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no. 4: schönheit und ideal -> schön und gut
 

Schön und gut: Literatur

von Thomas Wägenbaur

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* literatur
* druckbares

Der Zusammenhang von Ästhetik und Ethik in der Literatur wird meist zu gegenständlich gesehen. Literatur dient der Ethik, indem sie dem Leser den Spiegel vorhält, so daß er sich sein eigenes Urteil bilden kann. Literatur stellt die ersehnte Einheit bzw. Uneinigkeit im Leben vor. Es soll gezeigt werden, daß einerseits Ethik auf ein Narrativ nicht verzichten kann, und daß andererseits aus einem Narrativ eine Ethik entwickelt werden kann.

 

Es fällt nicht gerade leicht von 'Schönheit' zu reden. Noch naiver ist es, die klassische Trinität des 'Schönen', 'Guten' und 'Wahren' anzurufen. Die Sache ist komplizierter geworden, komplexer und dynamischer.

Versteht man unter Schönheit die affirmative und bloß ornamentale Funktion von Kunst, dann hat sich dieser Begriff seit der Kritik der Urteilskraft von Kant erledigt und wird durch den Begriff der Kunstautonomie ersetzt. Damit aber verliert Kunst den direkten Bezug auf Welt und schafft sich ihre jeweils eigene, sie wird selbstreferentiell und es beginnt die nicht mehr endende Epoche der Moderne. Jetzt macht sie es dem Betrachter, Zuhörer oder Leser schwer, ihren Sinn zu verstehen, geschweige denn, sie schön zu finden. Schönheit wäre eine vorgefaßte Norm, auf die die moderne Kunst gerade noch insoweit eingeht, als sie sie in vielfachen Brechungen reflektiert. Wer heute noch 'schön' sagt, bedient sich einer vormodernen Kategorie und verweigert sich der Aufforderung moderner Kunst, nicht mehr einen externen Gegenstand wahrzunehmen, sondern die eigene Wahrnehmung zum internen Gegenstand zu machen. Ihr Betrachter wird oft genug auch auf 'un-schöne' Weise gezwungen, Betrachtungen zweiter Ordnung anzustellen.

Wo aber bleibt der Zusammenhang mit dem 'Wahren' und 'Guten' in der Moderne? Denn daß sich das 'Schöne' erledigt hat, sieht man ja an der zeitgenössischen Kunst -- erst im historischen Rückblick, versteht man sie und mag sie vielleicht eher. Auch das 'Wahre' haben die meisten abgeschrieben: alles ist Ansichtssache geworden, eine Frage der Perspektive, nach dem Absoluten sucht keiner mehr. Wenn der Kunst ein Erkenntnischarakter zugeschrieben wird, dann liegt er gerade nicht in der Erkenntnis des Absoluten. Spätestens seit der Aufklärung bleibt dem Reflektierenden keine andere Adresse als er selbst. Aber das 'Gute' ist dennoch nicht zu verachten, ist es doch der Garant für Freiheit und Sicherheit in einer Gesellschaft von potentiell gefährlichen anderen Egomanen. Das spezifisch Gute wird kodifiziert in einer Moral, muß sich aber immer noch einmal in einer Ethik allgemein begründen lassen. Die Moral schafft Fakten, die Ethik kritisiert die Faktizität der Moral. Davon ist heute bis zum Überdruß die Rede -- und auch der Äußerung dieses Überdrusses in den Feuilletons ist man längst überdrüssig. Es ist vielleicht also nur pedantisch die Frage hier zu wiederholen: Wie hängt moderne Kunst mit einer modernen Ethik zusammen? 'Schön' wäre dann, wenn Kunst und Ethik sich wenigstens strukturell ähnelten, wenn also das, was in der Kunst geschieht, auch 'gut' wäre. Vielleicht lernen die Moralisten doch etwas von der Kunst und vielleicht werden sich Künstler ihrer ethischen Funktion bewußt. Hier wird nur eine Beobachtung gemacht; was sich in der Gesellschaft von alleine regelt, muß nicht noch 'beaufsichtigt' werden.

Der Zusammenhang von Ästhetik und Ethik in der Literatur wird meist zu eng bzw. zu gegenständlich gesehen. Ethik wird meist mit einem thematisch-mimetisch-repräsentativen und nicht mit einem strukturell-poietisch-performativen Literaturbegriff in Verbindung gebracht. Nimmt man an, Literatur spiegele das Leben wieder, dann dient sie lediglich der pädagogischen Illustration klassischer Fragen: Wie man sich seinen Mitmenschen gegenüber verhalten soll, was Tugend bzw. Untugend sind, wie Konflikte entstehen und wie sie zu lösen sind und welches die höchsten Güter im Leben sind. Die Ethik selbst dient wiederum als Interpretament literarischer Fragen: Ob Antigone ihre Brüder zurecht begraben wollte, ob Hamlet den König gleich hätte töten sollen, ob Effi Instetten zurecht untreu wurde etc. Literatur dient der Ethik, indem sie Handlungsmotive und -ziele wiedergibt, dem Leser und der Gesellschaft den Spiegel vorhält, so daß sie sich ihr eigenes Urteil bilden können. Literatur bietet Erklärungsmodelle für die Widersprüchlichkeit und Vielfältigkeit des Lebens an und sie stellt die ersehnte Einheit bzw. Uneinigkeit im Leben vor. Für diese Fragen interessiert sich zumindest eine Interpretation, die sich eher an das 'Was' der Erzählung (story) und ihre Charaktere als an das 'Wie' der Erzählstruktur (plot) hält. Dagegen folgen nun zwei Beispiele, die so etwas wie eine narrative Ethik skizzieren sollen. Es soll gezeigt werden, daß einerseits Ethik auf ein Narrativ nicht verzichten kann, und daß andererseits aus einem Narrativ eine Ethik entwickelt werden kann.

In seiner späten Schrift "Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu lügen" wiederholt Kant sein Argument, daß Lügen die Aussagekraft von Behauptungen und Verträgen schwächen und so die "Rechtsquelle" unbrauchbar macht. Da er sich aber bewußt ist, daß sich keine (ethische) Theorie ohne ihre Anwendung halten läßt, greift er zu einem (literarischen) Beispiel. Wenn ein Mann, der einen Mord plant, fragt, ob sein Opfer zu Hause sei, ist man immer noch verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, denn:

"Es ist doch möglich, daß, nachdem du dem Mörder auf die Frage, ob der von ihm Angefeindete zu Hause sei, ehrlicherweise mit Ja geantwortet hast, dieser doch unbemerkt ausgegangen ist und so dem Mörder nicht in den Wurf gekommen, die That also nicht geschehen wäre, hast du aber gelogen und gesagt, er sei nicht zu Hause, und er ist auch wirklich (obzwar dir unbewußt) ausgegangen, wo denn der Mörder ihm im Weggehen begegnete und seine That an ihm verübte: so kannst du mit Recht als Urheber des Todes desselben angeklagt werden. Denn hättest du die Wahrheit, so gut du sie wußtest, gesagt: so wäre vielleicht der Mörder über dem Nachsuchen seines Feindes im Hause von herbeigelaufenen Nachbarn ergriffen und die That verhindert worden."

Lügen löst also nicht das Problem, sondern schafft einem selber, wie der "Menschheit überhaupt" Probleme. "bist du aber strenge bei der Wahrheit geblieben, so kann dir die öffentliche Gerechtigkeit nichts anhaben." So weit so 'gut', aber noch nicht besonders 'schön'. Dieses Beispiel belegt zwar Kants ethische Überlegung, aber macht doch auch Probleme, wenn man anfängt zu interpretieren. Der 'strenge' Formalismus ist zwar theoretisch von beeindruckender Konsequenz, aber im Leben bzw. in einem entsprechenden Notfall erscheint er abstoßend und unmenschlich. Die öffentliche Gerechtigkeit mag einen vielleicht nicht bestrafen können, aber Freunde, die Familie des Ermordeten und die weitere Umgebung werden einen für einen monströsen Prinzipienreiter halten, der blind seine Moral auf Kosten anderer Leute Leben zu bewahren sucht. Die Theorie braucht ihr Beispiel, aber der Unterschied zwischen Theorie und Beispiel, ethischem Diskurs und literarischem Narrativ läßt immer die Möglichkeit einer unvorhergesehenden Subversion der Theorie durch das Beispiel, des Gesetzes durch den Fall.

Ein Narrativ kann also eine Ethik illustrieren -- bestätigen oder widerlegen --, aber eine Ethik kann auch aus einem Narrativ heraus entwickelt werden. Über William Styrons Sophie's Choice wurde viel debattiert, weil sein zentrales Ereignis die Theorie distributiver Ethik herauszufordern scheint. Ein Offizier in einem Konzentrationslager verlangt, daß Sophie sich entscheidet, welches ihrer Kinder in die Gaskammer geschickt werden soll. Er droht ihr, beide würden sterben, wenn sie sich weigert zu entscheiden. "Sophie's Choice" verursacht Kopfzerbrechen bei denen, die glauben, eine nicht-kontigente, also absolute 'Gerechtigkeit' über jede utilitaristische Bestimmung des 'Guten' stellen zu können. Die utilitaristische Logik mag einem zwar raten, es sei 'rational', unschuldige Menschen zum Wohle anderer sterben zu lassen, aber aus einem antiutilitaristisch-humanistischen Gesichtspunkt würde man nicht zulassen, das Recht des Individuums zu verletzen. Slavoj Zizek hat aber völlig recht, wenn er meint: "nobody is less harmed if she refuses the choice: in this case, both of the children die." Auch das geopferte Kind hätte die Entscheidung akzeptieren müssen, da es nichts verlieren würde, was es nicht schon verloren hat. Deshalb muß sich Sophie entscheiden, da nach utilitaristischer und nicht-utilitaristischer Logik die Entscheidung der Nicht-Entscheidung vorzuziehen ist. Dennoch, stellt Zizek fest: "our ethical intuition tells us unmistakably that there is something wrong with it," und Sophie begeht schließlich Selbstmord.

Bei Kant führt die ethische Überlegung in eine Stadt der Intrigen und der Gewalt, Mörder laufen auf der Straße, Opfer verlassen sorglos ihre Häuser, Nachbarn eilen zu Hilfe, es gibt Auseinandersetzungen, trauernde Familien, Stadtgeflüster. Bei Styron führt die abscheuliche Entscheidung, vor die eine Mutter gestellt wird, sofort zu ethischen Überlegungen über distributive Gerechtigkeit, Rationalität, Utilitarismus, Humanismus. Hier werden Ethik und Ästhetik gleichermaßen auf die Probe gestellt und ihre gegenseitige Abhängigkeit wird deutlich. Das Wechselspiel von Theorie und Beispiel, Bewußtsein und Leben entfaltet das Paradox der Ethik als das der Narrativik: In einer Bewegung der Selbstbeobachtung rekurriert Philosophie auf Literatur und umgekehrt, versucht bestimmte Probleme zu lösen und reproduziert sie doch nur. 'Schön' und 'gut'!

Narrativität läßt sich vereinfacht auffassen als Verhandlung des Verhältnisses von 'sein' und 'sollen', eine Verhandlung, wie sie die philosophische Ethik seit Hume unternimmt. Philosophen wollen diese Verhandlung auf die eine oder andere Weise entscheiden, indem sie argumentieren, es gäbe keine bestimmte Beziehung zwischen beiden Propositionen oder es gäbe, wie im Fall von Versprechen und Verträgen, verschiedene Beziehungen, in die beide zueinander treten können. Narrativität aber geht mit dem Verhältnis beider anders um und zwar literarisch durch die Erzählstruktur vermittelt. Nun hat man sich als Erzählstruktur vorzustellen, daß eine Erzählung erstens bei einem instabilen Anfangszustand, der 'ist', aber 'nicht sein soll', beginnt, zweitens eine Phase der Unentschiedenheit und der Versuche durchläuft, und drittens immer auf der Suche nach einem unbekannten, aber rückblickend unvermeidlich erscheinenden Zustand ist, der 'ist' und 'sein soll'. Narrativität kann weder ein bloß statisches 'sein' repräsentieren, noch kann sie ein unwidersprochenes 'sollen' vorschreiben, denn das ist Sache von Predigten. Narrativität stellt also etwas dar, was die Philosophie nicht kann: Ein Prinzip formaler Notwendigkeit, das vorhersehbaren und unvorhersehbaren Ereignissen immanent ist und dem die Bewegung auf letztendliche Identität bzw. Differenz von 'sein' und 'sollen' unterworfen ist.

Bleibt noch die Frage, wer denn nun für die Narrativität verantwortlich ist: der Text, oder der Leser? Vom Autor und seiner Intention ist ja schon lange nicht mehr die Rede, gegenüber seinem Text ist er auch nur ein Leser. Überläßt man die Konstitution der Narrativik vollkommen dem Leser, löste sich der Text komplett auf, er verlöre jede Struktur im Gespräch der Leser untereinander. Umgekehrt gibt es natürlich ohne Leser keinen Text. Hier verschiebt sich unsere Lektüre vom Gebiet der Ästhetik zu dem der Ethik, die darauf spezialisiert ist, das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, Begierde und Gebot zu artikulieren. Eine narrative Ethik beginnt bei der Anerkennung des Eigenrechts verschiedener Ansätze (strukturalistische, leserzentrierte etc.) bei gleichzeitiger Inkombatibilität. Narrativität ist dann immer noch Konstruktion eines bestimmten Narrativs, die nur Elemente des jeweiligen Texts gebraucht. Sie verhält sich also zum Narrativ zugleich extern und intern und wird nicht umhin können, ihn als paradoxen Sinnzusammenhang zu entfalten. Mit anderen Worten, die narrative Erzählstruktur ist also das 'schöne' Gesetz der Erzählung, das ihr entstammt und genaugenommen doch nicht ihre Eigenschaft ist, da die Erzählung ja durch sie gesteuert ist.

Die narrative Ethik erfaßt dann auch den Leser: Der Leser ist frei und autonom und hat seine Lesart allein zu verantworten, aber um überhaupt eine Erzählstruktur als die des Texts zu analysieren, muß er glauben, daß er ihn 'wahrnimmt'. Er muß sich also dem Text unterwerfen und ihn in 'seiner Sprache' verstehen. Der Leser konstruiert vielleicht sein Gesetz der Erzählung frei, aber er tut das immer noch als Gesetz der Erzählung. Der Text verpflichtet den Leser, der den Text verpflichtet. Worin besteht also das Gesetz? In der Beziehung zwischen beiden: Die Beziehung zwischen Leser und Narrativ stellt ein Beispiel der freien Unterwerfung des 'Subjekts' unter das Gesetz dar. 'Schön' und 'gut', das ist heute die vielleicht einzige Beziehung zwischen Ethik und Ästhetik, aber das kann man alles auch in Kafkas Parabel aus seinem Prozeß nachlesen. Dort bleibt der naive Leser im Text noch immer "Vor dem Gesetz" und das ist natürlich nicht schön, aber für den Leser des Texts ist es doch ganz gut.

 

autoreninfo 
Prof. Dr. Thomas Wägenbaur M.A. in Komparatistik, University of California/Berkeley; Ph.D. in Komparatistik, University of Washington/Seattle, 2000-2009 Prof. of Cultural and Cognitive Studies und Director of Liberal Arts an der International University in Germany/Bruchsal. Zur Zeit freier Dozent und Kommunikationsberater. Veröffentlichungen zu Literatur-, Kultur- und Medientheorie. Forschungsschwerpunkte: natürliche vs. künstliche Sprachverarbeitung (Philosophy of Mind); Postkolonialismus und Globalisierung; Kognition in der Entscheidungstheorie.

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