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no. 15: systemversagen -> editorial
 

editorial

Gäbe es nicht nur eine Auszeichnung für Wort und Unwort des Jahres, sondern auch des Jahrzehnts, hätte die Rede vom 'System' wohl keine schlechten Aussichten auf Auszeichnung als beides. Wohl kaum eine Vokabel findet so ubiquitär, wenn nicht gar inflationär Anwendung. Ähnlich wie 'Energie', 'Kraft' oder 'Kommunikation' reiht sich das System in eine Reihe von Begriffen ein, die uns sowohl unproblematisch in vielen unterschiedlichen Bereichen im Alltag begegnen, wie auch von hochspezifischen Fachsprachen verwendet werden in Bedeutungen, die Gegenstand wissenschaftlicher Kolloquien sind. Mehr noch, -- der Rede vom System gelingt zusätzlich, die gesamte Bandbreite emotionaler Reaktionen zu wecken. Das reicht von der Verachtung junger Intellektueller älterer Schulen für 'das System', bis hin zu emphatischer Entdeckung 'des allumfassenden Systems' im Munde begeisterter junger Systemtheoretiker, Semiotiker oder Linguisten jüngerer Schulen.

Die Rede vom System scheint nicht zuletzt deshalb so ubiquitär, weil seine nüchterne Anmutung dazu eingeladen hat, ein vielfältiges Erbe von älteren Vorstellung und Befindlichkeiten anzutreten, und in neue Begriffe zu kleiden. Vieles von dem, was ältere Generationen mit den großen Vokabeln von 'Vernunft', 'Denken', 'Freiheit' und 'Determinismus' oder 'Entfremdung', aber auch 'Zivilisation' und 'Humanität' auszudrücken versuchten, kehrt in den vielen Facetten des Systems angenehm gereinigt von Pathos, antiquierter Gelehrsamkeit und idealistischer Sprache in neuen, modischen Kleidern in unsere Diskussionen zurück. Den Reiz kann dabei nur erhöhen, daß dem System selbst eine sinistre Facette nicht abgeht: Es hat in der Rede von Systemversagen und Systemfehler einem ganzen Bündel von Ängsten unserer Zeit Ausdruck gegeben. Wenigstens gelegentlich den Zusammenbruch 'des Systems' zu beschwören, sei es des sozialen, politischen, medizinischen, klimatischen oder emotionalen, stellt einen Topos dar, auf den kein Feuilletonist und kein Experte gerne verzichtet. Bestätigt werden sie durch unsere alle Erfahrung, in einer Welt neuer Maschinen zu leben, deren freiheitsfördernde Funktionalität euphorisch gefeiert wird, aber zugleich fragil und kaum mehr als tastende Versuche erscheint, auszuloten, was die Rede vom anbrechenden Informationszeitalter wirklich bedeutet. Hieraus speist sich im Untergrund das beunruhigende Gefühl, mit Systemen umgehen zu müssen, die zugleich zu komplex sind, um sie zu verstehen, und zu primitiv, um unsere ständige mißtrauische Wachsamkeit über ihr Funktionieren nicht zu benötigen. Besorgt macht gerade die Phantastik der versprochenen Möglichkeiten all der neuen Systeme, die sich über uns, aber anderswo abspielen: in den Waffensystemen, den biologischen Laboratorien und den Datenbanken der Polizei, Hacker, Kreditkartenbetrüger und Krankenkassen, während sie uns selbst gegenüber meist eine unbeholfene und, mit Verlaub -- schittige, Performance zeigen. Was bleibt, ist der Frust über blaue Bildschirme, über festgefahrene Strukturen und unverständliche Bürokratien, die auch die Begeisterung für Ebay, Bilder aus dem All, das Buchungssystem der Deutschen Bahn oder die Riester-Rente nicht wettmachen können.

Dabei stellt die Suche nach Struktur und Kohärenz mindestens seit den Analytiken des Aristoteles vielleicht das Grundelement unserer Kultur dar und durchtränkt alle unsere Verhaltensweisen und Anschauungen. Die beständige Erwartung von Ordnung, von Systematik, ist uns derart in Fleisch und Blut übergegangen, daß es kaum entscheidbar ist, ob und wie weit unsere Suche nach Regelhaftigkeit kulturell, biologisch oder transzendental bedingt ist. Das Systematisieren scheint uns in die Wiege gelegt. Die fortwährende Erzeugung von Mustern, Rastern, Klassifikationen und Relationen wirkt als genuine Tätigkeit des homo systematicus, angefangen beim physischen Vorgang des Sehens bis hin zu metaphysischen Spekulationen.

Regelhaftigkeit stellt Planungssicherheit her. Sie läßt uns wissen, wie wir uns zu verhalten haben, was wir erwarten können von uns, von Anderen und Anderem. Das Jonglieren mit Systemen, emotionalen, sozialen, mathematischen, semiotischen usf. begleitet uns vom ersten Greinen bis zum letzten Seufzer. Systeme scheinen eine Bedingung unserer Existenz. Wäre eine vollständige Unregelhaftigkeit überhaupt denkbar? Müssen wir nicht überall Muster sehen, Muster denken, weil Sehen und Denken nichts anderes ist als Muster erzeugen? Wäre schließlich ein omniqualitatives Chaos nicht gar eine Art unvorstellbarer, logischer horror vacui, und müßte nicht die absolute Hölle als ein Universum aus Singularitäten gedacht werden?

Trotzdem war unser Spiel mit den Systemen immer ein Spiel der Regel und ihres Bruches und nie erfanden wir eine Regel ohne zugleich über die Möglichkeit ihres Bruches nachzudenken. Nicht nur in Kunst und Literatur balancieren wir auf dem Grat der Unentscheidbarkeit zwischen geschickter Manipulation von Regeln und ihrem Bruch. Kreativität schließlich scheint nichts anderes als die Fähigkeit, Systeme erfolgreich gegen ihren eigenen Strich zu bürsten. Seien Sie aufgefordert, mit uns zusammen genau das zu tun.

Georg Hehn

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