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no. 8: zeitenwenden -> russisches leben
 

Zwischen Geduld und Verzweiflung

Russisches Leben in St.Petersburg und Roshdestweno

von Marco Serbanescu

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* druckbares

Die Aufgabe, ein Riesenreich umzustrukturieren, das 70 Jahre nach Plan regiert wurde, ist immens, und die Probleme Rußlands -- in der Stadt wie auf dem Land -- können unüberwindlich erscheinen. Doch solange auf Eigeninitiative und Zusammenarbeit gezählt werden kann, hat auch dieses Land eine Zukunft.

 

Dieses Land hat keine Zukunft, höre ich in meiner Erinnerung Olga, eine Bankangestellte, sagen. Wir diskutierten darüber, über die Hinterhöfe, in denen man fortwährend Menschen antrifft, die in den Müllcontainern wühlen, über die Geldtransporter, die man an jeder Kreuzung, allenthalben durch die Straßen fahren sieht; und am Ende kamen wir überein: es hat Eine, aber wann?

Natürlich ist die Aufgabe, neue Wirtschaftsstrukturen in einem Riesenreich zu schaffen, das siebzig Jahre nach Plan regiert wurde, immens. Geht man beispielsweise heute am Petersburger Ligowskij-Prospekt in ein Schreibwarengeschäft, findet man in den Vitrinen fünf Sorten Radiergummis, zehn Sorten Kugelschreiber, Texas-Instruments-Taschenrechner, sämtlich aus Deutschland importierte Ware, die das Doppelte kostet wie in Berlin -- und fünf Verkäuferinnen, die herumstehen und irgendwie davon leben sollen, daß jemand die Sachen kauft, die angeboten werden. Jedes Geschäft (mit im Grunde reichhaltigem, aber teurem Angebot, denn nur wenige russische Waren werden angeboten!) könnte von fünf Angestellten vier einsparen; doch zum einen verdienen die Leute ohnehin so gut wie nichts, zum anderen hätte Rußland dann gleich mehrere Millionen Arbeitslose mehr. Schon jetzt aber ist mit offiziell 8 Millionen die Arbeitslosenquote, insbesondere von Jugendlichen, sehr hoch, und daran, daß abends in den Metrostationen sechzig Prozent der Männer alkoholisiert sind, gewöhnt man sich schnell.

In knapp drei Jahren wird nun Sankt Petersburg sein dreihundertjähriges Bestehen feiern und wurde deshalb auch von Gouverneur Jakowlew (ein Parteifreund von ihm sitzt wegen Vergabe von acht Auftragsmorden in Untersuchungshaft) schon schön herausgeputzt, viele Häuser und ganze Straßenzüge sind renoviert; man sieht, es tut sich was. Für die meisten Petersburger freilich änderte sich bislang wenig: viele leben nach wie vor entweder in einer Komunalka, einer Wohnung, die sich drei oder vier Parteien teilen, oder der zweiundzwanzigjährige Ehemann lebt mit der zwanzigjährigen Braut, dem einjährigen Baby und den Eltern und der Großmutter der Braut zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, eine typisch russische Familie eben. Auf der anderen Seite: die Neuen Russen, die sich ein Neujahrs-Dinner im Sheraton-Hotel leisten, für 495 US-Dollar pro Person. Die leben nicht von der Hand in den Mund, Fleisch und Käse stehen da gewiß desöfteren auf dem Speiseplan. Man kann sich natürlich damit trösten: Novosjolow, der letztes Jahr einer Autobombe zum Opfer fiel, Ilja Weismann, der in seinem Apartment von einem Scharfschützen vom gegenüberliegenden Dach aus erschossen wurde, Kapish, auf dessen Mercedes August 98 jemand eine Panzerfaust abschoß, als er das Universitätsufer entlangfuhr, ja, das waren alles Neue Russen, und die hatten ein verdammt kurzes Leben.

Im Grunde muß man sich über die Geduld der Menschen sehr wundern, mitunter ärgert sie einen sogar: Lassen die sich denn wirklich alles gefallen? Was in den USA so manchen dazu treiben würde, Amok zu laufen, führt hier nur zu einem müden Zucken mit den Achseln. Auf der Post wird einem da erklärt, wo man die monatliche Grundgebühr für das Telefon bezahlen kann und wofür man auch ein bestimmtes Formular (Russen lieben diese mindestens ebenso wie Deutsche) ausfüllen muß. In das Gebäude allerdings wird man erst nicht eingelassen und bekommt schließlich erklärt, es gäbe diese Dokumente hier nicht. Erst nach etwa zwanzig Minuten Diskussion, sofern man sich nicht abwimmeln läßt, erfährt man: Na gut, hier haben Sie die Formulare. Alles kostet eben Zeit, Nerven und manchmal auch ein wenig Bestechungsgeld. Jeder, der nur einen noch so kleinen Posten hat, kennt offenbar kein größeres Vergnügen, als den anderen seine 'Macht' spüren zu lassen.

Dabei kann einem umgekehrt aber auch durchaus folgendes passieren: Man hält ein Auto am Straßenrand an (es dauert durchschnittlich dreißig Sekunden, bis jemand stoppt, der einen für dreißig oder vierzig Rubel hinbringt, wohin man will), das derjenige dann vielleicht nach einem angenehmen Gespräch, das man mit ihm führte, anhält, weil ihm ein Reifen geplatzt ist. Er hält einem die Tür auf und entschuldigt sich freundlich. Von den ausgemachten dreißig Rubel wird er Ihnen zehn zurückgeben, da er Sie nicht bis ans ausgemachte Ziel bringen konnte. So sind sie eben, die Russen, man mag sie zuweilen nicht verstehen, aber irgendwie gern hat man sie trotzdem.

Petersburg zeichnet sich -- natürlich nicht so extrem wie Moskau -- durch ein hohes Preisniveau aus, die Löhne sind wie überall niedrig oder werden auch gar nicht ausgezahlt, lediglich Benzin, das kulturelle Angebot und der öffentliche Nahverkehr sind günstiger als in Westeuropa. Siebzig Prozent ihres Einkommens geben heute die Petersburger darum für (oft teuer importierte) Nahrungsmittel aus, 20% für sonstige Waren des täglichen Gebrauchs; bleiben also nur knapp zehn für Freizeit, Kultur und Dienstleistungen. So ist es ein tragisches, aber nachzuvollziehendes Resultat, daß medizinische Hilfe, die eigentlich unentgeltlich ist, ohne 'freiwillige Trinkgelder' oft gar nicht in Anspruch genommen werden kann und dem Land, das in Wissenschaft, Kunst und Technik unbestritten zur Weltspitze gehört, die besten Kräfte weglaufen, um im Ausland einen gut bezahlten Job anzunehmen. Lehrer beispielsweise haben ein so niedriges Gehalt, daß sie -- wie viele andere -- noch einem Zweitjob nachgehen.

 

In Roshdestweno, einem größeren Dorf etwa 75 km südlich von Sankt Petersburg, sieht es nicht viel anders aus. Einen 'Gegensatz' von Stadt und Land findet man kaum, allenfalls eine noch ruhigere, abwartende Mentalität der Menschen. Der Ort, nur eine halbe Stunde vom internationalen Flughafen St.Petersburg entfernt, ist fast 300 Jahre alt und die Geburtsstätte eines Mannes, der in diesem Jahrhundert Furore machte: Wladimir Nabokow. Der Name des Dorfes leitet sich von dem der Kirche, Roshdestwo Preswjatoj Bogoroditzy, ab, und landschaftlich ist es sehr schön gelegen: am Südende der Tajga, von Nadel- und Birkenwäldern umgeben, der Oredesh fließt hindurch. Es gibt hier -- wie in Petersburg -- eine sehr schöne Architektur, viele interessante Gebäude wie typisch russische Holzhäuser, deren Stil auch die von den Neuen Russen gebauten nachahmen. Allerdings wird das Dorfbild durch Wohnkasernen aus Beton, die noch aus der Sowjetzeit stammen, arg gestört.

In vieler Hinsicht ist Roshdestweno so ein Bild Petersburgs, ja des heutigen Rußlands im Kleinen: die Landschaft, das bizarre architektonische Gemisch von Alt und Neu, der große Unterschied zwischen Arm und Reich -- die meisten Menschen sind arbeits- und mittellos, gleichzeitig kann man schöne Datschen der 'Neuen Russen' bestaunen. Das Dorf ist einfach: Fast jeder hat einen Gemüsegarten, manche halten sogar Vieh. Da die Leute nun auf sich selbst gestellt sind, entwickeln sie viel Eigeninitiative und Verantwortungsgefühl -- die Apathie und der Schlendrian der Vergangenheit scheinen allmählich zu verschwinden.

Auch die Schule des Ortes, die auf Gartenbau spezialisiert ist, ist natürlich knapp bei Kasse, viele Schüler können Schulausflüge und andere Veranstaltungen aus finanziellen Gründen nicht mitmachen; obendrein werden auch hier die Lehrergehälter nicht regelmäßig bezahlt, so daß viele gezwungen sind, einem Zweitjob, z.B. dem Kartoffelhandel, nachzugehen, um sich über Wasser zu halten; Kräuter vom Schulgarten werden am Straßenrand verkauft. Ein Lehrerehepaar, Swetlana und Wladimir, erhielten einen Stall statt Geld als Bezahlung, was ihnen zwar nützlich, aber auch ein wenig peinlich ist, denn Landwirtschaft gilt als Arbeit einfacher Bevölkerung, nicht für Akademiker. Die Armut, der man auch hier auf dem Land allenthalben begegnet, hängt auch eng mit dem weit verbreiteten Alkoholismus zusammen, wie man an den weggeworfenen Wodkaflaschen im Wald und am Straßenrand sehen kann. Und die Wohnungsnot ist auch hier nichts Fremdes. Anja, eine 12jährige Schülerin, teilt ein etwa 3x7 Meter großes Zimmer in einer winzigen Kommunalka mit ihrer Mutter Tatjana. Ljuba, die in Petersburg arbeitet, teilt ein ähnlich kleines Kommunalkazimmer mit ihrem Mann und dem 15jährigen Sohn, was mitunter natürlich zu Konflikten führt: Privatleben ist fast wie in der Stadt Luxus. Kaum verwunderlich, daß viele sich nach der Sowjetzeit zurücksehnen, als alles angeblich so viel besser war. In der Sowjetzeit, so hört man oft, war das Leben geregelt, diszipliniert, das Gehalt war klein, aber wurde bezahlt, und Preise waren sowieso niedriger. Fragt man indes weiter nach, endet es oftmals doch in dem "Damals waren Probleme wahrscheinlich genauso groß, sie wurden nur einfach totgeschwiegen, unter den Teppich gekehrt." Der Schuldirektor, der Geschichte und Philosophie studiert hat, sagte einmal, daß er lieber Philosophie lehre "weil unsere Geschichte ja so viel umgeändert und umgeschrieben worden ist." Daß die Kirche vor allem hier auf dem Land sonntags voll ist, verwundert daher nicht, die Menschen suchen einen Halt im Leben, sehnen sich nach lang verlorenen Traditionen zurück. Auch viele, die nicht in die Kirche gehen, sagen, sie seien gläubig pa-swoemu (auf eigenen Art und Weise).

Was die Menschen hier wie überall in Rußland brauchen, ist Partnerschaft. Wie ein Russe vom Lande es mir gegenüber einmal formulierte: "Ne nado pomoschtsch, a utschastie!" ("Hilfe brauchen wir nicht, sondern Zusammenarbeit"). Die Menschen schämen sich ihrer Armut -- wenn man zu Besuch ist, entschuldigen sie sich stets für die ärmlichen Umstände: "Wot, tak my russkie shiwjom..." ("Ja, so leben halt wir Russen"). Man hört von Westlern oft, daß das mit der Armut doch nur relativ sei, die Löhne seien zwar niedrig, die Preise aber auch, also könne es nicht so schlecht sein. Das mag vielleicht das eigene Gewissen beruhigen, ist aber doch nur bedingt richtig. Die Preise von Grundnahrungsmitteln wie Brot, Milch und Zucker sind tatsächlich für die Menschen hier noch erschwinglich, deshalb kommen alte Leute mit einer staatlichen Monatsrente von 500 Rubel (knapp DM 35,-) auch tatsächlich aus -- sofern sie einem 'Job' nachgehen, wie dem Verkaufen von Kugelschreibern auf Petersburgs Straßen für je 2 Rubel bei Wind und Wetter. Daß Vater Staat jahrelang bestimmte, wieviele Stricknadeln benötigt wurden, um den Fünfjahresplan zu erfüllen, darunter leidet Rußland augenscheinlich noch heute.

Die Leute in Roshdestweno besitzen wie in vielen Dörfern einige Hektar Land. Der sandige Boden hier ist in recht gutem Zustand, da die Menschen für ihre eigenen Gärten verantwortlich sind und sich einfach keine Kunstdünger oder Bewässerungsanlagen leisten können. Ja, es ist wahr, daß die Russen eine starke Beziehung zum Land haben. Auch die meisten Petersburger, wie überhaupt viele Stadtbewohner in Rußland haben eine Datscha mit Gemüsegarten, wodurch also die Kluft zwischen Städtern und Landbewohnern hier nicht so groß ist wie im Westen.

Die Schule in Roshdestweno hat mit den einfachsten Mitteln die Gartenbaustunden sehr gut organisiert -- weil sie sie fürs reine Überleben braucht! Als Westler kann man viele nützliche, langvergessene Tricks lernen, da die Russen das Improvisieren gewöhnt und sogar stolz darauf sind, etwas mit eigenen Händen zu schaffen.

Nicht weit entfernt von der zweitgrößten Touristenattraktion Rußlands, dem 'Freilichtmuseum' Petersburg, bietet übrigens auch Roshdestweno Möglichkeiten für Tourismus im Kleinen -- Ökotourismus, wenn man so will. Der Oredesh fließt durch einen Staudamm, wo man im Sommer baden kann, ruhige Wanderwege führen durch den Wald, und an manchen Stellen des Flußes kann man Vögel beobachten. Im Winter ist das Wasser zugefroren, Schnee liegt dann von November bis Ende März, so daß lange Zeit die Möglichkeit des Wintersports besteht. Unterkunft und Verpflegung findet man bei einer Babuschka oder einem Kolchosnik, wodurch man dann die russische Gastfreundlichkeit und den (harten) russischen Alltag erleben kann. Sorgen wegen mangelnden Komforts sind allerdings unbegründet: Die Ausstattung ist zwar einfach, aber für jemanden, der einen schönen, einfachen Urlaub ohne großen finanziellen Aufwand verbringen will, perfekt. Das Gästezimmer wird sauber, bequem und im Winter warm sein, und das Essen kommt größtenteils aus dem Garten des Gastgebers. Manche Häuser haben überdies eine Banja, im Winter ein ganz besonderes Vergnügen! Die Sprachlehrer der Dorfschule sprechen sehr gut Deutsch und Englisch, außerdem sind Russen es gewohnt, daß Ausländer ihre Sprache nicht beherrschen. Sicherheit ist hier kein so großes Problem wie in der Stadt (und selbst dort ist es -- wenn man gewisse Regeln beachtet -- keineswegs so schlimm, wie man zuerst den Eindruck hat).

Die Schüler des Ortes freuen sich auf Kontakt mit ausländischen Altersgenossen mittels Brieffreundschaften und Schulpartnerschaften. Sie sind bis zu 17 Jahre alt, waren also beim Zusammenbruch des alten Systems höchstens 9 und sind dementsprechend in manchen Beziehungen viel offener als ihre Eltern, die noch deutlich von der Vergangenheit geprägt sind. Auffallend ist, daß sie -- wie in der 'Weltstadt' Petersburg auch -- immer sehr gut gekleidet in der Schule erscheinen, 14jährige Mädchen in Minirock, Netzstrumpfhosen und mit lackierten Fingernägeln -- für einen 'Westler' zwar eher gewöhnungsbedürftig, aber es gehört eben hier dazu, chic auszusehen -- womit nicht selten die wahren Verhältnisse übertüncht werden sollen: bloß nicht arm aussehen!

Die großen Veränderungen, die augenblicklich im Land stattfinden, lassen natürlich viel Elend zurück -- viele Menschen sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land werden von der Entwicklung überrollt und bleiben auf der Strecke. Vielleicht ist es aber wirklich so, daß die Dinge zunächst einmal schlechter werden müssen, bevor sie sich wirklich verbessern können. Ob man das nun auf den alten Kommunismus oder den neuen Kapitalismus zurückführt, oder beides -- es ist eines, das alles ganz schrecklich, abartig und deprimierend zu finden, etwas ganz anderes, die Ärmel hochzukrempeln und dagegen etwas zu tun. Die Russen in Roshdestweno jedenfalls tun das.

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