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no. 4: schönheit und ideal -> phraseologisches requiem
 

Phraseologisches Requiem

Wo sind nur die befeuernden Ideale geblieben?

von Georg Hehn

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* druckbares

Das Ideal ist stets einfach, monolithisch und vollkommen, das Reale stets individuell. Der durstige Wanderer wird sich stets ein ideales Bier wünschen, ohne lästige Einzelheiten eines realen Bieres. Das Wesen des Ideals ist somit ein nachlässiges Streben.

 

Es ist länger schon still geworden um die großen Phrasen, die Idee, Ideal, Geist womöglich, und nicht zuletzt Schönheit im Munde geführt haben. Sie sind im Diskursiven dem Imperativ der nachdenklichen Bescheidenheit gewichen, die sich nicht mehr vollmundig zu verkünden anmaßt, sondern sich in vorsichtiger Selbsteinschränkung und Selbstentkräftung ergeht, die sich als verantwortungsbewußter Intellektualismus mißversteht. Große Worte wecken nur noch Peinlichkeit. Kritik an herrschenden Verhältnissen ist ebenso wie pauschale Anklagen, Urteile und Empörungen dem toleranten Diskurs gewichen. Wo früher Schwärmer und Verirrte aller Art "j'accuse!" und "das Ende ist nahe!" schrien, werden heute politisch und mental korrekt nur noch bescheidene Anmerkungen, daß "Handlungsbedarf" bestehe, formuliert. Visionen, Utopien und alle radikalen Entwürfe eines ganz Anderen, das sich aus der so kompliziert, unübersichtlich und unergründlichen gewordenen, aber übermächtig-realen Wirklichkeit durch Idealität auszeichnete, haben entschieden schlechte Karten im vornehm defätistischen Nachglühen der Moderne. Niemand maßt sich mehr ernsthaft an, gordische Knoten zu zerschlagen, sondern betrachtet sie vielmehr im Rahmen von "zukunftsorientierten und sachspezifischen Problemlösungen" verwundert von allen Seiten.

Ob dies allerdings mit Fortschritt oder Verfall zu etikettieren sein wird, ist noch lange nicht entschieden. Allzuoft haben sich schließlich die Verwirklichungen der Visionen von Leuten, die über ihren Idealen allzu sicher waren, als das gegenseitige Niedermetzeln immer größerer Teile der Menschheit entpuppt. Der Elan zu größeren Metzeleien oder anderen planmäßigen Vernichtungszügen scheint nun zum Glück zumindest in unseren Breiten zunehmend zu erlahmen, doch ist an seine Stelle keine neue, positv-reflektierte Motivation getreten. Prinzipielle Entscheidungen und Gestaltungen unseres Lebens werden vielmehr möglichst unsichtbar und untergründig unter vermeintlichen Anpassungen an bestehende Verhältnisse versteckt. Das allzuofte Versagen bewußter Welt- und Lebensentwürfe wird nun beantwortet durch eine Verabschiedung der bewußten Kontrolle über unsere Lebensbedingungen überhaupt. Entscheidungen wachsen vielmehr unmerklich und geheimnisvoll in inoffiziellen Gremien, Lobbiistendschungeln, Werbebüros und Sachverständigengremien, um sich im Moment ihrer Sichtbarwerdung schon perfekt als ein Stück der immer schon vorhandenen und unabänderlichen, wenn auch bedauerlichen, Verhältnisse getarnt zu haben.

Diese Verabschiedung aller entschiedenen Aussagen und allen radikalen Gestaltungswillens geht in Einklang mit einer Zeit, die sich gleichzeitig ästhetisch der Nüchternheit, der Funktionalität und minimalistischen Adaption verschrieben hat. Kaum etwas schlimmeres ist vorstellbar, als der rein ästhetische Schnörkel: Funktionalität ist angesagt, wenigstens vermeintliche, und das Ornament kommt zu seiner Berechtigung nur noch als Ausweismittel einer spezifischen Mentalitätszugehörigkeit, im extremsten Fall als Vehikel des Protests.

So zieht sich beispielsweise das ästhetische Menschenbild auf einen zwar variantenreichen, aber immer schnörkellosen, androgynen und leistungsnormierten jugendlichen Strahlemenschen zurück, dessen Variationen zwischen strandgebräunter Bakardikonsumentin, jeepfahrenden Outdoorfetischisten oder ökologisch korrektem Inlineskate-Sportler, sich erschöpft in jeweiligen ästhetischen und psychischen Minimalkonzepten. Die jeweiligen geistigen und modischen Assecoires weisen ihren Träger nur noch als einer Mentalität zugehörig aus, und sei es auch die des nachdenklichen, intellektuellen Individualismusses. Architektur, Design und Lifestyle gefallen sich immer neuen Variationen der vermeintlich totalen Benutzbarkeit, die noch die Funktionslosigkeit von Luxusgegenständen auf eine scheinhafte Funktionalität verpflichtet wie zugleich Funktionsgegenstände mit Design verkrustet. Politische, soziale, und private Organisation wandelt sich zunehmend von Realisierungsversuchen geistiger Entwürfe zu 'realitätsgerechten' Anpassungen von Strukturen an im gleichen Streich geschaffene wie 'vorgegebene Realitäten'. Die Universalisierung von Design geht Hand in Hand mit einer Vergötterung und Entwertung von Funktionalität. Die Anpassung an vorgegebene Umwelten optimiert sich in dem Maße, in dem diese nicht mehr bewußt in Frage gestellt werden können.

Beispiele aus allen Lebensbereichen ließen sich anhäufen, um zu belegen, daß Ausdruck sich nicht länger aus einer Differenz von Wirklichkeit und Erträumtem, Erhofftem, Angestrebtem, Idealem versteht, sondern aus der Überfüllung und Überanpassung an das bereits Bestehende. Visionen treten allein noch auf als Visionen der Machbarkeit, die sich auch dann stets noch ausgeben müssen als bloße Reaktionen auf reale Zwänge. So ist z. B. der Freizeitwanderer heute vom Outdoor-Ausrüster höher technisiert aufgerüstet, als jeder, der bisher im Freien seinen Lebensunterhalt verdienen mußte, und auf seine Ausrüstung angewiesen war, die heute vor allem dem Touristen den Gedanken zu vermeiden hilft, einen Sinn für sein Umherwanken in freier Wildbahn finden zu müssen. Oder auch jeder Bürger sieht sich einer perfektionierten Informationsmaschine zu allen politischen und gesellschaftlichen Verästelungen seiner Gemeinschaft gegenüber, deren fleißige Benutzung ihm vor allem den Gedanken vermeiden hilft, daß er gesellschaftliches und soziales Engagement zunehmend verliert. Jeder Computerbenutzer schließlich sieht sich einer stolzgeschwellten Selbstanpreisung dessen Maschinenleistung gegenüber, die ihm vor allem Vermeiden hilft zu bemerken, daß er sie größtenteils zu sinnlosem Internetsurfen, wenn nicht gleich etwa Einstellen der Blinkfrequenz des Cursors in Anspruch nimmt. Beispiele aus allen Bereichen des Lebens ließen sich anführen, begrenztere wie universellere, bedeutungslose wie solche in zentralen Funktionen unserer Kultur.

Das Streben nach dem ganz anderen der Idealität scheint somit zumindest verschwunden von der Oberfläche der Geister, die Lebensentwürfe nicht länger romantisierend gegen vermeintlich Wirkliches stellen, sondern sich durch möglichst optimales Ausnutzen fraglos anerkannter Wirklichkeitstrukturen motivieren. Niemals waren die Menschen so nüchtern und lebenstüchtig wie heute und niemals so nahe daran, das Leben, in dem sie tüchtig sind, so vollständig aus ihrem Bewußtsein zu verlieren. Die Zeit scheint für das Sehnen nach entrücktem Idealen vorbei, mit all ihren Verirrungen zum Guten wie zum Schlechten. Realitätssinn und Über-Realitätssinn sind gefragt. Doch der Schein, wie es seine Sache ist, trügt wieder einmal, so scheint mir, denn das Ideal ist allein von der Oberfläche des Bewußtseins verschwunden. Es bleibt jedoch als Moment unserer Wahrnehmung und unseres Denkens selbst unverückbarer Teil allen menschlichen Ausdrucks.

Nichts scheint von Idealität geblieben, nachdem sich die Schönheit der Frauen vom Gegenstand romantischer Minne zum Gegenstand von Aerobic-Kursen, Zellulitisberatern und Magazinfotographen wandelte, die Schönheit von Gegenständen vom Primat der nutzlosen Erlesenheit zur funktionalen Formschönheit überging, der Genuß des Essens sich in Nährwerttabellen und Gesundheitsideologien, Fastfood-Werbung oder auch künstliche Gourmetmanirismen aufteilte und nicht zuletzt die Vollkommenheit von Sozialstrukturen nicht mehr nach entrückten Menschheitsidealen sondern ihrem Beitrag zur individuellen Bedürfnisbefriedigung und gesellschaftlichen Nützlichkeit bewertet wird. Doch das Ideal bleibt trotzdem erhalten in jeder noch so funktionalen Umwelt und jedem noch so funktionalen Charakter, steht es doch nicht in Opposition zur Funktion, die selbst weitenteils ein Mythos ist, sondern zur Realität. Das Streben nach Idealen speist sich auch nicht aus irgendwelchen vermeintlich hehren Zügen der menschlichen Seele, sondern eher aus der Trägheit und Faulheit unserer Wahrnehmung, unserer Vorstellungskraft und unserer Erkenntnis.

Merkmal des Idealen, sei es des Ideals der Schönheit, der Funktionalität, des Sozialen, Charakterlichen oder was auch immer ist seine prinzipielle Einfachheit gegenüber der intensiven und extensiven Merkmalsunendlichkeit realer Dinge. Das Ideal ist stets einfach, monolithisch und vollkommen, das Reale stets individuell, und damit befrachtet mit einer unausschöpfbaren Fülle von gebrochenen, speziellen, sich widerstreitenden und in immer neuen Relationen beziehenden Prädikaten. Schon in der Wahrnehmung, mehr noch in Imagination und Erkenntnis, muß darum das Prinzip der minimalistischen Faulheit gelten. Wahrgenommen wird nur, was wichtig ist, d.h. einen Bezug zum Wahrnehmenden aufweist, alles andere bleibt in Idealformen stehen, reinen Schemen, nur latent und damit eben ideal. Versuchen Sie sich nur an alle Einzelheiten eines Spaziergangs durch die Stadt zu entsinnen: kein Millionstel der aufgenommenen Sinneseindrücke wird Ihnen bewußt erinnerlich geblieben sein. Gleiches gilt für alle Emotionen und Imagination. Der durstige Wanderer wird sich stets ein ideales Bier wünschen, ohne lästige Einzelheiten eines realen Bieres, der Verliebte wird sich an ein Ideal des Kusses erinnern, nicht an seine reale Spezifizität und der Denkende schließlich wird nur auf jene Zusammenhänge kommen, die in irgendeinem Zusammenhang mit seinem Leben stehen, und zu recht. Das Ideal ist Produkt unentwegter Vereinfachung, die alles ergreift, was nicht im absoluten, seinerseits theoretischen Fokus des absoluten Hier und Jetzt steht. Erwartung wie Erinnerung wie alle Wahrnehmung sind idealisierend: sie wollen stets zum Innbegriff machen, was doch nur Exemplar war und sein wird.

Das Wesen des Ideals ist somit ein nachlässiges Streben, das aber heißt unterwegs sein zu ihm. Das Ideal ist das Sehnen nach Ankunft des noch nicht Angekommenen. Es ist der flüchtige Punkt aus dem es geschwunden ist, wenn der Gedanke, der müde Fuß, die Hoffnung ihn eingeholt haben. Zurück bleibt allenfalls das Erreichte, das Reale, vielleicht die Enttäuschung. Das Ideal aber ist aus ihm verschwunden wie die Farbe aus nächtlichen Blumen. Wie das Ende des Regenbogens und der Gewinn des nächsten Spiels ist sein wahrer Ort in den Köpfen der Menschen, direkt hinter dem Gedanken, der Idee, die nach ihm ausgreift. Es sitzt in der Dunkelheit hinter den Augen, die nach ihm spüren; das aber ist: gerade hinter dem Horizont. Für den Maler ist das ideale Gemälde und das schönste Bild seines Lebens dasjenige, das er als nächstes malen wird. Die Formulierung, um die sich der Schreibende noch müht, ist diejenige, die vollkommen das ausdrücken wird, um das er ringt -- solange, bis sie gefangen in schwarzer Schrift zu etwas anderem geworden ist, zu bloßen Begriffen, kalt, schal und unvollkommen; womöglich hingerotzt in einer krakeligen, verschmierten oder kindischen Handschrift. Die Existenz der Worte verkrüppelt das Ideale in ihnen, gerade noch geahnt, nun im Handstreich getötet durch die Zumutung, sein zu müssen. So wird die Formulierung erklärungsbedürftig durch eine weitere, das Bild läßt ein weiteres, reiferes und besseres erahnen, und das Werk muß Stückwerk bleiben in einer Welt, die Vollständigkeit und Vollkommenheit schon im Gedanken um den Preis der Existenz verfehlen muß. Das Ideal wird nur zugänglich in der Simulation, der Nachäffung seiner durch den unzureichenden Fakt, weniger noch: durch bloße Stellvertretung. Das aber ist die Beziehung des Symbols. Im Symbol ist aller inhaltlicher Bezug zerrissen und nichts geblieben als beliebige Übereinkunft. Das Symbol des Idealen kann niemals mehr als solches sein, nicht weil es vor ihm zurückbleibt, sondern weil es immer schon unendlich über es hinausragt. Als Reales kann es das Ideal nur durch seine notorische Einzelheit hindurchschimmern lassen, wie die Sonne oder einen Obstgarten durch die Fäden eines bestickten Vorhanges. Zu Beschreiben ist somit nur der Weg der Annäherung an das Ideal, denn was immer wir in der Blick nehmen, gibt weitere Qualia seiner Realität preis, und was immer wir begrifflich beschreiben, eröffnet in der Bestimmung neue Aspekte, die es dem Ideal entfremden. Dem nüchternen, bewußten Denken bleibt somit auch in der Reflexion der Zugang zum Ideal versperrt wie dem Augenfokus die verhuschte Bewegung im Augenwinkel. Versuchen wir darum auf andere Weise die Annäherung an ein Bild der Entrückung und vollkommenen Ideals. Sagen wir, mit einer Beschreibung einer Fahrt zum Gletscher aller Gletscher.

Als ich früh dieses Jahr beschloß, zum Gletscher zu fahren, stieß ich bei den Experten des Gletschers vorerst auf wenig Verständnis. Obgleich sich der Blick des einheimischen Fachmannes verklärte, sobald ich den Gletscher erwähnte, taten meine eingeborenen Bekannten für gewöhnlich die vorsichtige Erwähnung einer Fahrt mit einer Handbewegung ab als närrischen Einfall, wie er wohl Fremden kommen mag.

Der Gletscher: trotz seiner vielen Artgenossen genießt dieser allein die Auszeichnung des bestimmten Artikels: Bei klarem Wetter soll er zu sehen sein selbst von der Stadt aus. Dreihundertfünfzig Kilometer über das Meer hinweg -- eine winzige weiße Kuppe am Ende einer langen, zackigen Kette von Graten -- höher als sie alle. Der Gletscher, sagen die Bücher, vorsichtig und hinterrücks wie sie sind, "wird angesehen als die Verkörperung der vollkommenen Schönheit und Reinheit".

"Der Gletscher" sagten auch die Experten des Gletschers und schwiegen für einen neuen Schluck Bier. "Der Gletscher." Ein Ort soll er sein, waren sich alle einig, hatten es gehört. Ein besonderer Ort. "Ein ganz besonderer Platz auf der Erde" sagten manche. "Einer der schönsten Plätze auf der Insel, jedenfalls" sagten andere, noch etwas nüchterner. "Man kann sagen, was man will, eine besondere Atmosphäre hat er," wurde unaufgefordert über die Kaffeetasse hinweg verlautbart. Schließlich hebt auch der ältere Gast an der Bar, zweifelsohne ein Experte obersten Ranges an: "Bei diesen Leuten da, diesen Bunten da, ..."

"Esoteriker?"

"Jau, bei diesen Esoterikern ist er sehr beliebt, der Gletscher. Sie fahren da im Sommer hin, was zu finden, was da aus der Erde kommen soll."

"Erdöl?" wage ich provozierend zu fragen.

"Kraft; Kraft, die ihnen zu fehlen scheint." Er benutzt die Bewegung, mit der er das Whiskeyglas griff zu einer eindeutigen Geste an der Schläfe; eine Geste, auf die die traditionelle Antwort die Zertrümmerung des Bierglases auf dem Nasenbein des Urhebers darstellt.

"Kraft zu was?" wirft statt dessen der Barmann ein.

"Was weiß ich, die Kraft, einen Fisch zu werfen, wahrscheinlich; habe noch keinen von denen gesehen, der ordentlich eine Fisch werfen konnte."

"Núú?" sagte ich jetzt, was ein traditioneller Ton der Verwunderung ist.

"Aber im Ernst sieht er einfach aus wie eine umgedrehte Suppentasse", schließt der Experte, von so viel Unglauben verärgert.

Zweifelsohne, der Gletscher, Ideal überirdischer Reinheit, schwebend über Meer und Fels, war in aller Munde. Doch wer fuhr zum Gletscher? Dreihundert Kilometer übers Meer oder die Küste entlang? Im Sommer, wenn das Gras grün und die Straßen gut sind: die Verrückten -- aber im Winter?

Auf der Landkarte sieht der Gletscher aus wie ein weißes Pünktchen auf der Spitze einer langen Halbinsel. Kaum zu sehen, und wenig eindrucksvoll gegenüber den ausgedehnten weißen Flächen rechts auf der Karte, die selbst die Tasse nicht ganz verdecken kann. Eigentlich sieht er aus wie ein bißchen Vogeldreck, für den die Vorsehung keine Mühe gescheut hat, ihn mit dem Land zu verbinden. Vielleicht, weil er inmitten des makellosen Blaus der Meeres allzu pietätlos erschienen wäre. So erheben sich zweihundert Kilometer verschneite Berge, die nur da zu sein scheinen, damit man mit dem Bus zu ihm, Ideal der Vollkommenheit, fahren kann: dem Gletscher.

Für Jules Verne war er der Eingang zur Unterwelt. Unerschrockene Forscher kämpfen sich über die Weltmeere zu ihm und entdecken durch ihn das Mysterium der inneren Welt. Zahllose Scharen folgen ihnen jeden Sommer, zipfelchenbewehrt und manchmal gar mit Bastmatte aufgerüstet, um ihre eigene innere Welt zu entdecken. Hoffnungsvoll, obgleich sie bereits an der Aussprache des Ortes ihrer Anbetung scheitern: Snæfellsjökull.

Zu kaum einer Stelle sind so viele Anekdoten geschmiedet worden, ist so viel verständnisvoll genickt worden von den Leuten, deren Vorfahren unter ihm gewohnt haben, glücklicherweise stets zu sehr mit Helden und Heringen beschäftigt, um all zu viele Gedanken den Bastmatten und Zipfelchen zu widmen. Und doch fanden sie noch immer Zeit, über die am Gletscher zu munkeln, und auch den Gletscher über ihnen. Dem großen Meister gar war er ein eigenes Buch wert. Was sonst könnte ihn in den ewigen Rang menschlicher Imagination erheben?

Einer der großen Plätze der Erde, sagen die Zipfelchenträger, eines der Chakren des Globus. Das westliche Gegenstück des heiligen Fujijama und des noch heiligeren Kailash, Kraftzentrum der westlichen Hemisphäre und spirituelles Zentrum der westlichen Zivilisation. Rauh und kalt, umgeben von öden Felsen und zackiger Lava, die den Jüngern die Sandalen zerschneidet, balanciert er die Zentren der Weisheit des Ostens aus, symbolisiert die rauhe Zivilisation der nördlichen Totschläger und Seefahrer, die auf dem westlichen Wurmfortsatz Asiens ihr Abendland aufgebaut haben. Unzählbare Möwen umkreisen ihn und füllen die Felsen weit unter seinem ruhenden Gipfel mit rauhem Kreischen gleich unzähligen Heeren der Cherubim, die zu Füßen Gottes die Himmel mit Summen erfüllen. Wie eine Launische, zornige Gottheit hüllt er seine bleiche Rundung des Sommers in einen wolkigen Tempelschleier, wenn gar zu viele ehrfürchtige Augen ihn treffen. Elfenbeingleich schimmert er in der seltenen Sommersonne, gleißend, unerbittlich weiß in den Winterstürmen. Er soll Zeichen der Vollkommenheit sein, makellose Schönheit, einzig in der unvollkommenen Welt, die Perfektion der in sich ruhenden Form in seiner weißen Kuppel bergen, gekrönt von drei Hörnern: eisiges Mandala und fahler Weltenberg in einem.

Und wer könnte dem Ideal ewiger Schönheit widerstehen, dem vollkommensten Pickel des Globus, wenn er herüberglänzt über läppische dreihundert Kilometer winterlichen Nordantlantiks?

So beschloß ich zu fahren, trotz aller Experten, und als ich eines Tages den Gletscher schließlich erreichte, und er über mir in der Dunkelheit der Winternacht glänzte, weiß und bleich wie eine Lungenkranke im Wochenbett, während gelegentliches Nordlicht um ihn züngelte, da war es, über Schnee, Felsen und Lava hinweg: nichts als ein Gletscher.

Was also macht den Gletscher zum Ideal? Vielleicht läßt sich die Frage besser beantworten anhand eines näherliegenden Beispiels: sagen wir etwa: was macht die Frau, die sich abends zu einem legt meist zu einer schöneren Frau als jene, die sich morgens neben einem erhebt? -- Eine vertrackte Frage, die sich hoffentlich weniger aus der nächtlichen Dunkelheit beantworten läßt, als aus einer Fortführung des obigen Arguments. Schönheit als Erscheinungsform des Idealen zehrt vom Verlust der Betrachtung in der Imagination. Schön ist nicht nur, was die Phantasie anregt, sondern was in der Wahrnehmung Raum für jene eigentümliche Trägheit läßt, die das Ideal befördert. Zum Schönen fähig wird, nur, was uns in solcher Weise ergreift, daß es unserem Bild und Gedanken Raum läßt, in die Imagination überzugehen, in dem es an die ideale Form gemahnt, die uns immer schon vertraut zu sein scheint. Dabei ist die Trägheit des Ideals keine Nachlässigkeit des Schauens, im Gegenteil, sie kann sie gerade oft in der größten Intensität des Blicks entfalten, der in jedem Detail der schönen Frau weiteren Raum und Anstoß findet für das Einklinken des Idealen, das sich in Schönheit manifestiert.

Was dabei die Rolle spielt, Wahrnehmung und Emotion zur Schönheit zu ergänzen, bleibt ebenso unsicher wie vage. Wie oft enttäuscht eine verheißungsvolle Rückansicht bei der Wendung, wie oft aber enthüllt sich aber auch ein bisher uninteressantes Gesicht mit einem Mal als schön, gibt plötzlich seine Schönheit preis wie ein neues, nie zuvor entdecktes Detail, ohne daß es auszumachen wäre, was ihm hinzugekommen wäre außer einem plötzlichen Auflachen oder auch nur ein Moment der Konzentration. Genauso stellt sich aber auch oft genug eine Gestalt, ein Gesicht, das einen Moment den Blick gefangen hat durch vermeintliche Schönheit im nächsten Moment als häßlich heraus, wenn der Blick es nun bewußt betrachtet. Gar altbekannte Gesichter kann es geben, seit Jahren erkannt und schon mit ihnen gealtert, und plötzlich und ungeahnt enthüllt sie ein Blick als schön und es fällt von ihnen etwas ab, das nicht mehr zu fassen ist, auch im größten Staunen über die eigene Blindheit. Es ist die Bestimmtheit gewesen, die sich als Arroganz entpuppt hat im bloßen Glauben, man müßte nicht mehr schauen und wüßte schon, was man sieht. Schönheit zeigt sich als eine Form der Unbestimmtheit, der Vagheit und Trägheit, die nicht im Gegensatz zu Konzentration, Intensität und bewußter Bestimmtheit steht, sondern bereitsteht, die Räume zu füllen, die sich plötzlich auftun mögen zwischen den Blicken, die Platz lassen, für einen Anklang von Idealität. Vielen mögen sich die Räume niemals eröffnen, für die kein Platz ist, und andere, glückliche, mögen weit und breit in ihnen schweifen, selbst wenn sie des morgens ein geliebtes Gesicht betrachten, das sie vielleicht schon seit Jahren früh morgens betrachtet haben, bevor es selbst die Augen aufschlägt um nach Schönheit zu suchen und sich noch einfach damit begnügt, es zu sein.

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