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no. 21: warschauer pakt -> editorial
 

editorial

Als im letzten Jahr in Kiew orangene Fahnen wehten und sich die ukrainische Bevölkerung friedlich und erfolgreich gegen die offene Manipulation ihrer Präsidentschaftswahlen wehrte, unterbrachen die westlichen Medien kurzfristig ihre Nabelschau aufs Weiße Haus und die Weltordner um George W. Bush und erinnerten sich, daß die Hoffnung auf eine neue Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges ja einmal von ganz anderswo ausgegangen war. Was Anno 2000 während des Debakels der US-Wahlen undenkbar erschien, geschah nun aufs Neue im Osten, und die feiernden Menschen auf den Kiewer Straßen, denen es gelang, gegen die expliziten machtpolitischen Wünsche Wladimir Putins und seiner ukrainischen Gewährsmänner den Volkswillen nach Neuwahlen durchzusetzen, riefen 15 Jahre später wie aus dem Dornröschenschlaf die Erinnerung an die gewaltfreien Revolutionen von 1989/90 zurück, von denen man sich doch einmal so viel für die Zukunft unseres Planeten versprochen hatte.

Mehr als eine kurze Optimismusspritze aus dem gebeutelten Osten war jedoch nicht drin für eine schöne neue Welt, die immer tiefer in eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt versinkt und für die die gegenwärtigen Ereignisse in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan höchstens noch deshalb interessieren, weil hier der Zugang zu Militärflughäfen gefährdet ist, die für den ebenfalls bereits in Vergessenheit geratenen Krieg in Afghanistan strategische Bedeutung haben.

Die medientaugliche ukrainische Erfolgsgeschichte des letzten Jahres war ein erneuter und mehr als nötiger Hinweis darauf, daß mit dem Abzug der in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn stationierten sowjetischen Truppen nach dem Ende des Warschauer Vertrages am 1. Juli 1991 die Grenzen zwischen Ost und West nicht wie von Zauberhand verschwanden und sicherlich keine goldenen Brücken in ein neues demokratisches Zeitalter gebaut wurden. Nach dem früh ausgerufenen Ende des Kalten Krieges betraten vielmehr viele altbekannte Strippenzieher den Schauplatz Osteuropas und suchten das Machtvakuum zu füllen, das mit dem Zerbröseln der offiziellen Machtstruktur des Warschauer Paktes eingetreten war. Gewendete Kommunisten, alte und neue Kapitalisten, alte Kalte Krieger und Opportunisten -- ein bißchen was von jeder Sorte.

Aus dieser Perspektive gleicht die osteuropäische Wirklichkeit dann vielleicht eher einer abgetakelten Tupolew, die man abseits touristischer Pfade östlich der rumänischen Stadt Timisoara am Straßenrand entdecken kann: flügellahm und zweckentfremdet dient das gute Stück nun als Schattenspender für durstige Cafébesucher und preist im knallroten Rundumanstrich weithin sichtbar nicht mehr Hammer und Sichel sondern vielmehr das Coca-Cola Logo an. -- Ideologien, so weiß man in Osteuropa nur allzu gut, sind lediglich die wohlfeile Tünche, unter der sich am Ende doch wieder nur eine neue Form der Ausbeutung verbirgt. Auch die letzten langgehegten Hoffnungen auf ein besseres Leben mit westlichen Mitteln zerplatzen da schnell, und Kapitalismus und Kommunismus erweisen sich als letztlich austauschbare politische, ökonomische und kulturelle Eroberungsstrategien. Auch der Coca-Cola Überzug des ehemaligen Passagierflugzeugs setzt nun schon langsam Rost an und blendet so niemanden mehr.

In dieser parapluie-Ausgabe interessiert uns jedoch vorrangig ein Blick hinter die Kulissen, wo alte Kalte Krieger und neue Opportunisten den Taktstock zu schwingen scheinen. Wie lebt es sich im Schatten dieser Tupolew, und an welcher Zukunft kann man hier bauen? Was haben die Dissidenten des Jahres 1989 dem oben beschriebenen Erbe entgegenzusetzen? Und was ist aus jenem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus geworden, den Regimekritiker im Osten und Westen vor und nach der Wende immer wieder heraufbeschworen haben? Kann hier nicht, aller Ernüchterung zum Trotz, doch noch etwas anderes, vielleicht gar etwas Neues möglich sein? Klar ist jedenfalls, daß die weit verbreitete Ostalgie, die die Schrecken der totalitären Regime willentlich verdrängt und den Weg in die Zukunft in einer verklärten Vergangenheit sucht, hier keine Lösungen bietet.

Der Historiker Eric Hobsbawm schrieb unlängst in Le Monde einen Satz, der die intellektuelle und soziale Herausforderung unserer Zeit adäquat beschreibt. Da die Sieger des Ost-West-Konflikts unbelehrbar schienen und in Abwesenheit des Warschauer Paktes auch keine Furcht mehr kennten, müsse man sie in gewisser Weise das Fürchten lehren -- mit Bildung, Bildung, Bildung. "Aufklärung und Selbstbestimmung müssen die führende Rolle übernehmen," schrieb der britische Historiker, der selbst Jahrzehnte lang in den USA gelebt hat. Im Rahmen dieser parapluie-Ausgabe heißt dies zunächst einmal ganz bescheiden einen nuancierteren Blick nach Osten zu richten und die Stimmen einiger AutorInnen wahrzunehmen, die ihre eigenen persönlichen Erfahrungen im Osten wie im Westen gemacht haben und denen es deshalb vielleicht gelingen kann, den Dialog einer anderen Art anzustoßen, den wir auch anderthalb Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende des Kalten Krieges weiterhin so bitter nötig haben. Im Blick auf die täglichen Meldungen aus den gegenwärtigen Kriegsgebieten und auf die Tatsache, daß das Echo der staatlich sanktionierten Gewalt ebenfalls nur nach Blutbad klingt (in Madrid, London und Scharm El-Scheich) ist eine Besinnung auf friedliche Zusammenarbeit vonnöten, die beide Seiten der europäischen Geschichte umfaßt.

Ohne Zweifel ist die kulturelle Lage im Osteuropa der Gegenwart zu komplex, schillernd, und unabgeschlossen, um auf den folgenden Seiten klar und eindeutig ins Auge gefaßt werden zu können. Ein Anfang aber kann hier gemacht werden und ein Anstoß im Sinne Hobsbawms, der Denkstrukturen eröffnet, in die die individuell immer wieder andere Erfahrung stets neu eingebracht werden kann. So läßt sich vielleicht im Schatten der Coca-Cola Tupolew eine Praxis entwickeln, die sich die Strategen des alten und neuen Kalten Krieges nicht haben träumen lassen. Es wird Zeit für eine neue Perspektive.

Alexander Schlutz
Daniel Sturm

 

autoreninfo 
Dr. Alexander Schlutz leitet die parapluie-Redaktion, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Bonn, Tübingen und Seattle, und unterrichtet zur Zeit Englische Literatur am John Jay College of Criminal Justice in New York City.
E-Mail: alexander.schlutz@parapluie.de

Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
Homepage: http://www.sturmstories.com
E-Mail: sturm@sturmstories.com

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