parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 22: zeugenschaft -> ausgegraben
 

ausgegraben

"Laß es nicht so enden!" -- John Reeds mexikanische Revolutionsballade von 1914

von Wolfgang Cziesla

Von der komplizierten Geschichte der mexikanische Revolution kennen die meisten Nicht-Mexikaner vor allem die Namen Emiliano Zapata und Pancho Villa. Während Zapata und die Zapatistas bis heute für Partisanenkampf und Bodenreform im südlichen Mexiko stehen, wird Pancho Villa mehr noch mit Revolutionsromantik, Liedern und Hollywoodfilmen verbunden. An seinem Image ist der charismatische Bauernrevolutionär aus Nordmexiko nicht unbeteiligt, ließ er doch um 1913 seine División del Norte von amerikanischen Filmemachern mitfinanzieren, denen er Zugang zu echten Kriegsszenen mit Tausenden von Indianer- und Bauernsoldaten bot. In mindestens drei Hollywoodfilmen zwischen 1912 und 1916 hat Villa sich selbst dargestellt, mehr als vierzig Mal wurde er von -- teilweise berühmten -- Filmschauspielern verkörpert. Ebenso öffentlichkeitswirksam suchte die Revolutionslegende den Kontakt zu ausländischen Kriegsberichtserstattern. "Don't let it end like this. Tell them I said something", sollen Villas letzten Worte zu einem Journalisten gewesen sein, als er am 20. Juli 1923 tödlich getroffen wurde.

Die New Yorker Zeitschrift Metropolitan hatte im Dezember 1913 den jungen John Reed entsandt, der mit den Berichten aus Mexiko seinen Durchbruch als Reporter erleben sollte. Aber anders als der Selbstdarsteller Pancho Villa brachten die kämpfenden Landarbeiter wenig Verständnis für den Gringo in ihren Reihen auf. Die Anfeindungen innerhalb der Revolutionsarmee waren -- wenn man den von Reed geschilderten Episoden glauben kann -- ebenso lebensbedrohlich wie die Angriffe der Colorados, General Orozcos föderalen Freischärlern der Gegenrevolution.

John Reeds 1914 unter dem Titel Insurgent Mexico in New York erschienenes Buch beleuchtet eine begrenzte Phase des Revolutionsgeschehens: Die wenigen Monate Anfang 1914, als die Revolutionstruppen unter Pancho Villa ihre größten Erfolge feierten und mit Billigung des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson durch Waffenlieferungen aus den USA unterstützt wurden. Reed wurde von einigen Kritikern als eine Art Hofberichterstatter Pancho Villas angesehen, eine Einschätzung, zu der besonders der zweite Teil des "Revolutionsballade" verleitet, in dem der Autor von Villas trickreichen Kriegsstrategien erzählt. Seine mitunter übertreibenden und das Geschehen phantasievoll ergänzenden Prosaskizzen ersetzen keinesfalls die geschichtlichen Forschungen über die mexikanische Revolution. In der 2005 erschienenen Veröffentlichung in der Anderen Bibliothek rückt Hans Christoph Buchs kenntnisreiches Nachwort diese Proportionen zurecht.

Was Reeds Buch neben der journalistisch prägnanten Sprache besonders lesenswert macht, sind die Bilder aus dem Alltag der Revolution: Das Campieren in den Ruinen zerstörter Haziendas, die dramatische Flucht bei einem Angriff der Colorados während des Feldzugs in Urbinas Truppen, die in leuchtenden Farben ausgemalte nordmexikanische Wüste, die ausführlich zitierten Texte der am Lagerfeuer gesungenen Lieder, die ausgelassenen Tanzorgien, die anarchischen Verhältnisse in den Söldnerheeren, die einen deutschen Leser an Beschreibungen des Dreißigjährigen Kriegs denken lassen könnten.

Als gleichsam eingebetteter Reporter wird Reed zum Augen- und Ohrenzeugen aufschlußreicher Einzelheiten:

"Der cura, der Priester der Gutskirche, führte den Vorsitz beim Mahl. Ihm wurden die besten Stücke Fleisch serviert, die er gelegentlich -- nachdem er sich selbst bedient hatte -- an seine Günstlinge weiterreichte. Wir tranken Sotol und Aguamiel, während der cura einer ganzen Flasche erbeuteten Anisetts den Garaus machte. Angeheitert davon, ließ sich Ehrwürden über die Vorzüge der Beichte aus, vor allem, was die jungen Mädchen betraf. Dabei gab er zu verstehen, daß ihm gewisse Feudalrechte bezüglich junger Bräute zustanden. 'Die Mädchen hier', bemerkte er, 'sind sehr leidenschaftlich ...'
Es fiel mir auf, daß die Anwesenden über diesen 'Scherz' kaum den Mund verzogen, wenngleich sie äußerlich respektvoll blieben. Nachdem wir den Saal verlassen hatten, zischte José Valiente -- und er bebte so, daß er kaum sprechen konnte --: 'Diesen Dreckskerl kenne ich nur zu gut. Und meine Schwester ...! Die Revolution wird sich mit diesen curas noch befassen müssen!'" (S. 64/65)

Die zu Liebedienerinnen und Tortillabäckerinnen degradierten Frauen finden das Mitgefühl des Autors, ebenso wie die weinenden Mütter, die ewigen Verliererinnen aller Kriege. Das Leiden der Zivilbevölkerung, das schnelle Hinrichten von Verdächtigen, der übermäßige Alkoholkonsum in den Truppen, die Grobschlächtigkeit der Söldner -- gerade bei den Darstellungen äußerster Grausamkeit, bei denen man sich wünscht, hier hätte Reeds Phantasie übertrieben, muß befürchtet werden, daß sie ein realistisches Bild der Revolution wiedergeben.

"Offiziere in einer solchen Armee hatten nichts mit der Aufrechterhaltung von Disziplin oder der Befehlsausgabe an die Soldaten zu schaffen. Sie waren Offiziere, weil sie Mut bewiesen hatten, und ihre Aufgabe bestand darin, an der Spitze der Truppe zu kämpfen. Das war alles." (S. 93)

Die 1972 im Dietz Verlag erschienene, leicht gekürzte Übersetzung von Ernst Adler hat Hans Christoph Buch überarbeitet und vervollständigt. Hinzugekommen ist als fünfter Teil -- in der Übersetzung Matthias Fienborks -- Reeds Porträt des Revolutionsführers Venustiano Carranza, der sich im Unterschied zum volksnahen Pancho Villa als ein extrem unzugänglicher Mensch herausstellt.

Daß Werke aus der Anderen Bibliothek von hoher Buchkunst zeugen, ist bekannt. Im Band 247 sind die folkloristischen Holzschnitte des 1913 in großer Armut gestorbenen mexikanischen Künstlers José Guadalupe Posada die optische Beigabe.

Fünf Jahre nach seinen Mexiko-Reportagen, 1919, wurde John Reeds Welterfolg über die russische Revolution Zehn Tage, die die Welt erschütterten, veröffentlicht. 1920 starb der Autor kurz vor seinen dreiunddreißigsten Geburtstag in der Sowjetunion an Typhus.

John Reed: Eine Revolutionsballade Mexico 1914. Mit Illustrationen von José Guadalupe Posada. Aus dem amerikanischen Englisch von Ernst Adler und Matthias Fienbork. Mit einer biographischen Notiz und einem Nachwort von Hans Christoph Buch. Die Andere Bibliothek, Hg. V. Hans Magnus Enzensberger, Band 247, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 2005.

 

autoreninfo 
Wolfgang Cziesla wurde 1955 im Ruhrgebiet geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Kunst­wis­senschaft in Tübingen, Essen und Bangor / North Wales, Dr. phil.; Lehrtätigkeiten an den Universitäten Essen, Bochum, Köln, Pisa; zwischen 1990 und 2003 zehn Jahre für den DAAD und das Goethe-Institut als Kultur­ver­mittler in Chile (Santiago) und Brasilien (Fortaleza). Veröffentlichungen: Visitatio (1986). -- Die Austauschstudentin (2004) -- Kaffeetrinken in Cabutima (2005) sowie vier Sachbücher und Anthologien als Herausgeber oder Autor.
Homepage: http://www.wolfgang-cziesla.de
E-Mail: wolfgangcz@web.de

[ druckbares: HTML-Datei (7 kBytes) | PDF-Datei (43 kBytes) ]

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/zeugenschaft/ausgegraben/