parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 25: Übertragungen -> perspektive
 

perspektive

Mein deutsches Fernsehen

von Alex Schaffert-Callaghan

Als mein Sohn zur Welt kam, stand für mich fest: Deutsches Satellitenfernsehen muß her! Ich bin nämlich die einzige Deutschsprechende in unserer kleinen Familie, bestehend aus Sohn (im Krabbelalter), Mann (Amerikaner) und mir (ausgewandert in die USA vor 14 Jahren). Und da mein Mann nur ein paar Worte Deutsch spricht, fällt die Aufgabe, unserem Sprößling meine Muttersprache nahezubringen, mir ganz alleine zu.

Dieser Umstand hat mich schon vor der Geburt so in Panik versetzt, daß ich anfing, massenweise deutsche Bilderbücher anzuhäufen. Als meine Mutter kurz vor der Entbindung in Los Angeles ankam, bestand ihr Gepäck außer ein paar Hosen und T-Shirts zu 90% aus Kinderbüchern, Asterix-Heften, Hui Buh-Schallplatten und meinen stark gebrauchten aber immer noch funktionsfähigen Märchenkassetten, von Aschenputtel bis zur Roten Zora. Die Anhäufung dieser teutonischen Medienvielfalt war klar getrieben von der Furcht, mein Kind könnte womöglich ohne diese kulturellen Fixpunkte und ohne die allgegenwärtige Präsenz der deutschen Sprache aufwachsen.

Fernsehen war die logische Fortsetzung meiner Mission zur Schöpfung einer nahtlosen Sprachwelt, in die mein Sohn eintauchen sollte. Wenn ich schon die einzige in seinem Leben bin, die verläßlich Deutsch spricht, kann ein bißchen germanische Berieselung aus der Flimmerkiste nur helfen, so die Rationalisierung. Ein Schuß Egoismus war da natürlich auch dabei. Denn ein Säugling will gefüttert, geschaukelt und gehegt werden, und das stundenlang am Tag. Passive Ablenkung, vor allem für die Eltern, tut da allen Beteiligten gut.

Im Allgemeinen ist Fernsehen in unserem Bekanntenkreis ziemlich 'out'. Viele unserer Freunde habe entweder gar keine Glotze oder sehen nur sehr selten fern, eigenen Angaben zufolge jedenfalls. Glücklicherweise sind soziale Normen dazu da, daß man sich über sie hinwegsetzt, und so kam es, daß "ProSiebenSat1Welt" in unserem Wohnzimmer Einzug hielt.

Bei nächtlichen Baby-Fütterungen klickte ich mich sofort begeistert durchs Programmangebot, bestehend aus Serien, Quiz-Shows und Spielfilmen, alles auf Deutsch. Eines Nachts stolperte ich über die Sendung "Stars auf Eis", in der sich deutsche Promis im Eiskunstlaufen versuchen, unter den wachsamen Augen von Katharina Witt. Solchen Unsinn kennt man ja vom amerikanischen Fernsehen, aber daß es so etwas auch in Deutschland gibt, das fand ich schon echt überraschend. Ich lebe zwar in Los Angeles, wo O.J. Simpsons Autobahnjagd im weißen SUV im Lokalfernsehen übertragen wurde, aber aufgewachsen bin ich immer noch mit drei Programmen und dem Sandmännchen!

Frau Witt kann eine gewisse Anziehungskraft nicht abgesprochen werden, doch weitaus interessanter fand ich Programme mit vielversprechenden Titeln wie "We are family" "Deine Chance", und "Abenteuer Alltag". Gemeinsam haben diese Sendungen, daß ganz normale Menschen im Mittelpunkt stehen: Die Großfamilie, die von Harz IV und Kindergeld lebt; drei junge Bewerber, die um eine Lehrstelle beim Friseur kämpfen; die überarbeitete Küchenbrigade in einem gehobenen Restaurant in der deutschen Provinz, der man dabei zukucken kann, wie sie für einen jugendlichen Knigge-Kurs ein Sechs-Gänge Menü kocht.

Ich stelle fest: Wenn man 14 Jahre im Ausland lebt, ist die deutsche Normalität am faszinierendsten, denn der deutsche Alltag ist mir längst fremd geworden. So wird das einst Vertraute über den medialen Umweg zur exotischen Erfahrung, aufgezeichnet und ausgestrahlt bis in meine Ecke der Welt.

Und dort sitze ich dann, Fernbedienung in der Hand, und schaue mir an, wie die andere Hälfte lebt. Und damit ist nicht nur die Hälfte gemeint, die zu Hause geblieben ist. Zum Beispiel heißt eine Sendung im deutschen Kanal "Mein neues Leben". Dabei geht es um Deutsche, die in der Ferne ihr Glück suchen und auswandern oder ausgewandert sind. So wie der gelernte KFZ-Mechaniker, der schon vor mehr als 10 Jahren nach Kanada gezogen ist, ein Geschäft gegründet hat und jetzt expandiert. Oder die Familie aus dem Ruhrpott, die trotz mangelnder Sprachkenntnisse mit Sack und Pack nach Norwegen ausgewandert ist, auf der Suche nach Arbeit. Oder jene Deutsche, die in Südafrika eine Zitrusfarm betreibt.

Das Glas des Fernsehers, auf dem diese Bilder vorbeiziehen, wird so zum doppelten Spiegel. Es reflektiert einerseits die deutsche Realität, die einst so gewohnt war, und jetzt schon wieder fremd geworden ist. Gleichzeitig wird eine Auslandserfahrung gezeigt, von Person zu Person komplett verschieden, und mir als Ausgewanderter in ihren Grundzügen doch völlig vertraut. Der deutsche Alltag ist für mich schließlich längst zum 'Anderen' geworden, das außerhalb meiner unmittelbaren Reichweite und jenseits meiner gegenwärtigen Lebenserfahrung liegt. Doch auf der Suche nach der Vergangenheit bin ich wiederum über die eigene Wirklichkeit gestolpert.

In einer Sendung ging es um eine deutsche Familie in Neuseeland. Die Deutschen waren vor zwei Jahren erfolgreich ausgewandert: Neue Freunde waren schnell gefunden, beruflich stand alles zum Besten, ein Haus wurde gebaut. Doch als die Tochter zur Welt kam, wurde das alles zweitrangig, und das Paar hat sich kurzerhand entschlossen, alles zu verkaufen und nach Hause zurückzukehren -- das ganze, um näher bei den Großeltern zu sein.

Ich liebe mein deutsches Fernsehen, Kanal 726 in unserem Satellitenmenü. Zurück nach Deutschland möchte ich deswegen nicht, obwohl ich den Impuls der frischgebackenen Eltern in Neuseeland verstehen kann. Und ob unser Nachwuchs dank deutschen Fernsehens jemals leichter Deutsch lernt, ist ebenfalls mehr als fraglich. (Wer anhand dieses Textes glaubt, ich würde meinen Sohn regelmäßig vor der Flimmerkiste parken, kann getrost aufatmen: Nächtliche Fütterungen sind ein Ding der Vergangenheit, jetzt wo das Baby regelmäßig durchschläft, und sowohl ich als auch mein Mann schauen fern, wenn unser Sohnemann schon längst im Bett ist).

Fazit: Das deutsche Fernsehen ist eine Brücke in meine alte und meine neue Welt. Es liebäugelt mit amerikanischen Vorbildern, doch es bleibt in Stil und Inhalt ein charmant behäbiges Medium. Es bietet Einsicht in das Leben anderer, und somit Perspektive auf die eigene Gegenwart. Während das amerikanische Fernsehen immer extremer wird, bleibt das deutsche Fernsehen auf dem Boden der Realität -- der deutschen Realität. Und als Fernsehliebhaberin, Expat, Mutter und Schwäbin weiß ich das zu schätzen.

 

autoreninfo 
Alex Schaffert-Callaghan pendelt am liebsten zwischen den USA und Deutschland und macht sich dabei Notizen zum Besonderen beider Länder. Sie hat in Deutschland und in den USA studiert, und leitet heute die Webseite für einen grossen gemeinnützigen Radiosender in Los Angeles. Sie lebt mit Ehemann, Sohn, und Kater in L.A.

[ druckbares: HTML-Datei (7 kBytes) | PDF-Datei (39 kBytes) ]

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/uebertragungen/perspektive/