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no. 8: zeitenwenden -> editorial
 

editorial

Der Wunsch nach etwas tasächlich Neuem wächst aller Wahrscheinlichkeit nach reziprok zu der Geschwindigkeit, mit der man sich im Kreise dreht. Der Gedanke des notwendigen Fortschritts und der unentwegten Überbietung alles bisher Dagewesenen als einzig akzeptablem Gütesiegel hat sich aller ernüchternden Katastrophen zum Trotz unserem Denken derart tief eingebrannt, daß nichts schwieriger zu akzeptieren scheint, als die Möglichkeit, die menschliche Existenz könne ungeachtet aller technischen Errungenschaften immer noch in denselben altbekannten Absurditäten bestehen. So hat es letztlich wenig Spuren hinterlassen, daß wir uns dem intellektuellen Diskurs zufolge seit nunmehr ungefähr 30 Jahren in einer bloßen 'Nachzeit' befinden, in der ein Ende das andere jagt: Ende der Geschichte, Ende der Moderne, Ende der großen Erzählungen und Ideologien, Ende der Industriegesellschaft ... Selbst das noch am ehesten greifbare Ende in dieser Reihe, das Ende des kalten Krieges, ist zehn Jahre danach schon fast wieder vergessen. Zum Nachdenken bleibt da kaum Zeit, so schnell treibt eine Entwicklung voran, die sich beständig in die Zukunft projiziert und Vergangenheit und Gegenwart nur noch als den dazu notwendigen Treibstoff verbraucht. Vermarkten läßt sich schließlich nur das Neue, und so muß die Zeit sich beständig wenden, etwas Unbekanntes anbrechen oder bereits angebrochen sein, damit die hyperaktive Maschinerie einer produktionsbesessenen Gesellschaft nicht zusammenbricht. Inhalte werden da schnell Nebensache, wenn nur überzeugend genug Veränderung suggeriert werden kann.

Beinahe emblematisch steht einem hier der ins Gigantische aufgeblähte Jahreswechsel ins 21. Jahrhundert vor Augen, der mittlerweile -- wenn überhaupt -- nur noch als Marketingereignis im Gedächtnis bleibt. Wer erinnert sich (ein halbes Jahr später!) noch ernsthaft an den Millenium-Bug und das Y2K-Problem? Und doch war hier ein geradezu ideales Szenario geschaffen: Im Moment des Schrittes ins gelobte Land des nächsten Jahrtausends würden die Computer, die Garanten dieser Zukunft selbst, eine von ihnen abhängig gewordene Zivilisation ins Chaos stürzen. Und dies alles noch dazu aufgrund desselben arbiträren Datumswechsels, der Anlaß zu den hochfliegendsten Zukunftsphantasien bot. Ein Milleniarismus der besonderen Art, der in zeitgemäßer Ambiguität euphorischen Neuanfang und apokalyptische Hysterie auf ein und denselben Moment zusammendrängte. So kam es auf der einen Seite zu einem an Sinnlosigkeit teilweise kaum noch zu überbietenden Bestenlistentaumel, in dem die highlights des zu Ende gehenden und zumeist notwendigerweise auf seine letzten 50 Jahre zusammengestauchten Jahrtausends kompiliert wurden, um den unbeschwerten Eintritt in die schöne neue Welt des nächsten Jahres zu ermöglichen, während auf der anderen Seite Bunker ausgehoben, Reis gelagert und Kerzen gehortet wurden, für den Fall, daß die fieberhaft arbeitenden Informatiker ihr heroisches Rettungswerk nicht rechtzeitig würden beenden können. Mit großem finanziellen Aufwand und Erfolg wurde so eine Zeitenwende inszeniert, die die Wende aller Wenden zu werden versprach. Doch als die Uhren dann nach monatelanger Hysterie endlich umsprangen, tat sich schlicht und einfach -- gar nichts, und bereits am zweiten Januar 2000 konnte das Leben wieder seinen gewohnten Gang gehen, als sei da nie etwas gewesen. Bis zum nächsten einschneidenden Medienspektakel.

So ist die Rhetorik des Neuen und der Zeitenwende stets mit Vorsicht zu genießen, denn man mag die globale Informationsgesellschaft und das postindustrielle Zeitalter noch so sehr herbeireden, tatsächlich verändert hat sich damit noch gar nichts, und erst recht nicht zum Besseren. Der Internetanschluss allein hat noch niemanden von gesellschaftlichen Zwängen befreit, und das Handy, mag es über noch so viele Gadgets verfügen, verbessert nicht die Kommunikation. Schiffe versenken läßt sich auch mit Papier und Bleistift spielen, man braucht dazu nicht unbedingt ein Mulitmedia Plug-in.

All dies soll jedoch nicht suggerieren, es stünde zur Zeit nichts auf dem Spiel. Ganz im Gegenteil, die Entwicklung und Weiterentwicklung der neuen Medien, die zunehmende Vernetzung unseres Planeten und die damit einhergehenden kulturellen Herausforderungen sowie das wachsende Wissen in Medizin, Naturwissenschaft und Technik sind nicht einfach nur fauler Zauber, sondern fordern konkrete Entscheidungen und Handlungskonzepte, die unweigerlich die zukünftige Entwicklung unseres globalen und lokalen Zusammenlebens beeinflussen werden. Welche Art von Veränderungen hier eintreten, hängt jedoch nicht vom schlichten Vorhandensein neuer technischer Möglichkeiten, sondern von unserem Umgehen mit ihnen ab. Ob Globalisierung schließlich nichts anderes bedeutet als die weltweite Durchsetzung der finanziellen Interessen multinationaler Konzerne oder ob hier am Ende vielleicht doch ein internationaler Dialog lokal differenter Positionen über globale Probleme möglich wird, wird entscheidend von den Handlungen eines jeden einzelnen abhängen. Gleiches gilt für das Medium Internet, das schließlich nicht per se eine Struktur vorgibt und daher ebenso für eine Demokratisierung der Wissens- und Informationsvermittlung wie für eine Potenzierung der Konsumgesellschaft mit anderen Mitteln eingesetzt werden kann. Das ist zum einen eine Sache der Nutzung des Mediums und zum anderen eine Frage der kritischen Überwachung derer, die es zu kontrollieren versuchen. So gilt es vor allem, den Heilsbringern des neuen Zeitalters skeptisch gegenüberzustehen, sich so weit es geht zu informieren und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten verantwortlich zu handeln. Das aber ist nichts Neues. Das war schon immer so.

Alexander Schlutz
Daniel Sturm

 

autoreninfo 
Dr. Alexander Schlutz leitet die parapluie-Redaktion, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Bonn, Tübingen und Seattle, und unterrichtet zur Zeit Englische Literatur am John Jay College of Criminal Justice in New York City.
E-Mail: alexander.schlutz@parapluie.de

Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
Homepage: http://www.sturmstories.com
E-Mail: sturm@sturmstories.com

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