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no. 8: zeitenwenden -> globalisierung und interkulturalität
 

Globalisierung -- und Interkulturalität

von Thomas Wägenbaur

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* literatur
* druckbares

Egal mit wem man spricht, fast jeder folgt seinem eigenen double standard: Der Schriftsteller aus Montenegro wirft den Serben Nationalismus vor und propagiert stattdessen die eigene, selbstständige montenegrinische Literatur; der deutsche Politiker propagiert Sanktionen gegen Österreich und möchte gleichzeitig Rußland am liebsten auf die Warteliste zur EU setzen; das italienische Textilunternehmen läßt seine baggy-pants in Bulgarien produzieren und ärgert sich, wenn die amerikanische Kette die gleichen zum gleichen Preis aus Mexiko importiert usw. Globalisierung ist eine zweischneidige Angelegenheit -- und Interkulturalität wohl auch. Die Frage ist, ob wir es hier mit einem Phänomen der Zeitenwende zu tun haben oder ob hier nur etwas so deklariert wird, das sich schon sehr viel länger angekündigt hat. Wenn es sich denn um ein epochales Phänomen handelt, fragt sich schließlich, wie wir damit umgehen sollen -- und wie wir damit zurecht kommen werden.

 

Die Rede von Globalisierung -- und Interkulturalität -- birgt Versprechen und Gefahren, und für jeden ist das zuerst einmal Ansichtssache. Verbirgt sich hinter dieser Rede tatsächlich ein Strukturwandel oder hat sich nur wieder die Semantik geändert? Die Globalisierung begann mit der ersten Wanderung des homo sapiens sapiens out of Africa, setzte sich fort mit den Völkerwanderungen und führte zu den ersten historisch dokumentierten Konflikten zwischen Bauern und Jägern, Bürgern und Nomaden. Längst vor diesen Dokumenten bestimmte aber wohl der Kampf um die bessere Technologie die Be- und Entvölkerungskurven. Der einzelne mußte sich in der Gruppe behaupten, die Gruppe sich im Stamm, der Stamm sich gegenüber anderen Stämmen -- den evolutionären Vorteil verschafften immer nur die Medien der Kommunikation, der Produktion und der Erkenntnis. Es ging darum, die Gruppe zusammenzuhalten, sie zu unterhalten und sie zu 'kultivieren', sei es mit Hilfe der Sprache, der Werkzeuge und -- nach der oralen Erinnerung -- der Schrift und der Kunst. Schließlich zeigte sich die quantitative Exponentialität der zivilisatorischen Entwicklung: Mit der Technologie beschleunigten sich die Transportmittel und die Prothetik der Sinne (Fernglas, Mikroskop, Kompaß, Sextant etc.). Mit der Zunahme des Wissen von der Welt nahm die Bedeutung des einzelnen ab -- es wurden ja auch immer mehr. Mehrfach wurde der Mensch 'gekränkt': Erst stand er nicht mehr im Zentrum des Universums, dann verlor er den Glauben an die transzendenten Mächte, bald konnte er sich auch seiner selbst nicht mehr sicher sein, und schließlich sollten Maschinen laufend viele Dinge besser machen als er selbst, bis zu dem Punkt, an dem er sich in seinem eigenen Geschöpf nicht mehr wiedererkennen wird. Heute siedelt der Mensch (fast) überall, Kommunikation kennt (fast) keine Distanz mehr, er weiß (fast) alles, er ist zu (fast) allem in der Lage -- nur über die 'Kultur' sind wir uns noch nicht ganz einig, also darüber, was von all dem zu halten ist. Oh, wir sind uns überhaupt nicht einig: Bis heute nimmt die Zahl der Kriege und der absoluten Opfer zu.

Sicher ist dies nur eine Version der Geschichte der Menschheit, aber es ist schwer eine andere zu erzählen, und es ist schwer, Globalisierung -- und Interkulturalität -- nicht im Rahmen dieser Geschichte als einen gewissermaßen kontinuierlichen Prozeß zu beschreiben. Es ist dies ja nur eine Beschreibung und kein Postulat einer Teleologie: Es hätte so vielleicht nicht kommen müssen, aber es ist so gekommen. Die Zeit der großen Utopien ist verflogen, von der sozialistisch-kommunistischen Idealgesellschaft wird in keiner relevanten Öffentlichkeit mehr geträumt. Fortschrittsträume mit dem Endziel eines technisch realisierten Paradieses sind nicht gerade populär. Vorbei ist auch die Zeit der apokalyptischen Ängste und der großen Protestbewegungen. Auch wenn es keinerlei Grund zur Entwarnung gibt, ökologische Krisenszenarien und Probleme der Überbevölkerung tauchen in öffentlichen Diskursen nur noch selten auf. Die Zukunft stellt weder eine Gefahr noch ein Versprechen dar. Vom 'Ende der Geschichte' kann dann gesprochen werden, wenn Vergangenheit als Vorlauf für die Zukunft bedeutungslos geworden ist. Wir befinden uns -- schon länger -- im 'rasenden Stillstand' und dennoch drängen sich Globalisierung und Interkulturalität als Selbstbeschreibung (eines großen Teils) der Weltgesellschaft auf. Es ist, wie wenn sich 'auf einmal' doch ein Epochenbruch ereignete, der weder aktiv angestrebt oder passiv erlitten wird, der weder das ist, was wir uns erträumt haben, noch wovor wir uns fürchteten, der weder von links noch von rechts kommt, der sich weder um Sprach- noch um Kulturgrenzen kümmert, Politiker überrumpelt und Konzernchefs zum Handeln zwingt. Auf einmal wird hier eine Dynamik thematisiert, die wohl zugleich in den Absichten der Menschen und den Kräften der Natur ihre Ursache hat -- nur daß jede zentrale Steuerung zu fehlen scheint. In den Medien ist die Rede vom "Wandel zur Informationsgesellschaft", zum "virtuellen Zeitalter", vom "Ende der Politik", von "Weltgesellschaft" usw. Der Spiegel titelt: "Die Welt im 21. Jahrhundert" und konstatiert in der ersten Folge: "In allen Bereichen des Lebens kündigt sich ein umfassender Epochenwechsel an." Und fragt zugleich: "Aber werden Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Menschheitsprobleme lösen können?" Das Neue ist die Sache der Nachrichten-Medien und ganz neu wäre Steuerbarkeit. Alt-bewährt ist dagegen der Satz: "Die Lösung des Problems reproduziert das Problem". Globalisierung ist eben Ansichtsache: aus der Perspektive der Menschheitsgeschichte "hat es so kommen müssen," aus der Perspektive der Diskursvielfalt erscheint sie als ganz neue Erkenntnis. Machen wir also noch ein paar weitere Beobachtungen, immer so, als ob unser Standpunkt unabhängig von der Dynamik sein und sie nicht immer nur selbst befördern könnte. Daß Globalisierung zu einem erheblichen Teil geradezu magisch 'dahergeredet' wird, beweist tagtäglich die Börse, an der es vor allem darum geht, ob in einer Aktie noch 'Phantasie' steckt oder ob nur ihr realer Marktwert gehandelt wird: amazon.com hat noch kaum einen Dollar Gewinn gemacht, könnte aber aufgrund seines Börsenwerts Daimler-Chrysler schlucken.

Paradoxerweise ist es das Nachrichten-Medium -- in diesem Fall der Spiegel -- , das nach Steuerung fragt und Teil der allgemeinen Kommunikationsmedien ist, das für die Dynamik der Globalisierung und Interkulturalität noch am ehesten verantwortlich gemacht werden könnte. 'Könnte', denn Ursache und Wirkung sind hier längst nicht mehr auseinanderzuhalten: "the medium is the message", wie jeder weiß. Man nehme nur das Internet als neuestes Massenmedium: Es erweist sich mehr und mehr nicht als mediales Mittel zum Zweck der Kommunikation, sondern umgekehrt als Akteur zwischen den Menschen, seine Botschaft enthält vor allem sich selbst. Man glaubt es erst nicht, wenn man sich im Stile der Briefpost Botschaften zumailt oder sich nach Art der Litfaßsäule Informationen herunterlädt. Dennoch, der gesamte IT-Komplex bewirkt und formt Dynamiken in allen gesellschaftlichen Bereichen, von umfassender Penetranz und Normierungskraft, der sich keiner, der nicht ausgeschlossen sein will, entziehen kann -- außer denen, die sich verweigern bzw. es sich nicht leisten können. Bevor man es im bereits selbstverständlichen Alltag von e-mail und Internet bemerkt, hat einen die Dynamik erfaßt, die erst jetzt mit 'Globalisierung' bezeichnet und damit wahrgenommen wird. Nicht die technologische Entwicklung ist so revolutionär, ihre Diskursivierung ist es -- und trägt damit massiv zur technologischen Entwicklung bei.

Ständig wachsende Speichermedien führen zum overflow der Information und erfordern ständig leistungsfähigere Darstellungs- und Ordnungsformen des Wissens. Sie potenzieren die Universaltendenzen des Kommunikationsmediums Geld und beschleunigen die Globalisierung der Wirtschaft zu einem gigantischen Weltmarkt, der besonders vom boom der Kommunikationsmedien selbst profitiert und immer weniger von der Produktion von Gütern, die über solche Medien vertrieben werden (könnten).

Die Produktion von Massenmedien folgt zunehmend universalen Standards, aber die globale und irreversible Verkehrung der Zweck/Mittel- und message/medium-Relation hat entscheidende Konsequenzen für die Inszenierung von Öffentlichkeit. Die Massenmedien Zeitung, Radio, Fernsehen dienten dazu, Öffentlichkeit dort herzustellen, wo man sich nicht mehr gemeinsam auf dem Marktplatz treffen konnte, sie werden aber in dieser Funktion an dem Punkt obsolet, an dem ein durchgängiger technischer Code allen zugänglich wird. Schon das massenhaft diversifizierte Nachrichtenangebot auf einer Unzahl von Fernsehkanälen läßt das für eine Demokratie unverzichtbare Gefühl, in einer gemeinsamen Welt zu leben entweder implodieren -- oder explodieren. Es kommt also zu einer Art Bifurkation, und das vermittelt wohl tatsächlich so etwas wie das Gefühl einer 'Zeitenwende'. Entweder man stemmt sich gegen Globalisierung und sieht in der medialen Dynamik die Zerstörung von Demokratie, oder man affirmiert Globalisierung und hofft in der Zerstörung regionaler Öffentlichkeit auf die globale Demokratie. Das mag zwar Ansichtssache sein, aber keiner wird sich so recht nur auf die eine oder die andere Sicht versteifen wollen -- und dennoch scheinen sie sich auszuschließen.

An diesem Punkt scheinen wir uns dem Mittel -- also dem Medium -- auszuliefern, und das erscheint deshalb fatal, weil wir uns damit keine Gedanken über Zwecke -- also die messages -- mehr machen. Es reicht, wenn wir möglichst viel Geld verdienen, der Zweck war seit jeher -- bei Großverdienern -- mehr Geld zu verdienen. Ein Bill Gates kommt mit dem Ausgeben seines Geldes anscheinend kaum mehr nach und ist somit symptomatisch für die Eigendynamik der medialen Revolution, die formal-technische Universalität mit inhaltlich-sozialer Leere bezahlt. Mediale Hypertrophie und soziale Dystrophie sind die bestimmenden Tendenzen der Globalisierung -- und auch die der Interkulturalität?

Da gibt es doch noch die 'imaginative communities' oder auch die virtuellen Gemeinden, die schon längst keine nationalen oder kulturellen Grenzen mehr kennen und über alle ideologischen und staatlichen Grenzen hinweg ihre Interessen einander mitteilen. Zur Anfangszeit des Internets wollte man darein noch Hoffnungen setzen, heute besteht eher schon die Gefahr, daß Regierungen im Dienste regionaler Interessen einer globalen Wirtschaft diesen Datenaustausch eines möglicherweise 'global brains' zu unterbinden versuchen werden. Das Perfide an der Globalisierung ist ihre jeweils ideologische Besetzung: Die Wirtschaft wird sie affirmieren, dort wo sie davon profitiert -- die Öffnung der Märkte -- aber bekämpfen dort, wo sie 'unfairen' Wettbewerb befürchtet. Nicht anders verhält sich der Einzelne, der einerseits seinen öffentlichen Aktionsradius erweitern kann, aber gleichzeitig seinen privaten Standort gefährdet sieht. Alle befinden sich immer, wenn auch mehr oder weniger, zugleich auf beiden Seiten des Epochenbruchs, und jeder muß sich laufend entscheiden, ob er sein Geld in Aktien anlegt oder gegen ein Treffen der WTO (Welt-Handels-Organisation) Sturm läuft. Jeder befindet sich dauernd am Punkt der Bifurkation, an dem er die unsichtbare Dynamik der Globalisierung managen können sollte. Um die Frage des Spiegels zu beantworten: gefragt ist Komplexitätsmanagement -- nur, was ist das?

Globalisierung als Sieg des Kapitals, als 'McDonaldisierung', scheint durch den Erfolg technischer und medialer Standards unaufhaltsam, doch was dies für Kultur und die Kulturen bedeutet, ist noch nicht abgemacht. Andernfalls wäre es so, daß sich Gesellschaftstruktur und Semantik immer entsprechen müßten -- und das tun sie, wie die Geschichte lehrt, eben nicht. In kultureller Hinsicht beobachten wir gegenwärtig eine Homogenisierung unter dem Primat der Ökonomie (McDonaldisierung) oder eine Heterogenisierung unter dem Primat fundamentalistischer Ideologien (Huntingtons Kampf der Kulturen), aber da sich diese Phänomene gegenseitig bedingen, müssen sie sich der übergeordneten Beobachtung einer Hybridisierung unterordnen. In gewisser Weise gibt die gute alte Dialektik einen Hinweis darauf, wie sich Positionen überholen (müßten) und wie komplexe Zusammenhänge sich selbst steuern (könnten). Wir haben es also nicht zu tun mit McWorld versus Jihad (Barber 1998), sondern jeweils mit einem Dritten, das sich kulturell zwar momentan manifestiert, aber sich sofort auch wieder überholt haben wird. Das sieht dann ungefähr so aus:

  1. Je stärker ein kultureller Standard global 'vertrieben' wird, desto mehr regionale Varianten werden sich bilden -- je nach Kontext wird er unterschiedlich interpretiert.
  2. Auch der asymmetrische Kulturkontakt ist reziprok -- die regional unterschiedlichen Interpretationen werden die globale Kultur-Autorität unterminieren.
  3. Die Hybridkultur formiert sich in interkulturellen -- oder virtuellen -- Gemeinschaften, deren Vertreter sich nicht mehr nur einer Kultur zugehörig fühlen und diese Vertreter werden durch die ökonomische, technische und mediale Globalisierung immer zahlreicher: Migranten, Manager, Mitarbeiter multinationaler Unternehmen, weltreisende Experten, Akademiker etc. Hier werden Standards plural interpretiert, d.h., auch Ansichten, die sich widersprechen, werden zu übergeordneten Ansichten, die man teilt: "wir sind uns einig, nicht einig zu sein." Besonders die globale Durchsetzung von Menschenrechten ließe sich nur so erreichen.
  4. Interkulturalität manifestiert sich in der grenzüberschreitenden Bewegung, sie kommt nicht zur Ruhe, sperrt sich der Kontrolle, weil sie laufend die Perspektive umkehrt und den Beobachter beobachtet, ihre Standards sind spontan und variabel -- die ökonomische, technische und mediale Globalisierung jagt ihr hinterher. Interkulturalität erzeugt den semantischen Mehrwert aus den strukturellen Vorgaben von Ökonomie, Technik und Medien, den letztere nur zu gerne vermarkten -- und doch nie kontrollieren können. Der Grund liegt einfach in der zeitlichen Differenz zwischen Produktion und Konsum, in der der Konsument mit dem Produkt macht, was er oder sie will, Zeit der Interpretation also, die sich dem Produktionszyklus entzieht. So gesehen ist Interkulturalität eine Beschreibung dessen was passiert, und von der wir lokal zwar hart getroffen sein mögen, weil wir unsere 'Authentizität' verlieren, von der wir aber global profitieren, denn wir gelangen über unsere 'Deauthentisierung' zu immer neuen Interpretationen unserer regionalen Identität. Diesen Vorgang könnte man auch als kulturelle Evolution beschreiben, um noch einmal auf eine a-telelogische Form von Geschichte zu verweisen, die keinen Anfang und kein Ende kennt.

In der Hybridisierung schließen sich Homogenisierung und Ausdifferenzierung nicht aus, sondern gehen zusammen. Natürlich verbreitet die Globalisierung bestimmte Standards, aber zugleich konturieren sich kulturelle Besonderheiten und lokale Lebensweisen erst vor dem Hintergrund der Globalisierung. Mit der Dominanz der Globalisierung in Ökonomie, Technik und Medien fangen die kulturellen Regionalismen an, sich zu behaupten. Auch wenn es zynisch klingt, aber erst mit dem Kolonialismus betraten die kolonisierten Völker die Bühne des Weltgeschehens, was letzten Endes zum entsprechenden Abtritt der Kolonialreiche führte. Man hätte gerne eine andere Geschichte, und doch war der Kolonialismus nur eine geschichtliche Reprise, wie sie sich auch heute in veränderter Form wiederholt: Die Positionen von Herr und Knecht durchdringen sich gegenseitig -- es ist alles nur Ansichtssache und eine Frage der Zeit.

Globalisierung und Interkulturalität bergen Chancen und Risiken, Umkehr und Abkopplung scheinen ausgeschlossen, wir sind auf Gedeih und Verderb einer Dynamik ausgeliefert, die wir immer auch uns selbst zuzuschreiben haben, und die längst nicht mehr durch Vatermord oder Tyrannenmord zentral zu steuern wäre. Was heißt dann Komplexitätsmanagement? Mithalten mit der ökonomischen, technischen, medialen Entwicklung einerseits, Engagement in der interkulturellen Vernetzung andererseits, immer noch die globalen Gegensätze wahrnehmen und sie verstehend unterlaufen. In der Praxis heißt das, keine globale Ökonomie, Technologie und Medien zu vertreten ohne Rücksicht auf die regionalen Bedingungen von Ökonomie, Technologie und Medien. Es hat letztlich keinen Sinn, globalen Kapitalismus zu predigen, wenn den meisten Menschen auf der Welt das Kapital dazu fehlt, es hat keinen Sinn, globale technologische Standards durchzusetzen, solange den meisten dazu die hardware fehlt, und es hat keinen Sinn, Medien global zu vereinheitlichen, wenn kulturell doch ständig alles anders interpretiert wird. "Keinen Sinn" bezieht sich nicht auf eine Metaphysik, sondern auf die systemische Logik der globalen Dynamik, denn an ihrer extremen Ausdifferenzierung kollabieren die Systeme: Der Standard, den zum Beispiel Microsoft gesetzt hat, wäre in ein paar Jahren sowieso längst überholt gewesen und zwar deshalb, weil er sich global durchgesetzt hat und jede weitere Entwicklung dadurch verpaßt. Angesichts von Globalisierung -- und Interkulturalität -- besteht also kein Anlaß zu messianischer Hoffnung, aber auch keiner zu apokalyptischer Angst, nur einer zu immer genauerer Beobachtung dessen, was jeweils geschieht und (nie nicht nur) einen selbst betrifft.

Heißt Globalisierung dann, es geschieht, was geschieht? Nein, denn es geschieht ganz bestimmt nicht ohne Beobachtung derer, die beobachten -- was laufend Anpassung und Veränderung bewirkt. Die Industrie beobachtet Trends, um sie zu vermarkten, die Verbraucher konsumieren Industrieprodukte, um aus ihnen zu machen, was sie wollen. Dieses Schema von nachgeholtem Angebot und vorlaufender Nachfrage -- oder umgekehrt -- wird durch den kommenden e-commerce nur beschleunigt werden, aber prinzipiell wird sich an der Zeitdifferenz zwischen Medialisierung und Interpretation -- soziologisch verstanden: zwischen Kollektivierung und Individualisierung -- nichts ändern können und die Weltgesellschaft in eben der Dynamik 'verharren', die heute mit Globalisierung und Interkulturalität bezeichnet wird. Es geschieht eben (kollektiv) nicht das, was geschieht, sondern es geschieht immer etwas anderes als man gerade (individuell) noch beobachtet hat -- nur ohne Beobachtung wäre nichts geschehen, und das ist nicht denkbar.

Komplexitätsmanagement als Berücksichtigung der lokalen Bedingungen von Globalisierung wird gewissermaßen zu einem universalen Verhaltenskodex führen, die jeweilige Handlungs-Moral immer wieder ethisch neu begründen müssen, wenn sich Chancen und Risiken einigermaßen die Waage halten sollen. Ansätze dazu haben längst eine Geschichte, die eine solche Gratwanderung widerspiegelt: die Genfer Konventionen, die UN, das Haager Tribunal etc. Institutionen, denen man nicht trauen sollte, ohne die Politik aber auch gar nicht mehr denkbar ist. Es ist abzusehen, daß mit zunehmendem Verlust nationaler Souveränität durch Globalisierung und Interkulturalität immer mehr Staaten und Individuen Zuflucht zu solchen Institutionen nehmen oder Anspruch auf diese werden erheben müssen. Das wird eines Tages auch für den Sieger des kalten Kriegs und des Liberalismus gelten, ohne den die Anfänge dieser weltumspannenden Institutionen ja auch gar nicht hätten gemacht werden können. Noch wehren sich die USA zum Beispiel gegen eine Teilnahme an einem Weltgericht, aber gerade der Weg in eine solche Isolation wird auch zur Umkehr führen. Schließlich werden sich die USA ihrer 'historischen Rolle' bewußt werden, ist doch in keiner Demokratie Politik so von 'Moral' geprägt. Isoliert sich der Sieger, wird er schnell zum Verlierer -- die USA werden das schneller merken als manch anderes und vor allem noch totalitär regiertes Land.

Das Paradoxe an der Geschichte von Globalisierung und Interkulturalität ist, daß es niemals so auf den einzelnen ankam, obwohl es immer mehr werden und er/sie immer weniger relative Macht zu haben scheint. Aber anders ist die Gestaltung der Welt nicht denkbar, will man sie nicht nur den Kräften des Marktes oder der bloß kontingenten Evolution oder einer Verbindung beider überlassen. Rechtssubjekte werden sich -- wohl oder übel -- Kollektivsubjekte schaffen müssen, und sie haben das immer auch schon eingesehen und getan. Es ist letztlich eine pessimistische Sicht auf Globalisierung, die Interkulturalität willkommen heißt, weil sich so Menschen über alle Grenzen hinweg über eine Welt verständigen können, die noch andere als bloß ökonomische Maßstäbe für Politik wird anerkennen müssen.

 

autoreninfo 
Prof. Dr. Thomas Wägenbaur M.A. in Komparatistik, University of California/Berkeley; Ph.D. in Komparatistik, University of Washington/Seattle, 2000-2009 Prof. of Cultural and Cognitive Studies und Director of Liberal Arts an der International University in Germany/Bruchsal. Zur Zeit freier Dozent und Kommunikationsberater. Veröffentlichungen zu Literatur-, Kultur- und Medientheorie. Forschungsschwerpunkte: natürliche vs. künstliche Sprachverarbeitung (Philosophy of Mind); Postkolonialismus und Globalisierung; Kognition in der Entscheidungstheorie.

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