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no. 2: sehnsucht -> perspektive
 

perspektive

Paradies

von Ina Jekeli

Seit jeher ergötzen sich Menschen an der Idee des "Naturkindes", von keiner Zivilisation berührt, aufgewachsen in einem Zustand der 'Wildheit', Reinheit, Natürlichkeit, der gleichsam das Maß der Menschheit darstellt. Die Geschichte wird in allen Variationen durchgespielt, der 'Gute Wilde' Rousseaus hat daran ebenso seinen Anteil wie der immer wieder aufgegriffene Kaspar-Hauser-Mythos oder -- Produkt der 90er Jahre -- der Film Nell von Michael Apted.

Wir finden das Thema in wissenschaftlicher und literarisch-künstlerischer Produktion, im Journalismus in jeder Form, und natürlich interessieren sich auch die Naturwissenschaften dafür. Obwohl die Frage "Angeboren oder Angelernt?" von kaum einem anderen als ideologischen Interesse ist, kann sich so mancher dem Reiz des Experiments mit dem abgeschotteten Kind nicht entziehen, und begnügt sich (nachdem er sich moralisch entrüstet davon distanziert hat) mit leiser Enttäuschung damit, es in Gedanken (oder an Affenkindern) zu vollziehen.

Doch was steckt dahinter? Warum sucht alle Welt nach diesem sagenhaften Naturzustand, dem Nullwert der Variable Mensch, dem Prototypen, wenn man so will? Hier, so scheint es, zeigt sich die Berechtigung des Paradies-Mythos als einem der grundlegenden und prägenden Mythen. Die Existenz eines Paradieses stillt die Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit. Funktionalistisch gesprochen: Der Mensch braucht einen Ursprungspunkt, auf den er sich beziehen, an dem er sich messen kann und an den er sich klammert, um nicht den Glauben daran aufgeben zu müssen, daß irgendwann, sei es auch noch so lange her, alles gut war, alles.

Die Folgerung liegt nahe, daß die Faszination, die die verschiedenen 'Naturkinder'-Fälle ausüben, in der Hoffnung wurzelt, ein Zipfelchen, einen Hauch, einen Schatten von diesem vergangenen Zustand der Glückseligkeit zu erhaschen. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, daß man in diesen Geschichten eher eine Projektion der Gesellschaft, in der sie entstanden sind, wiederfindet, als etwa eine tatsächliche Annäherung an irgendeinen Urzustand. Dem Naturzustand wird alles 'Gute' beigelegt, das die Mitglieder der Gesellschaft, um die es gerade geht, in ihr vermissen. Er zeigt das positive, oft romantisch verbrämte Gegenbild der Gesellschaft in ihrer Selbstwahrnehmung. Dem 'Naturkind' wird das Heil gegen alle Übel der Gesellschaft in die Hände gelegt, 'Natur' rettet 'pervertierte Zivilisation', und so endet auch der Film Nell mit dem Satz " ... denn ihr habt sie mehr gebraucht als sie euch." Wirklich ergreifend.

Der Grund aber, warum man diesen Nullwert, den Menschen, aufgewachsen ohne menschlichen Einfluß, nicht findet, ist einfach. Es gibt ihn nicht. Wie definieren wir denn den Menschen? Ein Mensch ist einer, der als Mensch geboren wurde, unter Menschen aufgewachsen ist und von ihnen und ihrer Gesellschaft geprägt wurde, sich in und mit ihnen entwickelt hat und umgekehrt auch die Gesellschaft prägt, der er angehört. Ein Mensch, der ohne menschlichen Kontakt aufwächst, ist entmenschlicht, und das ist mehr als nur ein Wortspiel. Er ist kein Mensch, denn ihm fehlt, was das Wesen des Menschen ausmacht: die Bindung an andere.

In der Semiotik kann man sich darüber streiten, ob ein Zeichen, das keiner wahrnimmt, ein Zeichen ist. Ich denke, es ist keines. Ein Zeichen ist nicht nur über den Zeichenträger und das Objekt, auf das es verweist, definiert, sondern auch über den Rezipienten, der es wahrnimmt und dadurch, daß er ihm eine Bedeutung zuweist, die Beziehung zwischen Signifiant und Signifié erst herstellt. Kleine Unebenheiten im Schnee werden erst dann zu dem Zeichen, daß hier ein Hase langgelaufen ist, wenn jemand da ist, um ihnen diese Bedeutung beizulegen. Ebenso ist es bedeutungslos, jemanden, der allein in einer Welt ist, Mensch zu nennen. Einen Urzustand des Menschen als solchen gibt es nicht, und würde man das Experiment mit dem abgeschotteten Kind durchführen, so erhielte man ein Wesen, das in seiner Menschlichkeit verkrüppelt und letztendlich -- und das ist keine Metapher -- nicht lebensfähig wäre.

Doch auch wenn es den Urzustand des Naturkindes nicht gibt, das Streben danach existiert und wird weiterhin existieren. Der Zielpunkt dieses Strebens ist bedeutungslos, sinnleer, aber dessen ungeachtet erfüllt er im menschlichen Leben eine wichtige Funktion: Er gibt dem Menschen Halt, setzt einen Fixpunkt, den paradiesischen Urzustand, als Ausgangspunkt in die Unendlichkeit alles Möglichen und reduziert so, um mit Luhmann zu sprechen, die Komplexität der Welt auf ein Maß, das für den Menschen verarbeitbar ist. Die Sehnsucht nach dem Paradies bleibt.

 

autoreninfo 
Dr. Ina Jekeli, Jahrgang 1972, studierte Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Tübingen und Paris. Sie promovierte in Tübingen mit der Dissertation: Ambivalenz und Ambivalenztoleranz. Soziologie an der Schnittstelle von Psyche und Sozialität. Osnabrück 2002. Parallel war sie an der Uni Tübingen in einem Forschungsprojekt zur Heimerziehung taetig. Seit 2002 lebt sie in Amsterdam und arbeitet im Bereich der Familiendiagnostik und Supervision bei kommunikativen und familienstrukturellen Problemen. Ina Jekeli ist seit 1997 Mitglied der parapluie-Redaktion.

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