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no. 15: systemversagen -> sehnsucht nach anerkennung
 

Endstation Sehnsucht nach Anerkennung

von Susanne Dungs

zum artikel:

* anmerkungen
* literatur
* druckbares

Nach dem Amoklauf von Erfurt standen die Themen Gewalt und mangelnde Sozialisation von Jugendlichen für kurze Zeit wieder einmal in der allgemeinen Diskussion. Beklagt wird die scheinbar schleichende Entsozialisierung von Randgruppe inmitten einer sich als tolerant und offen verstehenden Gesellschaft, die trotzdem angesichts von Gewaltverherrlichung und Einsamkeitserfahrungen seltsam unbeholfen wirkt. Schon länger setzen sich Sozialpsychologen deshalb kritisch mit Defiziten der Idee der Toleranz und ihrer Ausgestaltung auseinander. Basierend auf Emmanuel Levinas entwickelten sie das Konzept der 'Anerkennung', um Gewalt und Entsozialisierung von Jugendlichen besser begreifen und beschreiben zu können.

 

Seit dem Ereignis in Erfurt am 26. April 2002 wird der 'Anerkennungszerfall' in unserer Gesellschaft intensiver in der Öffentlichkeit diskutiert, aus Erschütterung über eine porös gewordene gesellschaftliche Normalität. 'Anerkennung' wird im Zuge dieses Ereignisses als Konzept in den Blick genommen, das durch seinen wechselseitigen, integrierenden und auf Gleichwertigkeit zielenden Charakter möglicherweise Ausgrenzungen und Desintegrationen in der Gesellschaft rückgängig machen könnte. Offensichtlich scheint es einigen Gruppierungen wie derjenigen von Jugendlichen ohne berufliche Zukunftsperspektive an Anerkennung zu mangeln. Diese Jugendlichen stellen sich Fragen wie: "Wer braucht mich? Fühle ich mich gerecht behandelt? Bin ich gleichwertig? Werden meine Gefühle akzeptiert?" Politiker, Eltern und Lehrer demgegenüber fragen sich, welches System hier versagt hat, daß Jugendliche ihren offen bleibenden Fragen scheinbar nur mit Gewalt zu begegnen wissen: die Schule, die Familie oder die Gesellschaft insgesamt? Darüber hinaus wird der 'Anerkennungszerfall' mit dem Thema Gewalt in den neuen Medien (z.B. Computerspielen wie Doom und Counterstrike) und dem damit angeblich einhergehenden Verlust bürgerlicher Werte in einen Zusammenhang gebracht.[Anm. 1]

 

Zwischen "Doom" und Einsamkeit

Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, kritisiert in einem Vortrag, den er in Berlin hielt, den Begriff der 'Toleranz' und schlägt als politische Alternative dazu eine 'Kultur der Anerkennung' vor. Das Toleranzkonzept sei asymmetrisch angelegt und zementiere eher Machtunterschiede und Ausgrenzungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen, während Anerkennung die Wechselseitigkeit der Beziehungen und Interaktionen betone. Anerkennung setze die Auseinandersetzung mit dem Anderen voraus, also Mehrheit mit Minderheiten und Minderheiten mit der Mehrheit. Diese Auseinandersetzungen müßten organisiert und institutionalisiert werden. Toleranz basiere dagegen vielfach auf Desinteresse, Ignoranz und Gleichgültigkeit. Insofern sei Toleranz 'billig' zu haben und nichts wert. Ein Anerkennungs-Konzept sei in der Lage, auf Konflikte innerhalb der Gesellschaft aufmerksam zu machen, sie auszutragen, während Befürworter der Toleranz sie umgehen, sie gewissermaßen verschweigen würden. Anerkennung sei ein teurer, anstrengender und konflikthafter, ein interaktiver und vor allem auf Gleichwertigkeit ausgerichteter Prozess, der gegen die Machtasymmetrie gerichtet sei.

Auch der Psychologe Wolfgang Bergmann sieht in 'sozialer Anerkennung' einen Schlüssel, Desintegrationen innerhalb der Gesellschaft entgegenzuwirken. Der sich unter Computerhelden ausbreitenden Gewalt und ihrem Narzissmus könnte damit vielleicht begegnet werden. Das soziale Umfeld von Kindern und Jugendlichen habe sich völlig verändert. Sie wachsen in einem verdichteten Medienumfeld auf, in dem nicht mehr das Interagieren mit dem Anderen relevant sei, sondern das schnelle Reagieren eines Terminators. Das ist nach Bergmann immer die Identifikation mit einer restlos dissozialen Figur. Auch der Unterschied zwischen Existenz und Nichtexistenz werde fließend. In der geschlossenen Symbolwelt des Cyberspace kann letztlich alles nach Belieben vernichtet oder neu ins Leben gerufen werden. Lara Croft kann im Computerspiel Tomb Raider, nachdem sie ergeschossen wurde, von vorne beginnen. In einem unendlich möglichen Neustart hat sie alle Optionen wieder offen. Dies hat, so Bergmann, schließlich Auswirkungen auf gesellschaftliche Regeln, was die Auflösung des sozialen Prinzips zur Folge haben könne. Zudem führten die medialen Scheinerfahrungen dazu, daß Kinder und Jugendliche nicht mehr in der Lage sind, ein Über-Ich oder Ich-Ideal auszubilden, da niemand den über Medien vermittelten perfekten Idealen gleichkommen kann. Um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, werde der Druck nach Außen weitergegeben. Vor allem Jungen legen hyperaktive, aggressive und omnipotente Verhaltensweisen an den Tag, während Mädchen über Essstörungen oder andere gegen den eigenen Körper gerichtete Destruktivität (Ritzen, Schneiden) auffällig werden -- wobei die Unterschiede, so Bergmann, hier allmählich verwischen. Psychiatrien und sozialpädagogische Institutionen haben es reihenweise mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die sich selbst oder andere verletzen.

Im Zuge dieser zwei Diagnosen von Heitmeyer und Bergmann könnte man erstens davon sprechen, daß das psychische System von Kindern und Jugendlichen einer Medien-Gesellschaft scheinbar nicht gewachsen ist. Kinder können anhand der medialen Ideale -- vor allen Dingen dann, wenn diese Figuren die einzigen Vorbilder darstellen -- kein Ich-Ideal oder Gewissen ausbilden, das es ihnen möglich macht, Unfähigkeit, Spannungen, Ambivalenzen und menschliche Begrenztheit auszuhalten. Das Ich-Ideal hat dann nicht die Funktion, als Orientierungsinstanz zu dienen, oder gar eine Quelle der Befriedigung darzustellen, sondern wird nur als strafende Instanz erfahren, als nicht vollständig geglückte Anpassung an das Ideal der Maschinen-Welten. Es dient dann nicht dazu, Spannungen zwischen erträumten Utopien und anders erfahrener Realität auszuhalten und auf diesen Bruch zu reflektieren, sondern steigert die Flucht in immer weitere ideale Welten. Wenn es derart narzisstisch gestörten Kindern, die sich am perfekten Selbstbild orientieren, an Anerkennung mangelt und sie fallen gelassen werden, stürzen sie in die Leere und nehmen womöglich andere dorthin mit, was offensichtlich in Erfurt zum Ausdruck kam. Erstens wird also auf der Ebene der Psyche von Kindern und Jugendlichen der Frage nachgegangen, was in einer Medien-Gesellschaft in ihren Köpfen vorgehen könnte. Medien können sicherlich nicht allein in Betracht gezogen werden, um Dissozialitäten zu erklären, aber sie präsentieren Bilder und zeigen, wie manches gehen könnte.

Zweitens macht sich nach außen entladende Gewalt auf tiefer in der Verfaßtheit der Gesellschaft liegende Probleme und Tücken aufmerksam. Sie verweist auf die Menschenbilder, die in der Welt Erwachsener leitend sind (wie Konkurrenz, Leistung, Perfektion) und über Machtverteilungen und Ausgrenzungen bestimmen. Der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg, der sich mit amoklaufenden Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt, geht davon aus, daß "der gewaltsame Charakter eines basal auf Kälte und Gleichgültigkeit gestimmten Konkurrenzuniversums und die Tendenz zur Verrohung gesellschaftlicher Verkehrsformen durch die scheinbar motivlose und zweckfreie Kinder- und Jugendgewalt aus der Abstraktion gerissen und zur Kenntlichkeit" gebracht wird. Die kriminelle Physiognomie der Zukunft werde vom Amoklauf geprägt sein. Nach Ansicht von Eisenberg kann man die aktuellen Störungsbilder der Kinder und Jugendlichen, deren destruktive Äußerungsformen die Öffentlichkeit erschrecken, nicht mehr in den traditionellen psychiatrisch-psychologischen Diagnose-Katalogen und Begriffen unterbringen. Angesichts verbreiteter Erfahrungen von Beziehungslosigkeit sei die Frage, ob wir nicht vielmehr genötigt sind, sie als 'Soziosen' (in Anlehnung an den Begriff der Psychose als eine Erkrankung des Gesellschaftskörpers) zu begreifen. Eine gewisse 'Ent-Gesellschaftung' scheine dem Amoklauf regelrecht vorauszugehen. Unglückserfahrungen sind offensichtlich dann am schwierigsten zu ertragen, wenn der Kontakt mit der Mitwelt abhanden gekommen ist. Solche Erfahrungen wirken scheinbar dann explosiv, wenn Kindern und Jugendlichen die gesellschaftliche Berührung mit Anderen fehlt, so daß sie gleichsam in sich rotieren. Die emotionale Energie wird ins Innere zurückgenommen, so daß der extreme Ausbruch jederzeit möglich ist. Der innere Druck verstärkt sich über mediale Eindrücke, so daß das Intrapsychische gleichsam überflutet wird.[Anm. 2] Eine Gesellschaft, die die "Entstehungsbedingungen des Menschlichen ihren ökonomischen Funktionsimperativen opfert, und es zulässt, daß auf die Kindheit der Kälteschatten von Elend, Vergleichgültigung und Bindungslosigkeit fällt", muß sich nach Ansicht von Eisenberg nicht über ihre Kinder und Jugendlichen wundern. Hier scheint also auf einer zweiten Ebene das Gesellschaftssystem insgesamt zu versagen.

 

Anerkennung hergestellt?

Was ist das nun für ein Begriff von 'Anerkennung', der gegen die soziale Erosion der Gesellschaft und den in die Normalität hineingesprengten Riß in Anschlag gebracht wird? Welchen Zweck soll die Diskussion um 'Anerkennung' erfüllen, wie soll sie sich gestalten? Soll sie die 'Heimsuchung' von Gewalt einfach wieder unsichtbar machen? Meist wird von sozialer Anerkennung gesprochen, ohne genauer zu beschreiben, was mit diesem zwischenmenschlichen Prozess gemeint sein könnte und welches seine Voraussetzungen sein könnten. Diese Fragen sind meiner Einsicht klärungsbedürftig, zumal es verschiedene Anerkennungskonzepte gibt. Die einen beschreiben Intersubjektivität nach einem asymmetrischen Modell, wie zum Beispiel der jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas. Asymmetrie meint bei Levinas, daß der Eine in die Verantwortung und Stellvertretung für den Anderen gerufen wird, ohne daß diese Relation umgekehrt werden kann. Das Antlitz des Anderen ist in gewisser Weise nicht zu übergehen und bildet das offene Tor, durch das der Ruf für den Anderen zu sein ertönt. Andere, wie G.W.F. Hegel, beschreiben den 'Kampf des Anerkennens' symmetrisch. Das heißt, zwei Menschen lassen sich wechselseitig in ihre unendliche Unterschiedenheit frei, die mit dem Begriff der Menschenwürde korrespondiert. Immer scheint ein Phänomen angesprochen zu sein, an dem die eigene Freiheit Grenze und Erfüllung findet.

Welche Anerkennungsvorstellungen finden sich nun aktuell? In der schon genannten medialen Öffentlichkeit und Szene zeichnen sich gegenwärtig Tendenzen ab, einen unauffälligen Niemand vermittelt über Kabel in einen medial inszenierten Jemand zu verwandeln (z.B. in Big Brother). Wichtig ist dann, von Anderen gesehen zu werden, oder die Logik lautet, daß ein Mensch dann wichtig ist, wenn er sichtbar ist. Soziale Identität entwickelt sich in diesem Verständnis in der Spiegelung durch das Medium und soziale Anerkennung wird über Sichtbarkeit definiert. Kann es sein, daß in Gesellschaften westlichen Typs, in denen sich alles um Bilder, Repräsentation, Video, Show etc., d.h. um das Sehen und Gesehen-Werden kreist, Jugendliche, die in den virtuellen Welten nicht vorkommen, sich derart übersehen fühlen, daß sie sich danach sehnen, einmal die Blicke der Welt auch auf sich gerichtet zu wissen -- egal wie? Robert in Erfurt war mehr und mehr in die Welt der Computerspiele abgetaucht. Plötzlich ist eine dieser Killerfiguren aus dem Bildschirm heraus gestiegen und mit Robert verschmolzen, der sich eine Waffe aus dem Schrank holt und in Richtung Schule auf den Weg macht. Für einen Augenblick hatten ihm, dem der Weg zum Abitur versagt bleiben sollte und der sich scheinbar ohnmächtig fühlte, Waffe und Maske während des Amoklaufs offensichtlich absolute Macht verliehen. Vielleicht fühlte er sich wie der grandiose Terminator und war Herr über Leben und Tod. Würden reale Blicke der Anderen es möglich machen, aus einer solchen Inszenierung auszusteigen?

>Zum einen zeichnet sich somit eine Vorstellung ab, soziale Identität, Anerkennung und Aufmerksamkeit durch Spiegelung in den Medien (wieder)gewinnen zu können, selbst wenn diese Wiedergewinnung in der Demonstration von Gewalttätigkeit eines mit seinen Nöten allein gelassenen Menschen besteht. RTL hat, weil im Gegensatz zum 11. September keine Bilder über das Morden in Erfurt zur Verfügung standen, das Ereignis kurzerhand nachgestellt. Robert mag sich ausgemalt haben, wie seine Tat in den Medien erscheinen wird und er zumindest darüber die ersehnte Aufmerksamkeit würde auf sich ziehen können, an der es ihm offensichtlich mangelte.

Zum anderen gibt es die schon genannten theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Anerkennungsbegriff im Zusammenhang mit Gewalt von Kindern und Jugendlichen. Und auch die Politik und die gesellschaftliche Öffentlichkeit insgesamt (insbesondere Lehrer, Lehrerinnen und Eltern) thematisieren den 'Anerkennungszerfall'. Hier handelt es sich im Vergleich zur Vorstellung einer medialen Inszenierbarkeit von Anerkennung um den Ruf nach Mitmenschlichkeit aus Angst vor einer zu weit greifenden sozialen Erosion der Gesellschaft. Eltern können ihren Kindern keine Orientierung mehr geben, weil sie selbst in der postmodernen Gesellschaft irritiert darüber sind, was als zentral oder marginal zu verstehen ist, so daß mit dem Anerkennungskonzept so etwas wie eine universeller Bezugspunkt, angereichert mit einem ganzen Bündel an ethischen Gehalten, in Verbindung gebracht wird. Beide Anerkennungskonzepte bewegen sich meiner Einsicht nach gleichermaßen auf der Ebene der Vorstellung, soziale Anerkennung dem Bereich der Kontrolle und Verfügung zugänglich machen zu können. Man glaubt, es bei Anerkennung mit einem Konzept zu tun zu haben, das man herstellen kann, nach dem Motto: Was müssen wir unseren Kindern in den Schulen eintrichtern und was müssen wir den Eltern abfordern, damit sich solche Entgleisungen wie die Roberts aus Erfurt nicht mehr ereignen können? Schon wenige Stunden nach der Tat lief die Erklärungsmaschinerie unterstützt durch die Medien auf Hochtouren. Es wird davon ausgegangen, daß sich die Anerkennung von Personen und der Respekt von Werten und Normen gegenseitig stabilisieren, sich im Gleichgewicht befinden müssen, und es wird nach Gründen gesucht, die diese Stabilität stören könnten.

 

Anerkennung diskret?

Mit einem Begriff des Anerkennens muß vorsichtig umgegangen werden, gerade in Anbetracht der Diagnose einer auseinanderbrechenden Gesellschaft. Zunächst möchte ich sammeln, wie ein Begriff des Anerkennens nicht verstanden werden kann, um dann anzudeuten, in welche Richtung er weist. Anerkennung kann nicht so verstanden werden, daß sich aus dem wunderbar fragilen zwischenmenschlichen Geschehen eine 'Lösung' ableiten ließe. Anerkennung kann nicht die Funktion haben, das durch die Tat von Erfurt aufgerissene Loch einfach wieder zu kitten. Über den Abgrund der Sinnlosigkeit dieser Tat lässt sich kein errettendes Netz legen. Einer 'Soziose' kann nicht mit schnell wirksamen Konzepten begegnet werden. Verloren gegangene soziale Beziehungen können nicht ad hoc, so wie wir es von technischen Prozessen gewohnt sind, nachproduziert werden. Gesellschaftliche 'Normalität' läßt sich nicht einfach wieder herstellen. Zu einer moralischen Praxis gehört das Scheitern immer wieder dazu.

Soziale Anerkennung kann nicht dem riesigen Markt von mit Gewaltszenen durchsättigten Computerspielen rettend entgegengehalten werden. Sie entzieht sich dem Verfügungsbereich und ist in diesem Sinne kein Gut, aus dem sich ein Nutzen ableiten ließe. Soziale Anerkennung widerspricht sowohl der einen Vorstellung (gewaltbereiter) Jugendlicher, sie über eine Repräsentation in den Medien erlangen zu können, als auch entzieht sie sich dem Versuch, sie über Lehrpläne in den Schulen oder eine revidierte Familienpolitik verordnen zu können. Die Entwicklung sozialer Identität kann nicht einer bestimmten Vorstellung, wie ein Mensch zu sein hat, was er zu leisten hat und nach welchen Werten er sich zu richten hat, teleologisch angeglichen werden. Soziale Identität entwickelt sich jenseits einer Identitätslogik mitten im Anderen zum Repräsentierbaren, mitten in der Beziehung zum anderen Menschen, die sich als ein unverfügbares Geschehen ereignet.

Mit dem Begriff des Anerkennens begegnet uns die Erfahrung der Unverfügbarkeit des Lebendigen, die in einer Gesellschaft, die mittels Gen- und Informationstechnologien die Herstellbarkeit des gesunden und perfekten Menschen anvisiert, auf neue und kritische Weise relevant wird. Vielleicht fragen sich Kinder und Jugendliche, an denen der Gen-Diskurs sicher nicht spurlos vorüber geht: Bin ich genau so, wie ich auf die Welt gekommen bin, anerkannt von meinen Eltern, Freunden und der Gesellschaft? Was, wenn sich da eine Diskrepanz abzeichnet, wenn sich das Selbstbild nicht in Übereinstimmung bringen lässt mit dem, was sich gesellschaftlich an perfekten Menschenbildern und medizinischen Ideologien ausbreitet und was sich aufgrund der technischen Möglichkeiten zuvor hätte ausschließen lassen? Kinder und Jugendliche spüren meiner Einsicht nach, daß die Solidarität mit versehrten, kranken und gebrechlichen Menschen in unserer Gesellschaft im Verschwinden begriffen ist.

Anerkennung verweist auf etwas Anderes. Sie verweist darauf, daß besonders dann, wenn wir es mit Sozialität, mit dem Lebendigen zu tun haben, nicht mehr alles wissen können und vielleicht nicht alles daran setzen sollten, auf die Weltformel zu gehen. Gerhard Gamm schreibt dazu:

"Des Menschen unveräußerliche Würde besteht gerade darin, niemandem zu gehören (vielleicht nicht einmal sich selbst). Autonomie ist der Begriff, der genau daran erinnert. Auch Selbstbestimmung heißt nicht Selbstbesitz, bedeutet nicht, wie es heute vielfach verstanden wird, ganz und nach Belieben über sich selbst verfügen zu können. Das hat wesentlich damit zu tun, daß Subjektivität nicht in etwas eingeschlossen werden kann, was man 'hat'."

Was mit dem Begriff des Anerkennens angedeutet ist, meint, auf diese Lücke, die zwischen uns und dem Sein immer schon klafft, zu reflektieren. Diese Lücke des Nichtwissens, die als Erfahrung der Unverfügbarkeit in der Religion aufbewahrt ist, scheint gegenwärtig auf dem Spiel zu stehen. Die großen Fragen des Lebens bedürfen keiner Antwort, weil Antworten sie töten würden. Wenn wir wüssten, wie der andere Mensch genetisch, neurologisch usf. zusammengesetzt ist, dann wäre es nicht mehr der einzigartige Andere. Wir brauchen die Ungewissheit, um geistig und körperlich lebendig zu bleiben. Die Begegnung mit dem Anderen liegt quer zu dem, was wir gewohnt sind, über logische und kausale Zusammenhänge beschreiben zu können. Emmanuel Levinas beschreibt mit seiner Metapher des Antlitzes die flüchtige Erscheinung des anderen Menschen. Visage ist in Levinas Ethik par excellence der 'Ort', an dem die Transzendenz des Anderen einbricht und spurhaft begegnet. An der 'Materialität' des visage, an seiner Verdichtung von Leiblichkeit und Sinnlichkeit, versucht er zu entziffern, was über sie hinausweist: "Das Leuchten der Spur ist rätselhaft, das heißt, es ist zweideutig noch in einem anderen Sinne, durch den es vom Erscheinen eines Phänomens sich abhebt. Es kann nicht als Ausgangspunkt einer Beweisführung dienen, die es unerbittlich in die Immanenz und ins Sein führen würde. Die Spur zeichnet sich ab und verwischt sich im Gesicht als die Zweideutigkeit eines Sagens und moduliert so ebendie Modalität des Transzendenten." Immer bleibt, selbst bei größter medialer Selbststilisierung etwas, das über das Bild, welches ich mir vom anderen mache hinausweist. Immer bleibt ein Rest, der nicht in ein bruchloses Selbstbild eingefügt werden kann. Auch Hegels Lehre des wechselseitigen Anerkennens verweist darauf, daß sich beide Menschen am Ende des Kampfes verzeihen und ihr teilendes und identifizierendes Urteil über den Anderen fahren lassen, wodurch die Verschiedenheit zwischen beiden zur absoluten wird.

Macht daher nicht die Anerkennung, mitten in dieser Zweideutigkeit des Sozialen und Lebendigen immer schon zu stehen, es möglich, aus einer inszenierten absoluten Gewalt, die sich ihrerseits als 'Normalität' gebärdet, auszusteigen? Geht es nicht um den Wunsch, vom Anderen als einzigartiger (und nicht reproduzierbarer) Mensch wahrgenommen und gerufen zu werden, unerwartet herausgerissen zu werden aus dem Trott oder dem Bild, das ich mir von der Wirklichkeit gemacht habe? Anerkennen ist ein Geschehen, das eingefahrene Systeme, die unmenschlich zu werden drohen, sprengt. Manche Formen von Gewalt von Kindern und Jugendlichen sind vielleicht als verzweifelte Versuche zu interpretieren, aus dem mitmenschlichen, besonders in Mittelschichten verbreiteten, sozialen 'Nirwana' wieder zum Anderen vorzudringen, irgendein Echo zu finden. In Bezug auf Robert Steinhäuser schreibt Robert Schneider, daß es der Anblick des Lehrers Heise war, der Robert aufhorchen ließ: "Kurz ließ der Schütze seine Waffe sinken, er zog die Maske vom Gesicht, als er erblickt und angesprochen wurde." Das Umgehen mit den Ambivalenzen und Kontingenzen des Lebens setzt voraus, daß Kinder und Jugendliche damit nicht allein gelassen werden.

Über das Phänomen des Anerkennens haben wir es mit dem Bereich des Sozialen zu tun, der sich eher negativ als positiv beschreiben lässt. Sozialität ist ein komplexes, fragiles Gefüge, dem man sich nur tentativ annähern kann. Man weiß nie, ob man mit der Sprache, mit der man zu beschreiben versucht, was in Kindern und Jugendlichen unserer Gesellschaft vorgehen mag, dem auch nahe gekommen ist. Anerkennung erweist sich als Geschenk, das sich jeglicher Herstellbarkeit entzieht. Die Frage von Heitmeyer danach, wie Anerkennung hergestellt und institutionalisiert werden kann, ist eine ökonomische Frage, die nicht an dieses Konzept gerichtet werden kann. Was wir bereitstellen können, sind Räume, in denen Beziehungen unter Menschen sich entwickeln können, so daß sich Anerkennungsmomente vielleicht ereignen. Hierzu nochmals Gerhard Gamm:

"Es muss eine winzige Öffnung in die Symmetrie, in die Reziprozität des Systems gesprengt werden, ein anökonomisches Moment in den Kreislauf einer auf Leistung und Gegenleistung basierenden Ökonomie der Anerkennung eingespielt werden. / Anders gesagt, man muss die Reziprozität vergessen. Aber die Radikalität des Vergessens, die verlangt wird, ist nicht nichts. Das Vergessen des Anerkennungskreislaufs darf nicht etwas sein, das verschwindet; seine Abwesenheit muss präsent bleiben. Damit sich Wechselseitigkeit des Erkennens und Anerkennens ereignet, muss sich etwas zutragen, das nicht zur Ökonomie der Zeit gehört, 'in einer Zeit ohne Zeit', oder wie Derrida im Zusammenhang mit seiner Analyse der 'Gabe' schreibt, 'dass das Vergessen vergisst, sich vergisst, aber auch so, ohne etwas Präsentes, Präsentierbares, Bestimmbares [...] zu sein, doch nicht nichts ist'."

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