in die 70er und 80er Jahre weiterverfolgen. In der Auslöschung (1986) rechnet die Hauptfigur Franz-Josef Murau mit ihrer Familie und damit mit der von Nationalsozialismus und Katholizismus determinierten österreichischen Geschichte gnadenlos ab. Ich erwähne dies nicht etwa, um die Bernhardschen Werksparadigmen im Zeitraffer durchzuexerzieren, sondern um zu verdeutlichen, daß Bernhards Schreiben ein tautologisches Schreiben, sein Erzählen ein tautologisches Erzählen ist, in dem in beinahe krankhafter Manier immer wieder auf zweifelhafte geschichtliche Mängelkorrekturen Österreichs verwiesen wird. Was die Medien nicht wissen konnten: Es sind nicht nur die üblichen ausgestoßenen, gescheiterten Geistesmenschen, wie sie bisher das Werk des Autors bevölkerten, sondern die Protagonisten von Heldenplatz sind zudem noch jüdische Emigranten, denen die vorab publizierten Passagen zuzuordnen waren. Indem das Ausland davon Kenntnis erhielt, wie die Auseinandersetzung um ein Theaterstück Bernhards vonstatten ging, das den in eine Katastrophe mündenden deprimierenden Alltag einer solchen heimgekehrten Familie erörterte, erfolgte nun eine kulturell motivierte Wiederkehr der internationalen Diskussion um die Täterschaft Österreichs, wie sie bereits bei der Kandidatur Waldheims -- hier noch in der politischen Realität verortet -- über das Land hereingebrochen war.

 

3. Trauma eines Heimgekehrten: 'Opferentschädigung' und Suizid

Bereits die im Stück zur Sprache gebrachte Vorgeschichte provoziert: Der 1938 emigrierte jüdische Professor Josef Schuster, der vor mehreren Jahren aus Oxford nach Wien heimkehrt, um den ihm als 'Opferentschädigung' angebotenen Lehrstuhl für Mathematik anzunehmen, stürzt sich angesichts des manifesten Antisemitismus aus dem Fenster hinunter auf den Heldenplatz, wo Hitler am 15. März 1938 hunderttausenden jubelnden Österreichern den 'Anschluß' an das Deutsche Reich verkündete. Dieser Jubel, zum fanatischen Grölen angeschwollen, tönt im Kopf der nervenkranken Frau des Professors noch fort, die seit Jahren von dieser akustischen Halluzination geplagt wird und, dem Wahnsinn entgegendämmernd, am Ende des Stücks ebenfalls zugrunde geht. Die Handlung der ersten Szene setzt mit den Vorbereitungen zu Josefs Begräbnis ein, die Handlung der zweiten Szene vollzieht sich unmittelbar nach der Beisetzung, während der Leichenschmaus der dritten Szene ganz im Zeichen der baldigen Abreise aus Wien steht.

Leider muß an dieser Stelle der Blick auf Heldenplatz begrenzt bleiben, daher sollen nun einige Elemente des Monologs von Professor Robert Schuster näher betrachtet werden, da sich in ihm sämtliche der Presse zugespielten Passagen finden, auf die der Skandal zurückzuführen war. Seinen ersten Auftritt hat dieser Professor für Philosophie, der Bruder des Verstorbenen, in der zweiten Szene -- sie spielt im Volksgarten, das in Nebel gehüllte Burgtheater in Sichtweite -- als er die "stumpfsinnige Niederträchtigkeit" der Österreicher vor den beiden Töchtern seines Bruders, Olga und Anna, ausbreitet. Letzterer fällt ebenso wie Robert die Rolle einer extrovertierten Anklägerin zu, für die der Antisemitismus aus der Versenkung zurückgekehrt ist:

"[D]ie Zustände sind ja heute wirklich so / wie sie achtunddreißig gewesen sind / es gibt jetzt mehr Nazis in Wien / als achtunddreißig / du wirst sehen / alles wird schlimm enden / dazu braucht es ja nicht einmal / einen geschärften Verstand / jetzt kommen wie wieder / aus allen Löchern heraus / [...] / ich bin unter lauter Nazis / sie warten nur auf das Signal / um ganz offen gegen uns vorgehen zu können[.]"

Robert spricht ohne Umschweife aus, was seine Nichte nur vage andeutet: "Am liebsten würden sie / wenn sie ehrlich sind / uns auch heute genauso wie vor fünfzig Jahren / vergasen[.]" Olga, deren kritische Äußerungen deutlich verhaltener ausfallen, ist im Text als Betroffene gekennzeichnet, die die Realität mit allen Mitteln zu entschärfen sucht. So nimmt sie die jüngsten Ereignisse nicht zum Anlaß, nach den politischen oder sozialen Wurzeln des Antisemitismus zu suchen, sondern weicht stets in den familiären Bereich aus, indem sie beispielsweise Sorge um den Gesundheitszustand ihrer Mutter äußert. Auch sie führt ihr Trauma mit sich, verdrängt, relativiert es aber und verschließt somit die Augen vor den Indizien, die ihre Schwester und den Onkel beschäftigen. Bemerkenswert ist, daß Olga, die kürzlich "in der Schottengasse bespuckt" wurde, Robert der Übertreibung bezichtigt, als dieser "die Österreicher nach dem Krieg [als] viel gehässiger und noch viel judenfeindlicher" klassifiziert. "Nicht richtig bespuckt", so entschärft Olga den Vorfall, mildert also die Attacke zugunsten der Täter ab ("Das war sicher irrtümlich[.]") und sucht so die Geschehnisse in einen nicht antisemitischen Dunstkreis zu rücken, der sie selbst von der Notwendigkeit kritischer Reflexion entbindet. Die im Text immer wieder aufwallenden Vorwürfe eines massiv antisemitischen Zuges in der österreichischen Mentalität wurden 1988 durch die Ergebnisse einer großangelegten Umfrage der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft "als Beitrag zum Bedenkjahr" belegt: "Jeder zehnte Österreicher kann als klarer und eindeutiger Antisemit charakterisiert werden, der auch keine Scheu davor hat, dies öffentlich kundzutun." Es zeigt sich gerade am Beispiel solcher Parallelen, wie eng die Realität an der fiktionalen Abrisskante von Heldenplatz entlangschrammt. Professor Josef, so erfährt man, hat noch vor seinem Tod an einer Studie mit dem Titel "Die Zeichen der Zeit" gearbeitet, kam jedoch über die Materialsammlung nicht mehr hinaus. Für den Leser ist offensichtlich, daß der Verstorbene die "Zeichen der Zeit" -- Xenophobie und Antisemitismus, "übersteigerte[n] Stumpfsinn", Kulturverfall usw. -- erkannt hat, was ihm die weitere Existenz in Österreich wohl unmöglich gemacht hat. Robert Schuster dechiffriert jene "Zeichen der Zeit" auf seine Weise:

"Die Wiener und die Österreicher / sind ja viel schlimmer / als es sich euer Vater hat vorstellen können / hört doch was die Leute reden / schaut sie euch an / sie begegnen einem doch nur / mit Haß und Verachtung / gleich ob auf der Straße oder im Lokal/ [...] / in Österreich Jude zu sein bedeutet immer / zum Tode verurteilt zu sein / [...] / der Judenhaß ist die reinste die absolut unverfälschte Natur / des Österreichers / [...] / Ich selbst wußte ja auch / daß ich indem ich nach Wien gegangen bin in die Hölle gegangen bin[.]"

Bleibt die Frage, was diesen Menschen in dem ihm so verhaßten Land noch hält. Im Gegensatz zu seinen Nichten, die dem deprimierenden Alltag mit so unterschiedlichen Bewältigungsstrategien begegnen, ist für Robert Schuster längst klar, daß es zwecklos ist, eine Veränderung der gewachsenen sozialen Strukturen einzufordern. Als Jude wird ihm -- in Österreich wie in jedem anderen Staat -- nur die Möglichkeit zuteil, sein Schicksal im obsessiv-resignativen Redeakt des Monologs zu bewältigen, da ihm als Heimatlosem stets nur pure Verachtung entgegenschlägt: "In Europa ist es ganz gleich wo der Jude hingeht / er wird überall gehaßt[.]" Am Schluss der dritten Szene, als beim Leichenschmaus "das [nur für die Witwe Josefs hörbare; d. Verf.] Massengeschrei vom Heldenplatz herauf bis an die Grenze des Erträglichen anschwillt", konstatiert Robert: "Wir sind in die Wiener Falle gegangen / wir sind in die Österreichfalle gegangen[.]" Wo eben noch Wut und Erbitterung vorherrschten, gelingen Robert Schuster nun die leisen Töne, die in ihrer lakonischen Verzweiflung um einiges prägnanter wirken, als die endlosen vorangegangenen Tiraden: "Wir haben alle gedacht wir haben ein Vaterland / aber wir haben keins[.]"

 

4. "Ich als Christ verfluche dieses Schwein"

Während es Politiker und Presse letztlich beim bloßen Ruf nach Zensur belassen mußten, ohne aktiv gegen Bernhard vorgehen zu können, bediente sich der von der Presse aufgestachelte 'kleine Mann' expliziter Vokabeln, um sich seinen Unmut von der Seele zu schreiben. Die Flut von Briefen (nachstehend zitierte Auswahl findet sich bei Bentz) der vielbeschworenen österreichischen "Steuerzahler", die im Zuge dieses "Kulturkrieges" beim Burgtheater und den Zeitungen eingingen, haben mit Heldenplatz eines gemeinsam: Den in ihnen genüßlich zur Sprache gebrachten Haß, der beinahe grotesk-komödiantische Züge trägt -- woran nicht zuletzt die oftmals abenteuerliche Orthographie Anteil hat -- dem aber auch ein durchaus ernstzunehmender Kern zueigen ist. Was den "linken Chaoten" Peymann und den "Günstlerlumpen" [sic!] Bernhard an Zuschriften ereilte, stellt einen durchaus repräsentativen Querschnitt durch die Reihen derer dar, die Bernhard als Meister der Übertreibung mit den Tiraden seiner Protagonisten "bis zur Kenntlichkeit entstellt hatte" (Gerhard Stadelmaier), und die sich nun -- wohl weniger aus eigenem Antrieb als vielmehr durch die mediale Hetzkampagne -- zum 'publizistischen Gegenschlag' im Dienste der nationalen Ehrenrettung motiviert sahen. Dennoch finden sich in den Zuschriften mitunter auch entlarvende Zwischentöne, wenn beispielsweise eine namentlich unterzeichnende Wienerin noch die Solidarität zwischen Deutschen und Österreichern beschwört -- wenigstens im militärischen Sinne:

"Die Soldaten unseres Landes haben [...] mit den Deutschen Schulter an Schulter gekämpft [...]. Dass ausgerechnet ein Deutscher als Feind zu uns nach Wien kommt, wer hätte dies jemals gedacht."

Das hier zutage tretende individuelle Geschichtsbild divergiert vom nationalen Selbstverständnis insofern, als es Deutsche und Österreicher zu gleichermaßen Schuldigen erhebt, wodurch konsequenterweise die Opferthese inkonsistent wird. Für den Großteil ihrer Mitbürger scheint jedoch 1938 wie 1988 nichts Gutes aus dem Nachbarstaat zu kommen. Der anonyme Verfasser einer Postkarte mit dem Absender "Ausländer raus" attestiert Peymann, "aus dem weltberühmten Wiener Burgtheater ein preusisches [sic!] Scheißhaus" gemacht zu haben, und schlussfolgert sodann scharfsinnig: "Ihr Deutschen habt uns Österreicher [sic!] immer nur Unglück gebracht. Ihr Deutschen habt in Österreich genau so wenig zu suchen wie die Fremdarbeiter [...] und ander [sic!] Ausländer!!!" Eine Wienerin, die wiederum mit vollem Namen unterzeichnet hat, setzt das "unendliche[s] Leid", das die Deutschen 1938 über Österreich gebracht haben, gar mit "der deutschen Besatzung des Burgtheaters" durch Peymann gleich. Besonders nachdenklich stimmt eine von Bentz zitierte Anekdote, wonach ein alter Mann in Wien kurz vor der Uraufführung von Heldenplatz auf Bernhard getroffen sei und "mit erhobenem Stock" ausgerufen habe: "Umbringen sollt man eana. Vergast g'hertn's!" Ebenso wie die Morddrohungen gegen Autor und Regisseur kann dies als radikale Variation einer Schlußfolgerung reaktionärer Kreise der Diskussion um Heldenplatz gelten, nämlich der Tatsache, daß solche "nationalen Unruhestifter", "Nestbeschmutzer" oder "Theaterschänder" wie Thomas Bernhard und auch Claus Peymann unter keinen Umständen in Österreich geduldet oder gar mit Steuergeldern subventioniert werden dürfen. Zuschriften wie die eines 90jährigen, der "dieses niederträchtigste Stinkaas [gemeint ist Bernhard; d. Verf.] glatt töten" möchte, sei es [gemeint ist wiederum das 'Stinkaas'; d. Verf.] doch bedauerlicherweise "von den Hitlerschergen übersehen" worden, gemahnen ihren Leser an die pointierte Behauptung Professor Roberts, jeder Österreicher sei ein potenzieller Nationalsozialist. Der menschenverachtende Jargon, mit dem die von der Presse beeinflußte Öffentlichkeit gegenüber Autor und Regisseur operierte, erinnert jedenfalls frappierend an eine Sprache, wie sie in der Vergangenheit wohl eher dem 'deutschen Tätervolk' zugewiesen worden war, und die beileibe keinem demokratischen Staat gebührt. Es steht außer Frage, daß ein sogenanntes Volk von Opfern, das wiederum am Sprachgebrauch der sogenannten Täter partizipiert, sein historisches Selbstverständnis überdenken muß. Folgerte Robert Schuster, in die "Österreichfalle" gegangen zu sein, so waren die Österreicher gewissermaßen schnurstracks in die Bernhardfalle marschiert, denn "[d]as im Medienvorlauf von Heldenplatz erzeugte Hetzklima", so führt Wolfram Bayer aus, "nahm die im Stück erhobenen Vorwürfe vorweg [und] die Zeitungswirklichkeit setzte im realen Rezeptionsschauspiel die Fiktion vorauseilend in Kraft[.]" Was der Skandal um Heldenplatz gezeigt hat, ist die schiere Unmöglichkeit kollektiver Verdrängung und ihre fatalen Folgen. Indem sich Österreich dem Irrglauben verschrieb, den Nationalsozialismus zur allein von den Deutschen zu verantwortenden Episode erheben zu können, die 1945 abrupt endete, richtete es zugleich die Bedingungen für eine immer wiederkehrende Konfrontation mit seiner eigenen Schuldhaftigkeit ein. "Am historischen Heldenplatz", so Sigrid Löffler,

"haben sich die Österreicher schon einmal blamiert -- mit falschem Jubel bei Hitlers Einmarsch im März 1938. Mit der Skandalisierung von Bernhards Heldenplatz hat sich die Waldheimat fünfzig Jahre später eine zweite Blamage eingebrockt."

Die Auseinandersetzung mit den Folgen der Nazidiktatur geschah nie im Interesse aufrichtiger Vergangenheitsbewältigung, sie erschöpfte sich stets mit der Fokussierung der deutschen Täterschaft. Die Geburt der österreichischen Demokratie ging mit der Entstehung einer Verdrängungskultur einher, die eine selbstbewußte Erinnerungsarbeit wiederum unmöglich machte, und die Tendenz zur Tabuisierung offenbarte sich im Falle Heldenplatz u. a. mit dem Ansinnen, ein Aufführverbot für ein Stück zu erwirken, dessen Inhalt alle virulenten Elemente des österreichischen Tätertraumas offen und in übersteigerter Form zur Schau stellte. Gönnen wir uns ein wenig 'Bedenk'-Zeit und lassen Thomas Bernhard das letzte Wort in dieser Sache sprechen, der in Alte Meister (1985) den Musikphilosophen Reger -- mit dem unnachahmlichen Bernhardschen Absolutheitsanspruch -- folgende Feststellung tätigen läßt:

"Wenn wir aus diesem niedrigen, verheuchelten und bösartigen und verlogenen und dummen Land hinausschauen, sehen wir, daß die anderen Länder genauso verlogen und verheuchelt und alles in allem genauso niedrig sind[.] [...] Aber diese Länder gehen uns wenig an, nur unser Land geht uns etwas an."

 

autoreninfo 
Marc Klesse, geboren 1978, studiert derzeit Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Ältere deutsche Philologie und Philosophie an der Universität Bayreuth, Abschluß voraussichtlich 2007. Mitarbeit am Wagner-Lexikon (erscheint im Laaber Verlag 2006), darüber hinaus Lyrikpublikationen in Anthologien des Acheron Verlags und der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte.

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