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no. 14: theater und politik -> interview mit roland koberg
 

Auf der Bühne des Politischen

Ein Gespräch mit Roland Koberg (Deutsches Theater, Berlin) über Politik und das Theater der Gegenwart

von Hans von Seggern

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Roland Koberg war zehn Jahre lang Theaterkritiker. Als Redakteur arbeitete er zunächst beim Wiener Stadtmagazin Falter, dann bei der Berliner Zeitung. In dieser Zeit entstand seine Claus-Peymann-Biografie Aller Tage Abenteuer. Seit einem Jahr ist Koberg Dramaturg am Deutschen Theater. Hans von Seggern sprach mit ihm.

 

parapluie: Stellen wir zu Anfang die Gretchenfrage schlechthin: Wieso soll die Politik öffentliche Gelder fürs Theater bereitstellen?

Roland Koberg: Generell gibt es solange einen Grund, das Theater zu finanzieren, solange die Gesellschaft das Theater als einen Ort begreift, wo Dinge künstlerisch verhandelt werden, die sie betrifft. Praktisch gesprochen gibt es aber noch einen ganz banalen Grund: Die Theater in ihrer über Jahrhunderte geschaffenen Form wären ohne die Subventionen nicht existenzfähig und würden ihre Arbeit schlicht und einfach nicht machen. In der kulturpolitischen Diskussion werden immer wieder Rechnungen aufgestellt wie: "In Zeiten leerer Kassen muß der Bürgermeister nicht unbedingt fünf Freikarten bekommen." Das ist aber nicht das Problem. Die Frage ist: Wie lange hält noch der Konsens, daß es wichtig ist, Schauspieler zu bezahlen, wie die Dienstleistungen von Lehrern oder Ärzten bezahlt werden?

In der Berliner Diskussion wird immer wieder darauf hingewiesen, die ganze Kulturszene sei gewissermaßen 'doppelt' vorhanden. Durch die Teilung der Stadt habe sich eine hybride Kulturszene entwickelt. Sind Schließungen vor diesem Hintergrund nicht unumgänglich?

Es wäre eine interessante Rechnung, wie viele Sitzplätze seit der Wiedervereinigung schon weggefallen sind. Vor der Wende gab es in Berlin das Schiller-Theater, die Freie Volksbühne, das Metropol-Theater und das Theater des Westens. Das sind vier Theater, die je um die tausend Zuschauer fassen -- größer also als alle noch existenten Berliner Sprechtheater. Das macht viertausend Plätze, die nun nicht mehr subventioniert werden. Hier ist ja schon enorm gespart worden. Andererseits dürfen wir uns nicht nach dem Motto zurücklehnen: "Uns gab es immer schon und deshalb muß es uns auch immer geben." Es ist nicht einzusehen, warum die Angestellten des Benjamin-Franklin-Krankenhauses, die um ihre Arbeitsplätze bangen, auf die Straße gehen und sich die Theatermacher nicht entsprechend engagieren.

Womit kann Theater heute eigentlich noch provozieren?

Die Provokation alten Stils funktionierte nach einem bestimmten Schema: Man hatte ein relativ homogenes, bürgerliches Publikum, das bestimmte Bildungsbedürfnisse befriedigt sehen wollte. Diese Erwartung konnte man eine Zeit lang relativ effektvoll desavouieren. Das ist heute -- insbesondere in Berlin -- natürlich undenkbar geworden, da sich die Theater-Szene enorm verändert und differenziert hat. In einer Stadt ohne Abonnenten wie Berlin kommt hinzu: Wer sich provoziert fühlt, sucht sich ein anderes Theater oder geht ins Kino. Nehmen wir ein Boulevard-Theater wie die Komödie am Kurfürstendamm: Hier findet sich ein Publikum, das über zwei Stunden gut unterhalten sein will. Dem kommen die Stücke mit Problemen, die jeder aus seinem Schlafzimmer kennt, tunlichst nach. Hier hätte eine Provokation keinen Sinn. Umgekehrt hieße, das Publikum der Volksbühne zu 'provozieren', ihnen eine gediegene Klassiker-Inszenierung vorzusetzen, was Christoph Schlingensief derzeit auch tatsächlich plant. Es ist natürlich zu befürchten, das diese Idee sofort auch als ironisch rezipiert werden wird.

Wie definiert sich das Deutsche Theater, das ein relativ konservatives Publikum hat, gegenüber einem Haus wie der Volksbühne?

Jedes Theater versucht zu einem Teil, seine jeweilige Klientel zufrieden zu stellen, und zu einem andern Teil, auf es einzuwirken. Der Wert der Provokation hat sich meiner Meinung nach heute völlig verschoben -- hin zu dem bescheideneren Anspruch, daß Theater sensibilisieren will. Ivan Nagel hat vor kurzem angemerkt, daß Castorfs Volksbühne eines vielleicht mehr als andere Theater geleistet hat: Sie hat nach der Wende jungen Leuten aus Ost- und West-Berlin eine Art Zuhause, ein Forum angeboten. Und daß es wünschenswert wäre, wenn etwa das Deutsche Theater dasselbe wieder für die 'bürgerlichen' Theaterbesucher leisten könnte.

Claus Peymann ist es in Österreich mit seinen Bernhard-Inszenierungen gelungen, den Bürgerschreck zu geben. Welche Chance hat Peymann im provokationsresistenten Berlin?

Man kann beobachten, daß Peymanns ganzer Habitus, den er aus Wien mitgebracht hat, hier völlig deplaziert wirkt. Ich meine etwa diese künstliche Empörung, wenn es um Kürzungen geht, von 'Verbrechen' zu reden. Dieses altbackene Pathos versteht in Berlin kein Mensch. Kurioserweise hat er es geschafft, sich in Berlin ein neues konservatives Publikum zuzulegen. Viele seiner Berliner Inszenierungen haben vor der Theaterkritik keine Chance. In ihrer Schlichtheit, ihrer ästhetischen Anspruchslosigkeit aber schaffen sie es, bei naiven Zuschauern kathartische Momente tiefer Ergriffenheit zu erzeugen.

Politik scheint heute auf zwei Ebenen zu funktionieren, die man gut mit Metaphern aus der Welt des Theaters beschreiben könnte: Es gibt eine Vorderbühne, die der Medien: Hier wird nach allen Regeln der Kunst ein (Polit-)Drama fürs Publikum inszeniert. Auf der Hinterbühne aber werden die Entscheidungen gefällt: Hier arbeiten die der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Berater, Lobbyisten etc. Ist es diese Doppelbödigkeit, die es vielen so schwer macht, Politik ernst zu nehmen?

Die Theatermetapher auf die Politik anzuwenden, kommt ja von einem ganz frühen Theaterklischee, das Theater auf Schmiere reduziert. Was nicht heißen soll, daß es nicht das Recht des Theaters ist, zu übertreiben und Schmiere zu sein -- wenn auch zu didaktischen Zwecken. Vielleicht ist es wirklich die von Ihnen genannte Hinterbühnen-Metapher, die Theater mit Politik verbindet. Aber das macht Politik ja auch interessant: Den Reiz der Hinterbühne macht es aus, die Phantasie anzustacheln. Im Grunde stellt das Theater alle Metaphern bereit, die die Politik beschreiben können: Da gibt es Vorder-, Unter- und Hinterbühne, Schnürboden und Strippenzieher, Vorhang, Rampe, Logen, Notausgänge, Hintertüren und Fallgruben. Ist es da nicht umgekehrt nur fair, wenn die Politik sozusagen aus Dankbarkeit auch für die materiellen Grundlagen des Theatermachens sorgt?

Edmund Stoibers Auftritt bei Sabine Christiansen hat gezeigt, wie einfach man einen selbstsicheren Polemiker mit Wohlwollen in die Bredouille bringen kann. Stoiber klammerte sich an seinen Stuhl wie ein Abiturient bei der mündlichen Prüfung. Welche Politiker haben die besten Schauspieler-Qualitäten, welche sollten das Fach wechseln?

Nehmen wir Jörg Haider, von dem immer gesagt wird, daß er ein guter Rhetoriker und Mime sei. Es hat mich immer gewundert, wie man mit so schlechter Schauspielerei so weit kommen kann. Was Stoiber angeht: Jeder Schauspieler hat seine Glanzrollen. Stoiber hat seine besten Auftritte, wenn er sich ausgezehrt und verbissen zeigt. Seine Inszenierung des persönlich Leidenden und gleichzeitig Aggressiven ist sicher gekonnt, verpufft aber ohne das entsprechende 'Kontra'. Bei Thomas Bernhard gibt es die Figur des Stimmenimitators. Dieser beherrscht auf Zuruf alle Rollen perfekt. Als ihn am Schluß jemand ganz bescheiden bittet, mit der eigenen Stimme -- also ohne Schauspielerei -- zu sprechen, ist er so ratlos, daß er sich sofort erschießt.

Mit ihrer Äußerung, die arabischen Selbstmord-Attentäter seien "keine Feiglinge" gewesen, hat Susan Sontag für Furore gesorgt. Aber schon Schiller war der bequeme Philister, der sich über andere erhebt, verhaßter, als der Verbrecher, der ohne Rücksicht auf Nachteile für die eigene Person für eine -- sei's auch ungerechte -- Sache streitet. Ist es nicht erstaunlich, wie Sontag mit einer uralten Dramentheorie einen kleinen Skandal auslösen konnte?

Es war wirklich ein Theater-Applaus, den Sontag den Attentätern gespendet hat. Ein Applaus für eine ästhetisch 'gelungene' Inszenierung, wie ihn in wesentlich abstruserer Form danach Karlheinz Stockhausen wiederholt hat. Den Skandal ihres Einwurfs sehe ich darin, daß es sich bei den Anschlägen von New York und Washington nun einmal nicht um ein Theaterstück gehandelt hat, sondern um die Realität. Sontag verfolgte offensichtlich damit die publizistische Strategie, eine Fraktionierung der Öffentlichkeit herbeizuführen. Sie wollte dem 'Burgfrieden' der offiziellen Politik, die der 'Feigheit' der Attentäter militärische 'Tapferkeit' entgegensetzt, entgegenwirken.

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