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Jean Fautrier: Les massacrés, 1944

von Hanna Hilger

Jean Fautrier: Les massacrés, 1944.
Radierung 28/50. 29,5 x 23,5 cm/55,5 x 33,5 cm.

Als "Hieroglyphen des Schmerzes" hat André Malraux die Gemälde des 1945 in Paris ausgestellten Zyklus der Otages (Geiseln) bezeichnet, in deren Umkreis auch diese kleinformatige Radierung gehört. Der französische Maler Jean Fautrier (1898-1964) versuchte schon in den Zwanziger Jahren eine Annäherung an das Thema Verlassenheit und Leid. Als er Anfang der Vierziger Jahre seine künstlerische Tätigkeit wieder aufnimmt, geschieht dies vor dem Hintergrund der traumatischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und der Okkupation; die tiefe Daseinskrise schreibt sich nun unmittelbar und historisch konkretisiert in seine Bilder ein. Die 1944 entstandene Radierung Les massacrés zeigt ein Gewebe von über- und ineinandergelagerten Gesichtern. Der einzelne Kopf ist im Profil erfaßt und jeweils schematisiert, erscheint chiffrenhaft vervielfältigt und zugleich individualisiert durch die scheinbar unsichere Zeichnung. Mund und Nasenpartie sind nachgezogen und betont, die Augen fehlen. Ein Ausdruck von tiefem Schlaf, Ernst, Tod, kennzeichnet diese in schweigender Anonymität verharrenden Gesichter. Zerbrechlich wirkt das Netz aus feinem Strichwerk, welches durch seine Transparenz jede Plastizität verweigert und wie in einer raum- und sinnentleerten Fläche schwebt. In dem Maße, wie sich der einzelne Kopf in das abstrakte Formgeflecht verliert, suggeriert die Zartheit der Komposition ein Stadium der Auflösung, des Absinkens und der Vergänglichkeit. Der Eindruck einer Akkumulation von Schädeln, eines Grabes drängt sich auf, unterstützt durch den Räumlichkeit stiftenden grauen Rahmen an beiden Seiten. Dieser ist 'bedruckt' mit Fingerabdrücken, unmißverständlich zu lesen als Spuren, als eindringliches Zeugnis des in der jüngsten Geschichte entindividualisierten Todes. Die filigrane Struktur der Gestaltung bestimmt den meditativen Ausdruck des Bildes, den eine stille Trauer prägt. "Keine Gesten. Kein Gestikulieren. Bestürzung, Vorwurf. Keine Bewegung, außer der Bewegung des Bildes, das in das Feld des Geistes einbricht; des gefolterten Gesichts, das vom Grund der Schatten aufsteigt, das näherkommt in Großaufnahme; außer der drehenden Bewegung der Gesichter von Märtyrern an unserem Himmel wie Sterne, wie Satelliten, wie Monde", schrieb der mit dem Künstler befreundete Schriftsteller Francis Ponge zu den Otages. Die suggestive Kraft der Werke Fautriers -- und dies gilt besonders für seine pastosen Gemälde, die sich spannungsreich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit bewegen -- läßt das existentialistische Klima im Paris der Nachkriegszeit spürbar werden. Angesichts der Grenzerfahrung des Todes offenbart sich die Brüchigkeit der Realität, schonungslose Sinnleere, das Nichts. Vergleichbar mit Jean Dubuffet oder Wols wird die Kunst bei Fautrier zum Ausdruckspotential dieser schmerzhaften Erfahrung der Entfremdung. Jedes Kunstwerk ein Akt des Selbstentwurfs. Die Bilder dieser Künstler gleichen hochsensiblen Psychogrammen voller Tragik, die man mit dem Begriff der 'lyrischen Abstraktion' zu charakterisieren versucht hat. Ihre intime Sprache steht dabei ebenso der kühlen Ästhetik der zeitgenössischen geometrischen Abstraktion wie auch der ausladenden Dramatik des amerikanischen abstrakten Expressionismus gegenüber.

Eine Lithographie des Werkes findet sich in der wirklichen Welt unter anderem auf der Insel Hombroich.

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