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no. 14: theater und politik -> perspektive
 

perspektive

Warum hört man nicht auf, Politikern Schauspielerei vorzuwerfen?

von Markus Heilmann

Es ist schwierig geworden, die Politik nicht zu durchschauen. Die Massenmedien nehmen dem Publikum das Geschäft des Entlarvens ab und 'kritisieren' Politik als Inszenierung. Und sie zeigen Politiker, die sich gegenseitig Schauspielerei vorwerfen. Für das Publikum der Politik, das auf Berichterstattung angewiesen ist, um etwas über den laufenden Machtkampf zu erfahren, ist dieser also von vorn herein Theater. Hatte man es nicht auch so schon gewußt? Der Vorwurf der Polit-Schauspielerei sollte sich jedenfalls abgenutzt haben. Dennoch wird er täglich neu aufgebracht. Warum?

Eine zweite Merkwürdigkeit: Politiker spielen gar kein richtiges Theater (im Sinne der Theatersemiotik): Wenn Schröder als Stoiber aufträte, vor einem Publikum, für das Schröders Äußeres das Äußere von Stoiber, Schröders Verhalten das Verhalten Stoibers und der Raum, in dem Schröder agiert, den Raum, in dem Stoiber agiert, zu bedeuten hätten -- aber das ist ja nicht gemeint. Man sagt: Schröder gibt den Kanzler, den Parteichef, den Fußballfan. Aber wer das sagt, kann damit schlecht dasselbe meinen wie mit dem Satz: Gert Voss gibt Richard III.

Wobei Gert Voss als Richard III. schon ein Grenzfall ist. Will das Publikum wirklich 'Gert Voss' Richard-Darstellung sehen? Theatergenuß ist es nur, wenn die Darstellungskunst mitgenossen wird; wenn erlebt wird, wie der Darsteller -- um der Darstellung willen -- seine Präsenz so vehement entfaltet, daß er sie einbüßt. Dafür werden Schauspieler berühmt. Wenn sie es erst sind, kann es ihnen gehen wie Gert Voss. Sie verschwinden nicht mehr hinter der dargestellten Figur, so sehr sie sich auch exponieren. Gut möglich, daß man nur gekommen ist, um Voss zu sehen, gleichgültig, ob als Richard, oder als sonstwer. Theatergenuß adieu. Diesem Publikum ist das Publikum der Schwarzeneggerfilme einen Schritt voraus. Es freut sich jedesmal, und das ganz ungeniert, auf denselben Schwarzenegger, egal, in welcher Rolle er agiert. Wobei die Frage, wer Schwarzenegger eigentlich sei, keine Probleme macht: Sein Publikum weiß, naturgemäß, nichts von ihm -- und das ist alles, was es braucht, um ihn zu kennen. In Anlehnung an einen Spruch Heinz von Foersters: Festlegen können wir uns nur da, wo wir (wie etwa in Sachen Identität und Persönlichkeit) nur mutmaßen können. Und weil es so ist, sucht man hier auch vergebens einen Ansatz für Medienkritik, die Schwarzeneggers Starkino zu Lug und Trug und damit weg-erklären könnte. Schwarzeneggerfilme-Ansehen ist darauf angelegt, Schwarzenegger wiederzu(er)finden. Oder: Schwarzeneggerfilme bringen etwas hervor, was durch sie selbst nicht determiniert ist: Schwarzenegger. Das heißt natürlich auch, daß schlechte Schwarzeneggerfilme oder solche, in denen Schwarzenegger schlecht besetzt ist oder schlecht schauspielert, Schwarzenegger im Prinzip nichts anhaben können. Nehmen wir an, der Politik-Theater-Vorwurf ist nur mißverständlich betitelt (denn echte Theatralik gibt es in der Politik gar nicht) und bedient tatsächlich das verbreitete Starkino-Beobachtungs-Muster. Dann ergibt der Vorwurf einen Sinn: Er moniert nicht nur, daß das öffentlich inszenierte Politiker-Verhalten öffentliche Inszenierung sei (was eine allzu triviale, öde Einsicht wäre). Er erinnert zugleich an den Umstand, daß hinter der -- nur dargestellten -- Person des politischen Rollenträgers ein Anderer steht, Schröder zum Beispiel. Ein Schröder, der durch das Schröder-Stück, das ihn uns zeigt/das ihn erzeugt, nicht determiniert ist, so wenig wie Schwarzenegger durch Schwarzeneggerfilme. -- Aber ist das nicht auch schon öde?

Gegenprobe: Was wäre, wenn man im Ernst annehmen müßte, daß Schröders Verhalten nicht 'nur gespielt' wäre? Nicht gespielt von einem anderen, durch die vordergründig-durchsichtige Politik-Inszenierung nicht determinierten Schröder? Dann wäre Schröders Verhalten -- wären die Operationen, die der Person hinter der Politiker-Person (als Schauspielerei) zugerechnet werden -- anderweitigen, unpersönlichen, automatenhaften Impulsen zuzurechnen.

Der Vorwurf der Polit-Schauspielerei hilft, diese Idee gar nicht aufkommen zu lassen. Andersherum gesehen: Dieser Vorwurf nährt den Gedanken, daß in der Politik immer noch etwas entschieden, immer noch etwas bewegt und verantwortet werden kann -- und zwar von Personen, die hinter den nur schauspielernden Politiker-Personen stehen. Wieviel Erfindungsreichtum und Entscheidungsfreudigkeit man der Person hinter der Politiker-Person jeweils zutraut, welchen Respekt man ihr entgegenbringt, ist zweitrangig. Ebenso wenig interessiert die Frage des Charismas. Wichtig ist nur, daß es da überhaupt (und eben doch noch) Personen gibt, die integer und handlungsfähig geblieben sind, weil sie ja mit ihrem Verhalten (= mit dem Stück, in dem sie agieren) nichts zu tun haben.

Es geht hier um eine Unterscheidung ohne Wenn und Aber. Noch bei betont "persönlichen" Einblicken, die etwa im Rahmen von Politikerporträts oder Urlaubsinterviews gewährt werden, kann man sagen: Den Kitsch erzählt er nur vor der Kamera, das (und: alles, was mir von ihm vorgesetzt wird) hat mit ihm nichts zu tun. Vielleicht (um auf die Frage zurückzukommen: Ist das nicht auch öde?) liegt der Reiz eben in dieser Kipp-Erfahrung, diesem Akt unbeschränkter, irgendwie mystisch-romantisch-konstruktivistischer Willkür, der zugleich, was den Reiz steigern dürfte, wie eine un-willkürliche Einsicht über einen kommt, da wir im entscheidenden Moment (im Moment der Entscheidung gegen den Augenschein) blind (für die Unterscheidungsoperation, die dabei durchgeführt wird) optieren.

Wie dem auch sei, man darf sich also noch etwas erwarten -- von Personen in/hinter der Politik und damit natürlich auch: von der Auswechslung des politischen Personals. Man setzt nicht auf eine andere Politik, allenfalls hofft man auf Stoiber. Auf den Stoiber jenseits der Politiker-Person, deren Darstellung ohnehin ein wenig ungelenk wirkt, was wahltaktisch kein Nachteil ist, da es nachdrücklich auf eine andere (nicht auf den Politiker-Stoiber reduzierbare) Person verweist. Der gleiche Effekt kann aber auch durch gekonnte Darstellung erreicht werden. Dafür steht Joschka Fischer, der überlegt Signale setzt, wenn er von der außenpolitischen auf die innenpolitische und von der überparteilichen auf die innerparteiliche Bühne wechselt. Auch ein solches, quasi-ironisches Darstellertum -- mit dem Fischer sein Handeln in politischen Rollen als Darstellung dieses Rollen-Handelns kennzeichnet -- drängt dem Publikum der Politik die Unterscheidung auf zwischen einer Politiker-Person und einer Person dahinter. Und mit Hilfe dieser Unterscheidung kann noch im Stande der Politikverdrossenheit an der Erwartung festgehalten werden, daß in der Politik gehandelt werden kann: wenn nicht länger von der in ihrem bloß theatralischen Wesen durchschauten Politiker-Person, dann eben von Seiten der Person hinter all dem -- und jenseits von allem, was uns, die Person betreffend, durch Berichterstattung zugänglich ist. Erwartungen an die Politik werden um-adressiert an eine Instanz, deren (kinostarhafter) Profilierung der Politik-Theater-Vorwurf auf Umwegen Vorschub leistet. Hoffnungslos wird es dann, bezeichnenderweise, in eben den Fällen, in denen nicht mehr richtig zwischen einer Politiker-Person und einer Person dahinter unterschieden werden kann. Siehe Rudolf Scharping, dem der Schauspielerei-Vorwurf weithin erspart bleibt, seit er bei seinen Auftritten sozusagen nur mehr seine eigene, ungeteilte Misere verkörpert. Den Auftritt als Politiker-Person nimmt ihm niemand mehr ab -- und es vermutet auch niemand mehr eine andere Person dahinter (wohinter auch?), die zu Erwartungen berechtigen würde. Scharping fällt durch den Rost eines bestimmten Unterscheidungsgebrauchs.

Usw. Wir notieren als Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach dem Warum des Festhaltens am Vorwurf der Polit-Schauspielerei: Weil dieser Vorwurf die Überzeugung von der Nicht-Zurechenbarkeit von Politik auf un-persönliche Abläufe festigt (retten hilft). Man findet sich - auf Umwegen -- noch einmal bestätigt in seiner Vorliebe für die Zurechnung von Politik (und von Geschehnissen überhaupt) auf Personen und ihre Handlungen. Und es muß einen nicht wundern, wie hartnäckig an dieser Vorliebe festgehalten wird: So, wie in der modernen Gesellschaft kommuniziert wird/kommuniziert werden kann, kommt man ohne 'Personen', die 'handeln' und an die Erwartungen gerichtet werden können, nicht aus. Luhmann hat beschrieben, wieso. Das soziale Konstrukt 'Person', unsere je eigene 'Person' eingeschlossen, zu kritisieren, ist sinnlos, solange sich keine Alternative, kein funktionales Äquivalent zur 'Person' -- als Erwartungsträger, Impulsgeber, Verantwortlicher -- abzeichnet. Auch der Politik-Theater-Vorwurf bestätigt diese Beobachtung: Er demontiert die eine Person (die als Politiker agierende), nur um eine andere Person (jenseits des Politiker-/Schaupielertums) aufzubauen. Das Thema ist also theoretisch unergiebig. Historisch interessant ist dann die Beobachtung, wie heute ausgerechnet die allgemeine Ausbreitung von Abgezocktheit und radikaler Skepsis im Umgang mit Massenmedien -- und hier nicht zuletzt mit politischer Berichterstattung -- hilft, Erwartungen an politisches Handeln zu verbreiten.

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