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"...bestatten"

von Franz Neige

Jemand muß Josef anrufen. Josef wird sich um alles kümmern -- Karten, Träger, Anzeigen: alles eben. Josef ist noch unterwegs. Ein tragischer Fall: Vierzig. Aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Und zwei Wochen später war schon alles aus. Familienvater. Drei Kinder. Urnenbestattung.

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Erste Anrufe gehen ein. Die Stadt ist klein, und der Tod ist schnell. Oma gibt Auskunft. Ja -- um elf war sie noch da. Da hat er kaum reagiert. Immer das Foto gestreichelt -- ihr Foto. Dann ist sie zum Essen gegangen. Kommt zurück, und da liegt er schon. "Gut, daß er nicht gelitten hat. Wir warten auf Josef. Aber Josef ist noch unterwegs. Ein tragischer Fall. Aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Vierzig. Familienvater. Urnenbestattung. Da ist Opa doch noch gut weggekommen. Seit drei Wochen kein Essen. Seit vier Tagen nichts mehr getrunken. Alle waren gegen eine Magensonde. Auch die Kinder. Niemand war dafür."

Josef ist da und hat den Koffer dabei. Will Josef einen Kaffee? Ein Stückchen Kirschboden? Oma hatte ja Besuch erwartet. Soll man den Kuchen jetzt verkommen lassen? Josef nimmt gern ein Stückchen. Er kommt gerade von einem sehr tragischen Fall. Aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Familienvater. Vierzig. Urnenbestattung. Da gab es keinen Kaffee.

"Wie alt war denn der Opa? 86 -- na, das ist doch nun wirklich ein schönes Alter. Und wenn einer nicht mehr will, muß man ihn auch gehen lassen. Loslassen gehört dazu."

Eingesargt wird erst am Abend, wenn im Pflegeheim niemand mehr auf den Gängen ist. So was wirkt sich ja eher schlecht auf den Lebensmut der alten Leutchen aus. Und gute Werbung für das Heim ist es auch nicht gerade. Josef muß es wissen. Vier Abgänge im Heim. In nur drei Tagen. Da wartet man besser bis es ruhig ist auf den Gängen.

Gut, daß ein Priester in der Familie ist. Das macht alles gleich viel persönlicher. Und daß der auch gleich Vorschläge machen kann für einen passenden Spruch -- sehr gut ist das. Da kann Josef sein Arsenal geschlossen halten.

Während der Jüngste die Sprüche anschaut (der kennt sich aus mit Sprache), können Oma und Tochter vielleicht schon mal einen Blick auf die Karten werfen. Wieviel sollen denn verschickt werden?

Kann Josef -- der Oma ist es ein bißchen peinlich -- aber kann Josef sich vielleicht beim Einsargen um den offenen Mund kümmern?

Vielleicht auch schon mal kümmern um den Text der Anzeige. Und wer soll drauf? Daß Opa das Verdienstkreuz hatte, möchte Oma erwähnt haben. Die Tochter ist anderer Ansicht. Aber schließlich ist es Omas Beerdigung.

Die Kinder mit den Familien sollen erwähnt werden. Und der Älteste hat einen Doktortitel. Was ist das denn für ein Doktor. Josef findet, daß das keiner Erwähnung bedarf. Doktor ist Doktor. Das machen die anderen auch nicht anders.

Wieviel Gedenkzettel werden gebraucht? Josef hat da eine Faustformel. Zahl der geladenen Gäste plus 75 Prozent. Das hat noch immer gereicht. Da bleiben auch noch Zettel für die Danksagungen. Vielleicht dafür auch gleich Karten und Sprüche aussuchen. Wie viele Leute werden zum Kaffee kommen. Das werden so an die fünfzig sein.

Der Pastor ist da. Das geht aber schnell. Oma freut sich, daß es so schnell geht. Die Beerdigungen sind immer um 10.30. Das ist eine Sache der Organisation. Der Neffe in seiner kleinen Gemeinde kann das natürlich anders handhaben. Kuchen? Kaffee? Eigentlich nicht - andererseits: Schlücksken und Stücksken. Man hat ja sicherlich von dieser anderen Sache gehört? Aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Vierzig. Familienvater. Urnenbestattung. Ein Fall für den protestantischen Kollegen, mit dem sich der Pastor bestens versteht. Man spielt zusammen Doppelkopp. Sowieso: Mit der Seelsorge geht es bergab. Wenn der Kaplan geht, wird niemand nachrücken. Gestrichen. Kein Nachwuchs.

Josef fragt nach den Gedenkzetteln. Die Tochter spricht für die Kinder: Bitte keine betenden Hände. Alles, nur das nicht. Opa hat doch die schwarze Madonna verehrt. Josef hat eine druckbare Madonna von ähnlicher Statur. Achtzig Pfennig pro Zettel (einseitig) plus eine Pauschale von 70 Mark. Soll ein Bild des Toten aufgedruckt werden, empfiehlt sich der Gedenkzettel im Leporello-Design. Das wußte Josef ja lange nicht, daß Leporello was mit Mozart zu tun hat. Sterben macht klug.

Wie ist es mit den Trägern? Nachbarn gibt es da ja auch eher nicht. Josef hat für solche Fälle sechs Rentner (rüstig!), die allerdings in bar zu bezahlen wären. Vierzig Mark sind ja nun wirklich nicht viel. Zum Kaffee werden die nicht mit eingeladen. Die Gaststätte hat übrigens nichts mehr frei. Wenn Josef allerdings etwas anmerken darf. Er kennt da eine andere Gaststätte -- der Preis, er kann das natürlich nicht auf den Pfennig sagen -- dürfte annähernd identisch sein. Von der als erste Alternative angedachten Gaststätte muß er wegen schlechter Erfahrungen bei der Abwicklung abraten.

War da nicht noch ein Sterbefall in der Verwandtschaft? Entfernt. Weiß Josef etwas über den Beerdigungstermin? Josef hat noch nichts gehört. Aber die Abgängige war doch sowieso nicht von hier. Eben drum. Man stelle sich zwei Beerdigung vor -- an verschiedenen Orten zur selben Zeit. Ein Familienschisma. Das wäre ja irgendwie tragisch.

Die Oma soll noch mal ans Telefon. Ja, sie ist kurz zuvor noch dagewesen. Da hat er ihr Foto gestreichelt und dauernd etwas zu sagen versucht. Sie konnte es nicht verstehen. Und jetzt macht sie sich natürlich Vorwürfe, daß sie ihn ins Heim gegeben hat. Aber sie konnte doch nicht anders. Jedenfalls war sie noch da und ist dann nur kurz zum Essen. Kommt zurück -- da ist er schon tot. Danke. Sie regelt gerade das Nötige. Josef ist da. Der kommt von einem Fall: aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Familienvater. Vierzig. Grausam. Drei Kinder. Verbrennung erwünscht.

Josef telefoniert mit denen vom Friedhof. Das Handy streikt. Funkloch. Dann schreit er auf dem Flur. Die finden das Grab nicht. "Da steht ein Findling drauf. Natürlich muß der weg. Wie soll denn sonst der Bagger?!! ..." Josef entschuldigt sich, daß er laut werden mußte. Aber es ist doch wirklich nicht zu fassen, wie blöd sich manche Leute anstellen können.

Telefon für die Oma. Ja, sie war noch bis kurz vorher da. Dann ist sie zum Essen. Sie kommt zurück und denkt noch, der Opa schläft aber ruhig. Ja, der Josef ist schon da. Der kommt gerade von einem Vierzigjährigen. Aufgemacht und gleich wieder zugemacht. Und drei Wochen später: Aus. Familienvater. Urnenbestattung. Evangelisch.

Werden denn die Enkel die Fürbitten lesen? Das wäre ja schön. Und vielleicht lesen auch die Kinder was vor. Was soll denn auf der Schleife stehen?

Es ist doch eigenartig: Am Morgen hat die Oma noch in der Zeitung gelesen, daß derzeit auf dem Friedhof eine Feuerwanzenplage herrscht. Wen interessiert das, hat sie noch gedacht.

Der Älteste hat angerufen. Er muß am Flugplatz abgeholt werden. Der Sarg soll offen bleiben. Rotz und Wasser hat er geheult mit seinen fast fünfzig Jahren.

Muß eigentlich dem Opa noch jemand die Haare schneiden? Josef wird das entscheiden. Aber erst mal wird er sich um den Mund kümmern.

Die Enkelin will den Opa noch einmal sehen. Sie möchte bitte hinfliegen. Der Opa ist doch, hat Papa gesagt, im Himmel. Opa ist bei Gott im Himmel. Aber Gott ist doch auch in der Kirche. Ja. Hat Gott ein Auto? Der Pastor muß noch zu einem Taufgespräch.

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