Sturm

Roman-Auszug

von Ernst-Wilhelm Händler

Suttung hatte verschiedene Arten von Robotern entworfen, die in vielfältiger Weise zusammenwirkten. Er hatte die formalen Voraussetzungen für die Konstruktion der Roboter sowie deren Steuerung beschrieben und betrachtete seine Arbeit fürs erste als abgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit war groß, daß sich bei der technischen Verwirklichung nicht vorhersehbare Schwierigkeiten ergeben würden. Es erschien deshalb nicht sinnvoll, die Beschreibungen auf der formalen Ebene unabhängig von der technischen Umsetzung zu verfeinern. Suttung arbeitete vorwiegend an dem System, das Hants Entwürfe erzeugen sollte. Er übte große Zurückhaltung, sich darüber Rechenschaft abzulegen, was sein System wirklich leistete. Wie weit das System von einer Rekonstruktion von Hants Entwürfen tatsächlich entfernt war. Welche die realistischen Erfolgsaussichten wären, die Ziele zu erreichen, die er sich dabei gesteckt hatte. Wie weit entfernt das System auch im günstigsten Fall von dem bleiben würde, was beabsichtigt war. Zugleich übertrieb er in seinen Tagträumen die Möglichkeiten dessen, was er erarbeitet hatte, maßlos. Weder Hant noch Arbogast und nicht einmal Hahl hatten auch nur eine Präsentation von ihm verlangt. Sieglinde hatte jederzeit Zugang zu seinem Rechner, doch stellte sie nicht die Fragen, die jemand stellen mußte, der versuchte, sich seine Systeme ohne seine Hilfe anzueignen. Die Tatsache, daß niemand an den Ergebnissen seiner Arbeit Anteil nahm, leistete seinen Träumen weiteren Vorschub.

Hant, Arbogast und Hahl kämen aus der brennenden Stadt. Sie gingen zu Fuß über die Brücke. Sieglinde wäre nicht da, das Kontor wäre abgeschlossen. Suttung würde sich bei seinem Eisenquader aufhalten. Hant, Arbogast und Hahl gingen mehrere Male um das Gebäude herum, denn sie wüßten nicht, wie sie in das Gebäude hineingelangen konnten. Sie würden versuchen, sich bemerkbar zu machen wie Wanderer, die Einlaß begehrten. Suttung würde nichts hören.

Das große Eingangstor wäre nicht verschlossen. Es wäre ein heller Tag. Suttung würde nur einen Lichtkeil sehen. Das große Eingangstor würde langsam aufgehen, der Lichtkeil würde allmählich größer werden. Schließlich spalteten die Schatten von Hant, Arbogast und Hahlt den Lichtkeil, Jemand, der die Szene beobachtete, natürlich würde niemand die Szene beobachten, käme nie auf den Gedanken, daß es sich um den größten Architekten Deutschlands, den größten Immobilienbesitzer Deutschlands und um den Bürochef des größten Architekten Deutschlands handelte, die hier wie Bittsteller das Gebäude betraten.

Suttung würde sich erheben, um sie zu begrüßen. Es würde für einen unbeteiligen Beobachter, natürlich würde es keinen unbeteiligten Beobachter geben, so aussehen, als wäre der Hausherr, der Herr der Systeme, auch der Herr von Hant, Arbogast und Hahl.

Suttung würde sagen, die Entwicklung seiner Systeme sei viel weiter vorangeschritten, als sie wissen konnten. Seine Systeme könnten jeden erwünschten Entwurf im Sinn Hants erzeugen. Selbstredend erstellten sie auch die entsprechenden Werkpläne. Seine Roboter bauten die Gebäude. Seine Systeme sorgten auch für die Vermarktung der Gebäude. Seine Systeme brauchten im Grunde keine Menschen mehr.

Hant, Arbogast und Hahl wären natürlich ungläubig. Hant würde sagen, er habe damit gerechnet, daß Suttung gute Arbeit leisten würde, aber er glaube nicht, daß Suttung ihn oder Arbogast oder Hahl überflüssig machen könnte. Suttung würde antworten, sie möchten ihm auf die Probe stellen. Suttung wäre sehr sicher. Hant würde fragen, welche Probe. Ob er ein Gebäude entwerfen solle, und Suttungs Systeme würden ebenfalls ein Gebäude entwerfen, es könne nur ein kleines Gebäude sein, sonst kämen sie nicht zum Ende. Oder ob nur eine Kalkulation erstelte werden solle, Suttungs Systeme würden kalkulieren, und Hahl würde in seinem Büro parallel kalkulieren lassen. Suttung würde mit einer großzügigen Handbewegung vorschlagen, die Entstehung eines ganen Gebäudes durchzuspielen. Von Anfang bis Ende.

Hant würde lachen. Auch Arbogast würde lachen. Nur Hahl würde nicht lachen. Man könne doch nicht einach so, hier in der Halle, nur mit den Rechnern, ein Gebäude entwerfen, bauen, und es dann auch noch verwerten.

Suttung sagte, man könne doch. Sie sollten es versuchen. Hant fragte, immer noch im Spaß, welcher der Standort des Gebudes sei, ob es um ein Wohngebäude, um ein Bürogebäude oder um einen ganz anderen Bau gehe. Suttung sagte, sie kämen doch aus der brennenden Stadt. Er schlug vor, sich in das Kontor zu begeben und auf die Stadt hinüberzusehen. Dort sollten sie einen Standort auswählen. Und sie sollten sagen, was für ein Gebäude sie errichten wollten.

Hant zeigte sich einverstanden. Suttung erklärte Sieglinde, worum es ging. Daß sie jetzt, sofort, ein Gebäude entwerfen, bauen und verwerten würden. Sieglinde traf die allgemeinen Vorbereitungen an den Rechnern. Suttung ließ Hant, Arbogast und Hahl völlig freie Wahl. Sie entschieden sich für ein Gebäude an der großen Uferstraße. Dort stand gerade ein Eckhaus in Flammen. Man würde es abreißen, und man würde ein neues Gebäude bauen. Es war Hant, und nicht Arbogast oder Hahl, der auf das brennende Gebäude hinwies und diesen Platz an der Kreuzung der Uferpromenade mit der größten, vom Land herkommenden Straße als Standort für das neue Gebäude auswählte.

Suttung rief Sieglinde, um ihr den Standort zu zeigen. Dann kehrten sie in die Halle zurück. Hahl ließ sich mit dem Büro verbinden, er beschrieb die Lage des Grundstücks und erteilte Order, eine überschlägige Kalkulation anzufertigen. Gleichzeitig gab Sieglinde die entsprechenden Daten in das System ein. Während Hahl noch mit dem Büro sprach, zeigte ein Bildschirm schon die ersten Ergebnisse: wie groß die Grundfläche des Gebäudes wäre, wie groß die Nutzflächen, welche gewerblichen Flächen zulässig wären, welche Wohnflächen sich ergeben würden, wie hoch die Baukosten des Gebäudes wären, wenn es keine wesentliche Abweichung von den anderen Vorgaben Hants in der letzten Zeit aufwies, wie hoch die zu erwartenden Mieteinnahmen wären und welche Gesamtrendite sich für das Gebäude ergeben würde. Alle diese Daten waren vorhanden und abrufbar, während Hahl dem Büro noch Anweisungen gab.

Suttung sagte, das sei nur der Anfang, und wandte sich an Arbogast, jetzt betrete man seine Domäne. Er ließ Arbogast Zeit für die Bewertung der grundlegenden Daten des Gebäudes. Dann sollte er mit den Banken sprechen und eine möglichst günstige Finanzierung finden. Suttung ließ Arbogast viel Zeit, damit der sich später nicht noch einmal rückversichern mußte. Schließlich rief Arbogast in seinem Büro an und wurde sofort zu einer Bank weiterverbunden. Arbogast erläuterte das Bauvorhaben. Während Arbogast noch seinem Ansprechpartner in der Bank Fragen beantwortete, der hatte zahlreiche Fragen, liefen die Angebote, die das System Suttungs eingeholt hatte, bereits über einen anderen Bildschirm. Suttung erläuterte, sein System sei mit mehreren internationalen Banken verbunden, die Parameter seinen Systems waren mit den Banken abgestimmt, so daß sie sofort Angebote machen konnten. Auf dem Bildschirm schien ein Dutzend Angebote auf. Das System hatte auch bereits eine Auswahl getroffen und gemäß bestimmter Kriterien eine Rangfolge ermittelt.

Nachdem Suttungs System sich den Vorgehensweisen Hahls und Arbogasts in deren ureigensten Metiers als überlegen erwiesen hatte, nahm man den Entwurf des Gebäudes in Angriff. Suttung hatte mit dem Kommen Hants gerechnet und allerlei Gerätschaften vorbereitet. Er hatte von Sieglinde die Art des Papiers, der Stifte und der Kreiden in Erfahrung gebracht, die Hant benutzte. Er fragte Hant, ob er noch andere Dinge benötigte, Hant verneinte und sagte, er könne natürlich nur Entwürfe liefern, keine Werkpläne, Suttung sagte, darum gehe es auch nicht. Sein System stelle sich einem ehrlichen Wettkampf mit dem Menschen. Daß sein System in der Lage sei, aus den Entwürfen Werkpläne abzuleiten, zähle nicht für das Wettspiel. Hant blieb ungläubig, und auch Arbogast und Hahl konnten sich nicht ausdenken, wie Suttungs System in Wettbewerb mit den Skizzen treten würde.

Hant vergegenwärtigte sich die grundlegenden Bestimmungsgrößen des Gebäudes. Suttungs schlug vor, sich noch einmal auf die Terasse zu begeben, um sich die Nachbarschaft anzusehen. Hant zögerte einen Augenblick, nahm dann jedoch den Vorschlag an, und sie gingen alle vier noch einmal hinaus und prägten sich die Umgebung des zu planenden Gebäudes ein. Zurück in der Halle, nahm Hant einen Zeichenblock und einen Stift, Suttung schaltete einen weiteren Bildschirm an. Als Hant zu zeichnen anfing, erschien schon auf Suttungs Bildschirm die erste Entwurfszeichnung. Und es war kein Werkplan oder eine Vorstufe davon. Nirgendwo eine gerade Linie. Die Zeichnung sah so aus, als hätte jemand einen Entwurf Hants eingelesen und rufe ihn nun auf dem Bildschirm ab. Doch tatsächlich hatte sie das System erzeugt.

Hahl flüsterte Hant zu, daß der Rechner ständig Entwürfe erstelle. Und daß die Entwürfe tatsächlich so aussähen, als wären sie von ihm. Suttung und Arbogast waren sich stillschweigend einig, Hant weiterzeichnen zu lassen, um zu vergleichen, ob die Entwürfe, die das System erzeugte, tatsächlich von Hant hätten sein können. Suttung erläuterte, es gehe nicht darum, daß der Rechner genau die gleichen Entwürfe hervorbringe wie Hant. Das System erzeuge einen Entwurf, den Hant als Möglichkeit ansehe, von dem er nicht sage, er hätte einen solchen nie angefertigt, sondern von dem Hant sage, er könne sich seinen Entwurf so denken.

Arbogast und Hahl gingen hin und her und betrachteten abwechselnd, was Hant zeichnete, und Suttungs Bildschirm. Suttung wies Sieglinde an, die Entwürfe auf dem Bildschirm auszudrucken, so daß Arbogast und Hahl die Ausdrucke mit den Zeichnugen vergleichen konnten. Hant war mit seinen Skizzen schnell fertig, viel schneller, als selbst Suttung dies für möglich gehalten hätte. Aber natürlich hatte das System schon längst alle Entwürfe gelierfert.

Hant blickte zu Suttung herüber, und für einen Augenblick schien nicht klar, ob Hant seine Zeichnungen nehmen und zu Suttung herübertragen würde oder ob Suttung seine Ausdrucke zu Hant hinüberbringen würde. Als Hant Anstalten machte, seine Zeichnungen zu bündeln, winkte Suttung ab, nahm seinerseits die Ausdrucke in die Hand und ging, begleitet von Arbogast und Hahl, zu Hant.

Natürlich waren die Entwürfe, die der Rechner erstellt hatte, auf weißem Papier gedruckt. Natürlich wiesen Hants Zeichnugen andere Oberflächeneigenschaften auf. Trotzdem wirkten -- und nicht nur auf den ersten Blick -- die Entwürfe des Systems so, als seien sie von Hant angefertigt und vom Rechner nur gespeichert.

Hant betrachtete, was das System gezeichnet hatte, Hant betrachtete, was er gezeichnet hatte, Hant betrachtete, was das System gezeichnet hatte. Suttung betrachtete Hant.

Hant veränderte in seinem Entwurf etwas, indem er erst durchstrich und dann darüber schraffierte, und er fügte den Entwürfen des Systems etwas hinzu. Die Entwürfe waren nicht dieselben, aber sie wiesen ähnliche Einteilungen auf. Das Verhältnis von Gewerbe- und Wohnflächen bleib immer gleich, die Anzahl der Stockwerke stimmte überein, das Treppenhaus und die Fassade glichen sich jeweils in hohem Maß. Der Eindruck schien unabweisbar, daß Hants Entwurf zur Familie der Entwürfe des Systems gehörte oder daß die Entwürfe des Systems Hants Entwurf aufnahmen.

Hant suchte nach Fehlern in den Entwürfen des Systems. Und nach Details, von denen er glaubte, er würde sie so auf keinen Fall ausbilden. Er zeigte auf mehrere Linien und fing auch zu sprechen an, aber dann verstummte er wieder. Die Ähnlichkeit überwältigte ihn. Er mußte anerkennen, das System Suttungs hatte tatsächlich Abwandlungen seinen eigenen Entwurfs erstellt oder er hatte den Entwürfen des Systems einen weiteren hinzugefügt.

Arbogast sprach für Hant. Er zeigte sich beeindruckt. Doch Suttungs Hauptaufgabe sei die Entwicklung von Robotern, mit denen gebaut werden könne. Davon hätten sie noch nichts gehört und nichts gesehen. Suttung sagte, das Gebäude sei gezeichnet. Und er gab den Entwurf Hants in den Rechner ein. Während sie sprachen, erstellte das System Werkpläne. Suttung wandte sich an Hahl, sie würden jetzt die Fertigstellungszeiten berechnen. Die Zeit, die man benötigte, wenn das Gebäude auf herkömmliche Art und Weise gebaut würde, und die Zeit, die man brauchte, wenn es Suttungs Roboter hochzogen.

Sie warteten, bis die Werkpläne ausgedruckt waren. Hahl übermittelte dem Büro die Pläne mit der Anweisung, eine Machbarkeitsschätzung zu liefern. Hahl sprach noch mit dem Büro, die Zeichnungen wurden noch gesendet, da erschienen auf den Bildschirmen Suttungs bereits die genauen Beschreibungen der verschiendenen Arbeitsschritte vom Rohbau bis zum Innenausbau. Suttung beeilte sich hinzuzufügen, seine Arbeit stehe erst am Anfang, nur die rohbaunahen Arbeitsgänge könnten einstweilen vollautomatisch durchgeführt werden, die Automatisierung des Ausbaus müsse erst noch erfolgen. Während Hahl dem Büro auf Rückfragen antwortete, zeigte ein Bildschirm die Fertigstellungszeit des Gebäudes an. Die Fertigstellungszeit war so kurz, daß Hahl verstummte und Arbogast und Hant innehielten. Suttungs erläuterte, die Zeit erscheine unglaubhaft. Aber er könne sie begründen. Er ging mit Arbogast und mit Hahl die einzelnen Schritte der Gebäudeerstellung durch. Er erläuterte ihnen, welche Roboter welche Arbeiten erledigten, er konnte ihnen nachweisen, daß die Fertigstellungszeit des Gebäudes tatsächlich eine so kurze war, und scherzen, wenn seine Roboter nicht arbeiteten, träumten sie von elektrischen Schafen.

Arbogast sagte, das Gebäude sei gebaut. Aber es sei noch nicht verwertet. Suttung sagte, er lasse sich gern auch auf dieses Spiel ein. Arbogast solle einfach versuchen, das Gebäude zu vermieten. Er habe ja alle Daten, und wenn Arbogast jemandem sage, das Gebäude sei fertig, dann sei das Gebäude auch fertig. Arbogast machte mit, er übermittelte die für die Vermietung wichtigen Daten an mehrere Makler und an gelistete Kunden. Arbogast beantwortete Rückfragen und erläuterte Angaben, zugleich wiesen die Bildschirme Suttungs die ersten Vertragsangebote für die Läden, Büros und Wohnungen aus. Darunter eine Versicherung und eine Bank, die sich sogar bereit erklärten, wegen der guten Lage des Gebäudes einen Zuschlag zur ortsüblichen Miete zu bezahlen. Als die Angebote der Versicherungen und der Bank über die Bildschirme flimmerten, wußte auch Arbogast, als letzter der drei, nichts mehr zu sagen.

(Ernst-Wilhelm Händler: Sturm. Frankfurt am Main: FVA 1999, S. 288-297.
Alle Rechte bei: Frankfurter Verlagsanstalt. Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.)


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ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/stadt/sturm/
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