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no. 22: zeugenschaft -> zeugenschaft in der archäologie
 

Abfall als historische Quelle

Zeugenschaft in der Archäologie

von Ulrich Veit

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* literatur
* druckbares

Auch für Bereiche wie die Archäologie, die bekanntermaßen einen großen zeitlichen Abstand zu ihrem Untersuchungsgegenstand überwinden muß, kann die Zeugenschaftsmetapher, die man üblicherweise gern auf die Bedeutung von "Augenzeugenschaft" verengt, auf überraschende Weise fruchtbar werden: Und das nicht nur in Bezug auf die Objektivität von Grabungsberichten, sondern vor allem hinsichtlich ihrer Befunde als "materielle Zeugen" -- Überreste und Abfälle. Gerade letztere verweisen in ihrer Absichtslosigkeit und scheinbaren "Wertlosigkeit" auf Sachverhalte, die einer direkten Beobachtung nicht zugänglich sind. Zeugenschaft wird hier zum "Recyclingprozess", der Abfall in historische Informationen rückverwandelt.

 

I.

Im Zusammenhang mit der Arbeit des Archäologen von 'Zeugenschaft' zu sprechen ist in mancherlei Hinsicht problematisch. Speziell der Prähistorische Archäologe, von dem im Folgenden vornehmlich die Rede sein wird, ist - so wenig wie der Historiker - in der Lage an vergangenem Geschehen in der Art eines Augenzeugen teilzuhaben. Er ist bei seinen Wahrnehmungen vielmehr ausschließlich auf die materiellen Spuren angewiesen, die ein lange vergangenes Geschehen in der Gegenwart hinterlassen hat, denn die Prähistorische Archäologie befaßt sich im Unterschied zu den verschiedenen Richtungen der Historischen Archäologie (z.B. Klassische Archäologie, Archäologie des Mittelalters) ausschließlich mit schriftlosen Gesellschaften.

Der Archäologe ist überdies nicht nur unbeteiligter Beobachter eines lange vergangenen Geschehens, er ist vielmehr aktiv an der Generierung eines Wissens über die Vergangenheit beteiligt. Durch systematische Ausgrabungen an archäologischen Fundstätten versucht er zielgerichtet für die Beurteilung vergangener Kulturen relevante Daten zu erheben. Diese Beobachtungen wiederum macht er im weiteren Verlauf seiner Arbeit im Stile eines Geschichtsschreibers (oder Ethnologen) zur Grundlage einer weiter ausgreifenden historischen Darstellung bzw. kulturanthropologischen Hypothesenbildung. Insofern ist der Archäologe weit mehr nur ein distanzierter 'Augenzeuge' oder 'Chronist', er ist gleichzeitig immer auch 'Ermittler' und 'Richter'.

Zumindest in einer Hinsicht erscheint die Zeugenmetapher jedoch gut auf den Archäologen anwendbar. Der Archäologe wird bei seiner Arbeit insofern zu einer Art Augenzeuge, als viele archäologische 'Befunde', die er im Rahmen von systematischen Ausgrabungen dokumentiert, durch die fortschreitende Aufgrabungstätigkeit anschließend zwangsläufig zerstört werden. Im Gegensatz zu den Funden, d. h. konkreten Objekten der materiellen Kultur, die bei Ausgrabungen geborgen werden, repräsentiert ein Befund die Gesamtheit historisch aussagefähiger Beobachtungen in archäologischen Fundsituationen, eine Gesamtheit die sich nicht (zumindest aber nicht so leicht) ins Museum verfrachten lassen. Neben den Funden selbst bleibt also lediglich eine mehr oder minder umfangreiche schriftliche, zeichnerische und fotographische Dokumentation des betreffenden Fundplatzes. Erkenntnisgewinn wird in der Archäologie also durch eine zumindest teilweise Zerstörung der Quellen erkauft, was Joachim Reichstein einmal zu der gelungenen Formulierung anregte: "In der Archäologie wird man eben auf ganz besondere Weise durch Schaden klug".

Spätere Archäologengenerationen sind bei ihrer Arbeit entscheidend auf die Verläßlichkeit der Grabungsdokumentationen früherer Ausgräber angewiesen. Angesichts der permanenten Fortentwicklung der archäologischen Grabungstechnik werden solche Darstellungen im Nachhinein dennoch häufig als unzureichend empfunden. So verwundert es nicht, daß zahlreiche wissenschaftliche Kontroversen in der archäologischen Forschung ihren Ursprung in der unterschiedlichen Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Grabungsberichten haben. Dabei geht es allerdings seltener um den Vorwurf der bewußten Quellenmanipulation, also um echte 'Falschaussagen'. Zumeist beruhen unterschiedliche Bewertungen sogenannter 'archäologischer Befunde' auf der unterschiedlichen Wahrnehmungsfähigkeit einzelner Archäologen. Diese wiederum ist in erster Linie von der Ausbildung des jeweiligen Archäologen abhängig, die primär eine Schule des Sehens ist. Man erkennt im Grabungsschnitt gewöhnlich nur das, was man zu sehen gelernt hat.

Trotz dieser speziellen Affinität zwischen Zeuge und Archäologe möchte ich hier nicht weiter über den 'Archäologen als Zeugen' sprechen. Vielmehr soll es im Folgenden um die Frage gehen, inwiefern es möglich ist, archäologische Fundobjekte und Befunde selbst -- in Abwesenheit von 'Augenzeugenberichten' (in schriftlicher oder bildlicher Form) -- als eine Art materieller 'Zeugen' zu betrachten. In entsprechenden metaphorischen Formulierungen ist beispielsweise von 'stummen Zeugen' die Rede, die der Archäologe mit den ihm zur Verfügung stehenden Methoden 'zum sprechen zu bringen habe'.

Dieser Prozess wird zumeist als ein schwieriges, von vielen Unwägbarkeiten begleitetes Unterfangen dargestellt: "making the best of a bad job", wie es der britische Archäologe Stuart Piggott einmal prägnant formulierte. Optimistischere Archäologen hingegen betonen eher eine andere Eigenschaft der von ihnen in den Zeugenstand berufenen 'Zeugen': ihre (vermeintliche) Unbestechlichkeit. Während schriftliche Dokumente historische Sachverhalte bewußt oder unbewußt verfälschen könnten, bezeugten materielle Überreste die unverfälschte Realität. Archäologie sei dadurch in der Lage historischer Mythenbildung erfolgreich entgegenzuwirken.

Die Geschichte des Faches selbst spricht indes eine ganz andere Sprache. Sie zeigt deutlich, daß archäologische Quellen in der Praxis mindestens ebenso anfällig für historische Mythenbildung sind wie andere historische Quellen.

 

II.

Im juristischen Sinne versteht man dem Brockhaus von 1994 zufolge unter einem Zeugen eine Person, die in einem Gerichtsverfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll oder die zum Abschluß von Rechtsgeschäften zugezogen wird. Zeuge kann nicht sein, wer Partei, Beteiligter oder Beschuldigter ist. Zeuge kann außerdem nur derjenige sein, der die Fähigkeit zur sachlich richtigen Wiedergabe von Beobachtungen im Rahmen der gerichtlichen Wahrheitsfindung besitzt ('Zeugentüchtigkeit').

Unabhängig davon ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines Zeugen. Ist seine Wahrnehmung, Erinnerung und Wiedergabe von Ereignissen wirklich korrekt? In der kriminalistischen und juristischen Praxis ergeben sich zwischen den Aussagen verschiedener Zeugen selbst bei Ereignissen aus der jüngsten Vergangenheit immer wieder gravierende Widersprüche. Diese Tatsache wirft ein bezeichnendes Licht auf die Prozesse menschlicher Wahrnehmung und Erinnerung.

Glaubwürdigkeit ist auch ein zentrales Problem historischer Forschung, insbesondere bei Verwendung von Augenzeugenberichten. Das menschliche Gedächtnis erweist sich auch hier allzu häufig als unzulänglich und den Anforderungen einer noch immer stark positivistisch geprägten Geschichtswissenschaft nicht gewachsen. Verschiedene Erinnerungen, Gehörtes, Gelesenes, ja, Geträumtes können ineinander fließen, die zeitliche Struktur der Geschehnisse wird häufig nur ungenau erinnert, die relative zeitliche Zuordnung zerrinnt im Gedächtnis.

Auch Bilder können Aussagen von Augenzeugen über vergangene Zeiten festhalten. Insofern sind sie für den Historiker Peter Burke "stumme Zeugen", deren Aussage sich nur schwer in Worte übersetzen lasse. Sie bilden nämlich die soziale Welt ihrer Entstehungszeit nicht maßstabsgetreu ab, sondern deuten sie jeweils im Rahmen eines uns unbekannten Wertesystems. Deshalb ist es unabdingbar bei ihrer historischen Deutung beispielsweise auf zeittypische visuelle Konventionen oder stereotypisierte Sichtweisen des 'Anderen' zu achten.

Sowohl Chroniken wie auch Bilder gewähren also allenfalls einen Zugang zu spezifischen zeitgenössischen Sichtweisen auf diese vergangene Welt. Sie werden von der Geschichtswissenschaft deshalb dem Bereich der 'Tradition' zugeordnet. Darunter versteht man seit Ernst Bernheim "alles, was unmittelbar von den Begebenheiten überliefert ist, hindurchgegangen und wiedergegeben durch menschliche Auffassung" (Bernheim 1903, 230). Ihm gegenüber steht der zweite große Bereich historischer Quellen: die 'Überreste'. Bernheim bezeichnete damit die "ohne jede Absicht auf Erinnerung und Nachwelt nur übriggebliebene Teile der Begebenheiten und menschlichen Bethätigungen selbst": Sprache, Gewohnheiten, Sitten, Feste, Spiele, Kulte, Institutionen, Gesetze, Verfassungen und alle Produkte der menschlichen Fertigkeiten. Dazu gehörten aber auch die "Überbleibsel des menschlichen Lebensprozesses", wie sie etwa "in den 'Küchenabfällen' enthalten sind und wertvolles Quellenmaterial für die Urgeschichte Europas geben" (ebd. 231).

Bernheim spielt hier auf eine bedeutende Entdeckung der Urgeschichtsforschung im 19. Jahrhundert an: die sogenannten 'Køkkenmøddinger' Südskandinaviens. Dabei handelt es sich um steinzeitliche Siedlungsplätze, die durch das umfangreiche Vorkommen von 'Küchenabfällen', v.a. Muschelschalen, charakterisiert sind. Die Entdeckung dieser 'Muschelhaufen', ebenso wie die etwas später erfolgte Entdeckung der 'Pfahlbauten' in den Seen des nordalpinen Raumes, hat der Geschichtsforschung eine ganz neue Gattung von Quellen erschlossen.

Von der etablierten Geschichtswissenschaft wurden diese Entdeckungen allerdings zunächst weitgehend ignoriert. Es waren in erster Linie Naturwissenschaftler, wie der berühmte Berliner Pathologe Rudolf Virchow (1821-1902), die das Potential dieser neuen Quellengattung erkannten - und die deshalb umgekehrt die Begrenztheit der Geschichtswissenschaft zu ihrem Thema machten: "Denn die Geschichtsschreibung hat ihre bestimmte Grenze; sie ist stumm, wenn wir Fragen aufwerfen über jene Zeiten, wo es noch keine Geschichtsbücher gab, wo noch nicht einmal die Sage verzeichnet, wo überhaupt noch nicht geschrieben wurde. An diesem Punkte muß der Geschichtsschreiber seine Rechte an den Naturforscher abtreten, oder, wenn er das nicht will, so muß er selbst Naturforscher werden und aus dem Buche der Natur lesen lernen".

Als primärer Ausgangspunkt archäologischer Forschung galten Virchow und seinen Zeitgenossen Artefakte, also die von Menschenhand erschaffenen Gegenstände "von den rohesten Werken der noch ganz unerfahrenen Hand bis zu den höchsten Leistungen des Handwerkers und Künstlers." "Man stößt aber auch auf Überreste der Vorzeit, die sich nicht mehr der eigentlichen Archäologie einfügen lassen, auf Abfälle der Küche und der Mahlzeiten, auf Rückstände der Jagd und der Viehzucht, des Ackerbaues, ja auf Überbleibsel der alten Menschen selbst. Für solche ist der Naturforscher zur Mitwirkung berufen." Diese Aussage markiert in der Tat den Beginn einer neuen, gegenüber der etablierten, vorwiegend auf 'Monumente' konzentrierten 'Klassischen' Archäologie, radikaleren Archäologie, die sich bewußt den unscheinbaren und nicht zur Dauer bestimmten Überresten vergangener Zeiten zuwendet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen diese Bemühungen um die Ausweitung des Feldes der Geschichte zumindest im Rahmen der Kulturgeschichtsschreibung eine gewisse Bedeutung. So definierte etwa Jakob Burckhardt sein Projekt einer Kulturgeschichte explizit mit Hilfe des Gegensatzes zwischen Texten und Spuren. Unter Texten verstand er kodierte Botschaften und damit bewußte Artikulationen einer Epoche samt der damit verbundenen tendenziösen (Selbst-)Täuschungen. Unter Spuren verstand er indirekte Informationen, die das Unwillkürliche einer Epoche dokumentieren. Letztere galten ihm als kostbarer als Texte, da ihnen ein höherer Grad an Wahrhaftigkeit und Authentizität eigne.

Burckhardt begrüßte in diesem Zusammenhang explizit die zeitgenössische archäologische Feldforschung "als realistic turn der Altertumswissenschaft, der mit den realen (und mitunter kruden) materiellen Funden nicht nur die verknöcherten theoretischen Konstrukte konservativer Universitätslehrer zu erschüttern vermöge, sondern auch durch den Prozeßcharakter der Ausgrabung die Temporalität des jeweiligen Erkenntnisstandes bzw. -fortschritts manifest werden lasse" (Zintzen 1998, 333). Allerdings spielte diese materielle Dimension der Kulturgeschichte in seinen eigenen Arbeiten nie eine Rolle.

Trotzdem markiert Burckhardts Position eine wichtige Station in dem langen Prozess der Schwerpunktverlagerungen auf dem Gebiet der Gedächtnismedien, der einst beim Grabmal begann und über schriftliche Zeugnisse bis hin zu unabsichtlichen Spuren und dem Abfall führte. Aleida Assmann weist darauf hin, daß die unterschiedlichen Gedächtnismedien einander nicht in einem strengen Sinne ablösen, vielmehr komme es zu einer immer komplexeren Struktur ihrer Überlagerung und Durchkreuzung. Das Bewußtsein für das komplexe Ineinanderwirken von Erinnern und Vergessen sei dabei immer schärfer geworden.

Dazu haben indirekt sicher auch die Ergebnisse der frühen archäologischen Forschung beigetragen, die zeigen, wie 'Abfall' in historische Information verwandelt werden kann. Auf gleiche Weise verfährt Assmann zufolge aber eben auch der Kulturhistoriker, angetrieben vom Bedürfnis, dem Vergessen entgegenzuwirken. Er gleiche dabei der Figur des Winston Smith in George Orwells 1984, dessen Suche nach der vernichteten Vergangenheit bei den unscheinbaren Abfällen ansetze, die der Spurentilgungsmaschinerie des herrschenden Regimes entgangen waren.

 

III.

Hier wird ein aktuelles Interesse der Literatur- und Kulturwissenschaften an der Archäologie als einer alternativen Form der Vergangenheitsbetrachtung manifest. Diese neue Form der Geschichtsbetrachtung zeichne sich durch eine Konzentration auf die Zeugnisse aus, die nicht an die Nachwelt adressiert und nicht zur Dauer bestimmt waren. Gerade deshalb können diese Spuren etwas von dem bisher unbeachteten weil unscheinbaren Alltag mitteilen. "Dank seiner Andacht zum Unbedeutenden verwandelt sich dem Kulturhistoriker Abfall in Information" (Assmann 1996, 107).

Die moderne Archäologie versteht sich allerdings in ihrem Kern keineswegs als 'Abfall-' oder 'Müllforschung', sondern als eine genuin historische Wissenschaft bzw. als Teil einer umfassenderen historischen Sozialwissenschaft. Nicht der in Abfallfunden aufscheinende 'unscheinbare Alltag' ist ihr primäres Erkenntnisziel, sie untersucht vielmehr großräumig frühe Besiedlungsprozesse, kulturelle Anpassungen menschlicher Gemeinschaften an unterschiedliche naturräumliche Bedingungen und die Herausbildung komplexer Gesellschaften. So verschiebt sich das Zentrum des Erkenntnisinteresses im Gegensatz zum Beginn der archäologischen Forschung, wo vor allem völkergeschichtliche Fragestellungen -- und damit der Versuch die Nationalgeschichte nach hinten zu verlängern -- im Mittelpunkt standen. Projekte wie die nordamerikanische 'garbage archaeology', deren Begründer sich in den 1970er Jahren mit den klassischen Methoden archäologischer Feldforschung den Müllkippen der Gegenwart zuwandten, bilden für das Fach als Ganzes eher untypische Ausnahmen.

Wer von der Archäologie als einer 'Abfallwissenschaft' spricht, läuft überdies Gefahr, 'Abfall' als unhistorischen Sachverhalt zu nehmen, obwohl diese Kategorie erst im 19. Jahrhundert entstand. Von 'Abfall' kann auf historische Fälle angewandt deshalb allenfalls im metaphorischen Sinne gesprochen werden. Die Prozesse der Bildung archäologischer Ablagerungen sind überdies viel zu komplex, als daß ihre Produkte angemessen durch moderne Begriffe wie 'Abfall' oder 'Müll' beschrieben werden könnten. Genau so falsch wäre indes die Annahme, Archäologen träfen das materielle Inventar auf Siedlungsplätzen in einer Konstellation an, die einer nur kurzfristigen Abwesenheit ihrer Bewohner entspreche. Archäologen sprechen diesbezüglich von der 'Pompeji-Hypothese', die aber selbst für den eponymen Fundplatz heute abgelehnt wird.

Dietmar Schmidt zufolge ist die "Geschichtsmetapher 'Abfall'" keineswegs erst das Ergebnis einer aktuellen Konjunktur entsprechender Interessen. Vergleichbare Überlegungen ließen sich vielmehr bis weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen: "Es spricht einiges dafür, daß die zeitliche Tiefe des Vergangenen, die sich dem historischen Denken öffnete, nicht zuletzt durch Abfallfunde möglich geworden ist. Abfälle ließen deutlich werden, wie sehr sich die Vergangenheit des Menschen und seiner Kulturen im Dunkel frühester Zeiten verliert. An der Entdeckung menschlicher Vorgeschichte, die die Unermeßlichkeit historischer Zeit allererst ermeßbar machte, waren abfallartige Resultate beteiligt. In einem gewissen Sinne markieren die Anfänge historischer Abfallforschung den Beginn des Denkens der historischen Zeit".

Schmidt beruft sich dabei primär auf die Schriften Rudolf Virchows, in denen unter anderem die bereits angesprochenen dänischen 'Muschelhaufen' und die schweizerischen 'Pfahlbauten' einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurden. Diese Beispiele zeigten die fundamentale Bedeutung von Abfällen für die Entstehung der Prähistorischen Archäologie. Abfälle, die man wenige Jahre zuvor noch zum Düngen der Felder benutzt hätte, wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts unvermittelt zur materiellen Grundlage eines "Wissens über den Bildungsgang des menschlichen Geists": "Abfälle, achtlos weggeworfen, zu Hügeln angehäuft, sind Teil der Landschaft der Jetztzeit geworden, indem sie sagen, was die Menschen der Urzeit über sich nicht sagen konnten und was wir jetzt -- gerade eben noch nicht, aber jetzt -- zu lesen vermögen. [...] Die Entdeckungen der Vorgeschichte [...] öffnen uns die Augen über uns selbst".

Eine zentrale Rolle in der Argumentation Schmidts spielt dabei die Entdeckung der schweizerischen 'Pfahlbauten' durch den Züricher Lehrer und Altertumsforscher Ferdinand Keller (1800-1881). Heute spricht man dabei neutraler von 'Feuchtbodensiedlungen', da nicht alle diese Bauten auch auf Pfählen standen. Dorfplattformen, wie sie Keller aufgrund ethnographischer Vergleiche annahm, hat es nach heutigem Wissensstand überhaupt nicht gegeben. Äußerer Anlaß der Entdeckung dieses speziellen Typus urgeschichtlicher Siedlungen im Uferbereich der voralpinen Seen war eine anhaltende Trockenheit im Winter 1853/54, verbunden mit einem deutlichen Absinken des Wasserspiegels. Dadurch wurden an verschiedenen Orten in der Schweiz Pfahlfelder sichtbar, in deren Umfeld man außerdem regelmäßig urgeschichtliche Steinartefakte, Scherben, Tierknochen und teilweise auch Bronzegegenstände entdeckte.

Diese äußeren Umstände reichen Schmidt zufolge aber nicht aus, um die Entdeckung der 'Pfahlbauten' zu erklären. Vielmehr sei zur Wahrnehmung dieses Phänomens die Bereitschaft nötig gewesen, dem auf dem Grund eines Sees abgelagerten Unrat Aufmerksamkeit zu schenken.

Schmidt nennt allerdings keine Gründe dafür, warum sich diese neue Disposition des Wissens, die es erstmals möglich gemacht haben soll, 'Abfälle' als kulturhistorische Quelle zu erkennen, gerade damals durchsetzte. So bleibt der gesamte Prozess abstrakt und rätselhaft. Dabei sind Umstände, die zur Entdeckung des 'Pfahlbauphämonens' durch Ferdinand Keller führten, gut bekannt. Grundlage für Kellers bahnbrechende Schlußfolgerungen waren Vorkenntnisse im Bereich der archäologischen Siedlungsforschung, die er in England erwarb und langjährige Erfahrungen durch eigene Nachforschungen im Bereich urgeschichtlicher ('keltischer') Siedlungen seiner Heimat, die auf trockenem Boden lagen.

Keller benutzte schon damals den Begriff 'Kulturschicht' der in der Archäologie bis heute alte, von Menschen intensiv benutzte Oberflächen bezeichnet, die sich unter jüngeren Ablagerungen natürlicher oder anthropogener Herkunft erhalten haben und auf denen zahlreiche Siedlungsabfälle liegen geblieben sind. Durch Kohle- und Aschereste des Herdfeuers sind solche Kulturschichten zumeist dunkelbraun bzw. schwarz gefärbt und lassen sich damit gut von den durchweg helleren natürlichen Ablagerungen (z.B. Seekreide) oder auch späteren künstlichen Aufträgen unterscheiden. Auf der Basis dieses Konzepts entstand dann im frühen 20. Jahrhundert die moderne siedlungsarchäologische Forschung, die aus Bodenverfärbungen ganze Siedlungspläne rekonstruiert.

Vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte erscheint die Entdeckung der 'Pfahlbauten' um 1850 als konsequente Weiterentwicklung eines bereits vorhandenen Wissens. Die Entdeckungen Kellers können deshalb nicht als unvorhersehbare Folge des Aufkommens einer grundlegend neuen Disposition des Wissens beschrieben werden, in der 'Müll' als eine hervorragende kulturgeschichtliche Quelle bestimmt wird.

Das Interesse der wenigen archäologisch Interessierten dieser Zeit galt zumeist nicht, wie Schmidts These nahelegt, dem vorgeschichtlichem 'Hausmüll', sondern vielmehr auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch primär auf die Gewinnung von Objekten kunsthandwerklicher Art ausgerichtet: Schwerter, Metallgefäße, geschliffene Steinbeile aber auch vollständig ergänzbare Gefäße sollten die öffentlichen Sammlungen bereichern. Daneben gab es auch immer mehr private Sammler solcher Objekte und in der Folge entstand ein regelrechter Markt für solche Altertümer.

Vielerorts wurden diese Altertümer auch zu einem symbolischen Kapital im Wettstreit der europäischen Nationen. So wurden entsprechende Objekte schon früh im Rahmen von Weltausstellungen präsentiert, erstmals 1867 in Paris. Dort waren altsteinzeitliche Artefakte aus Aurignac und Les Eyzies, ein Beispiel von Abri-Felskunst, Objekte aus den Megalithgräbern der Bretagne sowie aus den Seerandsiedlungen vom Lac du Bourget ausgestellt. Der bekannte französische Archäologie Gabriel de Mortillet verfasste eine Begleitschrift zu dieser Präsentation ("Promenade préhistorique à l'Exposition Universelle"). Darin stellt er resümierend drei Fakten heraus, die sich seiner Meinung nach zwingend aus den Forschungen zur Urgeschichte der Menschheit ergaben: Das Gesetz des Fortschritts der Menschheit, das Gesetz der gleichförmigen Entwicklung und die Tatsache des hohen Alters der Menschheit (Daniel 1990, 116).

'Kunst', 'Handwerk', 'Nation' und 'Fortschritt' waren also die hervorstechendsten Assoziationen im Zusammenhang mit prähistorischen Objekten in der formativen Periode der mitteleuropäischen Altertumsforschung. Eine bewußte Zuwendung zum 'Abfall' spielte hingegen in den Überlegungen der meisten zeitgenössischen Altertumsforscher keine Rolle. Daran hat sich übrigens bis heute wenig geändert. Die weit überwiegende Mehrzahl der Archäologen denkt auch heute nicht in Abfällen und Fragmenten. Aus dem Steinartefakt wird in der archäologischen Imagination heute wie damals unverzüglich das Werkzeug, aus der Scherbe das Tongefäß, aus dem Rinderknochen das Haustier und aus dem Pfostengrundriß mit Herdstelle das Wohnhaus. So fehlt das Stichwort 'Abfall' dann auch etwa in der aktuellen, kulturtheoretisch informierten Facheinführung Manfred Eggerts. Der Verfasser handelt stattdessen über Taphonomie ("Lehre von der Entstehung und Veränderung von Befunden").

Für das Lesen von Texten ist es entscheidend, daß die Buchstaben-Signifikanten transzendiert und überwunden werden, sobald die richtige Deutung erreicht ist. In gleicher Weise wie Buchstaben sind Artefakte und Spuren für den Archäologen nur "Vehikel, ausschließlich dazu bestimmt, den Intellekt auf die rechte Fährte zu setzen; ist dieser erst einmal am Ziel, haben jene ihr Recht verloren" (Assmann 1988, 240). Dabei steht außer Frage, daß der archäologischen Forschung des 19. Jahrhunderts eine stärkere Reflexion auf den fragmentarischen Charakter ihrer Quellen und die kulturellen Prozesse, die zur Bildung archäologischer Ablagerungen geführt haben gut getan hätten. Dazu ist es allerdings nicht gekommen.

Die Abfall-Problematik wurde von der Archäologie erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert, und zwar vor allem im Zusammenhang mit der Konjunktur sogenannter 'ethnoarchäologischer' Studien. Im Gegensatz zum Ethnographen richtet sich der Blick des Ethnoarchäologen bei seinen Feldforschungen bevorzugt auf jene Prozesse im Alltagsvollzug, die materielle Spuren hinterlassen. Durch systematischen Vergleich der beobachteten Handlungen mit den archäologisch anschließend dokumentierbaren Spuren versucht er dabei Regelmäßigkeiten zwischen Handlungen und materiellem Niederschlag zu erschließen, die ihm später bei der Deutung archäologischer Ablagerungen helfen sollen. Erfolgreich angewandt wurde dieses Verfahren zunächst im Bereich der Wildbeuter-Kulturen, etwa bei den !Kung-Buschleuten, den Eskimo oder den australischen Aborigines. Später ist es dann auch auf bäuerliche Gemeinschaften bis hin zur modernen Industriegesellschaft ausgedehnt worden. Erst durch solche Studien gewannen Teile der Archäologie sekundär auch ein kulturwissenschaftliches Profil.

Die wichtigen kulturwissenschaftlichen Grundsatzdebatten um das Jahr 1900 hat die mitteleuropäische Urgeschichtsforschung dagegen weitestgehend verschlafen. Aus diesem Grund hege ich Zweifel auch an der weiterführenden These Schmidts, derzufolge die Entdeckungen der 'Prähistorischen Archäologie' im 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung einer 'Kulturwissenschaft' im modernen Sinne gespielt hätten. Dies überschätzt die Wirkung der betreffenden Forschungen, die sich ja außerhalb des universitären Raumes im Rahmen von wenigen Laienvereinigungen wie der Züricher Antiquarischen Gesellschaft abspielten.

Möglich erscheint mir allenfalls, daß das öffentliche Bild der zeitgenössischen Archäologie mit dazu beitrug, den Überlegungen einflußreicher Kulturwissenschaftler eine bestimmte Richtung zu geben. Sigmund Freuds Faible für die Archäologie etwa ist weithin bekannt. Näherliegender scheint mir hingegen, daß sich der offensichtliche Zusammenhang zwischen Prähistorischer Archäologie und Kulturwissenschaft einer gemeinsamen Orientierung an dem verdankt, was der Historiker Carlo Ginzburg einmal als "Indizienparadigma" beschrieben hat, d.h. ein induktives Verfahren, bei dem von konkret wahrnehmbaren Tatsachen Rückschlüsse auf Sachverhalte gezogen werden, die einer direkten Beobachtung nicht zugänglich sind. Dieses Verfahren hat seinen Ursprung in der Medizin und in der Geologie, aus deren Kreisen sich nicht zufällig viele der frühen Archäologen rekrutierten.

 

autoreninfo 
Prof. Dr. Ulrich Veit studierte Ur- und Frühgeschichte, Ethnologie, Geologie und Anthropologie an den Universitäten Tübingen, Zürich und Münster. Seit 1993 unterrichtet er am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard Karls Universität Tübingen im Bereich "Jüngere Urgeschichte und Frühgeschichte". Arbeitsschwerpunkte: Geschichte und Theorie der Archäologie, Sozial- und Kulturgeschichte Europas in vorrömischer Zeit, archäologische Feldforschungsprojekte zur frühen Siedlungsgeschichte Mitteleuropas.

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