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no. 7: der sprung -> ausgegraben
 

ausgegraben

Henry de Montherlant

von Andreas Daams

Wer immer schon wissen wollte, was es mit dem Verhältnis von Mann und Frau wirklich auf sich hat, kommt um einen Roman nicht herum, der wohl einzigartig in diesem Jahrhundert ist und doch nahezu vergessen. Die Geistesgeschichte verschlingt bekanntlich ja alles, was ihr in den Weg kommt, und manches Mal verschluckt sie sich auch erbärmlich.

Erbarmen mit den Frauen heißt eine Romantetralogie von Henry de Montherlant (1896-1972), die in den Jahren 1936-39 erstmals erschien. Sie handelt von einem einigermaßen zynischen Schriftsteller-Dandy und seinem Blick auf die ihn umgebenden Frauen. Simone de Beauvoir hat den Roman heftig angegriffen. Stefan Zweig zählte ihn zu den bedeutendsten Romanen des Abendlandes. Aber wiederholen wir nicht den alten Fehler und lassen prominente Verteidiger und Ankläger in die Manege treten, die dadurch nur noch prominenter werden, während das Objekt des Wortgeklingels darüber ganz vergessen wird.

Das Kindler Literatur Lexikon (Nachträge) kommt zu dem Schluß, Stefan Zweigs Urteil dürfe heute als überholt gelten. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. In unseren politisch doch arg zurechtgestutzten Zeiten ist allerdings schon der Titel des Romans so unverschämt, daß man das Buch gar nicht mehr auflegt. Bücher von Henry de Montherlant, einst bei Suhrkamp und sogar als Taschenbuch bei dtv erschienen, lassen sich heute vielleicht am ehesten als Buchclubausgaben der 50er Jahre in Antiquariaten auftreiben.

Montherlant schrieb nicht nur Erbarmen mit den Frauen, sondern -- gewissermaßen als Gegenstück -- auch den jedoch viel weniger umfangreichen Roman Die Junggesellen, in dem zwei arme, alte Schlucker erzählerisch gründlich demontiert werden -- ein Geniestreich sondergleichen!

Ein Kennzeichen des Montherlantschen Stils ist ja überhaupt diese Erbarmungslosigkeit mit seinen Figuren. Seine Menschen sind allesamt miese Charaktere. Lichtgestalten gibt es nicht. Sogar der zynische Schriftsteller Pierre Costals, die Hauptperson aus Erbarmen mit den Frauen ist -- so sympathisch er stellenweise geschildert wird -- ein kalter, berechnender Frauenheld, der gar nichts Erbauliches an sich hat. Insofern ist Montherlant sicher einer der größten Realisten unseres Jahrhunderts. Er schminkt sich seine Darsteller ab.

Das klingt dann so:

"Des Krieges und des vorzeitigen Todes ihrer Eltern wegen hatte Mademoiselle de Bauret nicht die mindeste Erziehung erhalten. Aber unsere Zeit ist so beschaffen, daß das nicht weiter auffiel." (Die Junggesellen)
"Denn im Grunde war Monsieur Élie schlecht, genau wie sein Vater. Las er irgendwo eine Ankündigung: 'Zwangsversteigerung', so freute er sich; stieß er in der Zeitung auf die Nachricht von einer Katastrophe, so sagte er sich: 'Wieder ein paar Hundsfötter weniger'." (Die Junggesellen)

Montherlants Analysen sind nicht weniger deutlich:

"Die Frau glaubt, die Liebe vermöge alles, nicht nur die ihrige, sondern auch die, die der Mann ihr entgegenbringt und die sie stets überschätzt; sie behauptet mit beredter Zunge, die Liebe habe keine Grenzen; der Mann sieht die Grenzen der Liebe, die der Frau zu ihm und die seiner zu ihr, deren ganze Armseligkeit er kennt. Nicht nur, daß sie nicht im selben Rhythmus einherschreitet, sondern auch Angebot und Nachfrage zwischen ihnen entsprechen einander nicht. Der Mann kann der Frau wenig mehr denn Begehren empfinden, das der Frau lästig ist; die Frau kann dem Mann wenig mehr denn Zärtlichkeit empfinden, die dem Mann lästig ist. Die Frau spendet mehr an Zärtlichkeit, als der Mann ertragen kann; zum Glück ist das Kind da, solange es ihrer bedarf, und verbraucht den Überschuß für sich." (Erbarmen mit den Frauen)
"Aus allem, was von Gott bekannt ist, aus den Worten, den Empfindungen, den Handlungen, die ihm alle Religionen Jahrhundert für Jahrhundert zuerkennen, wissen wir, daß Gott dumm ist. Da der Dämon sein Gegenteil ist, müßte man ihn also für intelligent halten; und dafür gibt es übrigens eine Fülle von Beweisen. Wenn auch er dumm ist, wem soll man sich dann anvertrauen?" (Der Dämon des Guten)

Manchmal stößt man auf ganz wunderbare Aphorismen:

"Das Leben zu zweit besteht im wesentlichen darin, aufeinander zu warten." (Erbarmen mit den Frauen)

Und so weiter. Aphorismenbücher sind ja ohnehin Friedhöfe vergessener Wortspender. Dabei kann man seitenweise Montherlant zitieren, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Das fanden offenbar auch seine Zeitgenossen: 1934 erhielt Montherlant den Großen Literaturpreis der Académie Française, die höchste Literaturauszeichnung Frankreichs.

Biographische Details zeigen einen adeligen, katholischen, sportbegeisterten Mann, einen Kriegsfreiwilligen von 1914/18, einen Stierkämpfer in Spanien, einen erfolgreichen Schriftsteller, der allerdings seinen Ruhm überlebte.

Man könnte nun meinen, Montherlant sei ein Tabubrecher, einer, dem nichts heilig ist und noch weniger anbetungswürdig, aber tatsächlich schreibt er doch nur nieder, was ist. Er ist nicht nur ein Portraitist seiner Zeit, sondern ein gnadenloser Menschenkenner, der sich und uns nichts vormacht. Literatur als Nadel, die den großen roten Luftballon Leben entzaubert.

Es gibt Schriftsteller, die dem eigenen Buch ihr Leben opfern; sie ruinieren ihre Gesundheit, ihre Psyche, ihre Mitmenschen, nur um ein bleibendes Buch zu schreiben; am Ende ist womöglich alles hin, Leben, Freundschaft und Buch. Und es gibt solche, die schreiben eher nebenbei, nie würden sie ihre Beobachterposition aufgeben, die sie gleichwohl zum unaufhörlichen Produzieren zwingt; ihr Schreiben ist ihnen nicht Qual, sondern natürliche Ausdrucksweise, sie wollen die Welt nicht mit ihrem Buch ändern, weil sie nicht an die Heilkraft eines Buches glauben, sie schreiben, weil sie halt schreiben, und das ist ihnen genug. Montherlant ist ein Paradebeispiel der zweiten Gruppe.

Ein wirklich genauer Beobachter wie er wird fast zwangsläufig zum Zyniker. Das sollte unseren Zeitgenossen eigentlich gefallen. Aber warum wird heute Montherlant nicht mehr neu aufgelegt? Selbst in Frankreich, seinem Heimatland, scheint er in arge Vergessenheit geraten zu sein. Wie ist so etwas möglich? Hat uns Jane Austen, bei allen Vergnügen, das sie uns bereiten kann, wirklich mehr zu sagen als Montherlant? Liegt das Desinteresse an Montherlant etwa an der Unverfilmbarkeit seiner Bücher? Gewiß, er ist ein Sprachkünstler, kein Breitwandmaler. Man hört, er sei der größte Stilist in französischer Sprache gewesen. Nun ist Stilsicherheit ja nicht gerade ein auffallendes Merkmal unserer Zeit, wenn man so umherschaut. Montherlants Bücher: Zu viele Buchstaben? Zu viele Briefe? (Erbarmen mit den Frauen ist teilweise ein Briefroman.) Zu wenig Sex? Handlung? Und auf der anderen Seite: zu wenig Gelehrsamkeit?

Das mag alles zutreffen. Der Hauptgrund für die Unbekanntheit Montherlants ist hingegen in seiner Illusionslosigkeit zu suchen. Fabulierkunst, romantisches Verbrämen von Wunschbildern ist seine Sache nicht, wohl aber die des fernsehgeschulten Jetztmenschen.

Sollte man den Zeitgeist bedauern, weil er Montherlant ignoriert? Wahrscheinlich sollte man, jawohl. Die Dummheit der Menschen ist ja riesengroß. Sie verlassen sich auf vorgefertigte Werturteile, ohne selber zu suchen, zu forschen, zu denken. Ein anständiger Mensch besucht mindestens zweimal im Monat ein Antiquariat oder zumindest einen Buchladen, um zum Entdecker zu werden. Ein unanständiger Mensch richtet seinen Buchkauf nach den Empfehlungen des Spiegel. So halten sich viele Dummköpfe für klug. Sie haben eben Montherlant nicht gelesen, und darum bleiben sie dumm.

Doch zitieren wir abschließend noch einmal Montherlant: "Die Menschen sind immer gefährlich. Entweder sind sie böse, oder sie sind dumm, und wenn sie nicht dumm sind, dann haben sie Verstand."

Das Internet fällt als Informationsquelle über Henry de Montherlant fast vollständig aus. Zumindest Moustique und Die Wüstenrose waren bis vor wenigen Jahren noch in der Bibliothek Suhrkamp erhältlich. Möglicherweise erhält man aus dieser Reihe im Buchhandel noch Die Junggesellen, laut Suhrkamp sollte es da keine Probleme geben (die ich gleichwohl hatte; immerhin konnte ich das Buch antiquarisch besorgen). Bei Steidl ist außerdem der Band Tiermenschen erschienen. Das war es dann auch schon. Es bleibt also nur der Weg an Vaters Bücherschrank oder ins Antiquariat. Glücklich, wer Gelegenheit hat, Montherlant zu lesen!

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