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no. 8: zeitenwenden -> perspektive
 

perspektive

Die Null ist tot, es lebe die Eins! -- Warum es so schön ist, die Welt auf zwei Zustände zu reduzieren

von Georg Hehn

Letztens wollten Freunde von mir eine Waschmaschine kaufen. Sie kennen das sicher, gerade noch normale Leute, die plötzlich begleitet von verschämtem Gemurmel von wegen "Familie gründen" und "endlich zur Ruhe kommen" vor Schaufenstern mit Couchen und Kinderkleidern stehen bleiben und einen auf junge Eltern machen. Der Haupteinsatz des Verkäufers, sozusagen sein unfehlbarer Trumpf, ausgespielt auf dem Höhepunkt des kapitalistischen Rituals, war, daß seine Maschinen digital arbeiteten. Damit war für ihn offenbar jeder Zweifel ausgeräumt, daß sie nicht der geheime Traum eines jeden Kunden sein könnten, das Beste vom Besten sozusagen. Auch die schüchterne Frage, wie sich denn die Digitalität dieser Maschine wohl auf ihre Fähigkeiten auf dem Feld der Wäschereinigung auswirke, konnte nur noch verständnisloses Staunen auslösen ob solcher Zurückgebliebenheit.

Seit Jahren verbürgt uns das Zauberwort des 'Digitalen' von tausend Werbeträgern herab einen nahtlosen Übergang in die hehre Sphäre des Hightech, in der alles kühl, glänzend, multifunktional und so überpraktisch ist, daß wir gar nicht recht merken, wie es seine Arbeit schon getan hat und noch tausend praktische Serviceleistungen dazu erbracht.

Nachdem uns die Digitaluhr, dieses unvergängliche Denkmal, dieses leuchtende Vorbild technischer Verklärung, mit seinem strahlenden Mythos am Eingang des neuen Zeitalters die Richtung gewiesen hat, ist nun der Weg offen für jedermann zu Mikrowellen, die selbständig neue Katzen im Internet bestellen und nebenbei noch die Luftfeuchtigkeit anzeigen.

Man ist jetzt digital, und das heißt, alles ist schon da, eigentlich immer schon, denn wir haben uns an das große Projekt gemacht, den Übergang aus der Geschichte der Zivilisation zu streichen. Endlich gibt es kein Herumlungern mehr in irgendwelchen Zwischenzuständen; jeder weiß immer genau was Sache ist: Eins oder Null. Keine Zeiger mehr, die gemütlich zur zwölf hochbummeln, keine drehenden Scheiben am Telefon, keine ratternden Anzeigetafeln, keine verkratzten Schallplatten mehr, nur noch Datenträger, die entweder leise und perfekt in kühler Anonymität funktionieren oder restlos kaputt sind. Der Siegeszug der Digitalität hat nicht nur Rattern und Knistern überwunden, er hat auch die Kategorie der Intensität aus dem Leben beseitigt. Die ungeheure Beschleunigung des Lebens, die so gerne zitiert wird, verdankt sich größtenteils auch der Tatsache, daß wir immer weniger Zeit damit verlieren, in irgendwelchen Zwischenzuständen zu verharren oder uns zu fragen, wie gut wir etwas geschafft haben. Die Zerteilung in Einser und Nullen durchdringt vielmehr die Grundfesten unseres Weltbezugs. Noch vor gar nicht langer Zeit konnten wir gemütlich über den unendlichen, gemächlichen Weg der rationalen Zahlen von Null auf Eins hochschlurfen. Heute ist das nicht mehr drin. Digitalisierung bedeutet mehr und mehr nicht nur, daß ich entweder den Transrapid nehme und dann praktisch schon auf der Konferenz in Berlin sein werde, bevor ich so recht meine Hamburger Internetagentur verlassen habe (Eins), oder daß ich im Großstau auf der A7 stehe und weiß, daß heute gar nichts mehr passieren wird (Null), daß ich meiner Freundin in Timbuktu eine E-Mail schicken kann (Eins) oder ein Hardwarekonflikt zwischen Joystick und Holographiekarte das Betriebssystem zerschossen hat (Null). Digitalisierung als gedankliches Muster des Weltbezuges erlaubt vielmehr, Zustände jeglicher Art anhand nutzenorientierter Schnitte zu ordnen, sie erlaubt die Nihilierung des Faktors gradueller Intensität und Qualität und geht einher mit der Festlegung von Schwellenwerten, oberhalb derer eine Toleranz alle Zustände in "funktionierend" (Eins) oder "nichtexistent" (Null) unterteilt. Als gedankliches Schema hat sie dabei längst den Bereich der technischen Funktion verlassen und gewinnt duch ihre Durchdringung alltäglicher Denkgewohnheiten eine geistige, d.h. epistemologische, ontologische, soziale und politische Dimension, so die These. Computer und Maschinen tendieren dazu, je komplexer und 'moderner' sie sind, entweder perfekt zu funktionieren (wenigstens so perfekt wie ihr User), oder ein Stück irrelevanten Elektronikschrotts zu bilden. Der Übergang von einem zum anderen erfährt dabei oft keinerlei Vermittlung.

Es stellt sich die Frage, ob erstens Digitalisierung wirklich ein besseres Konzept darstellt, Funktionalität zu erhöhen, und ob zweitens das unterstellte 'Überfließen' des rein technisch Digitalen auf nichttechnische Lebensaspekte nicht einen unbewußten und keineswegs erfreulichen Prozeß darstellt. Der Kategorie des Digitalen nachgespürt scheint sie auch zunehmend anwendbar darauf, daß nicht nur die Musik, die ich abends zu hören keine Zeit mehr habe, nicht mehr knistert, sondern auch zum Beispiel, daß nun nicht mehr alle meine Freunde wie früher einen mehr oder weniger knisternden und kaputten Plattenspieler von ihren älteren Brüdern besitzen, sondern die einen ein knisterfreies CD-ROM Laufwerk und die anderen gar nichts mehr, um Musik zu hören. Dies erklärt sich digital dadurch, daß die einen eben einen Job haben, vorzugsweise in tollen Agenturen mit Fünfzig-Stunden Wochen (Eins) und die anderen gar keinen Job und noch nicht mal Anspruch auf Arbeitslosenhilfe (Null). Andererseits hat überhaupt niemand mehr große Brüder (Null), aber die einen brauchen auch keine mehr, weil ihre Eltern ihnen ihr Appartment und die Studiengebühren ohnehin bezahlen (Eins), und die anderen als Schulabbrecher keine Lehrstelle finden, weil ihre Eltern irgendwann nicht sicher wußten, wie man Gymnasium schreibt (oder die Gebühren nicht zahlen konnten) und sich keine Blöße geben wollten (Null).

Sicher, es lassen sich auch umgekehrt Analogisierungen feststellen: Während früher im Osten die kinderfressenden Kommunisten nur darauf lauerten, uns alle auszulöschen (Null) und uns die heldenhaften Verteidiger der freien Welt davor bewahrten (Eins), ist das Geschehen heute durch viele verwirrende Zwischentöne bereichert worden. So überrascht wie alle waren, muss diese Analogisierung aber wohl eher als Unfall auf dem Weg der umfassenden Digitalisierung gesehen werden, weshalb auch gleich wieder die Bemühungen einsetzen, die Welt zu digitalisieren einerseits in vorzugsweise südliche Rohstofflieferanten und dankbare Waffen- und Müllempfänger (Null) und andererseits in sich von Börsenkursrekord zu Börsenkursrekord schwingende Industrienationen (Eins) -- wahlweise auch in fanatische Moslemfundamentalisten und multikulturelle Global Players, je nach Geschmack.

Aber vor allem ganz nah im Mikrokosmos läßt sich Digitalisierung entdecken. Früher hatte ich zwar eine reelle Chance, ein Buch im leicht verwahrlosten Zettelkatalog meiner Stadtteilbibliothek zu finden, aber sie war mal größer, mal kleiner, immer nur durch eine rationale Zahl bezifferbar. Heute zeigt mir der direkt ans Internet angeschlossene Computerkatalog entweder alle einhundertzwanzigtausend Bücher an, die die Menschheit bisher zu diesem Schlagwort verfaßt hat und wieviel die Library of Congress davon besitzt (Eins), oder ich habe 'Halluzination' aus Blödheit mit "o" eingetippt, das Terminal ist mal wieder abgestürzt oder der Strom weg (Null). Dann weigert sich meine Bibliothek übrigens, überhaupt zu öffnen und mich wenigstens die Tageszeitung lesen zu lassen (Doppelnull).

Auch wir selbst digitalisieren uns. Entweder wir gehen morgens zur Arbeit, nachdem wir sofort nach dem Wachwerden von Null auf Hundert (Eins) geschaltet haben und sind dann den ganzen Tag die unglaublich dynamischen, energiegeladenen, sozialkompetenten Leistungsbringer, wie sie unsere Firma erwartet (Eins), oder wir bleiben im Bett und rufen den Arzt an, um uns zur Krebstherapie anzumelden -- und am besten gleich unsere private Krankenkasse hinterher; oder aber wir rechnen uns einfach aus, was wohl aus unserer Pflegeversicherung rausspringen würde -- beides Null.

Entweder gehören wir dazu zur jungen neuen Spaßgesellschaft, haben wir Aktien bekommen, sind wir Bürger der EU oder USA, springt unser Auto an, bekommen wir den Job -- oder eben nicht.

Das Bedenkliche an der Digitalität ist, daß sie radikal neu ist und daß sie absolut ist. Beides kollidiert gewöhnlich mit der Pragmatik, d.h. dem Leben, um so heftiger, je weniger die beiden Eigenschaften bewußt sind. Digital bedeutet eben nicht "gar nicht" oder "so viel wie geht", sondern "Sein oder Nichtsein." Es gibt keinen Übergang zwischen den beiden Zuständen, denn beides sind eigene Zustände, Strom oder nicht Strom, und nicht zwei Zustände einer Entität. Eine Null wird niemals zur Eins, denn sie kann bei keiner rationalen Zahl anfangen, an ihrem potentiellen Einssein teilzuhaben. -- Oder transzendental (für die Philosophen unter uns): die Bedingung der Möglichkeit zur Eins ist nicht gegeben und sie damit kein Gegenstand möglicher Erfahrung der Eins. Die Eingeborenen sind kein mögliches Element der Erfahrungswelt der Touristen im Robinsonclub (es sei denn, sie nehmen sie als Geiseln). Die Null ist nicht einmal das Gegenteil von Eins, was noch logisch erschließbar wäre, sondern seine Aufhebung. Der digitale Sprung ist qualitativ, nicht quantitativ anders als ein analoges System. Er ist gerade kein analoges System, in dem alle Zustände auf Eins oder Null gerundet wurden. Er ist von seiner Idee her anders.

Den meisten Leuten ist dies nicht klar, so scheint es, wenn überall 'digital' zum Synonym für 'gut' und 'modern' geworden ist und 'analog' entsprechend Synonym für 'alt' und 'schlecht'.

Vor allem aber scheint verblüffend, warum Digitalität funktional überlegen sein soll. Schaut man in die Welt, so scheint mir rundum alles analog zu funktionieren und das aus dem guten Grund, daß es auch noch funktioniert, wenigstens halb, oder viertel, oder wenigstens ein sechzentel, wenn die Welt wieder einmal von einem unvorhergesehenen Zustand in den anderen gerutscht ist und wieder alles anders gekommen ist als gedacht. Computer geben bei solchen Gelegenheiten gerne einfach die Fehlermeldung "schwerer Ausnahmefehler" aus und waren als solche nicht mehr gesehen.

Ich frage mich, warum das Neueste, Coolste und Beste sein soll, die dreidimensionale Welt voller Intensitäten und Übergänge mit unendlicher Mühe über zahllose Mechanismen mit so kryptischen Namen wie TCP/IP, HTML, winini.sys und ASCII in lauter Nullen und Einser zu zerlegen, sie in dieser Form eindimensional durch Kabel, Glasfaser und Funksignale zu trichtern und ebenso mühevoll wieder zusammenzusetzen zu etwas, das um so toller sein soll, je mehr es seine digitale Herkunft verschleiern kann. Wenn das so ungeheuer clever ist und nicht so geradezu steinzeitlich mühsam, wie es mir vorkommt, warum gibt es dann überhaupt nichts, das digital funktioniert außerhalb dessen, was wir uns ausgedacht haben?

Letztens blieb ich in einem Kaufhaus bei den Kameras stehen, und der Verkäufer legte sich gleich eifrig ins Zeug, denn ich sah wohl so aus, wie Leute, die sich teure Kameras kaufen. Er erklärte mir begeistert eine brandneue Aufnahmetechnik, die vollständig digital sei und darum das Beste vom Besten. Ich sagte, ich hätte aber lieber eine Kamera, die nicht alles in kleine graue Einser und Nullen aufbricht, sondern lieber eine, die das Spektrum der Welt so ablichtet, wie es mir eben erscheint, schlechter oder besser, das aber genau so. Der Verkäufer sah mich einen Moment an und entschied dann wohl für sich, daß ich einer jener Spinner sei -- welche immer das waren --, riß mir die Kamera aus der Hand, drehte sich um und würdigte mich keines weiteren Wortes mehr (DoppelNull).

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