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no. 11: virtuelle städte -> perspektive
 

perspektive

Berlin am Meer. Eine Sonntagsglosse

von Dirk Hohnsträter

Sonntags ist die Stadt keine Stadt. Sonntags kommt die Urbanität zum Erliegen. Vergebens versucht der Stadtbewohner einen Platz in seinem Stammcafé zu ergattern, von seinem Lieblingsplatz (unbeobachtet, am Fenster) ganz zu schweigen. Leute, die er hier nie zuvor gesehen hat, bringen den Stadtbewohner um seine Gewohnheit. Parfums, die er zuletzt bei einem Zwangsaufenthalt in der Provinz hat riechen müssen, dringen in seine Nase. Gespräche werden ihm aufgezwungen, die nur dazu dienen, Zugehörigkeit zur Stadt vorzugaukeln. Aussichtslos das Verlangen des Stadtbewohners, sich hinter einer druckfrischen Zeitung zu verstecken, denn sonntags gibt es nur Sonntagszeitungen, die schon am Vorabend verteilt wurden. Überfüllt sind die Museen ("Und das soll Kunst sein?"), allzureich besucht die Friedhöfe. Sonntags ist die Stadt keine Stadt, ihre Nervosität läßt nach, der Verkehr verlangsamt und der Handel erlahmt. Zu voll sind die Straßenbahnen, zu langsam ihr Takt. Schwer, ein Taxi zu bekommen. Flughäfen voller Touristen. Wohin soll der Stadtbewohner fliehen, wenn nicht in den Trost überflüssiger Geldausgaben? Aber am Sonntag haben nur die Tankstellen geöffnet, Orte also, an denen der Stadtbewohner auf Menschen trifft, die ins Grüne fahren wollen. Ins Grüne! Am härtesten aber trifft den Stadtbewohner, daß der Sonntag ein Tag ohne Nacht ist. Der Sonntag ist der Tag vor dem ersten Arbeitstag, die Clubs und Bars lassen ihre Türen geschlossen. Eine Stadt ohne Nacht ist aber keine Stadt. Armer Stadtbewohner! Deprimiert schaltet er seinen Computer an, um in eine Stadt ohne Sonntag zu fliehen: die Telepolis des Internet. Beinahe hätte die gute alte Stadt ihn an den Cyberspace verloren ... wenn nicht plötzlich Regen eingesetzt hätte. Zuerst fielen nur ein paar Tropfen auf den Asphalt, liefen die Scheiben herunter, dann trommelte es sachte auf Bauplanen, Autodächer, Start- und Landebahnen, die Luft roch feucht, der Himmel wurde grau (das gefiel dem Stadtbewohner schon besser) und mit einem Mal schüttete es unaufhaltsam. Undurchdringlich rauschte der Regen, doch hinter seinem Zufallstosen schien eine geheime Ordnung zu walten, die Logik eines verborgenen Zusammenhalts. Wie ein Wellenschlagen klangen jetzt die Geräusche der Stadt, gingen ein in die Regentschaft des Regens, verschwanden schließlich im Wasser. Es war, als sei die Stadt am Meer, nein, als sei sie das Meer... Was eben noch auseinanderstrebte, alle Differenzen und alles Disparate schienen einstweilen vereint, ein großes Einverständnis erfaßte die Menschen und ließ sogar unseren Stadtbewohner nicht unberührt. Für kurze Zeit war Berlin eine wunderschöne Stadt.

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