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no. 11: virtuelle städte -> ordnung
 

Städte auf dem Bildschirm

Orientierung und Ordnung an der Oberfläche

von Kirsten Wagner

zum artikel:

* anmerkungen
* literatur
* druckbares

Datenverwaltung im großen Stile hängt nicht nur von Kapazitäten ab, sondern ist vor allem auch eine Frage des Überblicks: der größte Speicher hilft nichts, wenn man nichts mehr wiederfindet. Die Organisation von Benutzeroberflächen auf der Basis von Stadtgrundrissen verspricht solchen Überblick zu gewähren. Angesichts der unaufhaltsamen Informationsflut wird die Stadt so noch einmal als eine Struktur in Dienst genommen, deren Raumaufteilung Einheit und Ordnung zu garantieren hat. Während die Verkoppelung realer urbaner Strukturen mit virtuellen Räumen bestenfalls entwicklungsbedürftig, schlimmstenfalls bereits gescheitert erscheint, ist das Versprechen der digitalen Städte vor allem ein metaphorisch gestütztes, das bei älteren Stadtutopien Anleihen macht.

 

I. Die mechanische und elektronische Datenverwaltung: Instrument einer Versammlung und Zusammenschau des Weltwissens

Einer weitsichtigen Beobachtung Michael Gieseckes zufolge hat eine neue Technik besonders dann Aussicht auf Erfolg, sich gegenüber anderen Techniken durchzusetzen, wenn sie eher und überzeugender als diese verspricht, bestimmte Wünsche und Bedürfnisse zu stillen. Von einer "Imagologie" der Technik spricht Hartmut Böhme und meint damit den Hof an kollektiven Bildern, Phantasien und Vorstellungen, der sich vor allem um eine neue Technik ansiedelt, ihren Entwurf anleitet, aber auch zu ihrer gesellschaftlichen Einführung, Durchsetzung und Akzeptanz beiträgt. Tatsächlich scheint es äußerst lohnenswert, sich der avanciertesten Technik, derzeit der Digitaltechnik in Form des Computers und der multimedialen Computersysteme, einmal von seiten der Versprechen her anzunehmen, die sie gemacht hat bzw. die in sie eingeschrieben worden sind. Womit ich im übrigen alles andere als neue Wege beschreite. Die Medientheorie des Computers von Hartmut Winkler etwa nimmt ihren Ausgang eben dort, bei jenen "Wunschkonstellationen", die die Entwicklung von Medien (und Technik) zeichnen. Was ist nun das Versprechen des Computers, auf das es mir im vorliegenden Zusammenhang der virtuellen Städte oder Digital Cities ankommt? Es trifft weder Winklers zentrale These von einer "Externalisierung der Sprache" noch den kybernetischen Traum von einer umfassenden, Muskelkraft und niedere Denkleistungen ersetzenden Automatisierung. Ebensowenig zielt es auf den späteren Traum der Künstlichen Intelligenz von einer direkten Kopplung zwischen Gehirn und Prozessor bei gleichzeitiger Überwindung des sterblichen Körpers. Das Versprechen, das hier interessiert, ist das einer enzyklopädischen Zusammenschau des gesammelten Weltwissens und seiner Verfügbarkeit. Um genau zu sein, bildet sich dieses Versprechen nicht erst am Computer aus. Es handelt sich bei ihm vielmehr um ein historisches Konzept, und bevor es auf den Computer projiziert wird, hat es sich längst schon an der anfänglich rein mechanischen, dann erst elektronischen Datenverwaltung und den neuen Kommunikationsmitteln aktualisiert.

Zeugnis darüber legt einmal mehr die Speichervorrichtung Memex (für memory extender) von Vannevar Bush ab. Memex, 1945 in Bushs epochemachendem Artikel "As we may think" ausführlich beschrieben, indes nie realisiert, sollte vermutlich aus einem mit zwei Sichtschirmen bestückten Schreibtisch bestehen. Im Inneren des Schreibtisches haben wir uns ein umfangreiches Magazin an Mikrofilmen zu denken, dessen Einträge aufgerufen, auf den Bildschirmen angezeigt und verknüpft werden konnten. Der Mikrofilm bezeichnete für Bush den idealen Datenträger, mit dem sich immerhin die Encyclopaedia Britannica auf das kompakte Format einer Streichholzschachtel bringen lassen sollte. Zusätzliche Geräte zur Datenaufzeichnung, Mikrofon und Kamera, komplettieren Memex und stehen durchaus schon für eine 'natürliche Kommunikation' zwischen Mensch und Maschine ein. Auch die seinerzeit gängigen Rechenmaschinen sucht Bush einzubeziehen, und zwar bei der Selektion und Verknüpfung von Daten aus einer Datenbank. Das macht Memex nicht einfach nur zu einem künstlichen Speicher, der das menschliche Gedächtnis entlastet, sondern auch zu einem Denkwerkzeug, indem Memex dem "intellectual worker" die "spadework of thinking", sprich die müßige Informationsrecherche, abnimmt. Welche Attraktion von Memex ausgeht, wird deutlich, wenn wir von ihm nur wenige Jahre später in der einschlägigen technischen Literatur als einer 'mythical machine' lesen. Über Joseph R.C. Licklider und Douglas C. Engelbart, die Bushs Ausführungen über Memex sehr genau kennen und sich von ihnen bei ihrem Vorentwurf des Personal Computer anleiten lassen, führt schließlich eine direkte Linie von der mechanischen zur elektronischen, computerbasierten Datenverwaltung.

Was Memex preisgibt, ist die Erkenntnis, daß die neuen Datenträger im Mikroformat in Verbindung mit der Rechenmaschine bisher ungeahnte Möglichkeiten bei der Datenverwaltung eröffnen. Der rein quantitative Zuwachs an Speicherkapazität stellt eine Akkumulation des Weltwissens in Aussicht -- wäre da nicht das Problem, wie mit solchen Datenmassen funktional überhaupt noch umzugehen ist. Der Datenzugriff, bildhaft gesprochen, das Finden der Nadel im Heuhaufen, wie es in bezug auf das Internet des öfteren heißt, wird zum kritischen Moment. Vannevar Bushs Lösung für dieses Problem sieht unter anderem die Visualisierung der Daten und Speichereinträge und deren assoziative Verknüpfung vor. Letzteres ist angeregt durch das assoziative menschliche Denken, das Bush für seinen psycho-physischen Ansatz aufgreift. Modellhaft nimmt es das Prinzip Hypertext vorweg. Wenn hier nicht der Ort ist zu entscheiden, ob Hypertext und Datenvisualisierung die ultimative Lösung für das nämliche Problem sind, dann bleibt in unserem Zusammenhang Bushs Anspruch an Memex von Belang. Denn was erhofft sich Bush von dieser eigentümlichen Speichervorrichtung, und was suggeriert er mit ihr? Da geht es zum einen sicherlich um eine Art Wissensallmacht, gewährleistet durch die prinzipiell mögliche Vernetzung der mit Hilfe des Memex je individuell eingerichteten Datenbanken bzw. ausgedehnten und externalisierten Gedächtnisse zu einem world brain im Sinne H. G. Wells'. Zum zweiten, damit zusammenhängend, verbindet Bush mit Memex die Option, einen Überblick über die zu jener Zeit schon partikularen, im höchsten Maße ausdifferenzierten Wissenschaftsdisziplinen erlangen zu können. Darüber strebt Bush, während des Zweiten Weltkrieges von Franklin D. Roosevelt zum Direktor einer Einrichtung benannt, die die gesamte militärische Forschung verwaltete, zugleich einen direkten Zugriff auf die Forschungsergebnisse aller Disziplinen an. Die für Vannevar Bush um des technischen Fortschritts willen notwendige Spezialisierung der Wissenschaften erscheint gleichzeitig als Hindernis weiteren und schnelleren Fortschreitens; technischer und gesellschaftlicher Fortschritt werden von Bush dabei in eins gesetzt. Ausweg soll eine Datenverwaltung bieten, die einerseits eine umfassende Speicherung der unterschiedlichen Wissensgegenstände garantiert, andererseits die sinnstiftende Zusammenschau noch der heterogensten Gegenstände ermöglicht. Eben das ist das Versprechen des Memex.

Fünfzig Jahre später, die allgemeine Datenverwaltung mit dem Computer hat sich inzwischen durchgesetzt, sind die Probleme und Ansprüche annähernd die gleichen geblieben. Zwar sind Bushs Ansätze zu Teilen mit dem Computer realisiert, doch ist dadurch die Schwierigkeit, wie der einmal aufgezeichnete Datenbestand nachhaltig zugriffsfähig bleibt, nicht einfach aufgehoben. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die beständig erweiterte Speicherkapazität -- ich sehe an dieser Stelle einmal von den ungleich kürzeren Verfallszeiten der aktuellen Datenträger und Rechnertypen ab -- und das Internet mit seinen weit verästelten Hypertexten haben den Datenzugriff weiter problematisiert. Hinzu kommt, daß der Computer die verarbeiteten Daten buchstäblich unter Verschluß hält. Auf direktem, sinnenhaftem Wege ist nicht auszumachen, auf welche Weise der künstliche Speicher organisiert ist oder welche Daten er enthält. Die Entwicklung von multimedialen Computersystemen und Schnittstellen bildet nicht zuletzt die Anstrengungen ab, die abstrakte rechnergestützte Datenverwaltung den menschlichen Sinnen zu erschließen. Und was die Ausdifferenzierung der Wissenschaften anbelangt, so haben die vergangenen fünf Jahrzehnte gezeigt, daß sich diese fortgesetzt hat, die Subsysteme zahlreicher und unser Weltbild noch komplexer geworden ist.

Trotz oder gerade wegen dieser Entwicklungen hat der Computer das Versprechen angenommen, sogar erneuert, eine enzyklopädische Datenbank verwalten zu können, die einen integralen Überblick bietet über die verschiedensten Wissensgegenstände. Wie schon bei Memex garantieren nicht allein die Hardware und die Rechenleistung eine solche Datenbank. Es kommt entscheidend auf die Datenorganisation und die Datenrepräsentation an, nicht nur auf Verarbeitungs- und Speicherebene, sondern auch auf der Ebene der Dateneingabe und der Datenausgabe. In bezug auf den Computer haben sich dafür die bildhafte Repräsentation und die Anordnung der Daten auf dem Peripheriegerät Bildschirm durchgesetzt. Damit ist die Verfügbarkeit des Wissens, wo sie nicht an Agenten und Suchmaschinen delegiert ist, zu einer Frage der Oberflächengestaltung geworden.

 

II. Erfüllungsgehilfe virtuelle Stadt: Das Ordnungsversprechen der Information City

Von der Oberflächengestaltung hängt also mehr oder weniger ab, ob sich der Inhalt des Speichers erschließt und der Datenzugriff reibungslos gelingt. Dabei hat sich mit dem Spatial Data Management System, in den Jahren 1976-78 am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) von der Architecture Machine Group entwickelt, eine topologische, räumliche Anordnung der bildhaft repräsentierten Daten auf dem Bildschirm durchgesetzt. Bezeichnend genug hat schon die Architecture Machine Group mit einer solchen Datenorganisation auf Bildschirmen einen kartographischen Überblick über eine (hier) personalisierte Datenbank im Sinn. Das entsprechende Losungswort ist der 'overview', probates Gegenmittel gegen den seinerzeit bereits heraufbeschworenen Zustand des 'being lost' wie der Orientierungslosigkeit angesichts der entfesselten Datenflut. Kennzeichnend ist ebenfalls, daß die Architecture Machine Group diese Form der Datenverwaltung mit zwei räumlichen Metaphern, darunter eine urbane Metapher, eingeführt hat: der 'informational landscape' und der Stadt. Beide Bildgeber bleiben auf Darstellungsniveau abstrakt, noch sehen wir keine plastisch modellierten Städte und Landschaften, deren 'landmarks', Distrikten und Gebäuden eine bestimmte Information zugeordnet ist. Das sehen wir erst in den frühen 90er Jahren, nach der Popularisierung der Virtuellen Realität, des Internet und der grafischen Browser. Ungegenständliche räumliche Datenstruktur, gegenständliche Stadt und Landschaft verbürgen, so scheint es zumindest, eine funktionale, weil übersichtliche und anschauliche Datenorganisation. Sie ermöglichen ein Weiteres, folgen wir der persuasiven Rhetorik, mit der sie lanciert worden sind. Und das ist nichts anderes als das, was Vannevar Bush schon von Memex erträumt hatte. Exemplarisch lesen wir über die Vorzüge der räumlichen Anordnung der Dinge und des Wissens, daß diese "Überblick" und "tieferen Durchblick" gewährleiste. Das Kranken am "Sektierertum der Fach- und Sachgebiete", an der "Überspezialisierung" (Heiner Benking), eben an der 'specialization' zeigt sich als altes Leiden. Wurde zuvor allgemein in der Datenverwaltung mittels Mikroformat und Rechenmaschine ein adäquates Gegenmittel gesehen, hat sich dies auf die Oberflächengestaltung verschoben. Jetzt ist es die räumliche Anordnung der Dinge und des Wissens, d.h. die räumliche, grafische Organisation der Daten auf dem Bildschirm, die Abhilfe schaffen soll. Modellfall eines derartigen Ordnungs- und Organisationsverfahrens aber sind die virtuellen Städte. Ihre Gestalt formuliert ein System von Orten, Gebäuden, Räumen und Wegenetzen aus -- ein System von Fächern, wenn man so will, in das sich Daten förmlich einsortieren lassen. Bereits einige der frühen virtuellen Städte sind als ein solches Fächersystem genommen und, bedeutsam genug, als 'Wissensstädte' eingeführt worden. Ausgewiesenes Programm der virtuellen Wissensstädte war von Beginn an nichts Geringeres als die Versammlung des Weltwissens, das sich, über den Stadtraum verteilt, quasi von selbst darbieten und erklären sollte. Die virtuellen Wissensstädte verheißen die Beherrschung speziell der Massen an Daten, die mit dem Computer verarbeitet wie verwaltet werden, allgemeiner die Bewältigung eines zunehmend komplexeren Wissens. Auf ihre eigene Weise suggerieren sie, Welt jenseits disziplinärer Grenzen noch einmal in ihrer Totalität zusammensehen und -denken zu können; und das im leicht handzuhabenden Maßstab eines überschaubaren Stadtgrundrisses. Aus dieser Perspektive zeigt sich die virtuelle Stadt als Erfüllungsgehilfe der computergestützten Datenverwaltung.

Die virtuellen Städte ausschließlich in dieser Funktion zu begreifen, wäre sicherlich zu kurz gegriffen. Sie sind zeichenhafter Ausdruck und Bedeutungsträger einer Vielzahl anderer Bestimmungen und Sinngehalte, die hier wenigstens kurz benannt sein sollen. Über das Bild der Stadt haben sich gleichsam die ersten Netzgemeinschaften definiert, was vor der Zeit grafischer Browser allein auf Ebene von Sprache und Text erfolgte. Den Netizens diente die Stadt als Leitbild für eine neue mediale Gemeinschaftsform, welche sich aufgrund ihres basisdemokratischen Selbstverständnisses, das vom bidirektionalen Kanal Internet getragen worden ist, am Ideal der antiken Polis orientierte. Ein anderer Archetyp von Stadt, die Himmelsstadt, ist mit den frühen virtuellen Städten ebenfalls transportiert worden. Diese Assoziation ist der augenscheinlichen Immaterialität des Rechnernetzwerkes und der vom Computer berechneten virtuellen Umgebungen geschuldet. Besonders an letzteren entfaltete sich ein ganzes Arsenal eschatologischer Phantasien, solche Vergleiche wie zwischen der virtuellen Stadt und der Himmelsstadt oder zwischen einem telepräsenten Datenreisenden und einem Engel inbegriffen. Darauf haben besonders Rudolf zur Lippe und Hartmut Böhme aufmerksam gemacht. Aber auch nur für sich genommen, hat das Bild der Stadt einiges zu bieten: es kann Identität und Kontext stiften.

Ein anderer Aspekt, der den ungewöhnlichen Boom an virtuellen oder digitalen Städten in den frühen 90er Jahren erklärt, ist sicherlich die Krise der realen Stadt mit ihrer Ausuferung ins Umland, ihrer 'Verslummung', Musealisierung und der Privatisierung öffentlichen Raumes. Phänomene, für die ihrerseits die neuen Kommunikations- und Verkehrsmittel verantwortlich zeichnen. Zwar bedeuten diese Phänomene weniger das Ende von Stadt und Urbanität, als daß sie das Ende einer bestimmten überkommenen Idee von Stadt einläuten, doch reichte das aus, um die virtuelle Stadt als utopischen Gegenentwurf zur realen Stadt zu instrumentalisieren. Hierher gehören die Entwürfe von virtuellen Städten entweder als freundliche Kleinstadtidylle oder als futuristische, an Architektur- und Städtebauutopien anknüpfende Megapole. Bewohnbar sein sollten diese urbanen Utopien über sogenannte 'Avatare'. [Anm. 1]

In der Regel folgt jeder Konjunktur eine Regression, und die Konjunktur der virtuellen Städte als Polis, Himmelsstadt und utopischer Gegenentwurf zur realen Stadt hat bereits Mitte der 90er Jahre ihren Zenit überschritten. Wenn vor nunmehr vier Jahren Tilman Baumgärtel im Online-Magazin Telepolis feststellt, daß sich die virtuelle Stadt als elektronische "Shopping Mall" und als "Infocity", als städtisches Informationssystem, das heißt ins Netz gestellte 'Gelbe Seiten' und Veranstaltungskalender, überlebt hat, muß ihm wohl Recht gegeben werden. Der Wille zur Sozialisation und Demokratisierung, den die frühen virtuellen Städte bezeugen, scheint ausgetrieben. Anrührend die Zeit, als Apples eWorld sich noch als eine Stadt präsentierte, deren "Charme", wie es in einer Beschreibung heißt, ein starkes Gefühl der Gemeinschaft ausbilde. Von der herangezogenen "townsquare metaphor" heißt es weiter, daß sie überhaupt die "online-Erfahrung" zivilisieren, ja vermenschlichen könne. Bei der Digitale Stad Amsterdam vertritt das Bild der Stadt das partizipatorische Programm einer direkten Demokratie und egalitären Gemeinschaft, wie aus den Gründerjahren überliefert ist. Was eine halbe Dekade später davon übrig geblieben ist, ist ebenfalls dokumentiert. So hat einer der Mitbegründer, Walter van der Cruijsen, jüngst dargelegt, daß De Digitale Stad Amsterdam Servicefunktion durchaus noch hätte, soziale Interaktion allerdings nicht mehr stattfände.

Hinter der inzwischen eingetretenen Misere der virtuellen Stadt steht eine vielfache Ernüchterung. Die neuen Kommunikationsnetze lassen den Empfänger wohl Sender sein, aber allein dieser Umstand löst nicht notwendig eine herrschaftsfreie Kommunikation ein. Zu dieser Erkenntnis hat die fortschreitende Kommerzialisierung des Internet, mit der das wirtschaftliche vor das basisdemokratische Moment getreten ist, ihren Teil beigetragen. Zudem sind die einzelnen, in chat circles und communities organisierten Interessengruppen Gleichgesinnter zu nennen. Sie kennen oftmals einen hierarchischen Aufbau und exklusive, fast geheimbündlerische Statuten verbalen Verhaltens, um sich gegenüber anderen Interessengruppen und der breiten Masse abzugrenzen. All das hat die sozialen Utopien, die auf das Internet projiziert worden sind, relativiert, und damit auch deren urbane Schablone. Empirische Studien untermauern, daß es mit einer langfristigen aktiven Beteiligung an der Entwicklung sowohl der virtuellen Städte als auch der realen Städte anhand von kommunalen Netzgemeinschaften nicht weit her ist. Stellvertretend erfahren wir am Beispiel der digitalen Stadt Delft, daß, bezogen auf den Zeitraum vom Juni 1998 bis zum Juni 1999, laut Alessandro Aurigi lediglich fünf Diskussionsgruppen der Bürgerinnen und Bürger von Delft existierten und daß in der Diskussionsgruppe 'Politics' gerade mal 21 Nachrichten von insgesamt 17 Personen eingegangen sind. Deutlicher läßt sich das Fortbestehen der virtuellen Städte als Shopping Mall oder Infocity, welche oftmals auf einen alphabetischen Index reduziert sind, kaum belegen.

Wenn die Infocity als besseres Stadtmagazin die eine Richtung bezeichnet, in die sich die virtuellen Städte der frühen 90er Jahre entwickelt haben, dann weisen die bereits eingeführten Wissensstädte in die andere. Diese Art virtueller Stadt hat im Vergleich kaum an Anziehungskraft eingebüßt, was die zahlreichen, bis in die Gegenwart hinein reichenden Variationen virtueller Wissensstädte eröffnen. Ihre Konjunktur also ist noch nicht vorüber und wird wohl erst vorüber sein, wenn das zugrunde liegende räumliche Ordnungs- und Organisationsverfahren von Daten nicht mehr als Königsweg für die Oberflächengestaltung der computergestützten Datenverwaltung begriffen wird. Im übrigen ist die Stadt selbst, besser das Bild der Stadt, nur eine der möglichen Einkleidungen. Die Landschaft, aber auch einzelne Räume zählen ebensogut dazu. Als gegenständliche Ordnungsraster ersetzen oder überlagern sie die abstrakteren Raster des geometrischen Schemas oder des topologischen Netzwerks. Alle Spielarten zusammen sind Erscheinung einer umfassenden Verräumlichung und reflektieren das in Mode gekommene 'Mapping'.

Daß die räumlichen Ordnungsraster bevorzugt im Kleid des Stadtbildes auftreten, hat wiederum mehrere Gründe. Der schlichteste ist die Tatsache, daß die Stadt die vertraute Lebensumgebung der meisten Nutzerinnen und Nutzer der Kommunikationsnetze ist. Dann vermittelt das Bild der Stadt eine gebaute Form von Gemeinschaft, und es partizipiert an all den urbanen Archetypen und Utopien, über die sich schon die Netzgemeinschaften rückversichert haben. Sinnfällig bewerben sich die Wissensstädte immer auch als Kommunikationsplattformen, als basisdemokratische Foren oder einfacher als Begegnungsstätten.

Gegenüber abstrakten räumlichen Ordnungsrastern hat das Bild der Stadt weitere Vorzüge. Die Bezirke einer Stadt, ihre Viertel, Plätze, Orte und Wege, formulieren ein vielgestaltiges, abwechslungsreiches Ensemble aus, das der Unterscheidung der in dieses Ensemble eingetragenen Daten zuträglich ist. Ferner gibt das Bild der Stadt so etwas wie eine Rangordnung vor, die besonders eine hierarchische Datenorganisation unterstützen kann. Der hypothetische Fall, daß die wichtigsten Daten dem Marktplatz oder dem Rathaus zugeordnet sind, weniger wichtige oder detailliertere Daten in Randbezirken, vielleicht auch Hinterhöfen, ihren Platz finden, mag als Beispiel dienen. Gebäudetypen und -formen eignen sich schließlich für eine sinnbildliche Repräsentation der zugewiesenen Daten. Um ein entsprechendes, die Praxis bestimmendes Beispiel anzuführen, vertritt der klassizistische Tempel oftmals Daten zu den Bereichen Bildung und Wissen. Verallgemeinert empfehlen sich Stadt, Architektur und Landschaft als Ordnungsraster aufgrund ihrer Anschaulichkeit und der Räumlichkeit, die ihnen grundlegend eigen ist. Baukörper gliedern Innen- und Außenräume, bilden Zwischenräume und Volumina, in die sich was auch immer unterbringen läßt. Darauf ist nicht erst im Kontext der computergestützten Datenverwaltung gesetzt worden. Schon die römische Mnemotechnik hat räumliche Ordnungsraster für die Organisation und Memorierung von Faktenwissen herangezogen und dabei vorzugsweise auf die Bildgeber Stadt und Gebäude zurückgegriffen. Neben anderen ist dies eine der Ursachen, warum gerade die römische Mnemotechnik seit den 70er Jahren Paradigma für die computergestützte Datenverwaltung ist. Die virtuellen Wissensstädte, die die Oberfläche Bildschirm bevölkern, machen hier keine Ausnahme. Wenigstens jede zweite von ihnen verweist auf dieses Verfahren der Speicher- und Wissensorganisation.

Wie aber sehen die virtuellen Wissensstädte, von denen nun so viel die Rede gewesen ist, im Detail eigentlich aus? Das soll eine abschließende Synopse zweier exemplarischer Vertreter erbringen. Bei ihnen handelt es sich um die City of News, 1996 von einem Autorenteam am Media Laboratory des M.I.T. entwickelt, und die Information City, die 1998 von Andreas Dieberger und Andrew U. Frank vorgestellt worden ist. Der Form nach ähneln sie sich kaum. Während die City of News dreidimensional angelegt ist und aus einem realistisch nachempfundenen Satz an kubischen Wolkenkratzern im Stadtzentrum besteht, zeigt sich die Information City im Entwurf als Muster aus amorphen Flächen. Allein das Gebäudeinnere der Information City scheint dreidimensional ausgebildet zu sein. Beiden Wissensstädten wieder gemeinsam ist der Stadtgrundriß, der einen kartographischen Überblick vermittelt über die einzelnen, thematisch definierten Stadtviertel. Die Ebenen -- Dieberger spricht diesbezüglich treffend von "Containern", die die Daten enthalten -- sind insgesamt Stadt(grundriß), Stadtviertel, Gebäude und Innenraum, und der Datenzugriff erfolgt über die räumliche Annäherung zunächst an ein Stadtviertel, dann an ein Gebäude usf. Bei der City of News sind diese Ebenen, ist das verschachtelte System an Fächern beschränkt, insofern die Daten als Text und Bild bereits den Gebäudefassaden eingeschrieben sind. Hingegen finden wir in der Information City das, was wir suchen, erst in den Innenräumen der Gebäude. Dort befinden sich offenbar Schautafeln und 'screens', auf denen die jeweiligen Daten visualisiert werden. Im Vergleich besitzt die Information City also eine ausgeprägtere Tiefenstruktur. Beide Stadtbilder sind -- in Anlehnung an Kevin Lynch -- mit dem Gestaltelement Merkzeichen, was eine Skulptur, aber auch ein markanter Baukörper sein kann, durchsetzt. Dem Merkzeichen kommt Orientierungsfunktion zu, daneben hebt es Cluster zusammengehöriger Informationen hervor. Überhaupt gilt die Regel, daß räumliche Nähe gleich semantischer Nähe oder solcher der Funktion und Form ist. So sollen sich auf einen Blick Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Daten eröffnen. Verbindend ist noch die Verkleidung der Gebäudefassaden mit Texten und Bildern. Im Fall der City of News stellen die Bilder und Texte auf den Fassaden bereits den Datenbestand selbst dar. Im Fall der Information City repräsentieren die Bilder auf den Gebäudefassaden die Daten, die in die Räume des Gebäudes einsortiert sind. In den bebilderten und beschrifteten Gebäudehäuten spiegeln sich einerseits die futuristischen Stadtentwürfe aus dem frühen 20. Jahrhundert, andererseits der seit der Pop-Ära der 60er Jahre zunehmende Trend, den realen urbanen Raum mit Bildschirmen und Projektionsflächen, auf denen sich die Bilderwelt der Werbung und des Infotainment ein Stelldichein geben, zu zersetzen. Die Beeinflussung ist eine gegenseitige. Nachdem die Bild(schirm)medien die städtischen Plätze erobert haben, sehen wir auf dem Computerbildschirm Städte, die mehr oder weniger aus Schautafeln bestehen. Wann wir auch im realen urbanen Raum alles und jedes anticken in der Erwartung, daß das Gebäude in Form beispielsweise eines Computergehäuses Produktinformationen zur neuesten Soft- und Hardware auf seiner Fassade anzeigt, scheint nur eine Frage der Zeit.

Ein letztes teilen die Information City und die City of News, und das ist ihr Entwurfsstadium. Sie sind in erster Linie images und repräsentativer Ausschnitt eines Bildervorrats, der an der Oberfläche Ordnung und Orientierung beschwört. Äußerlich entsprechen sie der Forderung nach einer alternativen Repräsentation wie Organisation von Daten, welche auf die Abstraktion des Speicher- und Kommunikationsmediums Computer und die schiere Masse an verarbeiteten Daten zu reagieren hat. Ihr Wesenskern aber ist dem utopischen Konzept verpflichtet, das Weltwissen in seinen Zusammenhängen offenlegen zu können. Das Erkennen übergreifender, sinnstiftender Muster und die Bereithaltung eines enzyklopädischen Datenbestandes sind die Bedürfnisse, die die virtuellen Wissensstädte befriedigen.

 

autoreninfo 
Kirsten Wagner, 1989-96 Studium der Kunstwissenschaft, Germanistik und Soziologie an der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; 1997-1998 Künstlerische Leitung des Oldenburger Kunstvereins; 1998-2000 Stipendiatin des Graduiertenkollegs "Politische Ikonographie" am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; 2001-2002 Promotionsstipendium des Landes Schleswig-Holstein; 2004 Promotion; seit 2002 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin; aktuelles Forschungsprojekt im Sonderforschungsbereich 447 "Kulturen des Performativen": "Bibliothek, Karte, Stadt: Raummodelle des Wissens"; Mitglied im DFG-Netzwerk "Räume der Stadt. Aspekte einer kunstgeschichtlichen Raumforschung".

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