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no. 19: worte, worte, worte -> ausgegraben
 

ausgegraben

Mario Quintana -- Der kostbare Moment ist ewig

von Felix Wiesjahn

Mario de Miranda Quintana, geboren am 30. Juli 1906 in Alegrete / Brasilien stirbt am 5. Mai 1994 im durch das Weltsozialforum bekannten Porto Alegre. Das Leben Quintanas, das in diesem fröhlichen Hafen die meiste Zeit ankerte und in seinem Becken auch versinkt, sich absetzt und vergeht, war nicht bedeutsam in einem historischen, durchaus jedoch im poetischen Sinn: Quintana ist einer der erstaunlichsten und erstaunendsten lusophonen Dichter des 20. Jahrhunderts, wenngleich er außerhalb seiner Heimat kaum bekannt ist. Quintanas Tod 1994 schließlich steht auch in Brasilien im Schatten und jenseits der vermittelten Öffentlichkeiten: Nur vier Tage zuvor war das all brazilians "Sonntagmorgenidol", der legitime (sic!) Nationalheld Ayrton Senna auf dem F 1-Kurs von Imola in seinem Boliden bei 200 bis 300 km/h an einer Mauer zerschmettert und verbrannt. Kaum unterschiedlicher können zwei Tode wohl sein.

Mario hilft in der väterlichen Apotheke aus, erhält eine privilegierte Ausbildung in einem Militärinternat, fängt mit 19 an, in einem Verlagshaus zu arbeiten, beteiligt sich 1930 in Rio de Janeiro am Aufstand unter Getúlio Vargas, und irgendwann in diesen Jahren beginnt er vermutlich damit, Gedichte zu schreiben, die hier und dort auch in Zeitungen und Zeitschriften erscheinen. Eigentlich aber debütiert er erst 1940, als bereits reifer Dichter mit dem Band A rua dos cataventos (Die Wetterfahnenstraße). In den folgenden Jahrzehnten läßt er weitere Bücher folgen. Währenddessen bleibt er seiner Heimat, dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens Rio Grande do Sul (Großer Fluß des Südens) treu. Spuren dieser, bis zu seinem Tod ehe- und kinderlosen Zeit sind nur in seinen Versen zu finden. So empfiehlt es sich, für eine erste Bekanntschaft mit Quintana aus der Sammlung Porta Giratória (Drehtür) von 1988 und der Werkschau zum 80. Geburtstag von 1986 zu schöpfen, die unter dem Titel 80 anos de poesia ("80 Jahre Poesie") erscheint und 1997 bereits eine achte Auflage erlebt. Dies zeugt von Quintanas Bekanntheit in Brasilien. Ökonomisch wird so ein später verlegerischer Erfolg jedoch kaum bedeutsam gewesen sein, denn mit Poesie war noch nie viel Geld zu verdienen. Mario Quintana arbeitete und verdiente sein Geld als Journalist, Verleger und Übersetzer von Balzac, Conrad, Greene, Maupassant, Mérimée, Proust, Voltaire und Woolf u.a. ins Portugiesische.

Seine Lokalverbundenheit ist Quintana kein lyrisches Thema, es sei denn hier manifestiert sich das Universale: Quintanas Gedichte sind in den meisten Fällen in zeitlicher und örtlicher Unabhängigkeit auf den Alltag gerichtet. Und das Spiel mit Worten und Ideen ist ein staunendes, für das der Leser wohl die Bereitschaft oder Fähigkeit zum Staunen benötigt, nichts aber über des Dichters Umwelt zu wissen braucht. Quintana selbst hat es immer vorgezogen, sein Leben mit seinen Schriften zu identifizieren (und umgekehrt), anstatt autobiographische Offenbarung zu betreiben. Dieses Konzept eines künstlerischen Daseins kommentiert er poetisch im ersten Stück von Porta Giratória, einem echten Alterswerk, das A Poesia (Die Dichtung) benannt ist. Hier heißt es u.a.:

"Wenn ich ein Geheimnis kenne, dann ist es das der Aufrichtigkeit, nicht ein Komma schreibe ich, das nicht Geständnis wäre." ("Se eu conheço algum segredo é o da sinceridade, não escrevo uma vírgula que não seja confessional.")

Öffnet man diesen Band, so findet sich auf jeder Seite ein kurzer Text, eine Nachricht, manchmal nur eine Zeile, sehr selten über mehrere Seiten hinweg. Die Form ist streng wie der Blocksatz, aber sie hat keinen Namen: Das sind keine Gedichte, keine Lieder, Reporte, Beschreibungen oder Aphorismen, am ehesten vielleicht Notizen. Es sind Gedankenblitze in Worte gefaßt, verarbeitet von einem Humanprozessor und sprachlich reduziert, ohne ihre Alltäglichkeit verloren zu haben.

In Os Nomes (Die Namen) stehen Ausdruck und Thema in einem harmlosen Einklang, der sich in dem Moment transzendiert, in dem der Leser staunend bemerkt, daß die Worte nur von anderen Worten sprechen:

"Da sie nicht interessiert, was ihnen unnütz erscheint, geben die Bäuerlein nicht auf die Feldblumen acht. So scheint es. Aber wir stehen vor der Frage, wie diese Wildblumen es geschafft haben, Volksnamen zu erhalten: Gänseblume, Stiefmütterchen, solche Dinge!" ("Como não lhes interessa o que parece inútil, os campônios não dão importância às flores do campo.É o que parece. Mas a gente ficar a perguntar-se como é que essas flores silvestres conseguiram então ter nomes populares: margaridas, amores-perfeitos, coisas assim!")

Die Worte (Namen) sind den Dingen nur zugeordnet und besitzen keine ontologische Aussagekraft. Dies kann in Quintanas Texten unterschwellig, aber auch sehr deutlich und präsent hervortreten, wie etwa in den aufeinander folgenden Stücken Quem somos? (Wer sind wir?) und E as Coisas, o que são? (Und die Dinge, was sind sie?)

"Wer sind wir? Alle unsere Personalausweise sind falsch. Und die erste Neugier desjenigen, der starb, ist es zu wissen, welcher wirklich sein wahrer Name ist." ("Todas as nossas carteiras de identidade são falsas. E a primeira curiosidade de quem morreu é saber qual é mesmo o seu verdadeiro nome.")
"Und die Dinge, was sind sie? Eines der erstaunlichsten Geheimnisse der Dichtung ist, daß ein Ding nur als es selbst erscheint, wenn es mit einem anderen Ding verglichen wird." ("Um dos espantosos mistérios da poesia é que uma coisa só parece ela própria quando é comparada a outra coisa.")

Die Ironie, von der diese Aussagen beflügelt sind, ist nicht spöttisch und besserwisserisch, und sie schmälert auch nicht die Überzeugungen, die mit ihrem Flügelschlag zum Leser getragen werden. Der ironische Ton resultiert aus dem Wissen, daß der Zweifel am und die Einwände gegen das Wort nicht buchstäblich gemacht, nicht zum Ausdruck gebracht werden können. Demjenigen, der den repräsentativen Möglichkeiten der Sprache mißtraut und dies verbalisieren will, dem bleibt nichts anderes übrig, als zwinkernd zu sprechen und stotternd zu schauen. In dem Augenblick, in dem diese Kommunikation allerdings glückt, in dem die ironischen und die buchstäblichen Momente vom Leser geschieden werden können, kommt es zu einem sinnreicheren Zusammenklang von Praxis und Theorie: Das Dichtwerk hat dann die Form, die den Überzeugungen des Dichters hinsichtlich der Sprache entsprechen, und es reflektiert inhaltlich die eigene Form in all ihren Beschränkungen und Freiheiten.

Solcher Theorie von Dichtung steht Mario Quintana skeptisch gegenüber, denn Gedichte sind für ihn zwar versteh-, nicht aber erklärbar. Die Rezeption ist ein Prozeß oder ein Moment, in dem aus den altbekannten Wörtern etwas Neues erwächst, für das es keine Worte gibt. Besser, man versucht es erst gar nicht, wie sich Exegeses (Auslegungen) entnehmen läßt:

"Wenn es einem Dichter gelingt zu erklären, was er mit einem Gedicht sagen wollte, dann taugt das Gedicht nichts." ("Se um poeta consegue explicar o que quis dizer com um poema, o poema não presta.")

Und so versucht Quintana keine Erklärung, die außerpoetisch wäre, denn das Gedicht ist selbsterklärend. Da die poetischen Momente des Lebens, die das Eigentliche des Menschseins sind, sich äußerlicher Erfassung entziehen, es sei denn im Medium des Dichters, kann Quintana auch den Tod, der als Endpunkt nur ein modernes Detail, gespeist aus Christentum und Angst ist, tröstend kommentieren. So heißt es in Ah! Os relógios ... ("Ach! Die Uhren ..."):

"Freunde, schaut nicht auf die Uhren, wenn ich eines Tages aus Euren Leben gehe ... Denn die Zeit ist eine Erfindung des Todes: Sie kennt das Leben nicht, das wirkliche, in dem ein Moment Poesie genügt, uns die vollkommene Ewigkeit zu geben." ("Ah! Os Relógios: Amigos não consultem os relógios quando um dia me for de vossas vidas ... Porque o tempo é uma invenção da morte: não o conhece a vida -- a verdadeira -- em que basta um momento de poesia para nos dar a eternidade inteira.")

Der Trost besteht darin, daß der Tod nur ein Moment des Lebens unter anderen ist. Ihm mag soviel oder sowenig Poesie innewohnen wie anderen Momenten auch, doch eine Fixierung auf diesen einen Moment befördert weniger unsere poetische Kapazität, als daß sie uns blind macht für alle potentiellen Poesiemomente, die ihm vorausgehen. Der Dichter fischt nach diesen Momenten im Leben, die uns an der Oberfläche verhafteten und vor Buchstäblichkeit Blinden entgehen, da sie auf unseren Uhren nicht angezeigt werden. So ein Moment wird in Poesia ("Dichtung") folgendermaßen beschrieben:

"Manchmal erhellt sich alles durch eine intensive Unwirklichkeit, und es ist, als sei jetzt diese arme, diese einzige, diese flüchtige Minute auf eine Leinwand gemalt, für immer ..." ("Poesia: Às vezes tudo se illumina de uma intensa irrealidade, e é como se agora este porbre, este único, este efêmero minuto do mundo estivesse pintado numa tela, semprerr ...")

Tod ist schließlich sogar, so Quintana, nicht nur nicht als Ende zu verstehen, sondern als "die totale Befreiung, denn, endlich: Nun kann man sich mit Schuhen hinlegen." ("A morte é a libertação total: a morte é quando a gente pode, afinal, estar deitado de sapatos".) Soviel Humor ist also, und soviel Humor offenbart wieder, daß Quintana sich nicht an, auf (oder über) den Begriff richtet, sondern, daß der Blitz und der Moment, die Wolke und der Knopfdruck, das Geräusch und die Geste, das räumlich und zeitlich Vergängliche, letztlich dauerhafter sind als Menschen und ihre Grabsteine, um die sich Apologeten, Fans und Vergangenheitsbesessene versammeln, und Herrn Quintana drunten in seinem Grabe stören. Herr Quintana in seinen Worten und in seinen anderen irdischen Spuren lächelt sicher und versteht.

Meine Kenntnisse zu Mario Quintanas Person und Werk (1906-1994) sind recht dünn, denn mir waren nur spärliche Daten aus dem Internet sowie zwei seiner Anthologien zugänglich: Porta Giratória. São Paulo: Editora Record 1988. und 80 Anos de Poesia. São Paulo: Editora Record 1986.

Primär- oder Sekundärtexte scheinen außerhalb Brasiliens bisher gar nicht verlegt zu sein.

Neben diversen brasilianischen Seiten im Internet, auf denen sich zahlreiche Texte Quintanas finden, können über Google vereinzelte, ins Deutsche übertragene Stücke gefunden werden. Bei den Übersetzungen handelt es sich um meine eigenen. Auch wenn sich die Quellenlage nicht gerade einfach darstellt: in jedem Falle sollten wir zukünftig nicht über ihn, sondern ihn selbst lesen.

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