parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 14: theater und politik -> abstrich
 

abstrich

Pseudo

von Franz Neige

Franz hat ein Problem. Er trachtet nach einem offiziellen Pseudonym -- einzutragen in die Papiere und somit rechtlich abgesichert. Er besucht die Gemeindeverwaltung. Die behandelnde Ärztin hat einen solchen Fall noch nicht erlebt. Sie hat kürzlich -- so räumt sie ein -- einmal ein Legitimationspapier gesehen, in das ein Künstlername eingetragen worden ist. Damit aber ist sie auch schon am Ende ihrer Weisheit. Erhebliche Insuffizienz, denkt Franz und schweigt. Oder heißt es Inkontinenz? Was, bitte schön, muß erfranz denn tun, um sich fortan straffrei anders nennen zu können? Was muß er vorweisen? Die Dame schüttelt den Kopf. Wie gesagt: Ein derart gelagerter Fall ist in der Geschichte dieser Gemeinde noch nicht aufgetaucht. Franz wird gemustert: So also sieht ein Künstler aus, oder einer, der sich dafür hält. Was soll es denn nun sein, das Franz da beansprucht? Soll es ein Künstlername sein oder ein Pseudonym? Es soll sich, läßt Franz ein, dann doch eher um ein Pseudonym handeln, in dessen Schutz er fortan schriftliche Gemeinheiten auszustreuen gedenkt. Aha. Er wird nachweisen müssen, daß er bereits unter diesem Pseudonym gearbeitet hat. Und wie, bitte schön? Seine Tätigkeit soll doch erst beginnen. Ist Franz da in eine dieser amtlichen Todesspiralen geraten? Ohne Nachweis kein Pseudonym und ohne Pseudonym kein Nachweis. Er bereut längst diesen seinen Franzgang zur Behörde. Er hätte es wissen müssen: sowas kann nicht einfach sein. Trotzdem ist er wild zum Zweitleben entschlossen. Die Nebenexistenz stellt unermeßliche Vorteile in Aussicht. Zweimal will Franz künftig Geburtstag feiern und sich also jährlich mit der doppelten Geschenkration eindecken lassen. Sein nicht vorhandenes Vermögen wird er doppelt vererben. Zwei Einträge ins Telefonbuch wird es geben. Kann er sein Leben doppelt versichern lassen? Vielleicht besser nicht. Die Franzfrau könnte auf dumme Gedanken kommen. All das allerdings verschweigt er der sich in ihrem Erstaunen langsam steigernden Amtsdame. Das ist sein Geheimnis und soll es auch bleiben. Sie wird Rücksprache halten müssen mit ihrem Chef und sich dann melden. Franz soll aber schon mal seinen Antrag stellen. Und wie, bitte schön, muß dieser Antrag aussehen? Gibt es einen Vordruck? Reicht ein formlos schriftliches Ansinnen? Das -- es tut ihr leid -- kann sie Franz nicht sagen. Sie muß sich kundig machen. Wie gesagt: Dieser Fall tritt erstmalig auf. Franz malt sich aus, daß er in der Mittagspause zum Zentrum des Kantinentratsches werden wird. Wozu braucht er noch ein Pseudonym? Spätestens nach der Mittagspause wird es eh jeder wissen. Man wird ihn beim Einkaufen wahrscheinlich schon mit seinem Zweitnamen ansprechen. Die Amtsdame nimmt noch mal Maß: So also sieht ein Künstler aus. Immerhin. Das hat sie sich doch gleich gedacht, als Franz den Raum betreten hat. Er sieht irgendwie anders aus. Nicht unbedingt normal. Wie lange wird es denn dauern, bis erfranz eine Nachricht bekommen wird hinsichtlich seines zur Zeit noch in einem Stadium der Formlosigkeit befindlichen Antrages? Sie wird sich mal die Franznummer aufnotieren (aufnotieren also!) und sich dann melden. Es wird zugewartet werden müssen. Wann erreicht man Franz denn am besten? Als er mit der Antwort "nach 22 Uhr" raus ist, tut ihm noch nachträglich die Zunge weh. Nun -- er weiß vielleicht, gibt die Amtsdame zu bedenken, daß die Geschäftszeiten einer Gemeindeverwaltung anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Ja, erfranz weiß das. Nachmittags ist es schlecht. Den Vormittag über ist er hin und wieder zu Hause zu erreichen. Er verschweigt, daß er sich vormittags oft im Eiscafé aufhält -- schräg die Straße runter -- fünf Minuten zu Fuß. Aber erfranz hat ja schließlich auch einen Anrufbeantworter. Jede Nachricht kann ihm also auch auf indirektem Wege fernmündlich mitgeteilt (aufgesprochen!) werden. Er wird dann umgehend zurückrufen oder gleich höchstselbst vorstellig werden und alles für seinen Antrag erforderliche beizubringen wissen. Die Amtsdame will nicht neugierig sein -- es geht sie ja gewissermaßen auch nichts an -- aber sie wüßte schon gerne, was Franz denn macht. Möglicherweise wird ihr Vorgesetzter Fragen stellen: Er wird wissen wollen, was Franz treibt und wozu er die Zweitexistenz benötigt. Ist er in der Schlagerbranche oder gar Schauspieler? Nein, ist er nicht. Er schreibt -- wahlweise Wörter oder Noten. Aha -- Schriftsteller ist er also und Komponist. Und was schreibt er für Musik? Schlager etwa? Nein -- eher nicht. Auch nicht Volksmusik. Eher gar nicht. Franz ist bereit, demnächst mit einer Hörprobe vorstellig zu werden. Nein, so hat es die Amtsdame nun auch nicht gemeint. Wie gesagt: Es geht sie ja vielleicht gar nichts an. Aber sie muß doch Auskunft erteilen können. Ihr Vorgesetzter, den sie jetzt Chef nennt, wird Hintergründe über diesen Fall wissen wollen. Ist Franz denn unter dem einzurichtenden Pseudonym schon in Erscheinung getreten? Öffentlich? Ja -- ist er. Nicht oft, aber er ist. Werden denn Kosten entstehen? Die Amtsdame ist sich sicher, daß dergleichen nicht kostenlos zu haben sein wird. Das Mindeste: Franz wird einen neuen Reisepaß brauchen. Wie lange ist denn der derzeitige Franzpaß noch gültig? Ein halbes Jahr. Na, dann trifft es sich doch gut. Einen neuen Paß wird er also ohnehin brauchen. Das sind dann die üblichen Gebühren. Sie kann aber nicht sagen, ob der neu einzurichtende Eintrag eine Sondergebühr nach sich ziehen wird. Auch das wird sie herausfinden. Hat Franz denn die Bilder dabei? Welche Bilder? Nun, er wird ein neues Paßbild brauchen. Ohne neues Bild kein neuer Paß. Das stimmt. Nein, die neuen Lichtbilder hat erfranz noch nicht dabei. Er hat ja nicht gewußt, was er tun muß. Im Reisepaß gibt es schließlich ein Feld mit der Unterschrift: Künstlername, Ordensname, Pseudonym. Es hätte ja immerhin sein können, daß da einfach eingetragen wird, was ihmfranz als künftiger Zweitname vorschwebt. Wie gesagt, die Amtsdame muß sich erst kundig machen, aber es ist ihr eigentlich schon jetzt klar, daß dergleichen so einfach nicht gehen wird. Das wäre dann das erste Mal, daß etwas Amtliches so einfach vonstatten ginge. Jetzt, wo sich die Amtsdame recht besinnt, will es ihr scheinen, als habe sie Franz neulich mit Bild in der Zeitung gesehen. Kann das sein, daß sie ihn neulich mit Bild in der Zeitung gesehen hat? Sie hat ein gutes Gedächtnis für Gesichter. Ja, es muß Franz gewesen sein, den sie da in der Zeitung gesehen hat. Sie hat sich noch gedacht: Kennst du den? Und jetzt steht er vor ihr. Franz soll nichts sagen -- sie wird gleich draufkommen. Richtig -- ist er nicht als Dirigent in Erscheinung getreten? Ja sicher -- das ist es gewesen. Er ist also tatsächlich ein Künstler. Franz wird, denkt er sich, die geplante Zweitgeburtstagsfeier um ein halbes Jahr verschieben müssen. Kann Franz denn nachweisen, daß niemand anderes unter einem identischen Pseudonym in öffentliche Erscheinung tritt? Nein, das kann erfranz natürlich nicht. Er ist sich aber sicher, daß unter seinem wirklichen Franznamen bestimmt weltweit auch mindestens 347 andere ein reales Leben führen. Dagegen kann man nichts machen. Das ist Fakt. Das Wort Fakt macht Eindruck auf die Amtsdame. Das stimmt. So hat sie es noch nicht gesehen. Es wird auch andere Frauen ihres Namens geben, gibt Franz zu bedenken. Das wird ihr jetzteben klar. Sie wird sich also der Franzsache annehmen und dann fernmündlich Bericht erstatten. So schnell wie möglich. Zuerst hat sie ihn ja für ein bißchen komisch gehalten -- aber jetzt ... Schließlich kennt sie ihn. Was dirigiert er denn? Leicht Verdauliches? Eher gar nicht. Braucht er denn den Zweitnamen dringend? Was antwortet man auf eine solche Frage? Nun -- erfranz wird nicht daran zugrunde gehen, wenn sich die Zuteilung seiner Zweitexistenz etwas hinziehen wird. Andererseits ist ihm schon daran gelegen, möglichst schnell in die neue Haut schlüpfen zu dürfen. Zweitexistenz -- auch dieses Wort scheint die Amtsdame zu beeindrucken. Der Chef ist zur Zeit nicht da. Aber sie wird sich darum kümmern. Schnell und ganz bestimmt. Schließlich kennt man sich. Franz stellt Karten für das nächste Konzert in Aussicht. Ein bißchen allerdings muß Franz sich gedulden. Das eine muß sie aber noch wissen: Wie soll denn der Franzzweitname lauten? Fabian Hagel. Aha.

[ druckbares: HTML-Datei (9 kBytes) | PDF-Datei (38 kBytes) ]

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/theater/abstrich/