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no. 11: virtuelle städte -> cyberurbanity
 

Cyberurbanity

Die Stadt als Prozessor

von Alexander Campbell Halavais

zum artikel:

* literatur
* druckbares
 
[en] in english

Städte sind mehr als nur Gebäude im Raum. Als vorläufig letztes Glied in einer Kette unterminiert der Cyberspace nicht die Idee der Stadt, sondern richtet den Blick vielmehr auf kommunikativen Austausch sowohl innerhalb einer Stadt als auch zwischen Städten und ihrem Umfeld -- Prozesse, die es auch ohne Computer immer schon gegeben hat.

 
"Der Katalog von Formen ist unendlich: solange noch nicht
jede Form ihre Stadt gefunden hat, werden immerfort neue
Städte entstehen. Wo die Formen ihre Variationen erschöpfen
und sich auflösen, setzt das Ende der Städte ein. Auf den
letzten Karten des Atlas verschwammen Raster ohne Anfang
und Ende, Städte mit der Form von Los Angeles, von
Kyoto-Osaka, formlos."
Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte

 

Beobachter sagen das Ende der Großstadt seit den späten 60er Jahren voraus. Derselbe technologische Fortschritt, der am Ende des 19. Jahrhunderts die Industriestadt nötig machte, würde den Prognosen zufolge diesen Sog bis zum Ende des 20. umkehren; die Urbanität, die in wechselnder Gestalt die Jahrtausende überdauerte, würde in einem Schlußakt ihr Leben aushauchen. Calvinos Zitat könnte man im Sinne Lewis Mumfords und anderer Stadtforscher dahingehend verstehen, daß die Stadt immer weiter wüchse, um schließlich 'ätherisch' zu werden und aus unserem Blickfeld zu verschwinden. Die schnelle Verbreitung von Computernetzwerken und die Entstehung eines neuen Cyberspace hat viele dazu gebracht, das Internet als Herold, wenn nicht als Vollstrecker dieses letzten Aktes der Geschichte der Stadt zu verstehen. Schaut man sich die Komplexität urbaner Systeme einmal näher an, so muß man sich allerdings fragen, ob sich ihre teleologische Dynamik wirklich so einfach beschreiben läßt, wie einige Diagnostiker meinen.

In der Tat ist der Tod der Städte kräftig übertrieben worden. Sicher haben in den frühen 70er Jahren mehr Leute die Großstädte der Industrienationen verlassen als neu zugezogen sind. Stadtforscher begannen über "Randstädte" und die Aushöhlung der Großstadt zu schreiben. Trotz eines gewissen Wiederanstiegs der Einwohnerzahlen in den Städten im Laufe der 80er Jahre bezweifelte kaum jemand, daß Heimarbeit via Computer, E-Commerce und audiovisuelle Unterhaltung in den eigenen vier Wänden ein für allemal nicht nur urbanes Leben ausrotten, sondern auch die Verkehrsprobleme in den Vorstädten zum Versiegen bringen und für eine gleichmäßigere Besiedelungsdichte sorgen würde. Inzwischen wissen wir, wie falsch diese Prognosen gewesen sind. Die elektronischen Kommunikationsnetze haben das Reisen nicht ersetzt, sondern ganz im Gegenteil neuen Mobilitätsbedarf für Personen und Güter geschaffen. Obwohl es durchaus Fälle gegeben hat, in denen Regionen außerhalb des traditionellen Kerns der Weltstädte die Revolution der neuen Medien zu ihrem Vorteil haben nutzen können -- wie zum Beispiel die Softwareindustrie in Bangalore oder die Zentren für Telearbeit in Irland --, so hat doch der Großteil des durch die neue Wirtschaft angefachten Kreativitäts-, Produktions- und Arbeitsschubs an den seit langem dafür bekannten Orten stattgefunden. In San Franzisko wurde Büro- und Lagerrraum von Internet-Unternehmen derart schnell zusammengerafft, daß die Stadt inzwischen erwägt, die Ansiedlung von 'Dot.com'-Firmen durch Verordnungen zu regulieren. In meiner eigenen, viel kleineren Stadt Seattle haben sich die Mieten innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt, und die Stadt kann gar nicht schnell genug Wohnungen bauen. In New York, wo man relativ spät auf den Neue-Medien-Zug aufgesprungen ist, sind inzwischen mehr Internetserver 'zu Hause' als irgendwo anders auf der Welt.

 

Der Raum und sein Ort

Es ist etwas faul an dem, was wir von der Stadt erwarten. Dabei wissen wir alle doch recht konkret, was eine Stadt ausmacht: sie ist ein Ort, an dem sich Menschen und Gebäude zusammendrängen, um auch die letzte Lücke noch auszufüllen, ein Ort, zu dem alle Wege hinführen. Es erscheint selbstverständlich, daß die Stadt etwas mit Raum zu tun hat, insbesondere mit der Gestaltung und Formung dieses Raums. So gesehen ist die Stadt eine Technik der Besiedlung im großen Stile, ein Prozeß, durch den Leute am Markt des zur Verfügung stehenden Raumes teilnehmen und sich selbst und ihre Realität durch die Modifizierung dieses Raumes definieren können. Der Großteil der Literatur über Stadtforschung geht von der räumlichen Natur der Stadt aus, von Theorien über die Lage von Städten (an Knotenpunkten der Netzwerke von Handels- und Tauschwegen) bis zu ihrer physischen Architektur. Laut Johann Heinrich von Thünen besteht die Idealform der Stadt hinsichtlich ihrer ökonomischen Entwicklung so in einer hohen Konzentration von Personen und Kapital im Zentrum, die sich allmählich nach außen hin abschwächt. Der räumliche Aspekt der Stadt ist sicherlich der selbstverständlichste Gesichtspunkt, unter dem man die Stadt theoretisch betrachten kann. Schließlich betrifft dieser den konkretesten Teil unserer Erfahrung der Stadt. Allerdings bringt uns der Cyberspace als inzwischen geläufige Metapher dazu, unser Verhältnis zu räumlichen Topographien zu überdenken. Ein solches Überdenken erzwingt nicht nur eine Neuorientierung unserer Vorstellungen von der Stadt, sondern einen tiefgreifenden Perspektivenwechsel unserer Denkweise in bezug auf Raum und Zeit: einen Wechsel vom Raum zum Prozeß.

Es ist nicht das erste Mal, daß Kommunikationsmedien solche Fragen hinsichtlich der Urbanität provozieren. Der Telegraph gab zur weitverbreiteten Behauptung Anlaß, der Raum sei von der neuen Technologie "vernichtet" worden, da nun Nachrichten fast augenblicklich von Stadt zu Stadt gesendet werden konnten. Andere Technologien verhießen ähnliches. Melvin Webber behauptete 1971, daß die großen Weltstädte schrittweise zu einer einzigen Stadt zusammenwachsen würden, verbunden durch das Telefonnetz. Das Internet birgt in dieser Hinsicht noch größere Möglichkeiten. Meine eigenen Nachforschungen zeigen, daß Links zwischen Internetseiten in New York und London wesentlich wahrscheinlicher sind als zwischen einer dieser beiden Städte und kleineren Städten in ihrer jeweiligen Umgebung. Der Versuch, die räumliche Perspektive unter diesen Umständen aufrechtzuerhalten, macht die Dinge schnell komplexer. So zieht die Netzwerkstruktur der Kommunikationstechnologie eine Dimensionenexplosion nach sich, die unsere alltägliche Erfahrung rundweg überschreitet.

Die Untersuchung von Verbindungen und ihren räumlichen Gegenstücken eröffnet ein neues Verständnis davon, was eine Stadt sein kann. Als der Telefonverkehr zunahm, wurde ihm die besondere soziologische Funktion zugerechnet, die Verbindung zwischen Leuten abzubilden. Die Vermutung liegt nahe, daß da, wo Verbindungen bestehen, auch Kommunikation stattfindet. Tatsächlich aber ist das reziproke Verhältnis möglicherweise entscheidender: wo das Bedürfnis nach Verbindung besteht, existiert auch der Druck, diese Verbindung technologisch zu realisieren. Karl Deutsch und andere haben gezeigt, wie man durch die Beobachtung von Kommunikationsströmen soziale Gruppierungen besser orten kann. Nationale Grenzen zum Beispiel können auf effiziente Art und Weise abgebildet werden, indem man den Informationsfluß via Post, Telefon usw. geographisch verfolgt.

Räumliche Definitionen sind hauptsächlich deshalb so beliebt, weil sie eine praktische, scheinbar natürliche Metapher für Kommunikationsnetzwerke sind. In früheren Zeiten mag physischer Raum noch ein hilfreiches Maß kommunikativer Entfernung gewesen sein. Jedenfalls war er dies, solange Kommunikation noch auf persönliche Gespräche begrenzt war und die so Kommunizierenden in ihrer physischen Bewegungsfreiheit einserseits auf Entfernungen beschränkt waren, die sie selbst zu Fuß zurücklegen konnten, und sie andererseits auf soziale Konventionen zu achten hatten. Die zunehmende Nutzung von Wasserstraßen zur "Kommunikation" (ein Begriff, der bis zur Erfindung des Telegraphen im Grunde dem des "Transports" gleichkommt) von Waren, Personen und Information ließ die Vermutung aufkommen, daß der Raum nicht wirklich homogen sei. Die Bewohner von Regionen in der Nähe schiffbarer Gewässer schienen auf einmal "näher zusammen" zu sein als jene in weniger leicht zugänglichen, obwohl weniger weit voneinander entfernten Lagen. Die Entfernungen hatten sich natürlich nicht geändert, lediglich die Möglichkeit der Verbindung.

Eine Stadt ist in erster Linie ein Zusammenhang kommunikativen Austausches. Georg Simmels Beschreibung des Geisteslebens der Stadt sowie seine Untersuchung sozialer Netzwerke überhaupt stellen die Verbindungen zwischen Personen und Gruppen in den Mittelpunkt einer Analyse der Stadt. Diese Sicht der Stadt als ein System von Beziehungen läßt sich in den Arbeiten von Leuten wiederfinden, die direkt von Simmel beeinflußt wurden, wie beispielsweise Walter Benjamin und Robert Park, und auch in neueren Untersuchungen von Jane Jacobs und Manuel Castells. Diese Gruppe von Autoren macht den eigenständigen Charakter einer Stadt an den komplexen Netzen sozialer Beziehungen fest, die diese ermöglicht. Zum Teil wird auch die Vorrangigkeit dieser Beziehungen herausgestellt: so interpretiert Jacobs den Bürgersteig als Kunstprodukt zwischenmenschlicher Beziehungen. Nur selten aber wird hier die Perspektive dahingehend gewechselt, die Beziehungen als die Verkalkung einer übergreifenden Sozialstruktur und nicht als eine Bühne zu betrachten, auf der sich eine solche Struktur entfaltet. Dies trifft auch auf die Schriften William Mitchells zu, dessen Buch City of Bits Städte und Informationsnetzwerke auf so populäre Art und Weise zueinander in Beziehung gesetzt hat.

Das Ziel kann nicht sein, Raum als bedeutungs- oder nutzlos hinzustellen. Kommunikationsnetzwerke sind und bleiben relativ isomorph mit der physischen Geographie der Stadt. Der Cyberspace verleiht den Städten dennoch eine neue Dynamik. Beziehungen sind weniger stark an die physischen Institutionen der Stadt gebunden, was den Städten erlaubt, eine schnellere Mischung von Gütern, Wissen und Wissensformen zu befördern. Einer Analyse der Stadt auf der Basis dieser Funktion -- die Stadt als Mechanismus zur Verarbeitung von Wissensaustausch und, davon ausgehend, auch von Waren -- gilt die kommende elektronische Revolution als ein weiterer Schritt im Evolutionsprozeß der Urbanität. Die physischen, räumlichen, geographischen und architektonischen Eigenschaften der Stadt sind ein notwendiges Nebenprodukt ihrer Prozesse, aber die Form dieser Eigenschaften wird in den meisten Fällen von deren Funktion bestimmt.

 

Das Wissen liegt auf der Straße

Von der Psychologie des Cyberspace wird gerne gesagt, daß sie eine Vervielfältigung von Persönlichkeiten, Denkweisen und Wissensformen mit sich bringt. Kurz, sie legt den konstruktivistischen Aspekt zwischenmenschlicher Kommunikation offen und führt zum Abbau von Hemmschwellen und sozialen Sanktionierungen, die zwischen Personen mit deutlich differierenden Identitäten anfallen. Zwischen solchen Analysen der Psychologie des Cyberspace und dem geistigen Leben der Stadt lassen sich leicht Konvergenzen feststellen. Zu oft wird angenommen, daß ältere Forschung zum Thema menschlicher Interaktion in unserer schönen, neu verkabelten Welt nur noch anekdotische Bedeutung besitzt. Wenn die Stadt und der Cyberspace mehr als nur homolog sein sollten, falls sie funktional betrachtet tatsächlich identisch sind, dann können wir auf eine fruchtbare Tradition sozialwissenschaftlichen Denkens als Leitfaden zurückgreifen.

Populäre Darstellungen von Intelligenz bedienen sich einer Dialektik, die zwischen praktischer Schläue (Kosmopolitanismus) und theoretischem Wissen (Intellektualismus) pendelt -- wobei erstere Form oftmals deshalb privilegiert erscheint, weil sie ein Gleiten zwischen den Diskursen ermöglicht und sich so eines breiteren Publikum sicher sein kann. Diese Dialektik wird typischerweise am Gegensatz zwischen "natürlichem" Land und "künstlicher" Stadt festgemacht. Die Verbindung, bekannt schon aus Äsops Fabel von der Feldmaus und der Stadtmaus, wird im populären Film der Gegenwart nur zu gerne ausgeschlachtet. So zum Beispiel in Crocodile Dundee, wo der gleichnamige Held des Films deshalb zu einem solchen wird, weil er sich schnell an eine neue Art und Weise anpassen kann, die Welt zu sehen und über sie zu reden. Er beweist damit, daß er einen weltmännischen Intellekt sein eigen nennt, obwohl er aus dem Busch kommt. Die Filme, in denen sich diese Dialektik ebenfalls findet, sind ungezählt: Good Will Hunting, Mighty Aphrodite, Pecker, Little Man Tate, Ridicule und Dutzende anderer. Jedesmal wird ein 'Landei' gezeigt, das den Erwartungen ganz und gar nicht entspricht und sich trotz Ortsfremdheit als erstaunlich großstadtkompatibel erweist. Obwohl eine solche Gegenüberstellung von Stadt und Land oft gewollt wirkt, sind Gegenbeispiele in Film und Literatur erstaunlich rar. In der Praxis ist Urbanisierung immer schon eine Sache der gegenseitigen Durchdringung gewesen: Kultiviertheit und Vielsprachigkeit hat es auf dem Lande gegeben, während sich gleichzeitig das Ideal des Landlebens in der Stadt breit machte. Die zwei Sphären sind nie getrennt gewesen, sondern vielmehr Gegenstücke in einem System des Austauschs. Die traditionelle Assoziierung der Stadt mit Bildung, Neuheit und Kosmopolitanismus, des Landes dagegen mit traditionellen Kultur- und Wissensformen wird von den Geschichten gestützt, die wir uns erzählen, ungeachtet der Tatsache, daß diese geographische Gründung des Wissens gleichzeitig im Zerfallen begriffen ist.

Die Gedrängtheit von Intellekten in der Stadt führt einen Zustand herbei, in dem es auf die Bewältigung von Differenz ankommt -- in welchem also der Schock der Unvereinbarkeit entweder aufgelöst oder sublimiert werden muß. Darstellungen der Stadt beschäftigen sich oft mit diesem Prozeß der Hybridisierung von Denkweise, Brauch und Sprache. Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist der emblematische Pidgin-Slang in Blade Runner, wo Los Angeles als neue Weltstadt dargestellt wird, die eine heterogene Gruppe von Kulturen des pazifischen Raumes in sich zu vereinen sucht. Die Stadt ist immer schon der Ort gewesen, wo dieser Prozeß des Mischens und Neufassens stattgefunden hat. Die Moden und Trends der Stadt werden von einem unvorhersehbaren Aufeinandertreffen ländlicher Kulturen und Texte befeuert, die sich plötzlich an einen zentralen Ort versetzt finden. Einige dieser Trends werden daraufhin erneut an das Umland verteilt, wo sie Teil einer zeitlich gesehen stabileren Kultur werden können. Diesen Kreislauf von Trends, Mode, Kunst, Literatur und Sprache gibt es, seit es Städte gibt. Man könnte den Prozeß als 'evolutionär' bezeichnen, wie es viele getan haben, aber dies würde bedeuten, daß es irgendwo einen Optimalzustand geben müßte, eine Teleologie der Stadt. Die Stadt aber verhält sich eher wie ein Organismus, der sich auf Zustände des Ungleichgewichts, nicht auf solche des Gleichgewichts hin ausrichtet.

 

Die cyber-urbane Differenzmaschine

Emile Durkheim schreibt in Sociologie et philosophie von 1924:

"Wenn die einzelnen Bewußtseine, anstatt voneinander getrennt zu bleiben, in enge Beziehung zueinander treten und aufeinander aktiv einwirken, setzt sich aus ihrer Synthese ein psychisches Leben neuer Art frei. Es unterscheidet sich von demjenigen des einzelnen Individuums durch seine besondere Intensität. Die Gefühle, die im Inneren einer Gruppe entstehen und sich entwickeln, verfügen über eine Energie, die von den rein individuellen Gefühlen nie erreicht wird... Tatsächlich haben sich seit jeher in den Momenten einer solchen Erregung die großen Ideale herausgebildet, auf denen die Zivilisationen gründen. Die produktiven oder bahnbrechenden Epochen sind also genau jene, in denen die Menschen unter dem Einfluß verschiedenster Umstände dazu gebracht werden, sich näher zu kommen, wo es häufiger Treffen und Versammlungen gibt, wo Beziehungen stärker gepflegt werden, wo der Austausch von Ideen reger ist."

Konzentrierungen dieser Art sind für Durkheim notwendigerweise vorübergehend. Ihr spielerischer Charakter entzieht sich hierarchischer Kontrolle und führt zu einschneidenden geschichtlichen Ereignissen sowohl kreativer als auch destruktiver Natur. Die Großstadt ist der Ort sozialen Wandels. Soziale Bewegungen mögen ländlichen Ursprungs sein, müssen aber in den sozialen Dialog der Stadt eintreten, um an Schlagkraft zu gewinnen. Das Beispiel der Zapatistas hat gezeigt, daß dies nicht mehr unbedingt auf den Straßen der Hauptstadt geschehen muß. Allerdings lassen Proteste wie beispielsweise jene anläßlich des Treffens der Welthandelsorganisation WTO im Jahr 1999 in Seattle vermuten, daß Protest sich wohl niemals völlig jenseits des physischen Orts der Stadt abspielen wird.

Die Stadt fungiert als Informationsprozessor. Symbolischer Inhalt aus den Randgebieten der Stadt, relativ homogen weil relativ arm an Verbindungspunkten, wird in die Stadt eingebracht, kollidiert dort auf geplante und ungeplante Arten und Weisen und wird in der Folge als neue Permutation in die Randgebiete ausgeworfen. Die Vorstellung einer Omnipräsenz der Stadt ergibt sich aus ihrem symbiotischen Verhältnis zu relativ isolierten Gegenden, in denen solch urbane Reibung weit weniger stark ist. Es sagt mehr über uns als über die Stadt aus, wenn wir nicht in der Lage sind, die Stadt als symbolische Maschine zu erkennen. Insbesondere läßt es einen blinden Fleck für das Erkennen von Kreativität ohne Autoren erahnen. Aber wir bessern uns. Zunehmend rückt das emergente Zusammenwirken in den Blick und läßt uns die chaotische Struktur des urbanen Systems angemessener verstehen.

Durkheim vertritt die im vergangenen Jahrhundert gängige Position wonach die Stadt der Ort für solche chaotischen Prozesse ist, welcher zufälligerweise die Kollision von Kulturen und Erkenntnisweisen ermöglicht. Simmels Ansicht, daß die Technologie uns von den wichtigen Aspekten der Interaktion "distanziert", stellt die materielle Welt ebenfalls als Medium, nicht als Resultat einer solchen Informationsverarbeitung dar. Er bestand darauf, daß Telefon und Telegraph uns vom eigentlich Wichtigen abschneiden: dem Inhalt der Kommunikation. Die rasante Ausbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien jedoch hat eine kritische Masse erreicht, die es zunehmend schwierig macht, die Stadt als irgendetwas anderes denn als kommunikativen Prozeß zu definieren. Wichtiger noch: während die Stadt üblicherweise unter Gesichtspunkten der zunehmenden Rationalisierung von Austausch gesehen wurde, wird immer klarer, daß die Stadt sich gerade durch die Schaffung von Chaos auszeichnet, nicht durch durch ein Aufrechterhalten von Ordnung. Die genaue Beschaffenheit dieser Kollisionen bleibt schwer zu beschreiben, denn man muß fortgesetzt nach statischen Effekten dieses Chaos suchen. Wie Physiker, die nach Kollisionen von Teilchen Ausschau halten, welche nicht direkt zu beobachten sind, müssen Sozialwissenschaftler dabei auf ihre eigenen Modelle vertrauen, dürfen dies aber nicht unreflektiert tun.

Calvino beschreibt eine Veränderung nicht der Städte selbst, sondern unseres Verständnisses von ihnen. Die Entfernung zwischen der Stadt unserer Vorstellungen und unserer realen Situation verringert sich beständig. Das einleitende Zitat dieses Essays findet sich am Ende des Buches Die unsichtbaren Städte, in dem die textuelle Natur der Städte beispielhaft vorgeführt wird. Unsere Vorstellungen sind das, was eine gebaute Umwelt ausmacht. Falls die Städte wirklich verschwinden, so deshalb, weil wir nicht mehr wissen, wie wir sie uns vorzustellen haben. Ich selbst habe keine Angst davor, der Stadt verlustig zu gehen -- als soziales Phänomen scheint dies unmöglich zu sein. Wir bedürfen allerdings einer Erneuerung der Art und Weise, unsere Städte in den Blick zu nehmen. Städte bergen das größtmögliche Potential für kreative Zusammenarbeit. Die Aktivierung dieses Potentials hängt ganz allein davon ab, wie wir unsere Geschichten über uns selbst als Bewohner unserer Städte anlegen. Jeder von uns muß ein flâneur des Cyberspace werden und ihn zu einem Teil seines Selbst machen, indem er sich sich selbst in die Maschine einbringt.

(Aus dem Amerikanischen von Martin Klebes.)

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