aufgelesen

 

Sam Shepard: Spencer Tracy ist nicht tot. Erzählungen.

Frankfurt: S. Fischer, 1997. 268 S.

Originalausgaben: Cruising Paradise. Tales. New York: Knopf, 1996 (gebunden); Vintage, 1997 (TB). 239S.

Die geographische Landschaft des amerikanischen Westens und die davon geprägten emotionalen Landschaften beschreibt man mindestens genauso durch die Worte, die man wählt wie durch die, die man ausläßt. Shepard beherrscht das trockene, präzis verkürzte Erzählen souverän. Sein dritter Prosaband beweist dies aufs neue, doch er zeigt auch interessante Verwerfungen gegenüber dem vorigen, Motel Chronicles (1982). Wieder sind Autobiographie und Fiktion dicht verwoben, wobei erste und dritte Erzählperson nicht als klare Trennlinie dienen. Shepard ist fasziniert vom zerfallenden Mythos des Westens und seiner Helden, doch mindestens genauso von Menschen, die dort auftauchen (oder leben!) und in dieses Schema nicht passen: ein unerfahrener Reiter in den Canyons von South Dakota, ein Geschäftsmann aus der Fleischindustrie, ein rücksichtsloser österreichischer Chauffeur, der den Highway in Arizona für eine Autobahn hält. Erinnerungen an die Eltern geraten dem Erzähler zu packenden Momentaufnahmen des ganz normalen Wahnsinns.

Die vertraute Perspektive des rastlosen Nomaden in billigen Motels wird im letzten Drittel des Bandes um Shepards neuere Erfahrungen in der Rolle des gefragten Schauspielers erweitert. Hier sind die Vorbereitungen und Dreharbeiten zu Homo Faber in Mexico (was nicht explizit erwähnt wird) Hintergrund für Begegnungen, die allerdings kein Stück weniger bizarr ausfallen. Die meisten kommen nur deshalb zustande, weil sich Shepard zum Unverständnis der Filmgesellschaft weigert, nach Mexico zu fliegen und statt dessen die Straße vorzieht, die ihm dann die Geschichten liefert. Nie versagen dabei Selbstironie und ein offenes erzählerisches Ohr für die Paradoxien des eigenen Lebenstrips und die Schicksale realer oder fiktiver Reisebegleiter.

(Martin Klebes)

 

Manfred Schneider: Der Barbar. Endzeitstimmung und Kulturrecycling

Hanser Verlag, München 1997.

Barbarisierung, das ist nach Schneider der Grund-Beat abendländischer Literatur von Jesus Christus über Karl Marx bis zu den Sexpistols. Mit Barbarisierung bezeichnet der Essener Literaturwissenschaftler einen Denkprozess, in dem Kriege, Weltenden und Gewaltopfer als notwendige Ereignisse vorgesehen werden, um von Zeit zu Zeit zur Reinheit des Ursprungs zurückzugelangen. Daß diese Reinheit ein "Kunstprodukt" ist, erkennt Schneider und belegt das zentrale Argument u.a. mit einem Zitat Paul Valérys, der sich in den 20er Jahren darüber mokiert hatte, daß die Natur alle dreißig Jahre wiederentdeckt werde.

"Eine mächtige Erregung geht von dem Gedanken aus, zu den Dingen in ihrer ursprünglichen Reinheit zurückzukehren. Aber das Meer, die Bäume, die Sonnen, -- und vor allem das menschliche Auge -- all dies ist ein Kunstprodukt" (283). Im Briefwechsel bestätigte Schneider mir, daß er mit dem Phänomen der Barbarisierung nicht am gefährlichen Spiel einzelner -- Beuys, Hitler, Luther, Tacitus -- interessiert war. Den Hauptakzent seiner Barbarisierungs-Hypothese setzt er vielmehr auf ein erschreckend anthropologisches Phänomen, daß, "was Nietzsche so gefiel -- eine ganze Kultur rückfällig werden kann". Die einfache systemtheoretische Lesart solcher Prozesse, daß Komplexität reduziert werden muß, um neue und höhere Komplexität zu ermöglichen, verschweige eben, "daß dafür riesige Friedhöfe gefüllt werden müssen".

Die Liste der Kronzeugen für die Barbarisierungs-Hypothese ist überzeugend und so ausführlich, daß sie nurmehr durch weitere Namen aus dem Bereich der Kultur- bzw. Sozialanthropologie ergänzt werden wollen: Walter Burkert in homo necans (1972) sowie Mircea Eliade in Das Schwarze Fest gehen gar so weit, die zyklische Wiederkehr des 'primitiven' Opfers in der 'zivilisierten' Form moderner Kriege als Notwendigkeit einzufordern. Kritisch gegenüber Theorien, die immer wieder nur mit Schuldbewältigung bzw. Entschuldungsstrategien rechnen, läßt sich da fragen: Kann der Schützengraben wirklich Triebe ableiten?

Aus der Perspektive des Alltages läßt sich Schneiders kulturhistorische Darstellung ebenfalls stützen. Denn in wie vielen Gesprächen, Zeitungsinterviews etc. klingt nicht permanent die Vorstellung an, daß eine politisch verfahrene Situation "eigentlich nur durch einen Krieg" zu lösen sei. Diese Mediatoren bereiten den Boden für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Am Ende des Buches bleibt ein Erkenntnisrest: Wieso hat Schneider den dritten Standpunkt, der Kultur ohne Barbarisierung vorsieht, vergleichsweise kurz kommen lassen? Obwohl sein Plädoyer für eine bilderreiche Kultur implizit stetig zu hören ist, ist es eben nur implizit enthalten. Dabei ließen sich m. E. auch für diese Haltung sehr interessante Belege finden.

(Daniel Sturm)

 

Das Japan-Magazin

hg. v. Verlag Dieter Born, monatliche Erscheinungsweise.

Das Wissen über japanische Kultur ist für den Laien hierzulande meist mit Halbwahrheiten und Vorurteilen behaftet. Wer sich gründlicher informieren will, dem bleibt oft nur der Griff zur wissenschaftlichen Literatur -- oder aber der Gang in die Bahnhofsbuchhandlung, um die aktuelle Ausgabe des Japan-Magazins zu kaufen.

Die einzige deutschsprachige Monatszeitschrift über Japan, wie sich das Magazin selbst nennt, existiert seit sieben Jahren. Als Zielgruppe ins Auge gefaßt sind Japan-Interessierte im allgemeinen und -- ein Teil der Artikel ist zweisprachig verfaßt -- in Deutschland lebende Japaner. Einzelne Artikel bedienen auch wissenschaftliche Interessen.

In kaum einem anderen special interest-Magazin stößt man auf eine solche Vielfalt an Themen und journalistischen Genres. Die Leitartikel sind in der Regel Hintergrundsberichte oder Reportagen zu kulturellen oder kulturhistorischen Themen. Regelmäßige längere Artikel befassen sich mit deutsch-japanischem Kulturaustausch, japanischer Geschichte und traditionellen japanischen Sportarten. Besonders interessant sind die einleitenden Seiten zu aktuellen Themen -- hier findet man politische und wirtschaftliche Meldungen aus Japan, die in den Tageszeitungen oft nicht aufgenommen wurden oder dort in der Nachrichtenvielfalt untergehen. Spannend auch die Literaturseite und die -- leider unregelmäßigen -- Beiträge zum japanischen Film und zur neuesten japanischen Unterhaltungsindustrie. Abgerundet wird das Ganze durch einen Terminkalender Japan-bezogener Ereignisse in Deutschland, durch Kochrezepte und Japanisch-Lektionen zum Herausnehmen. Die thematische Vielfalt hat allerdings auch zur Folge, daß kaum ein Leser seine Interessen hundertprozentig bedient sehen kann. Dem Japankenner werden viele Inhalte nicht neu sein, dem Neuling hingegen einiges noch zu fremd. Dies ist sicherlich ein allgemeines Problem von special interest-Magazinen. Verständlich ist, daß in den Leitartikeln des öfteren Themen aufgegriffen werden, die ohnehin gerade in Mode sind -- beispielsweise die Manga-Comics (Mai 98) oder die Sushi-Kultur (August 98) --, man vermißt jedoch gerade in diesen Artikeln Informationen, die über das hinausgehen, was in Magazinen oder Fernsehbeiträgen zu diesen Themen zuvor schon gebracht wurde.

Ein wesentlicher Schwachpunkt des Magazins liegt in der mangelnden Redaktion der Texte. Um nur einige der Folgen zu nennen: Die Mai-Ausgabe bringt zwei Artikel zum Thema Manga, die sich inhaltlich teilweise überschneiden. Die März-Ausgabe enthält eine inhaltlich hochinteressante Literaturbesprechung zum Thema Asienfeindlichkeit, die aber durch wissenschaftlichen Jargon sowie überflüssig lange Sätze und Abschnitte vom Lesen abschreckt. Die August-Ausgabe enthält ein zweiseitiges Interview mit einem Restaurantmanager, dessen Name dem Leser leider nicht mitgeteilt wird. Derartige Mißstände ließen sich durch gründliches Redigieren der abgedruckten Texte schnell aus der Welt schaffen.

Zu wünschen übrig läßt auch das Layout. Neben der altbackenen Farbgestaltung irritiert vor allem die Typographie der Überschriften, die nicht nur im Übermaß mit engläufiger Schrift arbeitet, sondern auch die Laufweite nach Belieben variiert, um dem statisch angelegten 4-Spalten-Layout zu genügen. Ärgerlich stimmt ein markanter Mißgriff in der Gestaltung: Durch zu stark gedruckte Hintergrundgrafiken oder -fotos werden wiederholt Texte nahezu unleserlich gemacht.

Trotz der Mängel an journalistischer Professionalität bleibt das Japan-Magazin eine hochinteressante Quelle für diejenigen, die sich für japanische Kultur und den interkulturellen Austausch mit Japan interessieren. Mehr Abonnenten und ein besseres Feedback der Leserschaft -- die Leserbriefspalte ist leider meist schwach belegt -- könnten sicherlich zu einer Verbesserung der Qualität beitragen.

Das Japan-Magazin hat auch einen Internet-Auftritt ( http://www.japan-magazin.de), der zur Zeit noch ziemlich mager aussieht, nach eigenen Angaben jedoch ab 1.10.98 in erweiterter Form präsentiert wird.

(Isabel Kobus)


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ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/schoenheit/aufgelesen/
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