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no. 2: sehnsucht -> kulturelle überlegenheit und vielfalt
 

Gespenster des 19. Jahrhunderts: Kulturelle Überlegenheit und Vielfalt

von Daniel Sturm

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* literatur
* druckbares

Das Leben in der Schachtel ist die zwangsläufige Folge national-puristischer Programme. Immer wieder versuchen jedoch Menschen, die Schachtel zur guten Stube umzubauen. Oft genug scheitern sie an den Denkmustern des 19. Jahrhunderts.

 

Nach dem Jahrhundert der Eisenbahn stehen wir, wie uns Schwärmer glauben machen wollen, unmittelbar vor dem Jahrhundert der Datenautobahn. Der Fortschrittsglaube wirft jedoch immer größere Schatten, seine Ungleichzeitigkeiten und Anachronismen schwellen. Wer von wirtschaftlichem Wachstum spricht, müßte auch intellektuell den Gürtel lockern.

Stattdessen tragen mehr und mehr Politiker, Journalisten und sogenannte Kulturschaffende die intellektuellen Hosenträger. Im Streit der Interessen wird couragiertes Denken zum Spießrutenlauf. Dabei wäre es an den Intellektuellen, Gegenmodelle zu entwickeln zur gegenwärtig schwindenden Bereitschaft, kulturelle Vielfalt als Differenzierungsprozeß der modernen Gesellschaft zu verstehen und gesellschaftlich, rechtlich und religiös umzusetzen.

Das 20. Jahrhundert ist zuerst das Saeculum der Flüchtlinge. Offiziell spricht die UNO 1995 von 22 Millionen Flüchtlingen weltweit (1990 waren es noch 15 Millionen Menschen), denen ein Vielfaches an realen Flüchtlingen gegenübersteht. Wohlstandsgefälle, Ressourcenverschwendung und Waffenexport sind Gründe dafür, daß Menschen heimatlos werden. Wie eine Verhöhnung dieser weltweiten Problemsituation liest sich dagegen die zunehmend restriktive Einwanderungs(verhinderungs)-Politik der großen Industrienationen.

Dabei übernahm die BRD als einziges Land in der Europäischen Gemeinschaft die unverbindliche Charta der Vereinten Nationen von 1948 ins Grundgesetz: Asyl kann denen gewährt werden, die politisch verfolgt werden (GG Art. 16, 2). Wohl allzu voreilig, wie sich in der Asyldebatte von 1993 herausstellte. Das dem Individuum zugesicherte Recht auf Asyl, in Deutschland ein Grundrecht, ist durch die Ausführungsbestimmung des Schengener Abkommens kaum mehr einzufordern.

Zur Abschottung Europas nach außen wird dabei auf das uralte und längst überholt geglaubte Modell des Tellerrands rekurriert. Hier Okzident -- dort Orient, hier Christentum, dort Islam, hier Erbsen -- dort Möhren. Daß diese Grenzziehung ein politisches Instrument zur Abschreckung ist, dürfte klar sein. Das leitende Modell ist die Vorstellung, daß die migrierenden Gruppen einer fremden Kultur sich der Kultur des Gastgeberlandes anzupassen hätten. Diese Assimilation (auch Akkulturation) wird beschworen mit dem Hinweis, andernfalls drohten Durchrassung (Stoiber) und Bastardisierung. Hin und wieder kann die Majoritätskultur Minderheiten(sonder)rechte zugestehen (Modell USA). Das Pendel schwingt also -- tendenziell rechtslastig -- hin und her zwischen zwei Wendepunkten, die in der politischen Sprache emotional aufgeladen werden: Diktatur der Minderheitenrechte oder überlegenheit der Leitkultur. Die historischen Wurzeln dieser Frage liegen im 19. Jahrhundert.

 

Reinheit macht überlegen, Überlegenheit macht rein

Die Theorie der Überlegenheit und die damit implizierte Notwendigkeit der unterentwickelten Kulturen, auf die Stufe der Nationen der Alten Welt zu gelangen, ist grundlegend für die Rechtfertigung des Imperialismus des 19. Jahrhunderts. Die nebeneinander bestehenden Kulturen, deren Reichtum und überlegenheit etwa in Arabien oder Indien zuvor immer anerkannt war, werden aus europäischer Sicht in eine historische Stufenfolge typisiert und das christlich-kapitalistische Europa zum (vorläufigen) Ziel erklärt.

In der Phase des imperialen 19. Jahrhunderts entstehen diese Modelle gewaltsamer Vereinheitlichung: Völker schließen sich staatlich zu Nationen zusammen und treten untereinander in Konkurrenz um die beste Nation und versuchen anderen Nationen ihre bessere Kultur aufzuzwingen.

Auf diesem nationalistischen Trümmerfeld sind Konflikte unvermeidlich, auch wenn Menschenrechte juristisch verbürgt sind. Im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht, das noch heute gültig, aber bereits 1913 verabschiedet wurde, wirkt sich die Vorstellung des 19. Jahrhunderts aus, daß kulturelle Identität durch Blutsverwandtschaft (ius sanguinis) biologisch festliegt, nicht durch das konkrete Zusammenleben in der lokalen Gemeinschaft eines Landes (ius soli -- das Territorialprinzip).

So spiegelt das deutsche Staatsbürgerrecht den parlamentarischen Zustand von 1913 wider. Ein Türke, will er denn unbedingt Deutscher werden, muß heute fünf Bedingungen erfüllen: erstens das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, gewissermaßen der Freibrief des Verfassungsschutzes, zweitens die Beherrschung der deutschen Sprache, drittens wirtschaftliche Solidität (nur immaterielle Motive, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen), viertens Volksgesundheit (Aids-Test im Verdachtsfall) und fünftens einwandfreie Lebensführung. In welch groteske Situation jemand geraten kann, wenn er sich zum Deutschtum entscheidet, führt Claus Leggewie in seinem Buch Multi-Kulti vor: Ein Göttinger Türke entschließt sich, Deutscher zu werden, füllt also brav das dazu erforderliche, achtseitige Formular aus. Die Ausländerbehörde stellt bezüglich Bedingung fünf (einwandfreie Lebensführung) derweil Nachforschungen an. Im Bekanntenkreis des Türken fragen die Beamten, ob der Antragsteller denn auch Schweinefleisch essen würde. Von einem guten Göttinger, sozusagen der Prototyp der Majoritätskultur, muß man also implizit annehmen, daß er Wiener Schnitzel ißt. Hätte ein Göttinger Vegetarier damit nicht automatisch seine deutsche Staatsbürgerschaft verwirkt?

Das biologisch unvermischte Volk ist ein Hirngespinst. Der Stand des deutschen Staatsbürgerrechts spricht dennoch die Vorstellung der natio aus. Während dieses Ideal (von lat. nasci -- geboren werden) von einem ursprünglich ungemischten Volk ausgeht, ist historisch unbestritten, daß alle Völker heterogene Elemente integrieren, daß es keine natürlichen Grenzen gibt. Gegenteilige Behauptungen sind im Interesse einer Politik ausgesprochen wie z. B. der Rassenideologie des NS-Reichs, die das Volk der Slawen dem Herrenvolk der Germanen biologisch unterordnet und damit nicht nur Besitzansprüche anmeldet, sondern sogar Völkermord legitimiert. Biologistische Metaphern aus der Züchtung von Blumen und Tieren werden unbesehen auf Völker übertragen, wie Rassereinheit, Entartung, Erbgut, Schädlinge, ausmerzen, Evolution und natürliche Selektion (Mendel, Darwin).

Noch ist dieses Modell überall im Schwange. Doch übersieht es fraglos, daß moderne Gesellschaften sich mehr und mehr ausdifferenziert haben, kulturelle Vielfalt innerhalb jeder Kultur tagtäglich stattfindet. Der Begriff des Multikulturalismus ist dabei unglücklicherweise mit falschem Pathos geschwängert: Als Kampfbegriff klingt Multikulturalismus immer ein wenig nach Heiner Geißlers Parole "Wir brauchen die Ausländer." So, als könne man sich in irgendeiner Weise für oder gegen Migration entscheiden. Falsch! Die multikulturelle Gesellschaft ist bereits da, keine politische Entscheidung ("Deutschland ist kein Einwanderungsland!") wird ihrer normativen Kraft auf Dauer widerstehen können. Die multikulturelle Gesellschaft ist also keineswegs eine anzustrebende soziale Lebensform, der man sich mit einem Wahlkreuz auf dem Stimmzettel zuordnen kann. Wir leben bereits in ihr. (übrigens sei an die gigantisch große Zahl von Migranten erinnert, die keine Statistik erfaßt, Menschen, die illegal in Deutschland leben und arbeiten. Wohlfahrtsverbände vermuten, daß sich allein in Berlin 100 000 Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung durchschlagen).

Auch in Deutschland existieren also viele verschiedene Lebenswelten nebeneinander. Und dennoch fällt es -- abseits von Gedankenlosigkeit und Unwissen -- schwer, vom nationalistischen überlegenheitsdünkel Abstand zu nehmen. Richard C. Schneider nennt dies eine "allgemeine Haltung (...), wie sie kürzlich Michael Glos in einer ZDF Talk-Show ausdrückte: Es gäbe in der Bundesrepublik keine multikulturelle Gesellschaft, sagte er, und man wolle sie auch gar nicht. Der Überheblichkeit, in der Glos das hervorbrachte, hätten die anderen Gesprächsteilnehmer -- Politiker aus allen im Bundestag vertretenen Parteien -- vehement widersprechen müssen. So hätte man annehmen können. Doch nichts dergleichen geschah. Dies ist nur ein Beispiel für den Ethnozentrismus in Europa, insbesondere in seiner deutschen Variante. Das Große zeigt sich eben manchmal im kleinen." (Süddeutsche Zeitung, 9./10.12. 1995)

Die Nachwirkungen des nationalistischen Trümmerfelds sind über die Sprache der Ideologie erkennbar. Wie leichtfertig wurde die Idee vom melting pot geboren und zur hohlen Ideologie verbrämt. Heute spricht man nicht mehr pathetisch von Nordamerika als dem melting pot, sondern zynisch von der salad bowl, in der Hispanics, Afroamerikaner, Native Americans und Weiße wie Erbsen, Möhren, Gurken und Kartoffeln in einer Schüssel leben. Hübsch und bunt anzusehen, aber bitte fein säuberlich getrennt, Hauptgericht und Beilagen, Leitkultur und Minderheiten. Dieses alte Modell der Entmischung feiert in den USA eine Renaissance -- und weil man als Deutscher ja immer so gerne nach Westen blickt, sei hier ein Beispiel genannt.

Mit der Behauptung, daß Schwarze einen genetisch bedingt niedrigeren IQ hätten als Weiße, hat das Buch The Bell Curve 1995 eine heftige Debatte losgetreten. Die freischwebenden Intellektuellen Herrnstein und Murray kommen zum Ergebnis, daß Amerikas nationaler IQ im Sinken begriffen ist, denn die IQ-defizitären Bevölkerungsteile (Schwarze und Immigranten) weisen signifikant höhere Geburtenraten auf als die Elite. Ein zweites Ergebnis, daß der IQ zu 60 Prozent genetisch bedingt sei, führt zur deutlich suggerierten Schlußfolgerung der Autoren, repressive Geburtenkontrolle und selektive Einwanderungspolitik könnten Abhilfe schaffen. Bereits in den ersten zwei Monaten wurden 400 000 Exemplare des Buchs verkauft -- ein untrügerisches Anzeichen für den herrschenden Zeitgeist. Die massiven Kürzungen der Sozialleistungen, mit denen die Republikaner den Staatshaushalt sanieren wollen, lassen sich mit dieser zynischen Bell-Curve-Ideologie bestens rechtfertigen: Wenn die alarmierende Misere der untersten 20 Prozent auf deren genetisch bedingt niedrigen IQ zurückgeht, dann kann man mit Quotenregelungen (Minderheitensonderrechte) der affirmative action auch nichts mehr ausrichten. Die politische Obszönität liegt darin, neue Grenzlinien zwischen Gleichen und Gleicheren zu ziehen. Motto: Bring' ruhig Deine Döner-Bude nach Deutschland, sprich ruhig türkisch, aber fordere niemals das Recht, die gleichen Rechte zu haben.

In Deutschland findet sich die Rückkehr zu biologisch-rassistischen Erklärungen immer dann, wenn Einwanderungspolitik als Bevölkerungspolitk betrieben wird. Wir brauchen die Ausländer, sagt Heiner Geißler in einem ZEIT-Dossier und meint damit, daß das Volk der aussterbenden Deutschen dringend kräftige und talentierte Auswechselspieler bräuchte. Auch der Pragmatiker Leggewie, dem zunächst an der schnellstmöglichen Einführung eines Einwanderungsparagraphen gelegen ist, setzt auf eine Mischung aus Sozialpsychologie und Bevölkerungspolitik. 300 000 Einwanderer in Deutschland hält er für ein zumutbares Maß an Migration und den sozialen Frieden einer multikulturellen Gesellschaft will Leggewie mit den Mitteln des kalten Krieges erreichen. Rostock, Los Angeles und Sarajewo sind für Leggewie Indizien für den Untergang der nationalen Monokultur, dessen Ursachen nicht der kulturelle Pluralismus gewesen sei. Die Ortsnamen bezeichneten vielmehr "die GAUs einer Zivilgesellschaft, die noch keine Mittel und Mechanismen gefunden hat, den Super-GAU, den ethnischen Bürgerkrieg, auf dieselbe Weise zu fürchten und zu vermeiden, wie weiland die nukleare Abschreckung eine Eskalation des Konflikts der Atommächte verhindert hätte."

Der kanadische Publizist Michael Ignatieff (Blood and belonging 1993) gebraucht den Begriff des Multikulturalismus in pathetisch gefärbter Weise. Die imperialen Ruinen, die das 19. Jahrhundert den modernen Gesellschaften hinterlassen habe, sind seiner Meinung nach zu riesig, als daß friedliches Zusammenleben darin möglich wäre. Sein Traum von der Auflösung der Völker in Kommunen, Gruppen und Kreise intellektueller Kosmopoliten sieht Ignatieff deshalb gefährdet, weil die Völker nach jahrhundertelanger imperialer Bevormundung willkürlich und regellos zu fragwürdiger Selbstbestimmung gelangten. Am Beispiel Bosniens kommt Ignatieff zu einem Fazit, das alle idealen Vorstellungen multi-kulturellen Zusammenlebens als lediglich im Modell perfekt erscheinen lassen. "The cosmopolitan order of the great cities -- London, Los Angeles, New York, Paris -- depends critically on the rule-enforcing capacities of the nation-state. When this order breaks down, as it did during the Los Angeles riots of 1992, it becomes apparent that civilized, cosmopolitan multi-ethnic cities have as great a propensity for ethnic warfare as any Eastern European country."

Ignatieffs Essay endet mit der ernüchterten Einsicht, daß nur saturierte Völker sich den Luxus einer kosmopolitischen Minderheit -- also eine herablassende Haltung gegenüber den Bedürfnissen der Hungrigen -- leisten können. Nicht der Nationalismus an sich sei das Übel der Welt, sondern der Weg zu einem angestrebten sozialen Frieden, der umkämpft werde von zwei Parteien: den Vertretern des bürgerlichen (zur Zeit in der Minderheit) und den Vertretern des ethnischen Nationalismus.

Während Ignatieff an dieser historisch eher lakonischen Bemerkung halt macht, wünscht sich Leggewie den Schritt zur erdachten Utopie. Die postmodernen, d. h. in hohem Maße ausdifferenzierten Gesellschaften der Moderne, seien Gesellschaften von Fremden. In solchen Gesellschaften würde auf kurz oder lang der traditionelle Raum des Einheimischen verschwinden, ebenso die klassische Opposition des Eigenen und des Fremden. Leggewie kann nicht definieren, worin die Chance dieses Fremdheits- und gleichzeitigen Heimatgefühls in den modernen Zwischenwelten besteht. Er pocht nur darauf, daß es sie mit allen Mitteln zu sichern gilt: "Die theoretische Linie hin zu dieser undenkbaren Figur des Menschen ohne Eigenschaften startet in der Moderne bei den aufgeklärten Philosophen der Buntheit wie Johann Gottfried Herder, führt über professionelle Soziologen wie Georg Simmel und Robert Ezra Park zu Alltagstheoretikern des Möglichkeitssinns wie Robert Musil und Salman Rushdie."

Doch wie immer holt die Wirklichkeit den Intellektuellen ein, wenn er Wünsche formuliert. Viele Menschen bewegen sich bereits -- mehr oder weniger unfreiwillig -- in sogenannten Zwischenwelten. Flüchtlinge haben keine Wahl, da spricht ausnahmsweise die Statistik wahre Worte: 850 000 zugewanderte Ausländer wurden von den Deutschen Innenbehörden 1989 registriert -- das übertraf die offizielle Immigrationsquote der Vereinigten Staaten, obwohl sich manch ein Politiker gegen die Vorstellung von einem Einwanderungsland Deutschland sträuben mag (am politischen Stammtisch wird er flugs das Gespenst der durchrassten Gesellschaft auf die Bierdeckel malen).

überdies gibt es Bewegungen, die schonungslos und erfolgreich nationale Grenzen mißachten. Neben die in allen Zeiten vertretenen kriminell und international handelnden Gruppen (früher Seeräuber, heute Kokainmafia) treten heue organisierte Ausprägungen von Mischkultur. Per definitionem multikulturell sind Phänomene wie Popkultur, neuere religiöse Bewegungen und das World-Wide-Web im Internet.

 

Multikulturalismus -- Gegenmodell ohne Rezept?

Am Grundproblem wird sich fürderhin nichts ändern: Dem Modell gewaltsamer Vereinheitlichung stehen wenig beachtete Gegenmodelle gegenüber, die im friedlichen Austausch der Kulturen die Bereicherung und Entwicklungsmöglichkeit der Kultur und im Internationalismus die Chance sehen.

Doch oft sind die Entwürfe des Multikulturalismus so konzipiert, daß auch sie für national-puristische Zwecke in Dienst genommen werden können. Veranschaulichen möchte ich diese These an dem im Grunde theoretisch schlüssigen Humanitätskonzept Johann Gottfried Herders. Herder kritisiert die Vorstellung von einem Endzweck Mensch. In Auch eine Philosophie der Geschichte von 1774 rechnet er polemisch mit dem aufgeklärten Geschichtsoptimismus der Zeit ab: "In Europa ist die Sklaverei abgeschafft, weil berechnet ist, wie viel diese Sklaven mehr kosten und weniger brächten als freie Leute: nur eines haben wir uns noch erlaubt, drei Welttheile als Sklaven zu brauchen."

Herders Grundannahme von der Gleichheit aller Menschen läßt ihn auch den von seiner Zeit diskutierten Gedanken, die menschliche Vielfalt durch die Existenz unterschiedlicher Rassen zu erklären, vehement ablehnen. Herder setzt dem Kantschen Entwurf der Rasse seine Monogenismus-Vorstellungen entgegen: Die Einteilung der Völker in Menschenrassen, die Ende des 18. Jahrhunderts populär wird, nennt Herder ein unedle(s) Wort (HW IV, S. 111). Die Umwelt, also Klima und Geographie, hätten eine geringfügige Neigung der verschiedenen Kulturen zur Folge, was sich auf physische Beschaffenheit, Kleidung und Lebensweise (Jagd, Fischerei, Ackerbau, Handel) auswirke. Nicht radikale Prägung, sondern Neigung. Diese Ablehnung der Rassentheorie, welche einen reinen Ursprung mit teilweisem Abfall (später Entartung) bzw. Determinismus der Kulturentwicklung annimmt, ist Herder hoch anzurechnen. Der umfangreiche Kulturbegriff des in der Tradition der deutschen Geisteswissenschaften stehenden F. Boas hat hier seine geistigen Wurzeln ebenso wie in Herders Auffassung von der Relativität der vielfachen Formen von Kultur (heute spricht man von cultural patterns).

Dem Menschen ist in jeder Kultur ein kulturspezifischer geistiger Horizont eigen, der alles Verstehen fremden Denkens a priori unmöglich bzw. zur puren Selbstbespiegelung macht. Befragen also Europäer Vertreter einer fremden Kultur, so werden jene nicht anders als in ihrem Gesichtskreise antworten und denken (SW XIII: 299). Ironisch dreht er den Spieß um und richtet vorgeblich neutrale Beobachtung gegen die Europäer: "Am meisten interessieren mich die Nachrichten, wie fremde Nationen uns ansehen, was sie von unserer Cultur und Religion (...) denken. Da kommen, bei den größten Dummheiten, Naivitäten zum Vorschein, die nicht treffender seyn könnten" (SW XV: 139).

Aller postulierten Vorurteilslosigkeit bei der Beschreibung von Fremdkulturen zum Trotz fällt auf, wie stark Herder eurozentrischem Denken verhaftet bleibt. Herders Annahme eines perfekten Griechenlands als Keimzelle Europas geht implizit von der überlegenheit europäischer Kultur aus. Isoliert lebende Völker haben hingegen keinerlei Aufschwung der Kultur leisten können. Die Tungesen und Eskimo etwa "sitzen ewig in ihren Höhlen und haben sich weder in Liebe noch Leid um entfernte Völker bekümmert". (SW XIII: 227)

Der Weg führt allerdings nicht zwangsläufig von Herder zu Hitler. Selbst Benno von Wiese, dem späteren Papst der deutschen Germanisten, ist eine schematisch nationalsozialistische Uminterpretierung Herders schwergefallen. In seinem Buch (Herder. Grundzüge seines Weltbildes. Leipzig 1939) startet von Wiese eine gnadenlose Projektion des Volksgedankens auf Herder. Dieser habe von einem biologischen Begriff des Volkes aus gegen die Wanderung der Nationen und gegen die Vermischung mit fremden Völkern (ebd. 156) argumentiert. Abgesehen von derartig falschen Indienstnahmen, die für nationalsozialistisches Denken konstitutiv sind, beschränken sich viele Forscher im NS-Reich auf die übliche Stilisierung des Führerkults. Hans Dahmen zieht biographische Analogien zwischen Herder und Hitler und reiht Herder in die Ahnengalerie nationalsozialistischer Propheten ein (Die nationale Idee von Herder bis Hitler. Köln 1934).

Doch wie ist die Idee der von Herder beschriebenen Humanität konkret vorstellbar? Kritiker wie der Historiker Gordon Craig machen Herders systematische Schwammigkeit dafür verantwortlich, daß sein idealistisches Konzept in den Dienst nationalistischer Ideologien genommen wurde. Doch Herders Entwurf ist keinesfalls, wie Craig weiter kritisiert, unpolitisch, er hat vielmehr den Charakter einer Utopie. Die Ziele der menschlichen Selbstbestimmung sind nirgendwo definiert, so daß Goethe eine sarkastische Bewertung über Herders Unanschaulichkeit leicht fiel. Der Sieg der Humanität, so Goethe, würde nach Herder bedeuten, daß die Welt ein großes Hospital und einer des anderen humaner Krankenwächter sein werde (Neapel, 27. Mai 1787).

Herders Verdienst ist größer einzuschätzen: über die Selbstbestimmung des einzelnen hinaus liegt ihm viel an dem Interesse des Ganzen (Nation und Menschheit). Über das romantisch unterfütterte Mittel der Selbstkritik fordert er eine friedliche Koexistenz aller Menschen. Dabei verzichtet er -- im Unterschied zu fast allen Theoretikern des 19. Jahrhunderts -- auf eine Philosophie der Überlegenheit und führt sogar deren Grundsätze ad absurdum: Was soll überhaupt eine Messung aller Völker nach uns Europäern? Wo ist das Mittel der Vergleichung?

Herders Aktualität ist von den Theoretikern der Mulitkulturalismus-Debatte erkannt worden. Wenngleich die Vorstellung eines multikulturellen Nichtkrieges (Leggewie) keineswegs für Begeisterungsstürme sorgen wird, scheint sie mir als erster Schritt die einzig politisch praktikable Lösung. Leggewie bevorzugt einen politischen Weg: Abschaffung des Ius sanguinis, Einwanderungsrecht, Möglichkeit zur Doppelstaatsbürgerschaft, damit Aufhebung des explosiven Vermächtnisses der Diskriminierung von Ausländern, die doch im Inland leben.

Denn Leggewie geht es einzig um die politische Wahrung des sozialen Friedens, nicht mehr und nicht weniger. Schon oft wurden angeblich pluralistische Entwürfe (Libanon, USA, Australien) von westlichen Intellektuellen verklärt, damit man von hausgemachten eigenen Problemen ablenken konnte. Nach dem Schock der kalten Dusche packten die Intellektuellen ernüchtert ihre Illusionen ein und nörgelten weiter, daß es nun mal kein praktikables Gegenmodell zum Nationalstaat geben könne. In Deutschland und mithin auch Europa führte das seit der Asyldebatte zum Bau neuer Mauern und zur intellektuellen Agonie.

Dennoch ist dieser politische Schritt zwar der erste, aber sicher nicht der letzte: Denn Leggewie kann keine Anwort geben, wie einer grundsätzlichen (psychologischen) Haltung zu begegnen ist. Das Nein zur Multikulturalität (das, wie gesehen, ein schizophrenes Nein ist) ist nichts als der ängstliche Versuch, ein längst obsolet gewordenes Überlegenheitsgefühl weiter zu behaupten. Man könnte das auch ganz einfach Schlichtheit des Denkens nennen. Die Verengung des eigenen Blicks, der ganz offensichtliche Unwillen, Dinge, die nicht ins Konzept passen, nicht wahrnehmen zu wollen. Offenbar machen diese unbewußt Angst, die sich oft in ganz massiven Gefühlsausbrüchen äußert (Mölln, Solingen), es nur schwer möglich, nebeneinander existierende Lebenswelten zu ertragen. Hinzu kommt, daß diese Lebenswelten samt deren Lebensweisen nicht mehr klar unterscheidbar sind, häufig selbst bereits Mischkulturen sind und damit über Jahrhunderte festgefügte Barrieren und Grenzen sprengen. Dies ist überall auf der Welt zu beobachten. Und Europa, insbesondere Deutschland, tut sich besonders schwer damit.

Salman Rushdies Antwort auf die Interviewfrage "Glauben Sie an die multikulturelle Gesellschaft?" könnte für Politiker wie Intellektuelle richtungsweisend werden. Sie lautete lapidar: Wo ist die Alternative? Wollen wir denn alle in kleinen Schachteln leben? Es bedarf also vor allem eines geistigen Klimas, in dem es sich lohnt, die kleine Schachtel zu verlassen.

 

autoreninfo 
Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
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