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no. 4: schönheit und ideal -> editorial
 

editorial

Den meisten irdischen Dingen haftet, wie Musil richtig bemerkt, eine Übertreibung an. "Selbst zu einer Ohrfeige braucht man mehr als man verantworten kann. Aber schließlich verbrennt der Enthusiasmus, und man hat etwas in der Hand." Zu den überirdischen Dingen zählt Musil richtigerweise die Schönheit: "Sie ist sozusagen nur Enthusiasmus ohne Knochen und Asche, reiner Enthusiasmus, der zu nichts verbrennt. Sie ist nicht unsere Vergangenheit, sondern unser Vergangenes." (Einige Schwierigkeiten der schönen Künste, 1.5.1927)

Die Debatte befaßt sich also zwangsläufig mit den Oxydationsprozessen der Kultur im Augenblick: wenn Schönheit nur ein Konglomerat ererbter, und geringfügig erweiterter Vorstellungen wäre, dann wäre sie so aufregend wie es der Vergleich einer römischen Suppenschüssel mit den verwandten Tonklumpen aus Franken oder Tibet ist. Schönheit ist nicht die Variation des Bekannten. Schönheit paßt vielmehr in das Modell von der Oxydations-Gleichung, da sie die Frage nach den flüchtigen Stoffen stellt. Schönheit ist gleich Mode plus Harmonie plus X? Das flüchtige Schönheits-Molekül schlüpft durch jeden noch so engmaschigen Verstehensfilter und verkrümelt sich irgendwie weit hinter Make-up, Alpenglühen und kleiner Nachtmusik. Frank Zappas "Beauty is a pair of shoes, that makes you wanna die!" greift zu kurz. Es übersieht, daß eben selbst der drückende Schuh einem Konzept von Schönheit gehorchen mag, das sich einer frisch gebügelten Beschreibung entzieht. Es verkennt die Weisheit des vierjährigen Mädchens, das im Unterricht bemerkt: "Schönheit ist, wenn uns jemand schön findet, obwohl er uns kennt". Wann etwas schön ist, bestimme immer noch ich selbst -- und nicht allein in dieser Hinsicht ist Schönheit der Liebesblindheit verwandt. Unaufhaltsam wie eine Microsoft-Aktie überwindet sie Höhen und Tiefen, steigt, klettert und kraxelt ihrem ersehnten Ideal entgegen. Dabei wirkt das Ideal auf den Schönheitssucher wie der seltene Enzian auf den Kletterer, das dieser meist nur in Form von Schnäpsen zu sich nimmt. Mag er auch nur einen flüchtigen Eindruck von seinem Ideal erreicht haben, seine Gratwanderung fällt umso beschwingter aus und unverdrossen wird er sein Leben der Jagd nach dem sagenumwobenen Enzyan widmen.

Sicher: schön ist, was man schön findet. Jenseits dieses vulgären Definitionsversuches aber erscheint ein Merkmal, das den Handbüchern die Begriffe Schönheit und Ideal so richtig madig macht: will man sie an einer Seite zu packen kriegen, verhalten sie sich wie Treibholz. Entweder sie schwimmen einfach davon oder sie verbandeln sich mit anderem Treibgut oder sie machen beides. Schönheit und Ideal treten eben selten alleine auf, sondern fast immer in Gesellschaft einer uferlosen Ansammlung von 'Gütern', die in Teilen wertlos und häßlich, als Ganzes unschätzbar schön sind. Dieser Zusammenhang wurde meinem wenig geschulten visuellen Apparat auf der London Bridge im Frühjahr 1996 bewußt. Ein griesgrämig und zudem hungrig dreinblickender Mann, der mindestens fünf große Plastiktüten wie Gefechtsstationen um sich aufgereiht hatte, hielt mich um britische Münzen an. Nach längerem Kramen kullerten dann zwei 50-Pence-Münzen der irischen Republik aus meiner Hosentasche. Plötzlich durchzuckte das ausgemergelte Gesicht ein unbeschreiblicher Hauch des Schönen und Stolzen, zweifellos als Aufflackern des nach Idealen dürstenden Schönheitssuchers zu interpretieren. Sein glucksendes Lachen überzeugte mich von der Unberechenbarkeit des Schönen. So tief, meinte er, könne nicht einmal ein Londoner Clochard sinken -- (er lebte ja über der Brücke!) -- daß er nun gar irische Währung nehmen müsse.

Daniel Sturm

 

autoreninfo 
Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
Homepage: http://www.sturmstories.com
E-Mail: sturm@sturmstories.com

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