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no. 14: theater und politik -> minority report
 

Von Philip K. Dicks zu Steven Spielbergs Minority Report

oder: Wie politisch darf ein Zukunftsfilm heute sein?

von Peter V. Brinkemper

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* druckbares

Steven Spielbergs Minority Report ist eine unterhaltsame Umsetzung der gleichnamigen Kurzgeschichte des legendären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick aus dem Jahre 1956, die jetzt erst in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ein auf den Produzenten-Star Tom Cruise zugeschnittener hybrider Action-Zukunfts-Thriller: ein rasanter telematischer Indiana Jones mitten in einer ödipalen Mission Impossible. Allerdings: Dicks hochaktuelle düstere Vision der futurischen Überwachung von potentiellen Mördern durch eine präventiv zuschlagende Spezialpolizei wird durch das Drehbuch entkernt. Im Film schwebt über allem eine gutmenschliche Utopie, von der man glaubte, daß der inzwischen graduierte und gereifte Spielberg solche Klischees nicht mehr nötig hätte. Oder doch?

 

Die innere Sicherheit ist ein hohes Gut. Und mit ihr läßt sich der mündige Bürger schnell politisch einschüchtern. Vor allem bei drohendem Krieg und Terror, aber auch schon bei 'zivilem' Mord. Und es liegt nahe, die persönliche und gesellschaftliche Freiheit dafür zu opfern, wenn es endlich gelänge, Verbrechen nicht nur nach begangener Tat zu verfolgen, aufzuklären und zu ahnden, sondern gleich im Vorfeld, durch uneingeschränkte Überwachung und gewaltlose Neutralisierung der Täter zu verhindern. Die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft, eines ungestörten Privatlebens und einer 'sanften' Psycho-Polizei gebiert freilich das Gegenteil: die totale technologische Kontrolle und das Ende jeglicher Privatsphäre. Allgegenwärtige Kameraaugen einer telematisch-interaktiv vernetzten Technik liefern Bilder, Daten, Eye- und Dental-Scans, eindeutige Merkmale für kriminelle Motive, Handlungen, Dispositionen und Situationen. Es sieht so aus, als sei der ganze Prozeß des polizeilichen Handelns und gesellschaftlichen Lebens technologisch lösbar und um den Faktor Mensch beinahe völlig herunter zu kürzen. Logische Entscheidungen und temporeiche Aktionspläne für hochspezialisierte Sondereinheiten verwandeln die Verfolgung in ein einziges Just-In-Time, einen fast vollautomatisierten zivilmilitärischen Schlag ohne juristische Zimperlichkeiten, auch nicht bei der Festnahme und anschließenden Einfrierung der ausgemachten Verdächtigen. So etwa könnten die Voraussetzungen für eine präventiv zuschlagende Polizei lauten, für die 'Precrime'-Cops aus Philip K. Dicks Minority Report aus dem Jahre 1956 (soeben bei Heyne erschienen).

 

Dicks Welten unter Generalverdacht

Dabei gibt es wunde Punkte in dieser Vision der perfekten, wasserdichten Kontrolle: Die Schnittstelle zwischen Mensch und elektronischen Daten ist voller Fehlerquellen, der logische Schluß von der Vergangenheit auf die Zukunft bleibt eine Hypothese, er ist, selbst bei einer erheblichen Datenbasis, immer fehlbar und mit ungereimten Vorstellungen und Feindbildern durchsetzt. Das reale menschliche Verhalten läßt sich nur bedingt unter Gesetze stellen. Die Freiheit der Wahl, auch anders als vorhergesagt handeln zu können, stellt sich für den Kontrollfreak als ein bedrohliches Restrisiko heraus, das man einfach nicht abschaffen kann. Es existieren immer weitere Zeitpfade und beliebig viele 'Parallelzukünfte'. Wer sein Leben in den Dienst der totalen Überwachung stellt, bezahlt dies mit dem Wahnsinn des uneingeschränkten Verdachts und Mißtrauens. Dicks Verdienst ist es, zahllose morbide Welten unter Generalverdacht entwickelt zu haben, in denen sich Zukunft und Gegenwart im Zwielicht überschneiden. Vielleicht ist dies die literarische Qualität von Dicks Erzählungen und Kurzgeschichten: die Absurdität einer verstörten Wahrnehmung auszubuchstabieren, die Heute, Gestern und Morgen, Nähe und Ferne ineinander blendet, die immer neue bedrohliche Denkmöglichkeiten und abrupte Umschwünge im Handeln der Protagonisten anhäuft, ohne an den Kern der längst verlorenen Wahrheit zu rühren, ohne einen überzeugenden Ausweg, eine Erlösung zu bieten. Dick hat Kafkas literarische Modernität für das anbrechende Cyberage gerettet. Nur so wurden William Gibson und Matrix möglich, allerdings ohne Gibsons neue Technikgläubigkeit und Andy und Larry Wachowskis Auserwählungspathos. John Anderton, der Leiter von Precrime in Minority Report, Rick Deckard, der Androiden-Verfolger aus Blade Runner, und Douglas Quail, der touristische Mars-Agent aus der Totalen Erinnerung werden zu maschinellen Wesen, geschüttelt durch die Macht ihrer Träume und Visionen. Ihre Geschichten arten zu narrativen Zombies aus, die vor allem auf der Jagd nach sich selbst sind, zu unglaublich labyrinthischen Systemen eines kollektiven Wahns, der Verbrechen im Namen der allgemein zirkulierenden Ich-Losigkeit sanktioniert.

 

Automaten-Liebe und Krieg zwischen Mensch und Maschine

Blade Runner, die Verfilmung eines ausgereifteren unter Dicks Romanen, war auch deshalb ein cineastisches Ereignis, weil Ridley Scott die psychologische Ereignislandschaft des inneren Krieges mit sich selbst in dunklen und wilden theatralischen Inszenierungen von Kampf und Liebe zwischen Mensch und Maschine ausagierte, vor allem in den Konfrontationen zwischen Deckard (Harrison Ford) und dem Kampfroboter Roy (Rutger Hauer) ebenso wie in Deckards Liebe zu Rachael, der bioelektronischen Doublette einer Frau aus dem Establishment des Tyrell-Konzerns. Die Biomechanik der Ereignisse zwischen seelenloser Kausalität und dem tierischen Schrei nach menschlicher Anerkennung verlieh dem Film in seiner ersten, mit Deckards Off-Kommentaren versehenen Fassung einen bis heute unumstrittenen Kultstatus.

In Dicks Minority Report schlummert die Mensch-Maschine-Konfrontation noch unter der Kruste der plakativen Detective-and-Crime-Story. Das Hauptinteresse des Lesers gilt dem Leiter von Precrime, John Allison Anderton, seiner typischen berufsbedingten Paranoia, die zum Mißtrauen gegenüber dem neu eintreffenden Nachfolger Ed Witwer führt. Das Mitgefühl mit dem humanoiden Herzstück der Aufklärungseinheit von Precrime, dem Orakel der drei Präkog-Mutanten hält sich dagegen in Grenzen. Hier sind keine Liebe und kein Mitleid im Spiel. Die letzte Autorität der schönen neuen Sicherheitstechnik liegt weder in der Elektronik, noch beim Menschen, sondern bei den drei lebenden Leichen, drei kombinatorischen Gehirnen, die im ständigen Traumzustand an die intensivmedizinische Überwachungsapparatur der Sonderpolizei angeschlossen sind. Die "drei lallenden Idioten", die Präkogs Donna, Mike und Jerry sind vor sich hindösende hydrozephale Wesen, verkabelt durch Rezeptoren mit einem Berg von Apparaten, wie Deliquenten zum alptraumhaften Dauerverhör in fremden Angelegenheiten, "an Spezialstühle mit hohen Lehnen gefesselt". Und aus diesem Zustand der äußersten Gefangenschaft zwischen Leben und Tod heraus werden jene Voraussagen herausgefiltert, die der Gesellschaft als unfehlbare Erkenntnisse einer Präventions-Technologie für eine mordfreie Gesellschaft verkauft werden.

 

Die politische Dimension

Dicks Geschichte beruht nicht nur auf der einmaligen Umkehrung von Verfolger und Verfolgtem. Er dreht das Verhältnis immer wieder erneut herum, um mit einem sparsamen Arsenal von Personen dennoch ein Maximum an konspirativer Verwirrung zu erzeugen. Und darin besteht der ästhetische Genuß des Lesers: Jederzeit wechseln Protagonisten und Antagonisten scheinbar oder wirkliche die Seiten, jede folgende Handlungsphase oder Information wirft sogleich neue Fragen auf. Kompliziert ist in der Hauptsache das Wie: mehr noch als die Dosierung der Informationen, als die Frage möglicher Varianten und Handlungsalternativen, sind es vor allem die angedeuteten Spekulation über die Pläne und Interessen der Drahtzieher und Nutznießer im Hintergrund.

Allzeit bereit zum Einsatz gegen das Böse in der Welt muß Commissioner Anderton erfahren, daß das biomorphe Prophetentrio ihn selbst als zukünftigen Mörder eines ominösen Leopold Kaplan ausgespäht hat. Er selbst hört den Namen zum ersten Mal. Eine Intrige scheint nahezuliegen. Er flüchtet und hat nur 24 Stunden Zeit, um seine Unschuld zu beweisen. Dazu muß er sich die Berichte der Präkogs verschaffen. Anderton zweifelt zunächst an sich und dann erst am System. Zunächst sieht es so aus, als kämpfe er nur in eigener Sache. Auf der offiziellen Ebene würden die privilegierte Rettung der eigenen Existenz, der dafür nötige Zugriff auf geheime Daten und der mögliche Nachweis einer Fehlmeldung das autoritäre Unfehlbarkeits-Image von Precrime infragestellen. Aber, warum und wozu dies alles? Wem würde dies alles nützen? Im Laufe der Geschichte, einer Kette von undurchsichtigen Manövern der Flucht, Entführung und Befreiung, stellt sich heraus, daß das die Mehrheits-Vorhersage der Präkogs und die vorhergesagten Individual-Tatbestände, das Wer, Was und Wie, höchst widersprüchlich sind. Auf dieser Ebene muß Anderton verzweifeln und jeden und jede Seite, ob Feind oder Freund, als Verdächtiger verdächtigen.

Ein überzeugender Sinn hinter der Mord-Vorhersage und der dadurch ausgelösten Ereignisse schält sich erst im Verlauf der Geschichte heraus: Anderton wird entführt und dem mutmaßlichen Opfer vorgestellt: Leopald Kaplan, General der Armee der Föderalen Westblock-Allianz, im Ruhestand "seit Ende des anglo-chinesischen Krieges". Er sieht sich fast mit Genugtuung durch den verdächtigten Polizeichef bedroht und will ihn an dessen eigene Organisation ausliefern. Eine Macht spielt der anderen in die Hände. Sogar Andertons Unschuldsbeteuerungen kommen Kaplan und seinen Helfershelfern gelegen: Sie werden als Indiz dafür gewertet, daß Precrime bereits in vielen anderen Fällen Menschen zu Unrecht verdächtigt und verhaftet hat. Anderton wird ein weiteres Mal entführt und freigesetzt, diesmal von einer scheinbar unabhängigen Untergrund-Organisation, einer "Art Polizei, die die Polizei im Auge behält. Und dafür sorgt, daß alles im Lot bleibt." In Wahrheit handelt es sich hierbei um ein getarntes Manöver der Armee. Anderton dringt bei Precrime ein und besorgt sich die detaillierten Berichte der Präkogs. Darin wird die Verschleppung Andertons durch Kaplan vorhergesagt und auch ein Motiv genannt: Das Militär wolle so die Auflösung von Precrime erpressen. Beide Seiten, das Militär und die Polizei ersuchten den Senat um Unterstützung. In einer ersten Variante (präsentiert von Donna) genehmigt der Senat die Liquidation von Precrime:

"Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, hatte der Senat die Auflösung des Polizeisystems ratifiziert und einen Wiederherstellung des Kriegsrechts verfügt, 'um des Notstands Herr zu werden'. Mit Hilfe eines Korps fanatischer Polizisten hatte Anderton Kaplan ausfindig gemacht und niedergeschossen".

Damit streift Dick das Szenario eines verdeckten Bürgerkriegs im Kampf von Polizei und Militär um die (exekutive) Macht im Staat. Er stellt den Leser vor eine durch und durch pessimistische Wahl, zwischen zwei politischen Übeln: der Gewalt vermeidenden Präventiv-Polizei, -- die zwar vorauseilend Freiheitsrechte und Privatsphäre massiv einschränkt, aber, aus Andertons Sicht, ein unabhängiges Gegengewicht zu den anderen Gewalten darstellt, -- und einem neuen Bündnis von Militär und Senat, einer diffusen, gewaltbereiten und Gegengewalt provozierenden Militärdiktatur, -- die die Interessen der Armee und des Senats ausgerechnet mit den alten demokratischen Werten und Bürgerrechten kaschiert. Auf diese Weise wäre die Gewaltenteilung, the check of balances, endgültig außer Kraft gesetzt:

"Damit ist es mit der gegenseitigen Überwachung vorbei. Prä-Verbrechen ist dann keine unabhängige Behörde mehr. Der Senat hat dann die Polizei unter Kontrolle und danach [...] schlucken sie auch noch die Armee."

Handelt Anderton, nun in Kenntnis aller Prophezeiungen, gemäß Donnas Bericht gewaltsam und tötet er Kaplan, so behält Precrime in der Vorhersage zwar Recht, aber scheitert in der Prävention ausgerechnet im Fall eines politisch motivierten Attentats. Läßt Anderton Kaplan, gemäß Jerrys Bericht, am Leben, so entgeht er möglicherweise einer Verurteilung, schädigt aber das Ansehen von Precrime: Die öffentlichkeitswirksame Verfolgung wird abgeblasen, der Irrtum einer nicht eingetroffenen Vorhersage und die Möglichkeit weiterer Irrtümer werden allgemein bekannt. Deshalb will Anderton die dritte Variante, Mikes Bericht umsetzen, ohne auf seinen individuellen Vorteil zu achten: Er will Kaplan aus rein politischen Motiven erschießen, allerdings mit dem Unterton terroristischer Verzweifelung, um die Glaubwürdigkeit und Relevanz der Vorhersagen der angeschlagenen Institution Precrime zu bestätigen und die Geburt eines neuen Militärstaates gewaltsam zu sabotieren. Aus eigener freier Einsicht in die politische Notwendigkeit setzt er den dritten Zukunftspfad um, der nur im Endresultat, im Body-Count, den Verdacht der ersten Variante bestätigt. Dick läßt keinen Zweifel daran, daß sich erster und dritter Weg durch die emotional-persönliche und die politisch-strategische Motivation Andertons massiv unterscheiden.

Die öffentliche Szenerie der Tat erscheint geradezu gespenstisch: Eine Militärkundgebung, auf der ausgerechnet die Menschenrechte der von der Sonderpolizei ach so geplagten Bürger hochgehalten werden. Gewiß, die Alternative war keineswegs menschenfreundlicher, und was zivil und was militärisch ist, ist in Dicks Schattenreich der dehumanisierenden Institutionen und posthumaner Automaten nicht mehr zu unterschieden: Militarisierung und Kybernetisierung der Polizei und ideologische Zivilisierung des machthungrigen Militärs als Rattenfängerei eines zynischen Senats halten sich die diabolische Waage.

General a.D. Kaplan trägt auf der Kundgebung den Fall Anderton als aktuelles Beispiel dafür vor, wie unschuldige Bürger zu Unrecht verdächtigt und verfolgt würden. Als populistischer Politiker macht sich Kaplan die täglich von Precrime bei der Armee eintreffenden Berichte zunutze und zeigt sich in der Öffentlichkeit davon überzeugt, daß Anderton unschuldig sei und ihm gegenüber keinerlei Mordgedanken hege. Er verliest die abweichenden Vorhersagen: den pauschalen Mehrheitsbericht (in dem das Handlungsgerüst der Präkogs Donna und Mike konvergiert), wonach Anderton Kaplan umbringen wird, und den Minderheitenbericht (die zweite Variante von Jerry), wonach Anderton die Tat aus moralischer Einsicht nicht begehen werde. Die Präventiv-Polizei habe durchweg unschuldige Menschen wie Anderton auf der Basis von höchst widersprüchlichem Material und keineswegs geklärten Anschuldigungen verhaftet und neutralisiert. Als Anderton auf der Kundgebung eintrifft, begrüßt ihn Kaplan heuchlerisch als Schützling und Verbündeten. Doch Anderton, das "unschuldige Opfer" und blinde Werkzeug, hat längst die Naivität verloren und greift nun als unberechenbarer Täter den Kopf der Intrige an. Er schießt auf Kaplan, um das Militär zu schwächen und den ersten Mordalarm von Precrime vor den Augen der Öffentlichkeit zu bestätigen. Daß er damit das Tabu einer äußerlich gewaltfreien Gesellschaft bricht, ist typisch für Dicks dialektischen Pessimismus. Der erfolgreiche Anschlag wird wie eine unerwartete Hinrichtung beschrieben, im Stil der Zeitlupensequenz der hingestreckten Schlangenlady aus Blade Runner:

"Anderton sah, wie Kaplans verzerrtes Gesicht an ihm vorbeischoss. Anderton war aufgestanden, hob nun die Kanone, machte rasch einen Schritt nach vorn und drückte ab. Kaplan hatte sich in der endlosen Reihe von Füßen verheddert, die von den Stühlen auf der Tribüne weggestreckt waren, und ließ mit einem einzigen schrillen Schrei Schmerz und Furcht heraus. Wie ein verwundeter Vogel taumelte er flatternd und mit den Armen schlegelnd von der Tribüne hinunter auf den Boden. Anderton trat ans Geländer, aber es war schon vorbei."

 

Spielbergs Washington Confidential

In Spielbergs Film ist das digital angereicherte Washington, D.C. im Jahre 2054 die politische Kulisse der Vor-Verbrechens-Polizei. Die klassizistische Architektur der Macht und ihre Parklandschaft wird von einem futuristischen Wohn-Verkehrs-Gürtel umzäumt, einer cleanen Ausgabe des Los Angeles aus Blade Runner. Seit sechs Jahren hat Precrime offiziell jeden möglichen Mord verhindert. Bisher operiert sie nur im regionalen Feldversuch, als Paladin der Reichen, Mächtigen und Schönen, die sich gegenüber einer mehrheitlichen Gesellschaft von Armen und Ausgestoßenen zu schützen wissen. Alle Bürger der USA werden nun zur Abstimmung über die landesweite Einführung dieser Methode gebeten. Die Werbekampagne wirbt mit der heilen Welt einer unversehrten Familie und eines geschützten Freundeskreises. Die Verdächtigung Andertons schlägt bei Precrime wie eine Bombe ein.

Auch bei Minority Report hat Spielberg das aus A.I. bekannte Verfahren angewandt, eine Kurzgeschichte zu einem aufwendigen Drehbuch aufzublasen. Ein Grundgerüst von bekannten Namen wird übernommen, die Figuren werden jedoch in andere Zusammenhänge gebracht und angeblich stärker, als im Science-Fiction üblich, 'individualisiert'. Danny Witwer ist kein Nachfolger, sondern ehrgeiziger Beobachter des Justizministers, der Precrime noch einmal auf Herz und Nieren durchchecken soll. Zahllose neue Personen tauchen auf, bis sich Verwirrung, Verdacht und Verschwörung schließlich in eine allgemeinverständliche Spielberg-Psychologie auflösen. Aber, und viel entscheidender: Lepold Kaplans Name und Figur sind wie vom Erdboden verschwunden. Das Bürgerkriegsszenario zwischen totalitärer Polizei und keineswegs menschenfreundlicherem Militär ist ausradiert. Die Falle, die Anderton auf jeden Fall individuell und politisch tragisch schuldig werden lässt, ist entschärft. Ein heldischer Comic-Individualismus triumphiert.

Die Folge: Tom Cruise spielt Anderton als eine hybride Figur: mal ein kraftstrotzender loyaler Super-Cop, mal ein traumatisierter Ex-Familienvater, der an der Jahre zurückliegenden Entführung seines Sohnes zu zerbrechen droht. Wie bedrohlich auch immer die vollautomatisierten Einsätze der Precrime-Truppe wirken mögen, Andertons eigene Schattenseiten sind als mediale Projektionen nach außen verlegt, gleichsam in die interaktiven Prophezeiungen und Werbetafeln. Er selbst bleibt ein spielbergisierter Gutmensch in schlechter Umgebung und kann nur den engelhaften Zukunftspfad der Unschuld und der Gewaltvereitelung betreten. Gewalttätig und unlauter sind immer die anderen. Und hier liegt der Grund für die abflachende Spannnungskurve eines Films, der am Anfang noch aufs Ganze zu gehen scheint.

Anderton wirkt mit seiner Mannschaft wie eine allseits bereite Feuerwehr, die auf die in Billardkugeln eingeritzten Namen der Täter wie auf die Ergebnisse der öffentlichen Ziehung der Lottozahlen wartet. Die Präkogs liegen als vegetative Seismographen in einem Tempel-Bassin, um immer wieder aus ihren mörderischen Träumen emporzufahren. Wenn Anderton die wirren Traumbilder der Präkogs auf den immateriellen Display mit dem Datenhandschuh sortiert, wirkt er wie der kriminologische Wetterfrosch des neu angebrochenen Jahrhunderts. Die Verfolgungsshow kann beginnen. Sicherlich: Man könnte von der Bilderkritik, von fortwährenden Brüchen zwischen Simulation und Realität sprechen: Vorhersagen erweisen sich als unklar, die Orakel-Aufnahmen werden zerlegt und umgruppiert, vor und zurückgespult, Perspektiven um ihre eigene Achse gedreht und gespiegelt. Jedes einzelne Bild, jede bewegte Einstellung ist eine manipulierbare Komposition, eine Auslegung, die auch täuschen oder lügen kann, wie jeder Text und jede vage Zauberformel. Aber die Live-Show-Visualisierung des Orakels, die medientechnische Beherrschung der Visionen zerrt sie aus dem Dunkel der Einbildungskraft in eine fragwürdige Visualität. Die Zukunft verliert ihre Magie, die Vorabsimulationen der Storylines imitieren das Produktionsgeschäft des heutigen digitalen Kinos: Die allgegenwärtige Previsualisation im Rotoscope-Verfahren der 3-D-Animationen verklebt die Option tiefgründiger Alternativen. Der visuelle Strom der Einfälle und Tricks verdinglicht den Prozeß der Vorhersage und der Aus- und Umdeutung derart, dass die Bildergläubigkeit des Unterhaltungskinos keineswegs infrage gestellt wird, sondern sich fast bis zum Überfluß und Überdruß verstärkt.

Bleiben noch die neu eingeführten Schlüsselfiguren: der Übervater und Gründer von Precrime, ein betagter Riese: Lamar Burgess (Max von Sydow) und das schmächtige Präkog-Orakel Agatha (Samantha Morton), die vielleicht am gelungensten aufgewerteten Rolle. Sie erweisen sich als Täter und Opfer in einem System, das neue Formen des Verbrechens braucht, um die traditionelle Verbrechensbekämpfung zu perfektionieren. Precrime führt in den Abgrund von Ausbeutung, Abhängigkeit und psychogenetischer Abrichtung. Burgess ist eine unheimliche Respektsperson, ein exorzistischer Gary Cooper. Zusammen mit der spleenigen Psychologin Dr. Hineman hat er aus Randexistenzen der Gesellschaft das Herzstück der Precrime-Truppe geschmiedet. Wenn man so will, ist Precrime eine Art genetisch-inzestuöse Leihfamilie voller verdrängter Verbrechen. Die am stärksten begabte Seherin Agatha wurde durch ihre rauschgiftsüchtige Mutter mit einen genetischen Defekt belastet. Als diese ihre Tochter zurückhaben wollte, wurde sie von Burgess getötet und die Identität des Mörders in einem manipulierten Erinnerungsprotokoll vertuscht. Die vorgebliche Zurichtung von Anderton zum Mörder, sowie seine offizielle Verfolgung laufen nach einem ähnlichen Schema ab: Berichte, Spuren und Gelegenheiten werden fingiert, um aus ihm einen Verbrecher zu machen. Burgess sieht plötzlich in der Verfolgung Andertons ein Ventil, um sein durch die Justiz und die Politik unter Druck geratenes Unternehmen landesweit durchzusetzen. Der treibende Konflikt in Spielbergs Film stammt aus dem Mobbing, dem durch und durch menschlich angerührten Hexenkessel von Precrime. Er und seine Drehbuchautoren gehen der Frage nach, welchen persönlichen Preis die Präkogs und die Precrime-Polizisten für die Sicherung des Friedens und den Schutz des Lebens bezahlen müssen. Dabei bleibt das Erklärungsmuster auf der personalistischen Ebene: Anderton muß die eigentliche Bedrohung in seinem Übervater Lamar Burgess erkennen und einen gewaltfreien Angriff in Form einer erfolgreichen Überführung führen. Dabei bleibt das Szenario Dicks, die Frage der politischen und gesellschaftlichen Machtverteilung und der eigenen schuldhaften Verstrickung gerade der Hauptfigur außen vor.

Als futuristischer Action-Thriller, der mit Anspruch und vielen grotesken Einlagen unterhält, hinterläßt Minority Report doch einen diffusen Eindruck. Der psychologische Weichspüleffekt höhlt Dicks geniales Szenario der 'perfekten' Prävention und der falschen Verdächtigungen, aber auch den Machtkampf rivalisiernder Institutionen aus. Und sobald die Figuren eindeutig dem Gut-und-Böse-Schema zuzuordnen sind, verlieren die Filmszenen jene bedrohliche Unberechenbarkeit, die die Verfilmung von Blade Runner auszeichnete. Eine Verfolgungsjagd ist noch kein bildgewordener Verfolgungswahn, und ein auf neue Personen umverteilter Dialog über Recht und Ordnung ist noch keine filmische Problemvertiefung. Übt Spielberg mit seinem politikfreien Drehbuch freiwillige Selbstzensur? Immerhin spielt der Show-Down auf einer Gala der Mächtigen und Etablierten. Und die Tatwaffe ist eine Ehrengabe für verdienstvolle Bürger: ein Goldener Colt. Der Taktiker Spielberg hält sich in weiser Selbstbeschränkung zurück und erspart uns so einen Film, der leicht in futuristischen Patriotismus ausgeartet wäre. Nach dem 11. September wurde Hollywood von Washington zu einem Briefing für politisch korrekte Filme in Sachen Helden, Action, Krieg, Terror und Demokratie geladen. Wartet der Meisterregisseur auf demokratischere Zeiten? In Interviews gibt er zumindest als Privatmann seiner Sorge um die Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten und der demokratischen Spielregeln in den USA Ausdruck. Die chronischen ideologischen und ökonomischen Beschränkungen des Hollywood-Kinos sind kein Thema, ein Steven Spielberg hat sich seine künstlerische Freiheit als Regisseur und Produzent jenseits des Kommerzkinos schwer erkämpft. Aber der illusionäre Kitsch des privaten Glücks, der am Ende von Minority Report triumphiert, reflektiert inhaltlich genau die Unterdrückung des demokratisch-gesellschaftlichen Denkens und die kompensatorische Überbetonung des Privaten, in deren Namen ein Präsident die Nation in den Krieg gegen alle führen will, die nicht auf der Seite der USA stehen. Anderton findet zu seiner Frau zurück, die erneut schwanger wird, und die Präkogs tummeln sich abgekabelt und neuvermenschlicht in einer Hütte in der freien Natur. The Dream works, aber nur als schlechte, weltlose Utopie.

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