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no. 8: zeitenwenden -> kritik medialer vernunft (5)
 

Zur Kritik der medialen Vernunft -- Teil 5

Aporien der Zeitherrschaft

von Goedart Palm

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* literatur
* druckbares

Während die 'großen Erzählungen', die der Geschichte einen Sinn abzuringen versuchten, letztlich vor der nicht zu sublimierenden Realität der Ereignisse kapitulieren mußten, hält sich der Glaube an eine evolutionäre Technologie, die zusammen mit ihren Produkten schließlich auch das Paradies zu liefern in der Lage sein werde, weiterhin hartnäckig. Als virtuelle Heilsbringer können neue Technologien und Medien die klassischen Zeitparameter scheinbar hinter sich lassen und verwischen alle bisher gültigen Grenzen vollständig. Es steht jedoch zu bezweifeln, ob das gute Leben für die Individuen der Gegenwart tatsächlich daraus resultieren wird, dem Ruf der Medien folgend mit der Zeit zu gehen. "Wie weit reicht unsere Zeitsouveränität?" ist die Frage, die hier zuallererst gestellt werden muss.

 

Macht es noch Sinn, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden? Sind uns nicht Anfang und Ende gleichgültig geworden? Sind wir nicht kurz davor, selbst Alpha und Omega zu werden, von Vergangenheit und Zukunft befreit? Wer solche Fragen stellt, macht sich verdächtig, aus der Geschichte aussteigen zu wollen, nicht länger dem irrwitzigen Räderwerk von Katastrophen und Rettungen, Erfolg und Scheitern, Neuem und Altem, Aufstieg und Niedergang, Tod und Leben ausgesetzt zu sein. Die Vorstellungen, die diesen Ausstieg aus der Geschichte begleiten, sind widersprüchlich. Einerseits sind solche Fragen erfahrungsgesättigte, ja mehr, erfahrungsübersättigte Zeichen von Geschichtsmüdigkeit, andererseits sind sie die späte Frucht einer Beherrschungsgeschichte, die aus den permanenten Siegen medialer und technologischer Vernunft auf die gottähnliche Stellung des Menschen schließt. Alte Zentrumsverluste des Menschen sollen in Hypertechnologien kompensiert werden, die den Ausstieg aus der menschlichen (Leidens)Geschichte garantieren, zugleich aber offen lassen, ob es sinnvoll ist, den Menschen in seiner klassischen Selbsternennung als historischen Protagonisten noch länger ernst zu nehmen.

 

Ausstieg aus der Zeit

Noch sind wir wider alle Technophantasien und vorauseilende Cybervisionen nicht so weit, uns zu überzeitlichen Göttern der Welt aufzuschwingen. Noch polarisieren sich in der Gegenwart Perspektiven zwischen geschichtsphilosophischer Apathie und technologischer Omnipotenz. Machen wir uns für eine kurze Zeit der Illusion die Hoffnung, Eingriffe in die Geschichte seien jederzeit, an jedem Ort möglich. Was wäre zu tun? Wäre etwas zu tun? Der Blick fällt auf Katastrophen, auf Myriaden von Unglücklichen, auf Irrwege und Sackgassen, die in Inquisition, Holocaust und Genozid endeten und vielleicht schon bald in globalen Umweltapokalypsen überboten werden. Aber mündet nicht jede Geschichtsmanipulation in den unendlichen Rückgriff, daß andere Kausalitäten unvorhersehbare Ereignisse zeugen, mithin alte Katastrophen gegen neue eingetauscht werden -- jede Zukunft schließlich doch von ihrer Vergangenheit eingeholt wird? Schneiden wir aus der Geschichte das Leid heraus, lassen wir in einem neuen Film der Menschheitsgeschichte die Katastrophen ungeschehen sein, versagen wir Figuren wie Napoleon, Hitler, Stalin und ungezählten Menschheitsschlächtern ihr Geburtsrecht, zerschlagen wir die Konstellationen unserer Geschichte, das Ineinander von Gut und Böse, die Verkettungen des Irrsinns mit seinem vermeintlichen Widerpart, der Vernunft. Der unendliche Rückgriff auf eine Heilsgeschichte erledigt zuletzt jede Geschichte. Wir bestreiten das Daseinsrecht der Welt, weil ihre Wiederholungen aus Leid und Tränen, Blut und Sperma, Glück und Unglück nicht länger erträglich sind. Diese Phantasie stößt auf das Paradox, daß nichts mehr dem gleichen würde, was Menschheit, Geschichte, Welt und vielleicht auch Gott bestimmt. Eine solche Perspektive können wir nicht denken, weil wir unsere eigene raison d'être bestreiten müßten, die Welt müßte ungeschehen bleiben.

 

Verwalter der Nachgeschichte

Es kristallisierte sich die Vorstellung heraus, daß wir auf dem Marsch durch die Jahrtausende bereits in unserer Nachgeschichte angekommen seien. In der Nachgeschichte wird Geschichte ihrem eigenen Prinzip unterworfen: Sie wird alt, kommt aus der Mode und wird von sich selbst befreit. Der Geschichte und ihrem klassischen Dreischritt von Vergangenheit über Gegenwart in die Zukunft wird der Konkurs eröffnet. Grunderfahrung der Nachgeschichtstheoretiker ist nach Lyotard das Scheitern der 'Metaerzählungen': Die Aufklärung des Menschengeschlechts kollabiert, der Weltgeist entfaltet sich nicht, der Siegeszug des Proletariats bleibt endgültig im Dickicht der Vergangenheit stecken. Aber auf diesem schlecht gefütterten Ruhepolster einer geschichtslosen Zeit lebt es sich unbequem. Auch negativistische zeitlose Theorie ist pure Metaphysik, weil sie sich des Zirkels nicht erwehren kann, selbst der Zeitlichkeit zu unterliegen. Chiliastisches, soteriologisches und eschatologisches Denken haben die menschliche Geschichte als Durchgangsstation des gott- und heilsuchenden Menschen konstruiert. So wurzelt die Posthistoire selbst in diesen religiösen Zeitbildern und der klassische Geschichtsphilosophie, die auch in ihrer Dekonstruktion noch aufleuchten.

 

Von der Aufklärung zur Abklärung

Kann die Vergangenheit von ihrer prästabilierten Disharmonie zu einer humaneren Vernunftsgeschichte befreit werden? Wir leben im verstörenden Kontext widersprüchlicher Zukunftsszenarien. Längst hat sich ein Beliebigkeitspluralismus unvereinbarer Ziele in der westlichen Politik eingenistet, der mit schwachen Formelkompromissen besänftigt wird. Europaidee, transnationale Wirtschaftsbündnisse und global-virtuelle Vernetzungen produzieren abstrakte Zukunftsvisionen, denen die Solidaritätsmasse in dem Maße abhanden kommt, in dem Menschen ihre Lebenswelt nicht mehr überschaubar in Zeit und Raum kontextualisieren können. Im Paradox der Entgegenwärtigung der Gegenwart und Medialisierung zeitloser Örter blähen sich Zukunftsplanungen hypertroph auf, schneiden sich in unseren Alltag, um schließlich in kürzester Zeit zu verfallen. Die Spannung zwischen dräuenden Problemen, Handlungszwängen und politisch nicht konsensfähigen 'Risikofolgeabschätzungen' wird nicht leicht ertragen. Das zoon politikon reagiert verdrossen auf die Meldung immer neuer Zeitbomben zwischen Tschernobyl, Castor und Ozonloch. Daß es "kein richtiges Leben im falschen" gebe, ist nicht länger Vademecum in einer Komplexität, die richtiges und falsches Handeln hypothetisch werden läßt.

 

Zukunft als souveräne Zeittechnologie

Vor diese apathischen Ausblicke und stimmlosen Abgesänge der Zukunft stellen sich die mächtigen Propheten der neuen Medien, die Herrscher der Hypertechnologien und Informationsimperien. Ihre Aufbrucheuphorie kennt keine Grenzen. Machbarkeit von Zukunft, virtuelle Existenzen ohne den Fluch der Vergangenheit, Geschichtslosigkeit im Zukunftsglauben werden beschworen, sedimentieren sich in Politik, Werbung und anderen profanen Frohbotschaften. Mit der Brüchigkeit alter Zeitherrschaftsformen rückt Technologie aus der Rolle des menschlichen Instruments zum stärksten Hoffnungsträger sozialer Wandlungen vor. Mögen wissenschaftliche Paradigmen wechseln, Ikarus in immer neuer Gestalt den lebensspendenden Himmelskontakt verlieren, so erhält sich doch der Glaube an eine evolutionäre Technologie. Die uns bisher prägende Differenzierung zwischen Natur und Naturbeherrschung wird im Formelkompromiß einer künstlichen Natur eingeebnet. Zielpunkt dieser Geschichte ist eine omnipotente Technologie, weder menschen- noch geschichtsabhängig, Zeit und Raum gleichermaßen vollkommen beherrschend. Und die neuen Zauberlehrlinge bringen die Deckungsmasse ihrer zeitlosen Versprechungen gleich mit. Ihre Konstrukte werden schlicht als Rechner präsentiert, aber in ihrem Gepäck führen sie das Versprechen eines medial eingerichteten Paradieses mit sich.

Wer aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließt, schenkt dem keinen ungeteilten Glauben. Hat sich die Zukunft der Katastrophen doch nie von den gegenwärtigen Remeduren besänftigen lassen und stellen neue Technomagien ihre Störanfälligkeit ständig unter Beweis. Die boshafte Dialektik einer Geschichte, die neue Erreger ersinnt, wenn alte geschlagen sind, Krieg und Krebs vielleicht gegen Cyberwar und Computerviren eintauscht, mag den technologischen Zugriff auf ihre Zukunft nicht fürchten.

 

Vom Chronozentrismus zu neuer Zeitsouveranität

Erinnern heißt Vergessen -- denn anders würde sich keine historische Gestalt aus der Geschichte bilden. Zeitgenössische Berufshistoriker kennen das formlose Elend hypertrophen Informationswachstums: Richtiges Vernichten wird wichtiger als die Totalisierung der Reliktmengen. Wenn Geschichte das Leben des Gedächtnisses ist (Cicero), muß das Gedächtnis immer wieder von Vergangenheit befreit werden, um eine lebendige Vergangenheit für die Zukunft zu bewahren. Was ist Erinnerung? Der "Tigersprung in die Vergangenheit" (Benjamin) gilt klassisch als zeittranszendierender Modus und zeitunterworfener Mythos zugleich. Im Auge des Tigers bündeln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht als geschichtsphilosophisch diskrete Zustände, sondern werden zu zeitübergreifenden Bildern verschmolzen.

In der Paradoxie spätmoderner Zeitherrschaft wird Vergangenheit daran gehindert zu vergehen, wenn ihr digitales backup jederzeit Vergegenwärtigung ermöglicht. Schon im römischen Bild des Januskopfes, der gleichermaßen in Zukunft und Vergangenheit blickt, lag eine mediale Metapher vor, in einem Bewußtsein alle Zeitmodi zu verbinden. Elektronische und digitale Medien schließen aber weit imperialer die Zeiten kurz. Retrospektion und Prospektion vermählen sich zu einem panoptischen Blick durch Geschichten, in denen Aufzeichnungssystem und Zeitmanipulation eine untrennbare Verbindung eingehen. Weder zyklische Radzeit noch lineare Stromzeit sind in dieser Gleichzeitigkeit existent, sondern es herrscht nur noch die Allgegenwart von Speicher und Schirm. Ob Reichsparteitag, Fußballweltmeisterschaft oder Mauerfall, in neuen Medien werden Ereignisse zu patch-work verarbeitet, weit auseinanderliegende Gedächtnistopographien werden überblendet und prätendieren Zusammenhänge, die keine sind.

Spätestens seit dem Aufkommen der Schrift synchronisieren sich privates und öffentliches Erinnern nicht reibungslos. Mit der Zeit leben heißt zugleich, gegen andere Zeitbilder, andere Erinnerungsansprüche und fremde Vergangenheiten zu leben. Die zeitgenössischen Anstrengungen, den Holocaust zu erinnern, belegen den Kampf der Erinnerung gegen die verrinnende Zeit, die auch das vergessen läßt, was nicht vergessen werden darf. Gleichwohl festigt sich in diesem Anspruch keine einigende Erinnerungskultur, um dem Grauen zukunftsverbindliche Symbole zuzuordnen. Der Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal wurde selbst zum Denkmal dafür, daß ein Denkmal nicht länger ausreichen mag, das Unfaßbare symbolisch zu fassen. Steven Spielbergs Shoah-Foundation sammelt dagegen alle noch verfügbaren Zeugnisse, nichts soll durch den kalten Rost der Erinnerung dem Vergessen des Feuers anheimfallen, von der Gnade der späten Geburt exkulpiert werden. Über 49.000 Augenzeugenberichte bilden gegenwärtig ein elektronisches Archiv, das gleichsam die Arbeit jenes britischen Schuldeintreibers, des 'remembrancers' (Peter Burke), übernimmt: Das zu erinnern, was seine Kunden gerne vergessen würden. Aber auch dieser mediale Zugriff auf die Erinnerung befreit nicht von der Frage nach der angemessenen ars memorativa, der Erinnerungskunst, um die Zukunft von der Vergangenheit zu befreien, ohne die Fakten in den elektronischen Akten zu beerdigen.

 

Flüchtende Gegenwart

Erinnerungskunst war vordem selbstverständliche Alltagspraxis. Der Renaissance diente das Nachbild der römischen Geschichte als Vorbild und Planungsanleitung der Zukunft. Das vergangene Bild der 'Gegenwart' konturierte sich zu einem Zeitraum konstanter Lebensbedingungen. Selbstverständlich war, daß die Vergangenheit sich als Lehrmeisterin der Zukunft gerierte. Voraufklärerischer Zeit war danach Aufklärung kein Ausgang zu einer besseren Zukunft, sondern ein Rückschritt, um den Fortschritt zu beflügeln. Mit dieser pragmatischen Fiktion einer ausgedehnten Gegenwart, die auf der Ungenauigkeit, aber vor allem Unnötigkeit menschlicher Veränderungswahrnehmung basierte, erwuchs dem subjektiven Zeitbewußtsein ein Zeitherrschaftsglaube, der in der Beschleunigungsspirale der Geschichte sukzessiv zerstört wurde. Das Vertrauen in die Gegenwart fällt in die Zeitfalle; die Gegenwart selber eskamotiert sich, weil sie immer nur unvollkommen besitzt, was in den Zukunftsprognosen der Medien schon als zukünftige Wirklichkeit besessen wird. "Verweile Augenblick, du bist so schön" wagt keiner mehr zu sagen, weil alle Zukunft in diesen Prophetien tausendmal schöner ist als die Gegenwart je sein kann.

Die Wertschätzung des Neuen läßt sich zwar retrospektiv datieren, aber seine Erscheinung sperrt sich gegen kausale Rekonstruktion, es taucht plötzlich und folgenreich auf. Evolutionstheoretiker sprechen von Emergenzen -- Erscheinungen in der Zeit ohne lineare Provenienz. Die barbusig aggressive Freiheit erscheint plötzlich auf den Barrikaden, revoltiert gegen die Vergangenheit, weil die Zukunft so gewiß wird, wie es die Vergangenheit den Altvorderen war. Die Gegenwart wird in dieser Beschleunigungsspirale instabil, permanent entstehen neue Zukunftsszenarien, die uns in das Wechselbad von Hoffnungen und Ängsten werfen. Der Zukunftsdiskurs der Gegenwart steuert in chronische Aporien. Welchem Glauben an die Geschichte folgt man? Gentechnologie -- Machwerk des Teufels oder Segen für die Menschheit? Informationstechnologie -- Ende humaner Zustände durch Datenherrscher oder ultimative Einlösung aller Kommunikationsphantasien?

Geschichtsschwund und Zukunftsinvasion, die nach Hermann Lübbe Gegenwart schrumpfen lassen, gelten der Cyberkultur aber längst nicht mehr als ultimative Zeitdiagnose. Die vormalige Trennung der Zeiten, schon in historischen Zeitkonzepten so durchbrochen, daß es weniger ein Grundsatz als eine pragmatische Hilfskonstruktion war, kollabiert modernen Temponauten vollständig. Nicht nur die Körper, auch die Zeitmodi sollen virtuell werden. Virtualität wurde nicht zuletzt aufgrund der spielerischen Erscheinungen im cyberspace zunächst als eine Art postmodernes Illusionstheater mit anderen, nämlich digitalen Mitteln begrüßt. Auch der Zeit wurde folgenreich von McTaggart bescheinigt, eine Illusion zu sein: "Ich glaube, daß die Zeit irreal ist." Kein Wunder, daß der Kurzschluß von Virtualität und Zeitlichkeit die Gegenwart in den status irrealis versetzt. Virtualität ist aber mehr als die Fortsetzung der Wirklichkeit mit illusionären Mitteln. Zeit wird plastisches Material. War zuvor der Film der mediale Vorschein auf eine Neuordnung der Zeitstruktur, purzeln in der virtuellen Totalkonstruktion von Welt und Welten die tradierten Zeitmodi vollends durcheinander, sind Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft grobe Klötze gegenüber simultanen Räumen, die jede Zeit speichern und produzieren -- jederzeit. Wenn alles so oder anders gestaltet werden kann, schrumpft aber nicht nur die vormalige Zeitsicherheitszone 'Gegenwart' als Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Auch der Mensch, dessen (Körper)Identität von zyklischen Zeiterfahrungen abhängig ist, verliert im Strudel manipulierbarer Medienzeiten seine Haltegriffe.

 

Le temps c'est moi: Ich-Zeit-Souveränität

Im technologischen Umbruch der Zeitmodi und der medialen Innovationssucht erleben wir heute den vorläufigen Höhepunkt eines medialen Chronozentrismus, der klassische Zeitregime weit hinter sich läßt, ja mehr, aufsaugt. Fremd- und Eigenzeit werden verwischt, globale Entfernungen verwandeln sich in digitale Sekunden, audiovisuelle Medienfeuerwerke bombardieren stammesgeschichtlich träge Sensoren, genetisch gebrechliche Zeitwesen weichen vorgeblich unsterblichen Hyperwesen... und unser müder Körper hinkt hinterher. Im jet-lag revoltiert er gegen den 'Betrug' der Fortbewegung des unbewegt Reisenden -- Goethe konnte sich noch den Luxus des Parnass-Bewohners leisten, über Wahrnehmungsverluste beim Kutschentempo zu klagen. Heute hinterlassen mediale Reizüberflutungen eine gepeinigte Psyche -- burned out lange vor dem biologischen Ende.

Behaupteten traditionelle Lebenswelten eine Kontinuität der Örter, basierten auf einer Raumerfahrung der Verbundenheit (André Lervi-Gourhan), erschließen sich nicht nur spätmodernen Cybernomaden Zeiträume als diskontinuierliches Erfahrungsfeld -- dabei 'er-fahren' wir nicht mehr in gemächlicher Kontemplation vorbeiziehender Örter unsere Identität, sondern allenfalls retrospektiv will es uns gelingen, mediale Sprünge in der Zeit zu einem unvollständigen Mosaik persönlicher Geschichte zu wirken.

Eine vorbehaltlose Kritik medialer Beschleunigung läuft indes Gefahr, sich naiv gegen einen evolutionären Wandel der Zeit zu verwahren. Kritik der Zeit in der Zeit kann nur heißen, gegenwärtige Zeitparadigmen auf Veränderlichkeit hin zu überprüfen, subjektive Zeitsouveränität gegen mediale Zeitläufte zu gewinnen. Jedes Bewußtsein arbeitet biologisch mit Zeitschleusen, in denen subjektfremde Zeiten in subjektive Zeitgestalten umgeformt werden müssen. Ständig listen wir fremden Zeitrhythmen kostbare Eigenzeit ab, versuchen zu synchronisieren, was wir als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wahrnehmen. Wie weit reicht unsere Zeitsouveränität?

Noch gibt es keine Antizeitguerilla, keine Anarchisten fröhlicher Anachronie. Noch steht eine Kultur der Langsamkeit aus, die sich gegen vorauseilende Zukunft und nacheilende Vergangenheit wehrt. Auch der Flaneur Baudelaire, der sich den Schritt von einer Schildkröte vorgeben ließ, blieb Episode, ästhetischer spleen. Mag er auch Zenons Paradox von "Achilles und der Schildkröte" metaphorisch vertraut haben, war das doch harmlos gegen Georg Büchners uneingelöste Primärphantasie der Zeitvernichtung. Der hat schon vor dem modernen Zeitjoch Leonce die Zeit ex-terminieren lassen: "Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht..." Valerio: "Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion."

 

Zeitsouveränität als Lebenskunst

"Wie lebt man also?" lautet zuletzt die kategorische Frage, auf die kein eilfertiger Imperativ "Gehen sie mit der Zeit!" mehr kategorisch antworten wollte. Philosophie der Zeitsouveränität kann nur an die besseren Restposten abendländischer Zeittechniken anknüpfen, um das fruchtbar werden zu lassen, was nach den Erschütterungen von Eigenzeit und ihren Zyklen übrig geblieben ist. In diesem Eigenzeitbeharrungsvermögen gegenüber einer rasenden Gegenwart, die immer schon Zukunft sein will, werden alte Lebenskonzepte wiederbelebbar, die sich schon je einer simplen Fortschrittslogik widersetzten und dem späteuropäischen Bewußtsein zwar keine Zeittranszendenz gewähren, aber eine relative Zeitsouveränität, die das Leben lebbar macht. Zeitsouveränität bescheidet sich darin nicht in der Selbstvergessenheit der Gegenwartsflucht, sondern vermittelt die Zeiten von Individuum und Gesellschaft zu einem (mikro)politischen Entwurf des Selbst aus dem Geist anderer Zeitmaße. Vielleicht erscheint dann auf der Bühne des menschlichen Katastrophentheaters ein neues Subjekt olympischer Gelassenheit -- mit sich trotz seiner Widersprüche identisch, ein Wahrnehmungsfeld gesellschaftlicher Zeiten, ohne auf subjektive Präsenz zu verzichten. So wird man erst wieder relativ zeitautonom, wenn man begreift, daß sich jede Lebenszeit an den Heteronomien fremder Zeitherrschaft stößt. Nicht zuvorderst auf den hypertrophen Bildschirmen der "Welt da draußen", sondern auf den inneren Monitoren werden Zeitbilder geformt. Wer mit zyklischer Zeitdisziplin auf eine Gegenwart reagieren kann, die heute schon von morgen sein will und übermorgen bereits antiquiert ist, befreit seine Zukunft für morgen -- und mag das Übermorgen ruhen lassen. Mit anderen Worten: "Du hast wenig Zeit, also nutze sie, ohne ihr hinterherzulaufen." Dabei gibt es keinen schlichten Gegensatz zwischen medialer Beschleunigungssucht und subjektiver Gegenwärtigkeit. Erst in der Erkenntnis medialer Zeitstrukturen, in der beobachteten Pluralisierung der Zeitbegriffe lassen sich subjektive Eigenzeitmodelle inszenieren, die sich nicht den Vorwurf von Weltvergessenheit einhandeln. Zeiträson, Zeitdruck von unten auf die rasende Weltgesellschaft werden gegenüber den Provokationen einer aus den Fugen der klassischen Zeitmodi geratenen Welt notwendig. Das Subjekt muß also zeigen, ob es den medialen Anfechtungen seiner Lebenszeit überlegen ist und auch mit Zeitläuften fertig wird, die seine raumzeitlichen Bindungen unendlich provozieren -- vielleicht der Körperpolitik Boltzmanns folgend: "Ich befinde mich nicht in Bewegung; ob ich stillstehe oder ob ich gehe, mein Leib ist das Zentru ..."

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