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no. 15: systemversagen -> rationale systeme
 

Systeme, die sich ihr Versagen versagen, versagen

Kulturgeschichte als Prozeß zwischen Dialektik der Aufklärung und Unbehagen an der Kultur

von Georg Hehn

zum artikel:

* anmerkungen
* literatur
* druckbares

Wie rational sind wir vor uns selbst und anderen wirklich? Vielleicht hat die gesellschaftliche und geistige Differenzierung in Wissenschaft und Kunst, in Beruf und Hobby, in Arbeit und Sport zugleich mit den Errungenschaften von Technik und Wissenschaft auch den Teilen von uns, von denen wir weniger gern reden, einen Freibrief gegeben, im Schatten ihrer ungestört immer einflussreicher zu werden.

 

I

Alle paar Jahrzehnte erscheint ein seltsames Phänomen in jener länderübergreifenden, ausgebreiteten Diskussion aus sich gegenseitig kolportierenden Massenmedien, modernen Mythen, geisteswissenschaftlichen Moden, literarischen Strömungen und politischen Maximen, die früher einmal 'Le Salon' hieß und heute meist farblos als 'der Diskurs' erscheint, aber auch mythisch als 'das große, allumfassende Raunen' beschrieben werden könnte: Es erscheinen Werke, normalerweise im weichen Rand der sogenannten Geisteswissenschaften, die nach allgemeiner Meinung -- und dies zu recht -- in keiner Weise bemerkenswert sind, weder aufgrund von intellektueller Brillanz, noch literarischer Kreativität oder Qualität. Sie werden fast einhellig als schlecht, falsch und überhaupt in jeder Weise abwegig verurteilt, weshalb sie auch angeblich niemand liest, und sie wie abertausende andere traurige Publikation eigentlich schnell dem gnädigen Vergessen anheim fallen müßten. Statt dessen finden sie jedoch eine weitere Resonanz als viele, sich längerfristig als wegweisend zeigende Werke, dadurch daß sie als Brennpunkte unbehaglicher Ablehnung dienen. Gehörte am Ende des 19. Jahrhunderts etwa eine Bemerkung über die völlige Abwegigkeit der Theorien Oswald Spenglers geradezu zum guten Ton, so findet sich am Ende des 20. Jahrhunderts die Verurteilung der kruden Thesen Samuel Huntingtons im Kernbereich der political correctness wieder. Seine unangenehm ins populistische Herz westlicher Befindlichkeiten treffenden Thesen stellen aber nur eine Facette dessen dar, was seit circa zwanzig Jahren unter dem losen Begriff der Universalismus-Debatte je nach Situation tagespolitische oder theoretische Ausdrucksformen findet. Kennzeichen dieser unübersichtlichen Diskussion ist dabei eine enge, aber unklare Verbindung von Rationalitätspostulaten und Ethik; sei es, daß erwartet wird, eine Industrialisierung und Säkularisierung nichtwestlicher Gesellschaften stelle einen Automatismus hin zu einer friedliebenden Weltpolitik dar, oder daß angenommen wird, eine Alphabetisierung und naturwissenschaftliche Schulbildung sei kontraproduktiv für die Regeneration religiöser oder kultureller Fanatismen und sogenannter Archaismen. Schließlich wird in undeutlicher Form der politischen und wirtschaftlichen Verfaßtheit unserer Gesellschaften eine Komponente ethischer Reife abgewonnen, die von emanzipierteren außereuropäischen Staaten vermutlich zu recht als arroganter Zynismus der stärkeren Bataillone bzw. dickeren Brieftaschen zurückgewiesen wird. Diese engste Verbindung von individueller Ethik, Staatsräson und wissenschaftlicher Theorie zeigt sich dabei dem historischen Blick als wichtiges Element unserer eigenen Kulturgeschichte, wie so vieles en miniature in Immanuel Kants Schriften abgebildet, der zugleich vom Erfolg des ewigen Weltfriedens, dem kategorischen Imperativ und der transzendentalen Deduktion als Leistungen ein und desselben Verstandes träumt.

Interessanterweise gänzlich unbeeinflußt von der Mißbilligung ihrer spezifischen Wendung in den Szenarien von culture und civilization Huntingtons befindet sich zugleich die Begeisterung über den cultural turn der Sozialwissenschaften noch immer im Aufwind. Unter der Ägide des auf Ferdinand de Saussure zurückgehenden Gedankens semiotischer Systeme findet in vielen Disziplinen eine Transformation der Begriffsysteme statt, in deren Vollzug sie sich zunehmend als Kulturwissenschaften verstehen. Auch wenn sich innerhalb dieses neuen Feldes mindestens drei Richtungen unterscheiden lassen[Anm. 1], so richtet sich das methodologische Interesse vieler unterschiedlicher Disziplinen in bemerkenswerter Weise parallel aus, -- in einem solchen Maße, daß hierfür gerne Thomas Kuhns Begriff des Paradigmas bemüht wird, dessen wissenschaftshistorische Theorie selbst zu den wichtigsten Geburtshelfern des cultural turn gehört. Zu den interessantesten Phänomenen der allerorten begeistert publizierten Theoriewerke der neuen Kulturwissenschaften gehört, daß sie in radikalerer Weise die Berechtigung und überhaupt Möglichkeit logisch-rationalen Räsonnements unabhängig von kontingenten und a-rationalen Befindlichkeiten in Frage stellen, als dies seit Theodor W. Adorno geschehen ist. Wichtigstes Element dabei scheint die teilweise Aufbrechung des wissenschaftliches Subjektes, das zunehmend von einem vermeintlich unberührt-apollinisch Erkennenden zu etwas gerinnt, das in einer symbiotischen Gemeinschaft wechselseitiger Identifikation mit seinem Erkannten lebt. Insofern als das Verständnis von Bedeutungsstrukturen als symbolischen Strukturen wechselseitiger Erhellung über die Methodologien von Einzeldisziplinen hinausgreift und sogar naturwissenschaftliche Richtungen und ehemals geisteswissenschaftliche Vertreter Sympathien füreinander entdecken läßt, wäre zu fragen, ob der cultural turn nicht ein weiteres Beben im Prozeß der Modifikation modernen Rationalitätsdenkens ist, dessen erste Welle die etwas vorschnell 'Postmoderne' genannte Bewegung darstellte. Inzwischen ist jedoch eher die Einsicht eingekehrt, daß sich der neuerdings gerne 'Projekt Moderne' genannte Selbstanspruch auf rationales Gebaren nicht erschüttern läßt. Die Zielrichtung des cultural turn ist darum eine andere: Nicht mehr die internen Verfaßtheiten der Ausflüsse rationaler Selbstdisziplinierung selbst stehen unter Kontingenzverdacht. Der Universalismus von Mathematik, Naturwissenschaften und Wissenschaftstheorie ist erneut Konsens. Interessant erscheint nun dagegen die Kontingenz der historisch-kulturellen und sprachlichen Strukturen, in die sie eingeschlossen sind. Es schärft sich das Bewußtsein dafür, daß sich rationale Strukturen notwendig in empirischen Äußerungsformen realisieren, die sie immer schon mit ihren irrationalen Eigenschaften kontaminiert haben und damit der Moderne in gewisser Weise ihre eingebildete Unschuld rauben, die sie de facto noch nie hatte.

Falls wir uns in diesem vielleicht anbrechenden Zeitalter neuer Heiliger Kriege aber in einer Dämmerung der Moderne befinden sollten, wäre der Gedanke nützlich, daß sich selbst so scheinbar intrinsisch ahistorische Dinge wie formale Logik, die Begriffe 'Subjekt' und 'Objekt', Mathematik und Physik in spezifisch historischen Situationen entwickelt haben, die zumindest nicht darauf aus waren, sie zu entwickeln, sondern ganz anderen, hauptsächlich religiösen Vorstellungen und Zielen folgten. Ob sie zwangsläufig früher oder später eine Moderne solcher Art gebären mußten, wäre seinerseits eine interessante Frage, die ins Herz der Problematik stößt. Einige kulturhistorische Überlegung zur Befindlichkeit europäisch-westlichen Rationalitätsgebarens können darum erstaunliche Ergebnisse zeitigen.

 

II

Als direkter Ausgangspunkt dessen, was später einmal 'rationale Überlegung' heißen sollte, zeigt sich in Europa die hochmittelalterliche Scholastik, in der Menschen begannen, prinzipiell über Struktur und Möglichkeit von Wissen nachzudenken.[Anm. 2] Wichtig ist dabei festzuhalten, daß es ihnen nie und nirgendwo um eine zweckfreie Erkenntnis oder was eine rationale Attitüde sei, ging, sondern um die Vorstellung von Erkenntnismöglichkeit als Kompaß zur eigenen Verortung in einem religiös denotierten Universum aus Schuld und Vergeltung. Ergebnis und Anstrengung der Scholastischen Theologen -- die Summae des Aquinaten wie die primae principiae des Duns Scotus -- war es gerade gewesen, alle mögliche Erkenntnis als Koordinate innerhalb eines omniqualitativen Heilsgeschehen zu beschreiben, in der Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt gleichermaßen nichts anderes sind, als eine Planstelle im Gefüge dessen, was Arthur Lovejoy treffend als "the great chain of being" beschreibt: eine kosmologisch-theologische Weltanschauung, in der Erkenntnismöglichkeit, Erkenntnisstruktur und Erkenntnisart als direkte Äußerungsform des quasi-ontologischen Status gedacht ist, den der Forschende in der Hierarchie der Wesen unterhalb Gottes einnimmt. Alle erkennbare Struktur der Welt muß darum erstens als absichtsvolle Ordnung innerhalb eines Weltmechanismus verstanden werden: Geographie ebenso wie Anatomie und Astronomie, Politik wie Alchemie und sogar noch Gartenbau und Kleiderordnung. Zweitens stellt wieviel, was und in welcher Art ich etwas davon erkenne, einen Ausdruck meiner Position im Heilsgeschehen als sündhaftes Wesen dar, dessen Grad von Schuld zugleich seinen Grad von Imperfektion im moralischen Kosmos bildet.

Das letzte Stadium dieses scholastischen Weltbildes zeigt sich im 14. bis 16. Jahrhundert in einer Verschiebung des Fokus weg von der spekulativen Entwicklung des etablierten Kanons hin zu seiner Ausbreitung 'in der Fläche': Während die scholastische Spekulation in akademischer Sterilität erstarrt, blüht eine imaginative Literatur, die vor dem selbstverständlichen Hintergrund mittelalterlicher Heilsgeschichte diese nur noch implizit mitführt, um sie auf alle Facetten menschlicher Neugier und Wirklichkeiten anzuwenden. Literarisch blüht die Artusliteratur, und die wissenschaftlichen Bestseller ihrer Zeit sind die Reisen Marco Polos und John Mandevilles. In diesen präwissenschaftlichen Werken des späten Mittelalters findet entsprechend ein steter expliziter Bezug des Beschriebenen zur im modernen Sinne sozialen, psychologischen und sogar physischen Konstitution des Autors statt, da dessen, als sein Heilsstatus wahrgenommene, Persönlichkeit Charakter und Zuverlässigkeit des Inhalts verbürgt. Ein solcher Selbsteinbezug des Autors in allen seinen Facetten als soziales, religiöses, wirtschaftliches und physisches Wesen in seine Darlegung profanen Wissens, das heißt medizinischen, physikalischen, geographischen etc. Charakters, stellt generell eine Charakteristik frühneuzeitlicher 'profaner' Literatur dar. Ihr Bogen reicht von Mandevilles Betonung seines englischen Adelsstands und seiner religiösen Beobachtungen über Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux und Rabelais Gargantua et Pantagruel bis in die Neuzeit hinein zu Michel de Montaignes bereits zu individueller Befindlichkeit weisenden Essais über seine Verdauungsprobleme, und schließlich zu ihren brillanten, bereits aus einer anderen Zeit heraus ironisch gewendeten Schlußpunkten in Charles de Montesquieus Lettres Persanes und Voltaires Candide. Daß die frühneuzeitlichen Vorformen dessen, was einmal zur Literaturform naturwissenschaftlicher Abhandlungen werden soll, im Medium der Reisebebchreibung ein dominantes Medium fanden, ist insofern kein Zufall. Die einflußreichsten Werke frühneuzeitlicher Literatur zeigen gerade darin ihre Verortung in einem letzten Stadium einer thomasischen Weltanschauung, als sie alle Erkenntnis zwar noch immer als eine Art implizite Heilsgeschichte verstehen, deren Konstruktion jedoch aus guten, pragmatischen Gründen den Experten der frühneuzeitlichen religiösen Kriegsparteien überlassen und auf eine Beschreibungsebene der Erfahrung selbst zurücktreten. Was lag da in einer Zeit sich erweiternder geographischer Horizonte näher -- auch wenn zahlreiche andere Möglichkeiten literarischen Ausdrucks gefunden wurden -- als sich geographischer Abbildung für ethische, politische, wirtschaftliche oder psychologische Studien zu bedienen?

Wichtig erscheint jedoch die Zäsur zwischen dieser literarischen Tradition und jener gleichzeitig entstehenden Form von Texten als Abhandlungen, die in ihrer Zeit eine viel geringere Verbreitung fanden, jedoch im heutigen Bewußtsein für die geistige Zäsur zwischen Mittelalter und Moderne stehen. Kennzeichen dieser Texte sind zwei grundsätzliche, Hand in Hand gehende Ziele, die die gedanklichen Richtungen der Forschenden seit der frühen Neuzeit bestimmen: Das Streben nach intersubjektiver Eins-zu-Eins-Nachvollziehbarkeit der Beschreibungen und das Streben nach fixierten, abbildbaren Relationen zwischen Elementen.

Seit sich diese beiden Richtungen bei René Descartes kreuzten, der als Scharnier zwischen der Selbstverständlichkeit des biographischen Ichs und der apersonellen Konstruktion seiner mathematischen Nachfolger steht, fällt auf, daß in diesen Abhandlungen der Rekurs auf die subjektive Verortung der Erkenntnis zwar erkennbar bemüht aus dem Textblock eliminiert ist, aber wiederkehrt in Vorsätzen und Widmungen. Eine Literaturgeschichte der Widmungen würde darum mehr zutage fördern müssen, als Hinweise auf den politischen Absolutismus, der den Eingang zur Moderne prägt. Sie würde sich mit der Korrelation befassen müssen, daß die Mathematisierung und Objektivierung des Geistes erreicht werden sollte durch ein möglichstes Verstecken des empirischen Autors hinter seinen objektiven Urteilen, womit zugleich eine Herauslösung der empirischen Autoren aus ihrem Selbstverständnis als Koordinate im universalen Heilsgeschehen einhergeht. Statt dessen bleibt ihre aus ihren Urteilen in die Konditionen dieser Urteile verbannte Subjektivität -- manifestiert durch die Widmung --, nackt und reduziert in einer politischen Relation zurück statt einer religiösen: Als Untertan einer tendenziell absolutistischen politischen Macht, die an Stelle Gottes tritt. Zu ihr setzt man sich nicht mehr in Form von Sünde und Imperfektion in Relation, sondern aus Vernunft, die sich als natürliche Einsicht in Ordnung und Hierarchie unter den Menschen generiert, aber trotz Hobbes und Hegel kaum mehr als eine Beugung vor den Organisatoren von Gewalt darstellt. Eine besonders stabile, quasi hegelianische Selbstgefälligkeit entsteht dabei dadurch, daß das gedankliche Zurücktreten vor einer 'Objektivität' mit dem Zurücktreten persönlicher Lebensgestaltung vor bürgerlich-obrigkeitsstaatlicher Einheitlichkeit in Eins gesetzt werden kann und so Lebensmaxime und Theorie aufs schönste in Eines zu fallen scheinen. Es zeigt sich hier in konkreter Weise ein Entstehungsmechanismus der von Michel Foucault beschriebenen Einheit von Wissen und Macht. Die Existenz schwülstiger Widmungen an "durchlauchtigste" und "allermajestätischste" Kaiser, Päpste und Könige, angefangen in den Hamonice Mundi Johannes Keplers und den Libros Revolutionum des Nicolaus Copernicus über die Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz und Thomas Hobbes bis hin zur Widmung Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft an den preußischen Staatsminister von Zedlitz, zeigen gerade in ihrer Häufung bei Texten, die heute als Aufbrüche in Moderne und Aufklärung verstanden werden, eine auffällige Signifikanz. Sie weist auf mehr hin als auf Gepflogenheiten der Zeit: auf ein Inkaufnehmen einer Spaltung der Erkenntnisrelationen in solche, die als 'rational' deklariert einer visuellen und mathematischen Beschreibungsform zugänglich waren, und anderen, die als 'pragmatisch' nicht nur außerhalb des Interesses lagen, sondern auch als nichtsystematisch buchstäblich aus dem Möglichkeitsbereich der solcherart methodisch verengten Gedankenform verschwanden und unsichtbar, aber damit beileibe nicht unwirksam wurden.

 

III

Die Ausblendung aller schwerer mathematisierbaren Komponenten in der Beschreibung von Erkenntnisrelationen führte jedoch zu einer ungeheuren Befreiung: Der Gedanke des rationalen Systems wurde erst durch diese ungeheure Komplexitätsverminderung überhaupt möglich und konnte sich zu einer Technik ausbilden, deren Erfolgsrezept gerade in der Verfolgung eines isolierten Zweckes unter Ausblendung aller übrigen am Prozeß beteiligten Faktoren besteht: Technik nimmt komplexe Wirklichkeit dabei stets als Laborsituation wahr, in der alle nicht funktionalen Variablen, an wichtigster Stelle vielleicht jene vom Erkenntnissubjekt abhängigen, soweit irgend möglich ignoriert werden. Damit war eine Form der instrumentellen Vernunft geboren, wie sie Max Horkheimer beschrieben hat, und deren Erfolg einerseits empirisch überwältigend, andererseits pragmatisch stets prekär bleiben mußte. Dies deshalb, weil sie in Horkheimer und Theodor W. Adornos berühmten Wort von der 'Dialektik der Aufklärung' einmal nur auf der prekären Nahtstelle weitestmöglicher Ausblendung jeweils hyperkomplexer Relationen und zugleich ihrer so genau wie irgend möglichen Modellierung bestehen konnte, und -- wichtiger noch -- weil sie notwendig auf einem Moment der Selbsttäuschung über die Natur ihrer selbst bestehen muß. Diese Täuschung schiebt sie zwar prozeßhaft in ihrer eigenen Komplexitätssteigerung vor sich her, doch bleibt sie qualitativ identisch: Die Konstrukteure all der funktionierenden Systeme, der wissenschaftlichen Theorien und rationalen Apparate ziehen die Berechtigung ihrer Existenz aus dem -- durchaus berechtigten -- Umstand, daß gerade ihr Funktionieren eine gültige und bestmögliche Annäherung an die ihnen gestellte Aufgabe darstelle. Stellt sich im Betrieb, wie stets, heraus, daß unbedachte Nebeneffekte auftreten oder Variablen sich verändern, deren bloße Existenz nicht bedacht oder deren Veränderung ignoriert wurde, so muß der Mechanismus verändert werden, um der erkannten Notwendigkeit einer zusätzlichen Variablensteuerung Rechnung zu tragen: Empirisch sind Systeme deshalb unter Strafe ihres Versagens zur beständigen eigenen Ausweitung und Komplexitätssteigerung gezwungen. Theoretisch kann das Projekt Moderne darum als eine beständige und uneinholbare Auseinandersetzung mit seinen eigenen intrinsischen Defiziten gesehen werden. Zugleich ergibt sich jedoch, daß die Erweiterung des Räsonnements stets nur der Not, nicht der Neugier gehorcht: Es zeigt sich, daß die protestantische Ethik der Effizienz noch systematischere Wurzeln im Projekt der Moderne hat, als Max Weber annahm: Die wohlgeformte Formel ist eine funktionierende Relation, in der das Gebot der Leichtigkeit ihrer Ausführung die Kürzung aller unnötigen Brüche fordert. Deshalb verschwanden die Seeungeheuer und Fabelwesen von den Seekarten, die Kopffüßler, Zyklopen und wunderlichen Hyperboreer sogar aus den Reiseberichten: nicht weil ihre Existenz gestört hätte oder definitiv widerlegt worden wäre, sondern weil sie zur Ausführung des Systematischen und Erfolgversprechenden, das nun als Eigentliches, Wichtiges und bald schon einzig Existierendes angesehene wurde, weder notwendig noch förderlich schienen. Mit der Verstaatlichung der politischen Macht im 19. und 20. Jahrhundert verschwinden nach Kant -- bis auf wenige Ausnahmen wie Friedrich Nietzsche -- darum auch die wissenschaftlichen Autoren abgesehen von ihrem Namen auf dem Titelblatt vermeintlich vollständig aus ihren Texten. So wie die Hegelsche Obrigkeit die Individualität des Staatssubjekts in die hierzu erfundene Privatsphäre weist, so soll und muß jede peinliche Erfahrungsfärbung psychischer, biographischer, mentaler oder gar physischer Art aus rationalen Texten in die Mündlichkeit verschwunden sein, um -- richtigerweise -- ihren Anspruch auf universelle Eindeutigkeit und Gültigkeit zu garantieren. Die in dieser Leugnung trotzdem enthaltene Unwahrheit treibt sowohl die Dialektik der Aufklärung und macht den Erfolg des technisch-wissenschaftlichen Weltbildes als System, wie auch sein beständiges Versagen aus: Kein Apparat, kein System und keine rationalistische Verfassung oder Ethik wird tatsächlich ihrer Behauptung gerecht, nur von innersystemischen, rational-logischen Kausalitäten gespeist zu sein. Tatsächlich feiern Irrationalismen etwa in Form von Moden, Kunst, Medien, Sport, Konsum und Politik in allen Lebensbereichen fröhliche Urständ und formen unsere vermeintlich rationale Lebens- und Weltsicht. Denn zugleich und wichtiger noch sind auch die von den vermeintlich rational-systemischen Konstrukten geformten Wirklichkeiten keineswegs so rational, wie sich selbst und anderen gegenüber vorgegeben werden muß. Schließlich sagten auch tatsächlich in sich rationale Systeme selbst nichts über eine ihren jeweils eigenen Zweckhorizont transzendierende Motivation ihrer eigenen Existenz aus, umso viel weniger eine aufgeklärte Befindlichkeit, die sich über die Motive, die ihre Mechanismen formen und weitertreiben, nicht nur selbst keine Aufklärung geben kann, sondern Mechanismen entwickelt hat, die ein Unsichtbarbleiben aber ungestörtes Walten der ausgeblendeten Motivationen auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene sicherstellen. Fein miteinander abgewogene Einflüsse aus Ängsten, etwa um den Arbeitsplatz, die Gesundheit, die Sicherheit vor Kriminalität, sowie Einladungen zu Partizipation, Konsum und Identifikation schaffen individualpsychologisch ein geistiges Muster von zugleich unerreichter Leistungsfähigkeit und Selbstvergessenheit. Es stellt sicher, daß übergeordnete Fragen über die dominierenden Ordnungen nur noch schwer verstanden und wo vorkommend erfolgreich marginalisiert werden können. Insofern präsentiert sich das erfolgreiche kulturelle Muster, das heute zunehmend gerne als 'western civilization' bezeichnet wird, gerade als kulturelles System, dessen Erfolg in seiner dynamischen Verbindung ostentativer Rationalität und motivischer Irrationalität liegt.

Liegt jedoch ein kulturgeschichtliches Muster vor, wird sich dieses in verschiedenen Ausdrucksformen oder exponierten Systemen westlicher Kultur manifestieren, wie der Wirtschaft, der Mode, der Psychologie, der Politik. Tatsächlich zeigen sich in jedem Bereich Diskussionen, die jene Mischung aus offener Irrationalität, die auf vorbewußte Muster von Macht, Gier, Neid, Sex, Aggression, Angst, Stolz und ähnliche präsapiente Regungen zurückfallen, mit gleichzeitiger Etikettierung der durch solche Impulse verzerrten Systeme als in ihrer Innen- wie Außenwirkung rational. So fragt sich etwa im persönlichen Bereich, warum eine leistungsorientierte Biographie im Sinne eines steigenden fiskalisches Einkommens, das proportional immer mehr Güter, aber immer weniger Lebensqualität kauft, aus rationalen Gesichtspunkten, welche über ihren Nutzen für den Systemerhalt und ihrer Befriedigung präsapienter Regungen hinausgehen, erstrebenswert sein soll. Gesellschaftlich manifestiert hat sich die Frage in Alternativbewegungen und Aussteigermentalitäten. Ähnlich fraglich wird am momentanen Punkt der Dialektik der Aufklärung auch, warum ein höherer Datendurchsatz, eine Umsatzsteigerung, ein größerer Erfahrungshorizont auf einem endlichen Planeten für die Dynamiken der betriebswirtschaftlichen, persönlichen und politischen Systeme fraglose Voraussetzung scheinen. Manifestationen finden sich in den Anti-Globalisierungsbewegungen, aber auch in Ökologie und Esoterik.

Im volkswirtschaftlichen Bereich wäre vielleicht zu fragen, warum in einem Deutschland, in dem statistisch jedes Jahr weniger Menschen wohnen und zugleich ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften, die verfügbare Geldmenge pro Kopf und Jahr also steigen müßte, die für die allgemeinen Aufgaben verfügbare Geldmenge aber stets als sinkend lamentiert wird. Politisch wäre analog zu überlegen, wieso es eines Noam Chomskys bedarf, um aufzuzeigen, daß der 'Krieg gegen den Terror' eine letzte Hypokrasie ist für den Terrorkrieg, den unsere, die westlichen Gesellschaften, seit über 100 Jahren gegen den Rest der Welt führen und ihr unseren Stempel aus Gewalt, Völkermord, Ausbeutung und Terror aufdrücken, der sie zu einer Fratze verstümmelt, die dann gelegentlich auf uns zurückstarrt.

 

IV

Die Kulturform 'des Westens' wäre demnach von einer tiefen, systematischen Schizophrenie gekennzeichnet, an der sie Zeit ihres Bestehens laboriert und in der sowohl ihr Erfolg wie ihr Problem liegt: Sie generiert sich vor sich selbst und anderen kulturell-religiösen Kontexten als Jüngerin einer universellen Rationalität, in einer zoroastrischen Lichtmetaphorik als 'Aufklärung' gefeiert. Tatsächlich hat sie jedoch eine dynamische Form gefunden, in der irrational-animalische Motivationen durch ihre strukturelle Verdrängung eine 'gereinigte' rational-logische Befindlichkeit entlassen haben, die empirisch außerordentlich erfolgreich war und ist. So leisten sich unsere Gesellschaften große Apparate zu Ausbildung und Unterhalt von Experten, die mit größtem logisch-analytischen Scharfsinn auf Welt und Mensch reflektieren, und stellen zugleich sicher, daß ihre Analysen hörbar, aber nur insofern wirksam werden, wie die vorhandenen Systeme nicht umhin können, sie zu beachten und zu inkorporieren, und so trainieren wir individuell unser Bewußtsein zu unerhörten Höhen von Cleverness, Scharfsinn und Konzentrationsvermögen und binden uns zugleich in Mechanismen ein, die sicherstellen, daß diese rationale Leistungsfähigkeit nur auf Reflexionen zur eigenen Verfaßtheit angewandt wird, die innersystemisch bleiben. Falls eine nicht prädisponierte Analyse möglich wäre, würde sie vermutlich zeigen, daß die kulturell-religiös-wirtschaftlichen Systeme etwa der islamischen Welt, oder auch der traditionalen fernöstlichen oder indischen Kulturen, selbst noch die der Azteken, in ihrem innersystemischen Aufbau um vieles rationaler verfaßt sind als die sogenannte 'westliche Kultur'. Dies gerade, weil sie ihre unvermeidlich irrationalen Elemente als solche bewußter anerkennen und damit kontrollierter in ihre mentalen und übermentalen Konstrukte integrieren können. Ihre Strategie ist strukturell rationaler und trotzdem weniger erfolgreich als unser Modell. Die unterliegende Irrationalität unserer kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Verfaßtheiten, diese grundlegende Rückgratlosigkeit unserer Motive unter all dem Pochen auf unsere Rationalität -- und bezeichnenderweise einer daraus abgeleiteten moralischen Überlegenheit -- stellt paradoxerweise unsere Überlegenheit sicher: Es ist eine Erleichterung, die Ressourcen freisetzt, wenn ich statt in traditionalen Kulturzusammenhängen zu leben, welche ständig Forderungen an alle Aspekte meiner persönlichen Performance und Reflexion stellen, ins westliche Lager wechseln kann, religiöse und kulturelle Affiliationen ruhen lassen, Jeans anziehen und an der Uni, sagen wir, Ingenieurwesen oder Informatik studieren oder ein Büro unterhalten und fast alle Lebensäußerungen fraglos an vorgefertigte und überzeugende Modelle angleichen kann, die keinerlei Anforderungen stellen, weil sie mit dem Etikett befreiter Rationalität versehen sind.

Preis dieser Verfaßtheit ist jedoch ein tiefsitzendes Unbehagen in der Kultur, mit Sigmund Freud gesprochen, das die europäische Moderne seit ihrer Entstehung stets begleitet. So könnte europäische Kulturgeschichte auch als eine Geschichte der Gegenbewegungen geschrieben werden, die in jeder Zeit versuchen, immanente Irrationalitäten aufzudecken und anzugehen. Sie erreichen aber niemals eine Qualität, bei der ein Umschlag vom Nährboden des selbstvergessenen Systems zur Konfrontation eigener Irrationalität erfolgte. Insofern stellt auch heute die Gesamtheit dessen, was esoterische oder alternative Bewegung heißt, nichts anderes als einen nachvollziehbaren, aber auch notwendig fehlgeleiteten Versuch dar, auf die unterbewußte Wahrnehmung der schizophrenen kulturellen Situation mit untauglichen Mitteln zu reagieren. Notwendig fehlgeleitet deshalb, weil sie die Auseinanderdividierung von objektivem Beschreibungsdenken und pragmatisch-neurotischem Verhaltenskodex mit einer Abwesenheit nicht-rationalistischer Denkweisen verwechselt.

Übersehen wird, daß die natürliche Existenzweise eines Systems sein gerade noch verzögertes Zusammenbrechen darstellt, nicht weil es nicht funktionierte, sondern weil in gewisser Weise zu gut funktioniert, und daß wir einen modus vivendi gefunden haben, in der halb verschämten Leugnung des Stolperns den Taumel zu perpetuieren und als Marschtritt auszugeben, der, gerade weil er sich weigert, auf seine eigenen Füße zu schauen, immer weiteres unter sich begräbt.

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