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no. 19: worte, worte, worte -> perspektive
 

perspektive

Was, bitte, ist ein Waldfaun?

von Andreas Hartmann

Das Telefon klingelt. Es ist Monsieur M. Er hat eine Frage. Zu Hegel. "Hast du vielleicht fünf Minuten?" Monsieur M. kämpft. Er kämpft gegen Hegel. Oder kämpft er mit ihm? Für ihn? Der gebürtige Iraner lebt seit 15 Jahren in Deutschland. Er übersetzt gerade Auszüge aus verschiedenen religionsphilosophischen Schriften des Philosophen ins Persische. Hundert maschinengeschriebene Seiten -- Hegels Ansichten über den Islam -- sind das zwar grade mal, aber die haben es in sich.

Seit einem halben Jahr kämpft Monsieur M. gegen die Worte und ihre Bedeutung, er kämpft gegen Bandwurmsätze, bei denen jedes Komma den Gesamtsinn vollkommen auf den Kopf stellt, und gegen Sprachbilder, die auch viele Deutsche im 21. Jahrhundert kaum noch verstehen. Der Kampf ist fast ausgestanden, nun fehlt nur noch der Feinschliff. Nebenbei hat der junge Mann geheiratet, schreibt an einer Dissertation auf einem ganz anderen Fachgebiet und muß sich seine Brötchen im Lebensmittellager eines großen Discounters verdienen.

"Was, bitte, ist ein Waldfaun?", will er dieses Mal wissen. Er hat sich eine Liste gemacht. Warum Wald-Faun? Wie unterscheidet der sich von einem normalen Faun? Sind Faune Halbgötter? Oder Naturgeister? "Das ist für einen nicht in der abendländischen Kultur Aufgewachsenen nicht so einfach", seufzt er. Ganz einfach ist es für denjenigen, der mit Wald- und Wiesenfaunen auf Du und Du steht, allerdings ebenfalls nicht.

"Und dann der Kelch, von dem die Gläubigen trinken und nur an die Krankheit denken, die sie sich dabei holen könnten? Was bedeutet das? Und dann sind da noch einige Zitate aus dem heiligen Buch" -- er meint die Bibel -- "hier zum Beispiel, von den Pforten der Hölle, die die Gläubigen nicht überwinden werden. Ich habe schon in einer Bibelübersetzung nachgesehen, und da ist es genauso übersetzt. Perser würden das nie so ausdrücken." Umgekehrt kannte Hegel den Glauben des Morgenlandes nur aus zweiter Hand, eine orientalische Sprache beherrschte er nicht.

Der Iran ist ein jugendliches Land mit einer alten Geistesgeschichte: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei grade mal 20 Jahren, in Deutschland hingegen bei 40 Jahren. Dichtkunst und Philosophie seien beinahe eine nationale Leidenschaft, wird den Iranern nachgesagt. Ach nein, sagt M., das ist auch ein Vorurteil. "Die altiranische Philosophie ist zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber sie wird weitgehend ignoriert und wenig gelesen. Man widmet sich heute eher der europäischen Philosophie."

Trotzdem: Übersetzungen der deutschen Philosophie und Literatur gibt es im Lande, in dem Goethes West-Östlicher Diwan angesiedelt ist, wenige. Auch Hegel ist rar. "Es soll aber eine ganz neue Übersetzung der Phänomenologie des Geistes geben, die ich noch gar nicht gesehen habe", sagt M. Warum ausgerechnet Hegel? Warum kein Kant, kein Kleist, kein Konsalik? Nein, sagt Monsieur M., Hegel ist der Mühe einfach wert. "Er ist in Deutschland aus der Mode, das ist sehr schade. Ein Teil der Vorlesungen über Ästhetik und einige Jugendschriften über das Christentum sind in den letzten 20 Jahren übersetzt worden. Und dann gibt es auf Persisch noch die Vernunft in der Geschichte, wohl ein Teil der Philosophie der Geschichte. Die Übersetzung ist aber mindestens 30, 40 Jahre alt."

Fast alles ist außerdem über einen Umweg aus dem Englischen oder Französischen übertragen worden. "Deutsch konnte dort lange Zeit kaum jemand", erklärt M. Seinen ersten Hegel hat er vor 20 Jahren noch auf Persisch gelesen, einen Auszug aus der Phänomenologie, der aus dem Englischen übersetzt war. M. hat die Sprache erst als Erwachsener gelernt. "In letzter Zeit merkt man, daß viele Iraner in Deutschland leben. Nur die Phänomenologie und ein Teil der Vorlesungen über Ästhetik sind aber bisher direkt aus dem Deutschen übersetzt."

Ist Hegel auf Persisch auch so anstrengend? "Da ist es eigentlich ziemlich o.k.", meint er. Die Sätze seien in den alten Übersetzungen den Eigenarten des Persischen angepaßt. Die Sprache vermeidet lange Sätze mit vielen Nebensätzen und gleicht darin eher dem Englischen. "Ich versuche bei meiner Übertragung, den Mittelweg zu nehmen, wenig von mir reinzubringen und genau wiederzugeben, was Hegel gesagt hat. Der Leser muß sich selbst den Kopf zerbrechen. Aber natürlich ist jede Übersetzung auch eine andere Version. Viele Wörter scheinen erst mal ganz normal wie Idee oder Begriff, aber bei ihm haben sie eine eigenständige Bedeutung, darauf baut sich eine ganze Philosophie auf. Da die entsprechende Bedeutung auf Persisch zu finden, ist sehr schwierig."

Vieles versucht er deshalb, wörtlich zu übersetzen und es dann in Fußnoten zu erklären -- und deshalb fragt er immer wieder bei Muttersprachlern nach. Auch ein evangelischer Pfarrer und ein Philosoph stehen auf der Anrufliste. Allerdings hat der Übersetzer festgestellt, daß vieles auch für Deutsche nicht einfach zu erklären ist. "Da versteht auch ein Deutscher beim ersten Lesen nicht viel mehr als ich. Er hat die Worte eben mit einer ganz eigenen Bedeutung ausgefüllt." Ein Honorar hat er für die Übersetzung nicht erhalten, er müht sich damit, weil er es für wichtig hält.

Ob die Übersetzung nun auch im Iran erscheinen wird, ist trotzdem noch ungewiß. M. hofft es, das Interesse wäre da, Verhandlungen laufen -- wenn das alte Werk die Zensur passiert. Denn Hegels Haltung zur jüngsten der großen Weltreligionen ist kritisch. Wäre er ein Iraner, könnte er sich strafbar machen. "Es kann schon sein, daß meine Übersetzung im Iran zensiert wird. Sie sollte Fragen entwerfen, aber dann muß man versuchen, diese Fragen zu beantworten. Bisher kennt man nur Zitate von ihm. Das ist bei vielen europäischen Denkern so. Was er über den Islam gesagt hat, hat man bei uns noch nie erwähnt. Ich bin der Ansicht, daß man als Iraner und Moslem diese Fragen nicht ignorieren, sondern sie zumindest bedenken sollte. Erst dann kann man Hegels Analyse ablehnen oder akzeptieren. Man erlebt immer wieder Überraschungen, es sind bei uns auch schon sehr scharfe Kritiken veröffentlicht worden."

Die kleine Hegel-Übersetzungsberatung ist an diesem Abend zu Ende. Aus fünf Minuten ist eine Stunde geworden. Nach diesem Nachdenken über Sprache jetzt bitte, bitte etwas Seichtes! Auf das Fernsehen ist da zum Glück Verlaß. Es läuft gerade ein Kulturmagazin. Absurdes Theater am Bildschirm: Der Verlag "Moderne Zeiten" präsentiert stolz sein ehrgeiziges Projekt. Deutsche Klassiker wie Goethe und Schiller -- von den Verlegern für deutsche Schüler gekürzt, kastriert und auf jugendlich frisiert. Angeblich, so behaupten es jedenfalls die beiden Verleger, laufen die billigen Büchlein höchst erfolgreich. Kein Wunder, meinen sie, die Stories seien schließlich echt geil, nur leider diese schreckliche Sprache: Veraltet, sperrig, einfach ungenießbar. Und dann diese Bandwurmsätze.

Wo ist die Fernbedienung?

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