parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 28: medien/slums -> versuche über das sammeln
 

Drei Versuche über das Sammeln

von Heiner Frost

zum artikel:

* druckbares

Was treibt einen Kunstsammler? Welcher Weg führt ins Sammlerherz? Welche Gefühle, Leidenschaften und Geschichten fügen ein Bild, ein Kunstobjekt zum Anderen und lassen in der Sammlung ein lebendiges Ganzes entstehen? Wann und wie findet eine Sammlung ins Museum? Im Gespräch mit drei Sammlern, Jos Kuijlen, Steffen Missmahl, und schließlich Raimund Stecker, Chef des Duisburger Lehmbruck Museums, ist Heiner Frost Antworten auf der Spur.

 

 

I. Das Herz des Sammlers

 

Korkenzieher

Von Kranenburg nach Nimwegen sind es zehn Minuten. Mit dem Auto. Keine Entfernung. Sollte man meinen. Aber es ist ein weiter Weg ins Herz eines Sammlers. Wenn du über einen Künstler schreibst, schreibst du über seine Kunst. Wenn du über einen Sammler schreibst, beschreibst du nicht unbedingt eine Sammlung. Du wirst zum Korkenzieher. Es gibt ein Ziel: Das Herz des Sammlers.

Motivsuche, Spurensuche: Wie wird einer zum Sammler? Ein Reporter fragte einst John Ford: Wie kamen sie zum Film? Fords Antwort: Ich nahm den Zug. Eine erste Frage: Wird einer Sammler oder ist er es? Fängt man beim Huhn an oder beim Ei? Sind es die Gene, oder muss das Schicksal einspringen? Ein erster Antwortversuch: Egal, ob Huhn oder Ei. Es geht nicht um den Start. Es ist das Ziel. Jos Kuijlen hat mit Büchern angefangen. Jos kam vom Lande. Nichts deutete auf Kunst. Die Familie: Einfache Menschen. Fokussiert auf das Überleben -- die Natur. Der erste Kontakt zur Kunst: Ein Schwarzweißfernseher. Ein Film über Picasso. Es muss Ende der 50er gewesen sein. Jos' Nachbar sah Picassos Bilder. Dann das Urteil: Das kann meine Tochter auch. In Jos stieg die Ahnung auf, dass etwas nicht stimmen konnte mit einem solchen Satz. Jos' Auseinandersetzung mit dem Sehen hatte angefangen.

 

Gazelle

Das Leben ist Sehen. Du siehst, was du weißt. Weißt du mehr, siehst du mehr. Trotzdem ist Sehen mehr als Hingucken. Jos' Hinsehen ist längst ein Hin-Empfinden. Jos studierte Biologie. Er ging nach Nimwegen. Nimwegen war die Stadt. Huhn und Ei in Überschneidung. Die Sechziger traten den Endspurt an. Für Jos begann ein anderes Leben. Ein neues Leben mit neuen Themen. Die Dinge entwickelten sich. Durch die Eierschale der Jos'schen Weltsicht pickte sich ein Herr mit Bart. Ein bisschen sah er aus wie Marx aus. Aber nicht jeder Herr mit Bart heißt Marx. Ein anderer Bartträger hieß Darwin. Charles Darwin. Das ist einer meiner Helden, sagt Jos. Er zeigt auf die Büste in seiner Dachkammer. Darwin passt. Auch Marx würde passen. Ein Stück weiter: Ein Affe. In der Hand hält er einen Menschenschädel. "Eritis sicut deus", steht auf dem Sockel. Geschaffen nach Gottes Abbild. Jos ist einer, der von Neugier getrieben wird. Wenn die Neugier dein Motor ist, gibt es zwei Ziele: Wissenschaft und Kunst. Aus dem Biologen Jos wurde der Bibliothekar Jos. Alles Sammeln begann mit den Büchern. Bücher sind Neugierbefriedigungsapparate. Bilder sind das auch. Du siehst, was du weißt. Manchmal weißt du, was du siehst. Jos ist kontrollierter Chaot. Er mag sich nicht festlegen. Das Herz eines Sammlers ist eine Gazelle. Gazellen altern nicht. Immer zum Sprung bereit oder untauglich für die Savanne.

 

Kitt

Der Weg ins Herz des Sammlers führt durch die Augen. Bilder haben einen Richtungswillen. Es zieht sie zum Sammler. Eins kommt zum anderen. Wo die einen in den dritten Jahresurlaub abbiegen, finden für Jos die Ferien am Bild statt. Im Bild zu sein ist der Anfangs-, Wunsch- und Endzustand. Es geht nicht um das Vordergründige. Es geht um die Kunst. Gute Kunst zeigt ihre Botschaft nicht am Haupteingang. Für Jos sind Bilder Teil des Zusammenlebens. Handlungsanweisungen für eine lebenswertere Welt. Man sieht sich morgens -- gleich nach dem Aufstehen und abends vor dem Zubettgehen. Dazwischen lernt man sich kennen. Man lernt: Sich zu kennen.

Im Angesicht einer Sammlung entsteht Geschichte. Sammeln ist die Herstellung von Gleichgewicht mit anderen Mitteln. Mittel kommt von Mitte. Jos' Mitte sind die Bilder. Jos' Mitte ist die Kunst. Jos' Existenz ist an die Bilder geheftet. An die Sammlung. Sie fließt als Blut in den Adern. Die Sammlung ist der Blutdruck. Im Herz des Sammlers ist die Kunst der Kitt, der Scheibe und Rahmen verbindet. Geschützter Durchblick. Herzschlag. Jos behauptet, ein Chaot zu sein. Er ist ein Chaot von eben jener Liebenswürdigkeit, die vom Kindsein beherrscht wird -- von der Unersättlichkeit. Da sitzt einer im Nest, den Schnabel weit geöffnet.

 

Eingebrannt

Worum es geht? Schwer zu sagen. Jedenfalls nicht um Schönheit. Bilder sprechen nicht, sagt Jos. Wenn du Stimmen möchtest, häng dir ein Tonband an die Wand, sagt er. Und irrt. Natürlich erzählen die Bilder Geschichten. Aber die Geschichten sind eine Zugabe am Ende der Besessenheit vom Sehen. Auch Bücher sprechen nicht. Sie finden erst im Leser zur Stimme. Bilder sind eine geheime Botschaft für die Seele des Sammlers. Manche Bilder erweisen sich als Lebensgefährten. Andere schwindeln. Jos sagt nicht, dass die Bilder schwindeln. Jos formuliert es richtiger. Als Sammler machst du Fehler, sagt er. Du musst lernen, sagt er. Alle Unschuld den Bildern. Dreh einem Bild den Rücken zu -- weg ist es. Schaust du nicht hin, gibt es kein Bild. Doch. Ein gutes Bild brennt sich ein. Es lebt fortan mit. Vervollständigt das Leben. Da liegt das Motiv. Leben ohne die Bilder ist kein Leben. Jos' Leben: Die Bilder. Seine Frau. Rangfolgen werden nicht ermittelt. Es gibt kein Ranking. Im Herz des Sammlers entsteht die wunderbare Gleichzeitigkeit des Seins. Wer sammelt, biegt vor der Oberflächlichkeit ab und findet den Weg in die Leidenschaft. Die Seele sucht nach Entsprechungen. Jos füllt sich mit Leben. Wenn er von den Bildern erzählt, spielt sich Leben ab: Lachen, Tränen, Verzweiflung und schieres Glück hausen nebeneinander. Kein Eines ohne das Andere.

 

Wanderer

Der Gedanke an die Bilder ist abgekoppelt vom Gedanken an das eigene Ende. Wenn das Leben endet, endet das Bewusstsein für den Besitz. Papperlapapp: Es geht nicht um den Besitz. Würden sie Jos die Bilder nur leihen -- es machte keinen Unterschied. Sowieso: Kunst wandert. Sie überlebt und kann folglich nur ausgeliehen sein. Sie macht den Mensch am anderen Ende der Sammlung zum Lebensabschnittgefährten. Jetzt wird ein Schuh draus: Die Bilder suchen ein Zuhause. Finden es. Ziehen, wenn nötig weiter. Jos hat das verstanden. Oder ahnt er es nur? Bilder sind Dialoge auf Reisen. Das musst du verstehen. Es geht nicht um Analyse. Bilder suchen den Weg in die Seele. Nicht, dass sie sich am Hirn vorbeimogeln möchten. Sie finden andere Wege. Der Weg der Liebe ist nicht der Weg des Kopfes. Und doch geht es um Wissen. Du siehst, was du weißt. Nicht immer weißt du, was du siehst.

Einer wie Jos sammelt nicht für den Tresor. Nicht für die Dividende. Ein Bild im Schrank ist ein Bild am falschen Ort. Es ist wie ein zugemauertes Kino. Die Mechanik des Sammelns erfindet eigene physikalische Zusammenhänge. Da entsteht ein in sich geschlossenes Bezugssystem. Jos sagt, dass er nicht sammelt um zu zeigen. Er und die Bilder stellen einen Kosmos dar, der keine Angst vor der Welt haben muss. Im Reich der Bilder herrscht eine Geborgenheit besonderer Prägung. Im Angesicht der Sammlung findet Erweiterung des inneren Friedens statt. Anbindung durch Abkopplung.

 

Zukunft

Jos stellt einen Zug zusammen, in dem er durch das Leben reist. Jedes Bild ein Fenster. Eine Erklärung. Ein Argument. Da sitzen sie sich einander gegenüber wie ein in gegenseitiger Erkenntnis ergrautes Paar, das längst schon nicht mehr vom schnellen Sex der frühen Tage lebt sondern von der beruhigten Erkenntnis, Entsprechung im Leben gegenüber gefunden zu haben. Kann man von blindem Verständnis sprechen? Vielleicht besser nicht. Man mag dem Sammler vieles wünschen. Blindheit gehört nicht dazu. Ein Jos, der morgen erblindet, würde nichts vermissen. Er kennt seine Bilder. Seine Bilder kennen ihn. Und doch wäre da Verlust: Das Herz des Sammlers ist unersättlich.

 

Zuhause

Sammeln ist nicht Rückschau. Sammeln ist der ewig jung bleibende Wunsch nach der nächsten Bekanntschaft. Sammeln ist die Vorbereitung der Zukunft mittels Gegenwart. Jos ist ein Robinson, der seine Insel mit Bildern bestückt, die gegen das Wegsacken im Durchschnittlichen helfen. Das Wunderbare: Niemand muss Platz schaffen. Kein Bild raubt einem anderen den Platz. Wir sprechen vom Seelenplatz. Sammeln lässt jenen scheinparadoxen Zustand entstehen, in dem alles Neue den Platz für das Nächste wachsen lässt -- in dem ein Film den nächsten generiert, aus dem er sich aber nachträglich erfindet. Die Zeitachsen sind verschoben. Aufgehoben. Das Sammleruniversum: Ein Magen, der alles verdaut ohne sich selbst anzugreifen. Jos ist nichts und niemandem verpflichtet. Seine Bilder haben ein Zuhause. Wenn er geht, suchen sie sich ein Neues. Oben, unterm Dach: Darwin. Alles entwickelt sich.

 

II. Das Buch muss anfangen -- 13 Schritte Richtung Missmahl

1. Steffen Missmahl spricht in Überschriften. Jeder Satz eine Headline. Jeder Satz ein Bekenntnis. "Man sammelt nicht mit den Ohren." Oder: "Sammeln hat immer auch mit Leiden zu tun." Oder: "Zum Sammeln brauchst du die richtige Partnerin." Oder: "Wenn ich nicht sammeln würde, müsste ich mein Geld zum Therapeuten tragen." Sammler -- das ist im Fall Missmahl eine Diagnose: Sucht. Steffen Missmahl hat klein angefangen. Blöder Satz. Jede Sammlung beginnt mit dem ersten Stück. Das Problem: Sprache hat verschiedene Dimensionen. Kein Satz ist, was er zu sein scheint. Nicht jeder, der klein anfängt, kommt auch groß raus.

2. Missmahl empfängt mich an der Tür. Das Büro: Eine Kunstsaugstelle. Missmahl lacht. Ein unverstelltes Lachen, das jedes Eis brechen würde. Das Einleitungswiegehts wird mit "Am besten jot" pariert. Eine Fenderkopie im Gitarrenständer. Daneben ein Blatt mit Grifftabellen. Blues aus dem Lautsprecher. Missmahls Anfänge: Er hat sich nicht gewehrt. Er wollte die Gitarre, die Mutter wollte das Cello. Manchmal siegen die Mütter. Eine andere Geschichte. Jetzt holt er sich den Blues zurück.

3. Kolumba Köln. Dritte Etage. Ausgestellt wird unter anderem: Die Sammlung Missmahl. Künstlerbücher. Auf einer Wand ein gesprühter Denkanstoß: HAVE & TAKE GIVE & GET. In Missmahls Büro: Eine andere Wand, derselbe Denkanstoß. Missmahl ist einer, der Bücher macht. Gestaltet. Missmahl ist an Qualität interessiert. An sonst nichts. Kein Wunder, dass einer wie er bei Künstlerbüchern landet. Missmahl sammelt auch anderes: Bilder, Zeichnungen, Skulpturen. "Bücher sind etwas anderes", sagt er. Bücher verlangen Handlung. "Du musst sie aufschlagen", sagt er. Und: "Das Buch muss anfangen." Wieder einer dieser Überschriftensätze. Missmahl produziert sie ohne große Mühe: "Die guten Künstlerbücher wissen sowieso, dass sie irgendwann bei mir landen." Ein Satz, den sich nicht jeder gestattet. Den man nicht jedem gestattet. Bei Missmahl versteht man ihn. Wenn die Bücher Geschmack besitzen, haben sie keinen anderen Weg.

4. Steffen Missmahl ist sicher: Das Künstlerbuch braucht ein Podium. Was er im Laufe von 40 Jahren zusammengesammelt hat, ist kein Podium. Es ist eine Position. Eine Haltung. Aber: Haltung braucht einen Halter.

"Irgendwann merkst du als Sammler, dass es nicht nur ums Sammeln geht. Da wächst mit der Sammlung eine Verantwortung. Und es wächst die Einsicht: Das ist für dich allein zu schade." Ja sammelt einer denn, um sich zu trennen? Vierzig Jahre Suche als Einleitung des Abschieds? Missmahl hat verstanden, dass es nicht um Trennung geht. Er ist durchdrungen von dem Gedanken, dass es um die Herstellung von Öffentlichkeit geht. Irgendwann hat er angefangen, über die Verantwortung nachzudenken. Irgendwann wuchs die Erkenntnis: Es muss etwas passieren mit dieser Sammlung. Man nimmt Missmahl ab, dass es nicht um die eigene Unsterblichkeitsherstellung geht. Es geht um die Heimat für ein Lebenswerk. Wir hatten das schon, aber es darf wiederholt werden: Sammeln ist die Dokumentation einer Haltung. Es gibt Wörter, die aus der Mode kommen. Vielleicht geht es am Ende auch um Moral.

5. Wenn ein Sammler sich Gedanken über das Danach macht, geht es um einen Platz. "Natürlich denkt man dann auch an Museen." Missmahls Traum: Kölsche Sammlung -- kölsche Heimat. "Es melden sich auch Museen, die Filetstückplünderung betreiben möchten." Missmahls Devise: Keine Chance für die Geier. Irgendwann, als ein Teil der Sammlung Missmahl in Bochum ausgestellt war, kam der Kontakt zum Kolumba. Köln kam in Sicht. Missmahls Bedingung: Ganz oder gar nicht.

6. Nicht nur das Sammeln braucht Zeit. Auch Heimatsuche geht nicht auf die Schnelle. Die Gespräche mit dem Kolumba gingen über zwei Jahre. Im Sammler stieg nach und nach die Gewissheit auf: Das wird ein guter Platz. Das Ergebnis von vierzig Jahren Sammelsucht sollte, da war Missmahl sicher, nicht einfach zum Depotfutter werden.

Im Jahr 2008 war alles beschlossene Sache. Die Sammlung: 954 Positionen. Dann das Einpacken: Wehmut? Keine Spur. "Wir waren euphorisch", sagt Missmahl und meint sich und seine Frau. Selbst als der LKW kam und die Sachen eingepackt wurden: Euphorie statt Trennungsschmerz. Mit der Übergabe der Sammlung stellt einer wie Missmahl doch nicht das Sammeln ein. Seit 2008: 144 neue Positionen in der Sammlung. Kein Ende in Sicht.

7. Sammeln erweitert den Horizont. Es eröffnet Sichtweisen. Parallel dazu findet professionelle Deformation statt. "Je mehr du siehst, umso mehr Schlechtes siehst du." Irgendwann gibt es kaum noch ein Hinsehen ohne das parallele Hindenken.

8. Für einen wie Missmahl spielt Zeitgeist keine Rolle. "Ich habe beim Sammeln nie auf das Who is Who geachtet", sagt er. Es ging nicht um Namen. Es ging um Qualität. Es ging um Genuss. Missmahls Selbstbeschreibung: Hoffnungsvoll altmodisch. "Andere gehen auf den Fußballplatz. Ich geh' ins Antiquariat." Sammeln ist auch die Freude am Finden. Der Sammler ist Jäger. "Plötzlich siehst du etwas, das hunderte vor dir einfach übersehen haben." So beginnt das Glück. Manchmal besteht das Glück aus Nudelwochen. "Einfach mal zwei Wochen Nudeln essen, weil das Geld für was anderes gebraucht wurde." Das Andere ist die Kunst. Einfach Kohle ohne Ende zu haben und alles kaufen zu können? So beginnt Missmahls Albtraum von der Langeweile.

9. Zwei Dinge gibt es nicht in Missmahls Leben: Neid und Langeweile. Ein Bild an der Wand ist besser als jeder Fernseher. Aber da sind eben auch die Bücher. Missmahls Devise: Das Buch muss anfangen. Da muss etwas sein, das sich nicht definieren lässt. Das Buch muss nachhaken. Einen Anspruch anmelden. Künstlerbücher sind -- mehr noch als Bilder -- Gefäße des Künstlers. Wer die Kunst als Gefäß des Wunderbaren begreift, kommt schnell dem Leben auf die Spur und stößt irgendwann auf die Verantwortung. Nur so erklärt sich die Euphorie im Augenblick des Abschieds. Der Abschied ist eben kein Abschied. Er ist Übergabe.

10. Die neue Heimat der Sammlung Missmahl: Das Kolumba in Köln. Missmahls Erkenntnis: Kurzer Dienstweg ins Depot. Für die Museumsleitung ist der Sammler kein Störfall. Ganz im Gegenteil. Er ist erwünschter Kurator. Bücher unter Glas sind so etwas wie ein Widerspruch in sich. Ein bisschen sind sie wie Gefangene. Niemand blättert um. Es geht nicht. Missmahl darf Umblättern. Er sorgt für wechselnde Perspektiven unterm Glasdeckel. Er ist Kurator der eigenen Sammlung. Lebenslänglich. Die Sammlung: In Köln entstanden. In Köln geblieben. "Ich brauche das nicht, dass im Museum dann irgendwo ein Schild hängt, wo mein Name drauf steht", sagt Missmahl. Warum kommt kein Zweifel auf an einem solchen Satz? Es muss am Sammler liegen.

11. Die Wirklichkeit kann auch anders gesehen werden. Wenn Sammeln die Dokumentation einer Haltung ist, dann ist Missmahls Sammlung im Kopf entstanden und im Kopf geblieben. Vielleicht muss man Kopf durch Herz ersetzen. Vielleicht muss es Seele heißen. Missmahl meint: Es gibt wenig echte Sammler. Sammeln ist kein Spiel mit Zahlen. "Es gibt die, die mit den Ohren sammeln", sagt er. "Die haben dann einen Namen gehört. Und sie haben gehört: Da und da kannst du das günstig bekommen." Das ist nicht Missmahls Vorstellung vom Sammeln.

12. Sammeln heißt Wundern. "Wir hatten doch gedacht: Wenn die alles abholen, ist die Wohnung leer. Dabei sah ich am Schluss: Da gab es jetzt nur ein paar freie Stellen auf dem Fußboden. Die Putzfrau hat sich gefreut."

13. Das Kolumba hat zur Sammlung Missmahl ein Buch produziert. Titel: denken. Gestaltung: Steffen Missmahl. denken ist eines dieser Bücher, die eine Aufforderung sind. Es weht ein frischer Wind durch dieses Buch, von dem Missmahl anfangs dachte, dass er es nicht machen würde. Dann hat er es gemacht. Zum Glück. Ein Buch zum Glück. Ein Buch mit Gewicht: Einskommaachtfünf Kilogramm. "Als das Buch fertig war, habe ich es zu Hause gleich auf die Küchenwaage gelegt", sagt Missmahl. Qualität ist natürlich nicht unabdingbar eine Frage des Gewichts. Denken -- so viel ist sicher, ist ein Buch, das anfängt. Mit der Sammlung Missmahl ist es auch so. Diagnose: Es liegt am Sammler. Die Devise: Nudeln für die Kunst. Zur Eröffnung der ein Jahr dauernden Ausstellung hatten sie mit dreihundertfünfzig bis bis vierhundert Gäste gerechnet. "Es waren dann siebenhundert", sagt Missmahl. Und lächelt. HAVE & TAKE GIVE & GET.

 

III. Der Chef sammelt selbst

Eine Frage, aus der ein Credo wächst. Darf Arbeit Spaß machen? Sie darf. Zum Interview bietet der Hausherr Zigarillos an. "Am besten, Sie stellen klare Fragen, und ich gebe unklare Antworten." Stecker ist einer, der weiß, was er zu verkaufen hat. Und wie. Von wegen unklare Antworten ...

Es geht um die Idee von der menschlichen Basis. Wer einen Museums-Chefsessel besetzt, sollte mehr sein als ein Technokrat. Stecker sagt: Menschlichkeit ist das Wichtigste, denn Kunst ist menschlich. Das Büro: Nicht so sehr ein steriler Leitstand -- eher schon eine Kunst-Zentrale, die nicht künstlich ist. Genuss inbegriffen.

Raimund Stecker ist Chef des Lehmbruck-Museums. Er ist einer, den man sich wünscht. Einer, der Ahnung hat -- der Überzeugungen hat und Pläne. Ideen und Träume. Ein Museums-Chef ist Sammler. Von Beruf. Stecker ist auch Sammler, wenn er das Büro verlässt. Also ist er einer, der weiß, wie Sammler ticken. Was sie treibt. Und antreibt. Einer, der nur fragt "Wie groß? Wie bunt? Wie teuer?" ist für ihn kein Sammler. Sammeln ist Kunst. Besessenheit. Kunstbesessenheit.

Mag sein, dass Sammeln anfangs nicht mehr ist als ein autoerotischer Akt. Mag sein, dass alles Sammeln anfangs eine Umlaufbahn um den Ich-Planeten beschreibt. Irgendwann allerdings entdecken viele Sammler, das, was sie da zusammengetragen haben, zu schade ist, um nicht auch von anderen gesehen zu werden. Eine zentrale Aufgabe der Museen: Öffentlichmachung der Kunst. Stecker hat all das verinnerlicht. Und macht sich Gedanken. Einer wie er denkt druckreif. Das mag daran liegen, dass Stecker in der Lage ist, abseits der Bilder in Sprache zu denken. Seine These: Die Fähigkeit der Sprachbenutzer in Sachen Bildbeschreibung hat nachgelassen. Macht Kunst sprachlos oder ist die Sprachlosigkeit, die ja eher eine Spracharmut ist, eine Folge nachlassender Kunstqualität? Stecker mag nicht über Huhn und Ei sprechen.

Es beginnt beim Museumsakkord, der vierstimmig daherkommt: Sammeln, konservieren, vermitteln, erforschen. Dabei gibt es keine Haupt- und Nebenstimmen. Steckers Akkord ist ein Simultanklang, aber ein bisschen Subjektivität ist immer. Museumsarbeit ist wie eine Partitur: Im Kopf mag alles klingen, aber wenn es in den Orchestergraben geht, müssen Stränge belichtet werden. Der Museumsakkord ist wie ein Negativ. Alle Informationen sind enthalten. Aber die Abzüge können unterschiedlich ausfallen. Akzent hier, Kontrapunkt da.

Museumsarbeit dreht sich um Hard- und Software. Die Hardware steckt in den Gebäuden. In der Logistik. Im vermeintlich Nachvollziehbaren. Stecker sagt: Wenn überhaupt, dann soll die Hardware der Software angepasst werden. Alles andere: Ein GAU. Mindestens ein AU. Anzunehmender Unfall. Eine vorhersehbare Entgleisung. "Kulturpolitik scheint sich ja zu verstehen im Finanzieren von Gehäusen -- und das in einer Zeit, wo wir alle wissen, dass die Software wichtiger ist." Dass Kunst einen Wert jenseits der Ziffern besitzt, ist, so Stecker, zunehmend schwer vermittelbar. Es kann passieren, dass der Wert eines Gemäldes oder einer Skulptur mit dem Jahresgehalt eines Spitzenfußballers verglichen wird. Kommentar: AU. Das kann es nicht sein. Summen sagen nichts über die Begeisterung. Sie verbreiten nichts als Scheinobjektivität. Kunst entfaltet ihre Magie nicht in Zahlen. Einem Junkie wie Stecker muss das niemand erklären. Er hat das Wunderbare verinnerlicht. Mit den Jahren ist ein asynchroner Zustand entstanden. "Die Ökonomie hat es geschafft, ein globales Wertesystem zu installieren, das sich schlicht an Zahlen orientiert -- die Ästhetik hat das nicht geschafft", sagt Stecker, runzelt die Stirn und fügt hinzu: "Müssen wir zur Kenntnis nehmen."

Und dann: Die Irrtümer. "Ich glaube, dass ernst zu nehmende Kunsthistoriker, die treuhänderisch im Kunstbetrieb tätig sind, wenn sie bei ihren Leisten bleiben, sehr schwer Irrtümer begehen, wenn sie ihre Verbalisierungsfähigkeit weiterhin einsetzen", sagt Stecker. "Wenn aber die Auseinandersetzung bei einem Kauf nur aus 'Name, Preis, brauchen wir, gehört zur Gruppe' und 'hat der auch' besteht, brechen wir selber unsere guten Bedingungen auf. In dem Augenblick, wo ich etwas verbalisiere, objektiviere ich meine Eindrücke. Das ist die genuine Aufgabe des Kunsthistorikers."

Ein Museum schafft Quellen, sagt Stecker. Es gibt die Verpflichtung, Zeugnis abzulegen. Kunst, sagt er, muss mehr sein als eine Eurozahl plus Inventarnummer. Zahlen angesichts der Kunst sind nichts als nachrechenbare Ohnmachtserklärungen. Das Leben im Chefsessel ist eine Art Mikado: Willst du die Stäbe im Zentrum freilegen, musst du für kleinste Bewegungen sensibel sein. Alles ist mit allem verbunden und reagiert. Es gilt, sich vor jedem Schritt die möglichen Berührungspunkte anzusehen. Das alles ist ein filigranes Mobile, und einer wie Stecker muss Luftzüge ahnen können. Ahnung aber hat mit Kenntnis zu tun. Sammeln auch. Stecker beherrscht das Mikado und spielt virtuos das Duo aus Blumenstrauß und Pralinen und professioneller Museumsmechanik. Übersetzung: Einer wie er muss den Kontakt zu den Sammlern haben. Was heißt hier haben -- es geht auch um die Pflege. Es geht darum, sich in Szene zu setzen. So viel steht fest: Es schadet dabei nichts, wenn einer selber sammelt. Aber es geht auch um die Etüden auf der Klaviatur der Ökonomie. Stecker ist ein Dirigent vom alten Schlag, der sich für moderne Denkweisen nicht zu schade ist. Er bleibt beim musealen Akkord: Sammeln, konservieren, vermitteln, erforschen und einer wie Stecker hat das Partiturlesen gelernt. Kunst ist Leidenschaft. Sammeln auch. Er legt den Zigarillo in den Aschenbecher. "Jetzt vielleicht doch ein Gläschen Wein?" Warum eigentlich nicht.

 

autoreninfo 
Heiner Frost geboren 1957 in Rees am Niederrhein, lebt heute mit Frau und Tochter Lena in Kranenburg (Niederrhein). Kompositionsstudium an der Robert Schumann Musikhochschule in Düsseldorf. Berufe: Journalist, Autor, Komponist, Dirigent. Veröffentlichungen: Lenzenhorst oder: Die Zeit ausschütten (2002, edition anderswo)
Homepage: http://www.heinerfrost.de

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/slums/sammeln/