Katalanen in deutschen Konzentrationslagern

Selbstbild und Exklusivitätsanspruch in Els Catalans als Camps Nazis von Montserrat Roig

von Julia Krüger

Daß Deutschland bis 1945 mit der halben Welt im Krieg lag, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, daß auch die halbe Welt während des 'Dritten Reiches' als Zwangsarbeiter in deutschen Firmen ausgebeutet wurde oder in Konzentrationslagern zusammengepfercht war. Nach und nach entdeckt die Geschichtsforschung im großen Heer der Naziopfer eine Nationalität nach der anderen, die dann gegebenenfalls durch die Bundesrepublik entschädigt wird. Viele Nationalitäten werden dabei jedoch immer wieder vergessen; unter anderem die der Katalanen. Dies ist wenig verwunderlich, hat doch Katalonien zwar das Selbstverständnis einer Nation, definiert durch die eigene Geschichte, Kultur und Sprache; international wurde und wird Katalonien aber nicht als Nation anerkannt. Hinzu kommt, daß Spanien während des Zweiten Weltkriegs zu den faschistischen Verbündeten Deutschlands gehörte. Wie die Italiener wurden daher auch die Spanier von den Deutschen vielmehr als annähernd gleichwertige Arbeitskollegen wahrgenommen, die auf der Basis bilateraler Verträge in deutschen Firmen arbeiteten und vergleichsweise gut behandelt wurden, da sie in der 'rasseideologischen' Hierarchie zunächst an oberster Stelle standen. Vergessen wird dabei jedoch immer das 'andere Spanien', das antifaschistische republikanische Spanien, das sich zu einem großen Teil aus Katalanen konstituierte. Diese mußten nach dem Spanischen Bürgerkrieg entweder in ihrer Heimat untertauchen oder nach Frankreich flüchten. Dort beteiligten sich viele von ihnen am Kampf gegen die deutsche Invasion und später an der Résistance. Auf diese Weise geriet eine große Zahl während des Zweiten Weltkriegs in die Hände französischer Kollaborateure und deutscher Besatzer und wurde in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Dieses dunkle historische Kapitel wurde von allen an der Deportation der sogenannten Rotspanier beteiligten Länder bislang nicht oder kaum aufgearbeitet, und zwar weder ideell noch materiell. Das einzige Zugeständnis, das Deutschland in den sechziger Jahren machte, war eine einmalige kleine Entschädigung für Katalanen, die in ihre Heimat zurückkehrten. Unter den spanischen Franquisten versickerte das Geld jedoch meist in undurchsichtigen Kanälen; die Heimkehrer wurden in ihrem Land in vielen Fällen verfolgt. Frankreich, das die meisten Katalanen nach dem Zweiten Weltkrieg aufnahm, gewährte ihnen eine kleine Rente, die sie im Falle ihrer Heimkehr sofort verloren hätten.

Grund genug also, den Katalanen endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihr Schicksal differenziert aufzuarbeiten. Einen ersten Versuch hierzu machte vor zwanzig Jahren die katalanische Journalistin Montserrat Roig. 1977 veröffentlichte sie ein Buch, in dem sie das Schicksal ihrer Landsleute vor allem in Mauthausen auf eindringliche Weise schildert: Die Katalanen in deutschen Konzentrationslagern[1]. Die Durchführung ihres Projekts ist jedoch sehr fragwürdig: Sowohl die historischen Erläuterungen Roigs als auch die Aussagen der von ihr interviewten Zeitzeugen zeichnen sich durch einen übersteigerten Nationalstolz aus, der die eigene Bedeutung über das Maß erhöht und die der anderen Nationalitäten herabwürdigt. Auf diese Weise verfallen die Katalanen der Versuchung, die Struktur der Schwarz-Weiß-Malerei zu reproduzieren, deren Opfer sie selbst sonst sind.[2] Wenn es nämlich nach den Katalanen ginge, wären sie die einzigen gewesen, die stets die Initiative zu Widerstand, Sabotage und Solidarität mit anderen Häftlingen ergriffen hätten, was so nicht stimmt, denn auch andere Volksgruppen haben versucht, sich den SS-Leuten zu widersetzen; man denke beispielsweise nur an den Aufstand des Warschauer Ghettos.

Das Buch von Montserrat Roig hat also ein methodische Problem: Natürlich soll in erster Linie die Position der Katalanen dargestellt werden; dabei entsteht jedoch ein schiefes Geschichtsbild, in dem sie vorher gar nicht vorkamen. Um eine objektive Darstellung des Widerstandes in Mauthausen zu erhalten, müßte die Schilderung der Katalanen mit der anderer Nationalitäten verglichen werden. Die Bedeutung der Rotspanier für den Widerstand in den KZs ist nämlich keineswegs unumstritten. Aus länderspezifisch ganz unterschiedlichen Gründen wird ihre Rolle beim lagerinternen Widerstand zumeist bezweifelt.

Zwei Aspekte sollen daher im folgenden näher beleuchtet werden: Zum einen werde ich kurz die Darstellung von Deportation, Widerstand und Befreiung durch die Katalanen, also durch Roig und ihre Interviewpartner, referieren; zum anderen soll diese durch eigene kritische Betrachtungen und andere Quellen konterkariert werden.

Bei den Katalanen handelte es sich Montserrat Roig zufolge um eine von Anfang an stark politisierte Gruppe. Als sie 1939 in Deutschland ankamen, hatten die meisten schon eine dreijährige Odyssee hinter sich: Zunächst den spanischen Bürgerkrieg, den der größte Teil von ihnen auf republikanischer Seite miterlebt hatte. Wegen der republikanischen Parteinahme mußten sie nach dem Sieg der Faschisten nach Frankreich flüchten. Dieses hatte jedoch als eines der ersten Länder (neben den anderen faschistischen Staaten selbstverständlich) die Regierung Francos anerkannt und befand sich deshalb in bezug auf die Flüchtlinge in einem Zwiespalt. Es sammelte die Katalanen zunächst in Flüchtlingslagern, die sich unter der Vichy-Regierung aber allmählich in Arbeitslager verwandelten. Dann meldeten sich viele der Katalanen zum Kriegseinsatz gegen die deutsche Invasion. Mitunter, so Roig, sei dies nicht ganz freiwillig geschehen. (Montserrat Roig versteigt sich sogar zu der Behauptung, die Rotspanier wären die einzigen gewesen, die sich den Deutschen entgegengestellt hätten; die Franzosen hätten gegen jeden kämpfen wollen, nur nicht gegen Hitler; vgl. S. 53.) Zudem beteiligten sich zahlreiche Republikaner während der französischen Kollaboration an der Résistance. Es gab daher vier Wege, auf denen die Katalanen in deutsche Konzentrationslager geraten konnten: als Soldat aus den französischen Flüchtlings- bzw. Arbeitslagern, als ziviler Flüchtling, als Soldat des französischen Heers und als Mitglied der Résistance. Deren Mitglieder waren in den Listen der französischen Kollaborateure aufgeführt und klassifiziert; sie wurden von ihnen festgenommen und den Deutschen übergeben. Die anderen Gruppen wurden von den deutschen Besatzern verhaftet und vor allem nach Mauthausen und Ravensbrück deportiert. Viele der sogenannten Rotspanier kamen auch 'freiwillig' ins 'Reich', da in den Arbeitslagern Propaganda gemacht worden war, in Deutschland gäbe es gut bezahlte Arbeit. Montserrat Roig schließt aus all dem, daß französische Kollaborateure, Gestapo und später die spanische Polizei bei der Deportation der Katalanen einvernehmlich zusammengearbeitet haben.

Die spanischen Republikaner wußten durch ihre leidvolle Geschichte noch am ehesten, wie man sich in den deutschen Konzentrationslagern verhalten mußte, um die Selbstachtung zu bewahren und die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen: Sie waren seit Jahren politisch aktiv, kriegserfahren, hatten sich zum großen Teil an der Résistance beteiligt, kannten also die Faschisten und deren Absicht, ihre politischen Gegner zu demoralisieren. Sie wußten, wie sie sich zu organisieren hatten, wie man Sabotageakte durchführt, Waffen und Lebensmittel beschafft und heimlich miteinander kommuniziert. Deshalb nahmen sie nach eigenen Angaben eine entscheidende Rolle bei der Organisation des Widerstandes und bei der Vorbereitung der Selbstbefreiung vor allem in Mauthausen ein. So schreibt Montserrat Roig:

"Die Erklärung liegt auf der Hand: Sie hatten die Résistance gegen den Nazismus in Frankreich gewählt, sie hatten Zeit gehabt, sich von dem Schrecken unseres Krieges zu erholen, sie kannten die Krallen des Feindes und erschraken nicht beim Anblick eines Konzentrationslagers." (S. 260)

Als die katalanischen und spanischen Deportierten in Mauthausen ankamen, fanden sie Montserrat Roig und ihren Gesprächspartnern zufolge eine von gewalttätigen deutschen und polnischen Häftlingen dominierte interne Lagerleitung vor:

"Ihre eigenen Henker hatten sie wiederum zu Henkern gemacht. Sie quälten, erniedrigten und mordeten dank des nationalsozialistischen Lagersystems." (S. 252)

Das Faktum dieser internen brutalen Lagerleitung ist sicher nicht zu leugnen; es ist bekannt, daß sich die totalitäre Organisation in den Lagern verselbständigte und eine Dynamik entwickelte, bei der die Häftlinge das Verhalten der Bewacher ihnen gegenüber untereinander wiederholten, in der Hoffnung, so die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen. Der Rekurs auf dieses Negativbild der polnischen und deutschen Insassen taucht jedoch auffällig oft in den Berichten der überlebenden Katalanen auf. Unbewußt scheinen sie ihm die Funktion der Antithese zum eigenen positiven Selbstbild zuzuweisen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei wahrscheinlich auch das stets zu beobachtende schlechte Gewissen der Überlebenden gegenüber denjenigen, die sterben mußten. Diese Aufteilung der Häftlinge nach Gut und Böse durch die Katalanen spiegelt offenbar den Versuch wider, mit den eigenen Schuldgefühlen fertig zu werden, indem sie sich selbst versichern, sie hätten sich wenigstens nicht korrumpieren lassen, sondern zumindest etwas zu unternehmen versucht. Oft betonen sie, wie wenig Katalanen dem esperit del camp, dem Lagergeist, verfallen seien, und diese wenigen habe die katalanischen Solidarität bestraft. Es ist aber eine unzulässige Verallgemeinerung, von den polnischen und deutschen Häftlinge ein so einseitiges Negativbild zu entwerfen. Diese Schwarz-Weiß-Malerei kann die Realität nur unzureichend und verkürzt wiedergeben und wird der Lagerwelt in Mauthausen und in anderen Lagern nicht gerecht.

Zu Beginn kamen die Katalanen in Mauthausen zusammen aufgrund persönlicher Bekanntschaft, gemeinsamer Interessen und mit dem Ziel, sich gegenseitig aufzumuntern, sich zu unterhalten und den anderen zu helfen. Doch schon bald erhielten die Zusammenkünfte einen politischen Charakter, so der Überlebende Joaquim Amat-Piniella:

"Die ersten, die sich aus politischen Motiven trafen und einen Zusammenhalt begründeten, und das dürfen wir nicht vergessen, waren die Kommunisten. Und sofort darauf organisierten sich die Gewerkschaften. [...] Wir waren die ersten politischen Deportierten, die sich versammelten, vielleicht, weil wir zusammen angekommen waren und ein von den Deutschen isoliertes Leben im Lager führten. Außerdem verband uns die Kriegserfahrung, und schließlich waren wir ja aus politischen Gründen dort." (S. 252)

Nach und nach formierte sich die Solidarität, der organisierte Widerstand. Die Katalanen besetzten strategische Punkte und Posten innerhalb des Lagers und systematisierten auf diese Weise die gegenseitige Hilfe. Jeder übernahm eine Tätigkeit, bei der er sein jeweiliges Wissen, seine Ausbildung und seine Fähigkeiten einbringen konnte. Joan Pagès zufolge kam ihnen dabei zugute, einem poble industrial, mercantil, einem industriellen, kaufmännischen Volk zu entstammen.

Besonders wichtig waren solche strategischen Schlüsselposten wie der des KAPO, also des Barackenleiters, da dieser sehr viel Macht besaß. Er hatte eine Zwischenposition zwischen offizieller Lagerleitung und Häftlingen inne. Von großer Bedeutung waren auch die Krankenstation, die Küche und das Lebensmittelmagazin. Die Widerständler, die dort arbeiteten, konnten leichter, wenn auch unter Lebensgefahr, Medikamente und Essen organisieren. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde das Waffenlager sehr wichtig, da für die geplante Selbstbefreiung Waffen gestohlen werden mußten.

Im Verwaltungsbüro arbeiteten Joan de Diego, Casimir Climent und Josep Bailina. Roig nennt sie "Notare der Lagerrealität in Mauthausen", weil sie minutiös die Toten jedes Tages notierten und von allen Namenslisten Kopien erstellten und sie versteckten. Im Fotolabor sorgte Francesc Boix dafür, daß die Negative von sämtlichen im Lager aufgenommenen Fotos aufgehoben und versteckt wurden. Diese Dokumente sollten nach Kriegsende wichtiges Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse sein. Außerdem ist Mauthausen durch die Arbeit dieser vier Katalanen eines der am besten dokumentierten Konzentrationslager.

Der organisierte Widerstand ging damit in Mauthausen den Katalanen zufolge von den spanischen Republikanern aus. Sie bildeten eine Einheit. Frühere Differenzen der verschiedenen Linksparteien, die sich im spanischen Bürgerkrieg aus antifaschistischer Sicht fatal auf den Kriegsverlauf ausgewirkt hatten, spielten hier keine Rolle; sie brachen erst nach der Befreiung wieder hervor. Nach und nach sprachen die Rotspanier auch Deportierte anderer Nationalitäten an. Daraufhin beteiligten sich Franzosen, Tschechen, Polen und Russen, aber auch Deutsche am heimlichen Widerstand.

Eine illegale Lagerregierung wurde ab 1941 gebildet. Auch hier ging nach Auskunft der Katalanen die Initiative von den spanischen Republikanern aus. Sie organisierten demokratische Wahlen für die Aufstellung eines Nationalkomitees. Nach und nach bildeten auch die Häftlinge anderer Nationalitäten Nationalkomitees, so daß 1943 ein Internationales Komitee aufgestellt werden konnte. Seine Aufgabe beschränkte sich anfangs auf die Organisation von Solidarität, Widerstand und Sabotage. Das Ziel dieses Organs war nämlich nicht primär und vom ersten Moment an auf die bewaffnete Selbstbefreiung hin ausgerichtet; es standen zunächst keine Waffen zur Verfügung. Zudem arbeitete es schleppend, denn den Aussagen eines Katalanen nach (Josep Bailina) waren vor allem die Angehörigen anderer Nationalitäten die 'Bremser'; so z. B. die ehemaligen Kämpfer der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Wenn es nach den Rotspaniern gegangen wäre, hätte sich das Internationale Komitee schon viel früher gegen die SS aufgelehnt, so Bailina.

Nachdem das Waffenproblem auf dem Wege des 'Organisierens' gelöst worden war, konnten konkrete Pläne für die Selbstbefreiung geschmiedet werden. In der Endphase des Krieges gab Himmler den Befehl, die Konzentrationslager aufzulösen. Die Spuren der Nazigreuel sollten um jeden Preis verwischt, unangenehme Zeugen beseitigt werden. Ein Teil der Konzentrationslager wurde daher evakuiert und unter entsetzlichen Bedingungen nach Norden in Richtung Meer getrieben. Dort sollten sie auf Schiffen in das noch besetzte Skandinavien transportiert werden. Ein anderer Teil sollte in Minen gebracht und in die Luft gesprengt werden, so auch die Häftlinge von Mauthausen. Was dann jedoch geschah, wird von Montserrat Roig an verschiedenen Stellen sehr widersprüchlich berichtet:

Beim ersten Versuch, die Insassen von Mauthausen auf die geschilderte Weise zu vernichten, habe der Lagerkommandant Franz Ziereis, der den Befehl zur Durchführung der Sprengung hatte, sich geweigert (S. 334); die Gründe hierfür werden dem Leser vorenthalten. Im März 1945 habe es einen zweiten Versuch gegeben, die unangenehmen Zeugen von Mauthausen auf dem Wege der Sprengung zu beseitigen: Eine Gruppe von vierzig Häftlingen aus Steyr wurde zu den unterirdischen Tunnels von Gusen II geschickt, um dort Dynamit anzubringen, mit dem die Häftlinge aus Mauthausen in die Luft gesprengt werden sollten (S. 334). Diese waren jedoch von einem SS-Offizier gewarnt worden. Das Internationale Komitee hatte daher einen Plan mit vier Möglichkeiten gefaßt: sich entweder innerhalb oder außerhalb des Lagers, entweder zu Beginn oder während ihres Marsches in Richtung Tunnels gegen ihre Peiniger aufzulehnen (S. 336). In langen und verlustreichen Kämpfen sei dieser Plan durchgeführt worden (S. 345f.). An anderer Stelle berichtet Roig jedoch, es sei nicht nötig gewesen, all diese Pläne zu realisieren, da die Amerikaner und Russen rechtzeitig eingetroffen seien (S. 335).

Inzwischen vermutet man, daß die Häftlinge Mauthausens durch den Schweizer Louis Haeflinger gerettet worden sind. Er hatte als Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes Zugang zum Konzentrationslager bekommen, um die Rückführung der ausländischen Häftlinge in ihre Heimatländer vorzubereiten.[3] In Mauthausen erfuhr er von der geplanten Sprengung. Er habe daraufhin versucht, den Lagerkommandanten Ziereis zur Verweigerung des Sprengungsbefehls zu bewegen; vergeblich. Daraufhin annullierte er an Ziereis' Stelle den Auftrag. Allerdings hatte Haeflinger während der Wirren der letzten Kriegstage selbst nicht mehr viel Hoffnung, daß irgendwelcher schriftlichen Dokumente beachtet würden. Daher habe er sich zum Alleingang entschlossen: Mit zwei reumütigen SS-Männern fuhr er heimlich zur Front, wo die US-Army stand, und holte Hilfe. In der Zwischenzeit hatte das Internationale Komitee den SS-Männern im Lager die Waffen abgenommen; von 'schweren Kämpfen' kann aber nicht die Rede sein.

Ein weiterer Fehler von Montserrat Roig ist ihre Einschätzung des Lagerkommandanten Franz Ziereis: Aufgrund seines Geständnisses und der wohlwollenden Zeugenaussagen einiger Katalanen kommt sie zu dem Schluß, daß sich der früher so gefürchtete Lagerkommandant in den letzten Kriegstagen geläutert und von einer Fortsetzung des Terrors im Lager abgesehen habe. Nichts liegt ferner: Wie schon erwähnt weigerte er sich, den Sprengungsbefehl zu annullieren. Beim Herannahen der Amerikaner flüchtete er sich in die umliegenden Wälder und versteckte sich in einer Hütte. Sein zwölfjähriger Sohn verriet ihn an die Amerikaner. Auf der abermaligen Flucht wurde Ziereis angeschossen und erlag wenig später seinen Verletzungen. Kurz vor seinem Tod legte er ein umfassendes Geständnis ab. Die Häftlinge hängten seine nackte Leiche am Stacheldraht auf.[4]

Insgesamt sind fast 6000 spanische Republikaner in Mauthausen umgekommen, davon kamen etwa 2000 aus Katalonien und Valencia. Die meisten der Deportierten waren Arbeiter, Bauern oder kleine Staatsbeamte, die keine Kontakte in Frankreich hatten, die sie hätten retten können, wie dies z. B. bei vielen Schriftstellern der Fall war (León Felipe, Luis Cernuda, Ramón José Sender).

Etwa 50% der spanischen und katalanischen Überlebenden sind nach ihrer Befreiung an den physischen oder psychischen Folgen der Deportation gestorben. Viele kamen mit dem Leben nach dem Krieg nicht mehr zurecht und hatten Alpträume, die sie ihr Leben lang verfolgten und die auch ihre Partner mit ihnen teilen mußten. Viele berichten bemerkenswerterweise, daß ihre Alpträume erst nach ihren Gesprächen mit Montserrat Roig aufhörten. Der Rezensent von Roigs Buch, Andreas Ruppert, hält es auch nicht für Zufall, daß viele der überlebenden Katalanen kurz nach ihrem Treffen mit der Autorin verstorben sind.[5] Ein beträchtlicher Teil der Rotspanier litt an Geistesstörungen und mußte den Rest seines Lebens in Sanatorien verbringen. Wenige Ex-Deportierte wurden älter als 70 Jahre. Die Selbstmordrate unter den Überlebenden war erschreckend hoch.

Viele der Katalanen sind mindestens einmal an den Ort ihres Martyriums zurückgekehrt; einer von ihnen ist sogar Pförtner in der heutigen Gedenkstätte Mauthausen. Er habe diesen Ort bis heute nicht verlassen, so Roig. Was die Autorin nicht erwähnt, ist, daß dieser in Linz mit einer Österreicherin verheiratet ist. Seriöse Recherche scheint hier Betroffenheitsjournalismus zum Opfer gefallen zu sein.

Wie die Rotspanier in dem Buch Die Katalanen in deutschen Konzentrationslagern selbst versichern, genossen sie wegen ihres solidarischen Engagements innerhalb des Lagers, vor allem aber wegen ihrer politischen Vergangenheit großes Prestige bei den antifaschistischen Häftlingen anderer Nationalitäten. Jenen habe imponiert, daß sie während des spanischen Bürgerkriegs 33 Monate lang den Faschisten widerstanden hatten. Außerdem traf sie eines der härtesten Schicksale der Insassen in Mauthausen: Vom spanischen Bürgerkrieg waren sie in französische Arbeitslager geraten und vom französischen Krieg gegen die deutsche Invasion in deutsche Konzentrationslager. Zudem erweckten sie das Mitleid der anderen, da sie als einzige keine Post empfangen durften, noch nicht einmal Pakete vom Roten Kreuz. Eingesperrt in einem Todeslager eines fremden Landes, dessen Sprache sie nicht verstanden, von der demokratischen Welt im Stich gelassen, hätten sie sich dennoch nie beschwert. Sympathie und Bewunderung habe daher das Verhältnis der anderen Häftlinge zu den Republikanern bestimmt. Daraus habe auch das Vertrauen resultiert, das sie ihnen entgegenbrachten, als es darum ging, eine interne demokratische Lagerleitung zu bilden und später einen Plan zur Selbstbefreiung vorzubereiten.

Daß die Bewunderung gegenüber den Katalanen so ungeteilt jedoch nicht gewesen sein kann, läßt die Geschichte der spanischen Begrüßungsbanner vermuten. Diese hatten sie während der letzten Kriegstage, immer noch bzw. mehr denn je unter Lebensgefahr, heimlich angefertigt, um damit die eintreffenden alliierten Truppen zu begrüßen. Sowohl in Gusen als auch in Mauthausen hing beim Eintreffen der Amerikaner an den Lagertoren eine republikanische Fahne mit dem spanischen Text Die republikanischen Truppen begrüßen die alliierte Befreiungsarmee, und in beiden Lagern stimmten die Katalanen das Lied des Exèrcit Popular, der republikanischen Volksarmee, an. Merkwürdigerweise ist jedoch auf den meisten überlieferten Fotos der spanische Flaggentext wegretuschiert. Die Autorin selbst vermutet dahinter den Neid der übrigen Häftlinge anderer Nationalitäten auf die Zivilcourage der Katalanen sowie vor allem die französische Zensur, die damit das Mitwirken der Kollaborateure in Frankreich bei der Deportation der Rotspanier habe vertuschen wollen.

Montserrat Roig hat das Buch über die Katalanen in Mauthausen in einer Zeit geschrieben, als das Thema der Deportation von Rotspaniern in deutsche Konzentrationslager noch ein Tabu in Spanien war, obwohl Franco schon nicht mehr lebte. Die Intention der Autorin war, dieses Tabu zu brechen. Die Durchführung dieses Vorhabens ist jedoch problematisch: Wie Roig selbst in ihrer Einleitung bemerkt, ist sie keine Historikerin, was man der Konzeption des Werks häufig anmerkt. Es ist keineswegs auf objektive historische Nachprüfbarkeit hin angelegt, sondern hätte gründlicherer Recherche weiterer Quellen bedurft. Roig, die sonst als Schriftstellerin und Journalistin arbeitete, hat das Buch außerdem als einzige große Reportage mit vielen Originaltönen überlebender Zeitzeugen verfaßt. Auf diese Weise hoffte die Autorin, der Realität in den Lagern möglichst nahe zu kommen. Sie wollte die Berichte derer, die dabei waren, möglichst wenig verfälschen, um ein annähernd authentisches Bild der Wahrheit zu gewährleisten. Dieses Verfahren ist jedoch umstritten; andere Autoren vertreten die Ansicht, durch andere literarische Textgattungen diesem Ziel näher zu kommen, wie zum Beispiel durch Romane oder Dokumentationen.[6] Es gibt außerdem unzählige dieser Tatsachenberichte, die oft gar nicht gelesen werden, weil Aufbau und Stil unelaboriert und trocken erscheinen und das Lesen mühsam machen.

Bei Roigs Buch kommt hinzu, daß es für Leser, die nicht mit der Materie vertraut sind, manchmal schwierig ist, sich in den historischen Zusammenhängen zurechtzufinden. Die Struktur des Werkes ist schwer nachzuvollziehen; relativ willkürlich wird zwischen den verschiedenen Lagern hin und her gesprungen, die angeblichen Kämpfe in Mauthausen werden an völlig verschiedenen Orten geschildert, einige Informationen über das Leben nach der Befreiung finden sich schon in dem Kapitel über die Befreiungskämpfe, und die historischen Erklärungen Roigs sind äußerst knapp bemessen.

Die von Roig interviewten Personen stammen zudem größtenteils aus politisch links orientierten Kreisen. Die Autorin war selbst Mitglied der Sozialistischen Partei Kataloniens, und mitunter scheint dies bei ihren Erläuterungen durch. Zwar versucht sie, so weit es geht, hinter den Aussagen der Zeitzeugen zurückzutreten. Ihre Erläuterungen sind jedoch zu kurz, ungenau und politisch gefärbt. Daher ist das Werk unter geschichtswissenschaftlichen Aspekten als sehr einseitig zu bewerten. Zwar liegt es in der Absicht sowohl der Autorin als auch der Zeugen, die Bedeutung der spanischen und besonders der katalanischen Republikaner, Kommunisten und Sozialisten für das Überleben in Mauthausen und für die Befreiung herauszustellen. Dies ist im Zusammenhang mit dem Ende der Franco-Diktatur 1975 auch verständlich. Der Exklusivitätsanspruch der Katalanen wird aber der Lagerrealität in Mauthausen und anderen KZs nicht gerecht. Nur am Rande werden beispielsweise die Franzosen erwähnt, die sich in Frankreich an der Résistance beteiligt hatten und sich auch im Lager, ihrer Gesinnung entsprechend, den SS-Schergen widersetzten. Vergessen werden auch die 'ganz normalen' Häftlinge, die weder Katalanen noch links gesinnt waren und dennoch ebenfalls um ihr Überleben kämpften und auch anderen halfen, so weit es in ihren Möglichkeiten stand. Zudem ist es äußerst fraglich, ob man so pauschal über das Verhalten anderer Menschen in einer Extremsituation urteilen kann, auch wenn man selbst ihr Opfer war. Die Einteilung in 'gute' und 'böse' Häftlinge geschieht in diesem Buch reichlich leichtfertig und undurchdacht, auch wenn sich natürlich offensichtliches Fehlverhalten nicht entschuldigen läßt. Beide Arten, mit dem Terror umzugehen, bleiben viel zu unreflektiert, und es ist ein großes Manko des Werks, daß Überlebende anderer Nationalitäten überhaupt nicht zu Wort kommen, auch wenn dies in seiner Struktur und Thematik so angelegt ist. Sicher ist das Buch ein wertvoller Beitrag zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels deutsch-katalanischer Geschichte. Doch seine populistische und nationalistische Machart könnte der Grund für seine mangelnde Rezeption in Restspanien, Frankreich und Deutschland sein. Aufarbeitung tut not. Aber durch die katalanische Selbststilisierung bringt sich dieses Werk um seine Wirkung.


Anmerkungen

[1] Die Tatsache, daß dieses Buch bis heute nicht ins Deutsche, in die Sprache der Täter, übersetzt worden ist, wirft kein gutes Licht auf die Bereitschaft der Deutschen, dieses dunkle Kapitel deutsch-katalanischer Geschichte aufzuarbeiten. Dies ist angesichts der heutigen guten wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern verwunderlich.

[2] Dieses Phänomen erinnert an die Postkolonialismusdebatte: Auch hier entwerfen die ehemals kolonialisierten und jetzt unabhängigen Länder ein Selbstbild, das von genau dem Nationalismus geprägt ist, dessen Opfer sie bislang waren. Die Situation der Katalanen ist durchaus vergleichbar: Im Laufe der Geschichte haben sie aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit dem kastilischen Nationalismus einen eigenen extremen Nationalstolz entwickelt, der demjenigen ähnelt, gegen den sie sich gerade wehren. Dabei hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein stilisiertes Bild der katalanischen Nation herausgebildet, das genauso Fiktion ist, wie das der spanischen.

[3] Matt, Alphons: Einer aus dem Dunkeln. Die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen durch den Bankbeamten H. Zürich 1988. Weitere Literatur zu Mauthausen: Gagern, Friedrich von: Der Retter von Mauthausen. Agathon Verlag Wien; Marsálek, Hans: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Österreichische Lagergemeinschaft Wien; Wiesenthal, Simon: KZ Mauthausen. Ibis-Verlag Linz/ Wien.

[4] Matt, Alphons: Einer aus dem Dunkeln. Die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen durch den Bankbeamten H. Zürich 1988., S. 123ff.

[5] Ruppert, Andreas: "Über Montserrat Roigs Buch Els Catalans als Camps Nazis", in: Tranvía. Revue der Iberischen Halbinsel 28 (März 1993), S. 12f.

[6] Ein Beispiel für die epische Umsetzung dieses Themas ist: Amat-Piniella, Joaquim: K. L. Reich. Barcelona 1963.


Literaturhinweise


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ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/unkultur/katalanen/
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