ausgegraben

Carl Ditters von Dittersdorf

von Andreas Daams

"Ich will, da ich gewiß weiß, daß mein Name und meine Werke in ganz Europa bekannt sind, annehmen, daß in diesem bevölkerten Weltteile ich einer halben Million Menschen Vergnügen gemacht habe. Wenn nun jeder dieser Menschen einen einzigen Groschen in omni et toto mir, oder besser zu sagen, meiner Familie -- denn mir nützt es nicht mehr -- zuwürfe, welch eine geringe Beisteuer für den Geber, und welch eine beträchtliche Unterstützung für eine hinterlassene, trostlose Familie eines Mannes, der, wie jener im Evangelium, sein Talent nicht vergraben hat!"

Nein, sein Talent hat er wahrlich nicht vergraben, der gebürtige Wiener Karl Dittersdorf: vier Oratorien, diverse Messen, ungefähr 50 (!) Opern, dazu Sinfonien, Konzerte und Kammermusik -- er tat, was er konnte, um seine Talente zu entwickeln und auf diese Weise gesellschaftlich anerkannt zu werden. Als einer der berühmtesten Geigenvirtuosen seiner Zeit war er durchs Land gezogen, als hochgeschätzter Opernkomponist wurde er an die großen Opernhäuser geladen. Sein Singspiel Doktor und Apotheker war seinerzeit erfolgreicher noch als Mozarts Figaro. Und am Ende stand -- wie bei so vielen Menschen, die sich durch den Applaus des Publikums emporschwingen -- die völlige Bedeutungslosigkeit, die schmerzliche Einsicht, schon zu Lebzeiten vergessen worden zu sein; denn jene Welt, in der man bewundert wird, dreht sich immer weiter und beständig von einem weg. Dittersdorf, noch nicht sechzigjährig und von der Gicht doch fast gelähmt, arbeitete dennoch besessen an seinem 'Alterswerk', das er zur Subskription in Fachzeitschriften ankündigte: doch welch eine Enttäuschung! Es gab nicht einen einzigen Abnehmer für auch nur eines der vielen neuen Stücke. Ein Fürst allerdings nahm ihn und seine Familie gnädig bei sich auf. Das nennt man dann wohl Barmherzigkeit.

Statt nun vollends zu resignieren, diktiert er seinem Sohn seine Autobiographie, und die ist in mehrerer Hinsicht erstaunlich: zum einen erfährt man eine ganze Menge über das Leben an kleineren Fürstenhöfen (z.B. Großwardein oder Johannisberg -- Städtenamen, von den Umtrieben der Geschichte ausgelöscht), wo Dittersdorf einen Großteil seiner Lebenszeit verbrachte. Da hat beispielsweise ein Fürstbischof offenbar so wenig zu tun, daß er sich eine Woche Zeit nimmt, höchstselbst einen Kantatentext vom Italienischen ins Lateinische zu übersetzen, denn, man höre und staune, die bürgerlichen Damen und Herren, musikalische Amateure, die das kleine fürstliche Opernensemble aufstocken sollten, verstanden zwar kein Italienisch, sprachen aber fließend Latein.

Zum anderen diktiert da einer seinen Lebensweg weitgehend ungeschönt, stellenweise bitter, meistens aber mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Die Romanze mit seiner späteren Gattin beschreibt er so:

"Es sollte wohl nun eigentlich hier ein neues Kapitel anfangen, denn es ist von einem wichtigen Schritte meines Lebens die Rede. Allein da weiter nichts Romantisches und Abenteuerliches dabei vorkommt, sondern alles beinahe fein spießbürgerlich dabei abgeht, so wollen wir ungestört in unserm vorigen Gange bleiben."

Seine Zeit: Kriege, die die politischen Landkarten verändern; wechselnde Machtverhältnisse; Intrigen und Komplotte an Fürsten- wie an Kaiserhöfen; lange, ungesunde Reisen; mangelnde Hygiene und fehlende soziale Absicherung; dafür Theaterfreuden und Orchester selbst in den kleinsten Städten; ein festes Weltbild, in dem keinerlei Zweifel aufkommen; Würde und gesellschaftliche Etikette (und Heuchelei); da haben Haydn, Mozart, Vanhal und Dittersdorf zusammen Streichquartette in Wien gespielt, ausschließlich zum Privatvergnügen, und manchmal kam auch noch Paisiello hinzu; und der musikalische Leiter am Fürstenhof mußte unter Umständen auch noch das Amt des Forstmeisters ausfüllen. Die Zeiten damals waren nicht minder seltsam als die unsrigen.

Dittersdorf, 1773 in den Adelsstand erhoben (was ihn, wie er penibel ausführt, insgesamt 1100 Gulden kostete, davon 50 Dukaten für den Agenten Herrn v. Hoffmann, der offenbar eine Art Vermittler von Adelsprädikaten war; 400 Gulden immerhin schenkte ihm der Fürst), ist uns vornehmlich als Komponist eines Kontrabaßkonzertes in Erinnerung geblieben, was seinen Grund vermutlich darin hat, daß es ansonsten so gut wie keine Kontrabaßkonzerte gibt. Dies ist schon absurd genug. Dabei sind viele seiner Werke durchaus originell -- und viele sind es auch nicht. Dittersdorf hat sich selbst freilich auch nie als Genie gesehen, sondern als Menschen, der sich bemüht, dasjenige möglichst gut zu tun, was er kann, um auf diese Weise Karriere zu machen und ein angesehener Bürger zu werden. Das ist natürlich völlig unromantisch. Und das erklärt, warum sich die Menschen unserer Tage lieber ein wenig originelles Werk von Mozart anhören (denn neben vielen Meisterwerken gibt es auch davon reichlich!) als ein originelles von Dittersdorf (denn neben einer Menge Dutzendware ist da durchaus einiges dabei).

Wie immer sagt der Umgang mit historischen Figuren mehr über uns aus als über die Objekte unserer Betrachtung. Allein schon die Tatsache, daß wir über Möglichkeiten verfügen, Musik aus völlig anderen historischen Zusammenhängen in unsere Hörgewohnheiten zu implementieren, uns die Historie also zumindest geschmacklich anzueignen, verschafft uns das Gefühl, höher zu stehen, weiter zu blicken und überhaupt besser und mehr zu verstehen als die Generationen vor uns. Vielleicht ist diese Sichtweise sogar richtig. Die Dittersdorfs, die jetzt gerade in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Zeit leben, sterben jedenfalls einen ebenso armseligen und unbeachteten Tod wie der Altmeister. So war es immer, so wird es immer sein.

Eines lehrt Dittersdorfs Leben wie seine Autobiographie: es ging auch damals immer nur um Geld, um das Erreichen eines gewissen Lebensstandards, und die romantischen Ideale, die seit dem letzten Jahrhundert unser Bild vom (toten) Künstler verklären, sind nichts als Kitsch. Der Komponist Dittersdorf freute sich, wenn ihm ein Orchestersatz besonders originell gelungen war. Und er freute sich, wenn ihn ein Fürst darum bat, ihm seine Stücke vorzuspielen. Auch Mozart wird es nicht anders gegangen sein. Aber man muß auch die Frage stellen dürfen: was sollten sie denn sonst tun, um menschenwürdig zu überleben? Sie konnten ja nichts anderes!

"Mit Ehre und Geld beladen traf ich in Johannisberg wieder ein, und ward mit fröhlichen Gesichtern von meiner Familie, und mit freundlich-forschenden von meinen Gläubigern empfangen."

So schreibt Dittersdorf. Man möge ihn lesen und hören. Er war einer der pfiffigeren Menschen, Komponisten und Schreiberlinge.

Die Tonträgerindustrie muß, um überhaupt noch Neues zu produzieren, beständig alte Werke neu entdecken und einspielen lassen. So kommt es, daß es mittlerweile auch von Carl Ditters von Dittersdorf immerhin 37 Einträge im CD-Katalog gibt. Darunter mehrere Einspielungen seiner Sinfonien nach Ovids Metamorphosen, auch eine Aufnahme seines Oratoriums Ester, natürlich sein Kontrabaßkonzert und sein Harfenkonzert. Auch seine Oper Doktor und Apotheker ist erhältlich. Und man muß kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß es schon bald weitere Aufnahmen geben wird, das liegt in der Logik der Musikindustrie.

Bei "Langen Müller" sind darüber hinaus Auszüge aus seiner wirklich sehr lesenswerten Lebensbeschreibung erschienen (nur am Rande: gedruckt mit Unterstützung des Bundesministeriums des Inneren).


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ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/zeitenwenden/ausgegraben/
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