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* Jürgen Fuchs: Magdalena MfS Memfisblues Stasi Die Firma VEB Horch & Gauck -- ein Roman
* Enno E. Peter / Sabrina Ortmann: tage-bau.de - ein literarisches Online-Tagebuch. Mein Pixel-Ich
 

Jürgen Fuchs: Magdalena MfS Memfisblues Stasi Die Firma VEB Horch & Gauck -- ein Roman

Rowohlt 1998. 511 Seiten.

Einen großen Berg Papierschnipsel hat die Stasi hinterlassen, an dem einer vorsichtigen Einschätzung zufolge wohl noch 350 Jahre lang gepuzzelt werden darf. Da gewöhnlich nur Historiker so lange warten können, empfiehlt es sich, auf den Kollageroman von Jürgen Fuchs zurückzugreifen. Er zeichnet ein erstaunlich plastisches Bild von der Firma 'Horch und Guck', wie die Bürger des untergegangenen Staates DDR das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tauften. In der 'Magdalena' -- ebenfalls ein Spottname, diesmal für den Stasi-Knast in der Berliner Magdalenenstraße -- hatte Fuchs selbst als politischer Häftling eingesessen.

Wer den 500-seitigen Roman liest, wird sich unweigerlich an den paranoiden Versuch von Kafkas Landvermesser erinnern, der Behördenstruktur des 'Schlosses' auf die Schliche zu kommen. Das hängt zum großen Teil mit der eigentlichen Erfindung der 'Magdalena' zusammen, der sogenannten 'Knaststimme'. So wie bei Kafka die Stimme des Schloßherrn am anderen Ende der Strippe ("Du bist der alte Gehilfe") als allwissend, aber anonym inszeniert wird, tritt bei Fuchs der psychologisch geschulte Stasi-Vernehmer in Erscheinung. Er begleitet den Ich-Erzähler in seinem Versuch, den "Zellenkrieg" außerhalb der tatsächlich existenten Akten als gezielte Zersetzungsmethode zu belegen. Auch ästhetisch erinnert 'Magdalena' an die magische Faszination, die vom 'Schloß' wie von Kafkas Texten allgemein ausgeht: wer sich von der Symbolik des Zeichens eine klare Antwort verspricht, bekommt es mit seiner perfiden Mehrdeutigkeit zu tun -- und beginnt an sich selbst zu (ver-)zweifeln.

"Gefangen im Dagegen. Das erkannten die Spitzel gut, kamen sie doch aus ihren Hinterzimmern, gestriezt und beauftragt. Gut erkannten die Spitzel das gemeinsame Problem der Bezogenheit auf den Agressor. Ihre Zugabe: subtil warfen sie den Opfern vor: seht mal, wie oft die oder der an die Stasi denkt! Ist das gesund? Ist das künstlerisch produktiv?"

In einer weiteren von Fuchs herausgegebenen Analyse "Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychatrie im Dienste der Staatssicherheit" betont der Autor die vergleichsweise herausragende Stellung des DDR-Geheimdienstes:

"Wenn man bedenkt, daß MfS-Offiziere und IMs mehrere hunderttausend Menschen zählten, die Grenzen geschlossen war und Partei, Armee und Polizei mitgedacht werden müssen, bei einer Bevölkerungszahl von nur 16 Millionen, da beginnt man zu begreifen, was für eine totalitäre Inbesitznahme der inneren Natur des Menschen versucht wurde."

Im Ende seiner Recherche für 'Magdalena' legte Fuchs öffentlichkeitswirksam den Sitz im 16-köpfigen Beirat der Gauck-Behörde nieder, den er als einer von neun Bürgerrechtlern seit der Wende innegehabt hatte. Vergeblich hatte er gegen den Umstand protestiert, daß nach wie vor ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter bei der Bundesbehörde beschäftigt würden, davon zwei der Hauptabteilung XX, die an "Maßnahmen zur Zersetzung Andersdenkender" beteiligt waren. Joachim Gauck, der bis Ende 2000 der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war, nahm damals die Offiziere mit dem Argument in Schutz, sie seien die einzigen, die einen Überblick über die Arbeit der Hauptverwaltung Aufklärung besäßen, deren Akten 1989 vernichtet wurden. Auf die Barrikaden brachte Fuchs auch die Karriere von Gaucks Stellvertreter Dr. Geiger, der allen Ernstes zum Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) berufen wurde. Fuchs, der unter anderem als Psychologe für Amnesty International Folteropfer begleitet hat, machte in zahlreichen Medienberichten auf die grausame Paradoxie dieses Prozesses aufmerksam.

Als sich die Satiriker Wiglaf Droste und Gerhard Henschel in Der Barbier von Bebra (1996) an der Vorstellung weideten, den ostdeutschen Bürgerrechtler in den "Schwitzkasten" zu nehmen, die Haare abzurasieren und schließlich im Bierfaß zu ertränken, kontert Fuchs trocken in der taz:

"Die Stasi plante Liquidierungen, Vernehmer im Knast höhnten wie Droste und Henschel. Ich lernte Kasernenhof, Knast, Stasimaßnahmen im Westen und letztes Jahr auch die Krebsstation des Virchow-Krankenhauses kennen. Alle Haare verlor ich für ein paar Monate, der Barbier mußte erst gar nicht kommen."

Jürgen Fuchs starb 1999 im Alter von 48 Jahren an Blutkrebs. Ein ehemaliger Stasi-Oberst, der auch in der Gauck-Behörde arbeitete, hatte Fuchs übrigens die Verpflichtungserklärung von Gregor Gysi zugespielt (IM 'Notar'), der jetzt als geläuterter Demokrat von der PDS ins Rennen um das Amt des Berliner Oberbürgermeisters geschickt wird.

(Daniel Sturm)

 

Enno E. Peter / Sabrina Ortmann: tage-bau.de - ein literarisches Online-Tagebuch. Mein Pixel-Ich

Verlag berlinerzimmer.de 2001. 196 Seiten.

Auf der "Suche nach dem Wesen der neuen Medien" veranstaltete der Kultursender ARTE im Herbst 2000 den "them@-Literatur-Wettbewerb" mit insgesamt vier Preisen. Das zum Themenschwerpunkt "Mein Pixel-Ich. Ich bin drin, also bin ich! Oder?" eingereichte Online-Tagebuch des Internet-Literaturforums 'Berliner Zimmer' erhielt dabei von der internationalen ARTE-Jury den Innovationspreis zugesprochen. Mit dem Preisgeld brachten die Herausgeber die ursprünglich in rein virtueller Form ins Netz gestellten Online-Chatbeiträge auch in Buchform heraus. Der Vergleich zwischen dem prämiierten Textexperiment und der nachträglichen Buchausgabe wirft Fragen im Hinblick auf eine mediale Bedeutungsverschiebung auf.

Zunächst zum Inhalt: In acht Wochen hatten 25 Autoren unter dem Titel "Mein-Pixel-Ich" im vom 'Berliner Zimmer' eingerichteten Online-Chatforum tage-bau.de ihre Ideen zum Leben im Netz eingestellt. Spontan eingegebene kurze Erzählungen, Gedichte und Reflexionen über das Leben in der virtuellen Welt, reale und fiktive Alltagserlebnisse, Gedanken zur Netzidentität, Versuche über den Tod und Fragmente zur Einsamkeit des Chatters vermischen und verknüpfen sich dabei zu einem anarchischen, jedoch keineswegs ins völlig Chaotische abgleitenden,abwechslungsreichen Textgeflecht. Die einzelnen Beiträge der verschiedenen Autoren nehmen spielerisch Bezug aufeinander, bauen interaktiv aufeinander auf und fließen so zu einem vieldimensionalen und vielschichtigen polyphonen Stimmengewirr zusammen -- einem improvisierten Musikstück, dessen Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile.

Aufgrund des Fehlens einer übergeordneten auktorialen Kontrollinstanz bleibt der Gesamtcharakter des Online-Tagebuchs notwendigerweise disparat. "Mein Pixel-Ich" ist ein unter neuartigen literarischen Produktionsbedingungen zustande gekommenes Textexperiment, das seine Herkunft -- das Chatforum -- nicht verleugnen kann und auch nicht soll. Wie jedes andere gewöhnliche Chatforum bildet auch tage-bau.de eine Arena für viele unterschiedliche Stimmen und Beiträge. Herkömmliche Selektionsmechanismen im Hinblick auf literarische Qualität im Sinne einer Vorauswahl sind hier unwirksam. Kein Lektor und kein wissenschaftliches Gremium sind zwischengeschaltet, um über die 'Veröffentlichungswürdigkeit' eines Beitrags zu entscheiden. Das Online-Medium des Chats ist jederzeit hemmungslos offen für jeden Beitrag jedes und jeder sich spontan berufen Fühlenden. Jeder Beitrag, kaum eingetippt, ist augenblicklich einer zumindest theoretisch unbegrenzten Öffentlichkeit zugänglich. Die Frage nach der Qualität der Texte muss also im Medium des Online-Chats zwangsläufig eine andere sein, als bei auf herkömmlichem Weg entstandenen literarischen Produkten. Der heterogene Charakter und die Qualitätsunterschiede müssen im neuen Medium ihrer Natur nach anders betrachtet werden als die Qualität herkömmlicher Texte in herkömmlichen Medien. Als neue Bewertungskriterien von Online-Chattexten müssen deren innovative Qualitäten wie zum Beispiel ihr momentan vielleicht noch gar nicht richtig zu ermessendes Potential zur multidimensionalen Vielschichtigkeit und natürlich ihre demokratische Durchlässigkeit hinzugedacht werden. Schließlich erhielt das Online-Tagebuch "Mein Pixel-Ich" von tage-bau.de seinen Preis aufgrund der Innovationskraft seines Gesamtkonzepts zugesprochen, und nicht aufgrund der literarischen Qualität seiner einzelnen Beiträge.

In diesem Sinne als problematisch zu betrachten ist daher die (Rück-) Übertragung des virtuellen Textgebildes in die Form einer 'festen' mit Buchdeckeln versehenen Druckausgabe. Denn hier werden sofort wieder ganz andere konventionelle Rezeptionserwartungen und Bewertungskriterien wirksam. Das Lesen von Texten geschieht online ganz anders als das Lesen gedruckter Texte. Im Online-Chat wird kurzerhand überlesen, übersprungen oder weggescrollt, was banal erscheint. Da der im Netz vorhandene Platz im Gegensatz zum gedruckten Medium praktisch unbegrenzt ist, besteht keine Notwendigkeit mehr, vorzuselektieren, was aufzunehmen und was auszuschließen ist. Der Selektionsprozess liegt nicht mehr im Vorfeld -- bei Lektor oder Redaktion -- sondern ganz auf der Rezeptionsseite, beim Leser. Dafür stehen dem Leser nun neuartige Hilfsmittel wie Mausklick und Hyperlink zur Verfügung. Natürlich kann man Online-Texte auch herunterladen und ausdrucken, doch verändert man durch diese Überführung in ein anderes Medium auch gleichzeitig wieder den Rahmen für ihre Rezeption.

Der in der gedruckten und veröffentlichten Buchform gegebene Rezeptionsrahmen lässt konventionelle Erwartungshaltungen wirksam werden, die sich schwer tun, dem aus seinem Entstehungskontext gerissenen Onlinetext gerecht zu werden. Dies liegt vor allem an der gewohnheitsmäßig unbewusst an das Buch herangetragene Erwartung des Lesers, dass die enthaltenen Texte vor ihrer Veröffentlichung einer redaktionellen Vorselektion unterzogen wurden, oder auch an der Erwartung eines ausgearbeiteten, verbindlich zugrunde liegenden Erzähl- oder Argumentationskonzeptes. Aus diesen Gründen gerät der an lineare und zusammenhängende Texte gewohnte Leser leicht ins Schleudern. Gutes findet sich augenscheinlich gleichberechtigt neben Schlechtem, wobei man sich fragen muss, ob das dem qualitativ Besseren gut tut. Um dem zu begegnen, müssten die Leser mit ihren Lesegewohnheiten aufräumen und sich auf das Experiment des anarchischen selektiven Lesens einlassen.

Ist es dann aber nicht doch sinnvoller, gar nicht erst zum guten alten Buch zurückzukehren, sondern beim schnellen und sprunghaften Internet zu bleiben und sich dort beim Pagehopping zu vergnügen? Vielleicht wäre es klüger gewesen, das Preisgeld statt in die Buchausgabe in neue Internetprojekte zu stecken. Denn die großen Stärken, die die Netzwerker nutzen und weitertreiben sollten, liegen vor allem in der Interaktivität -- der Möglichkeit also, in entstehenden Text eingreifen zu können -- und den sich daraus ergebenden ganz neuen Möglichkeiten der Kommunikation.

(Das Online-Projekt "Mein Pixel-Ich" ist im Netz unter http://www.tage-bau.de aufzufinden.)

(Belbet Tomasi)

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