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no. 21: warschauer pakt -> ausgegraben
 

ausgegraben

"Man kann furchtbar billig leben, wenn man reich ist" -- Vor 100 Jahren geboren: Die Schriftstellerin Irmgard Keun

von Barbara Damm

Zum Lachen ernsthaft und zum Weinen komisch! Texte wie Feuerwerkskörper am literarischen Firmament der späten Weimarer Republik -- überhaupt lebte Irmgard Keun ein außergewöhnliches Leben in der Zeit von 1905 bis 1982. Turbulent war es, bunt, und voller Schrecken. In Berlin als Tochter eines Fabrikanten zur Welt gekommen und in Köln aufgewachsen, strebte die Gelegenheitsstenotypistin bald nach Höherem. Der zweitklassigen Schauspielkarriere war sie nach drei kurzen Jahren müde, doch sie hatte Papier, Bleistift und tausend Ideen. Furios debütierte sie 1931 mit Gilgi, eine von uns und schloß, beinahe atemlos, im Folgejahr einen weiteren Großerfolg an: Ihr zweiter Roman Das kunstseidene Mädchen wurde in nahezu alle europäischen Sprachen übersetzt und 1959 mit Guilietta Masina, Gerd Fröbe, Gustav Knuth und Ingrid van Bergen verfilmt.

Endlich! Eine junge Autorin, die anders schrieb, als bisher gewohnt. In unprätentiöser Sprache schilderte Irmgard Keun die Lebensumstände der 'kleinen Leute', braute Mischungen aus gnadenlosem Kauderwelsch und melancholischer Groteske. Komisch, intelligent, pointiert. Eine unbestechliche Beobachterin, die mit fremden Augen sehen und in andere Köpfe kriechen konnte; die es liebte, mit menschlichen Erfahrungen zu spielen und sie in ihrer ganzen Spannbreite zu durchleuchten. Keiner ihrer Romane ist klar gegliedert, episch aufgebaute Handlungen wird man vergeblich suchen. Die meist jungen Protagonistinnen sind widersprüchliche, changierende Figuren. In ihren hübsch frisierten Köpfen entspinnen sich Gedanken, die eine ganze Gesellschaft entlarven.

Irmgard Keun dachte in Bildern. Zu recht lobten Kritiker die visuelle Dichte ihre Texte. Und ihr Förderer Kurt Tucholsky applaudierte: "Sie hat Humor wie ein dicker Mann, Grazie wie eine Frau, Herz, Verstand und Gefühl. Sie ist etwas, was es noch niemals gegeben hat, eine deutsche Humoristin." Andere warfen ihr Naivität vor, versuchten, sie aufgrund ihres schnodderig-unterhaltsamen Schreibstils in die untersten literarischen Schubladen zu pressen. Schon früh bildete Irmgard Keun Mythen um die eigene Person, an denen sie hartnäckig festhielt. Sie 'verjüngte' sich für die Öffentlichkeit um fünf Jahre oder fabulierte und variierte immer neue Anekdoten für ihre Vita.

 

Ein Glanz

Gilgi, ihre erste Heldin des gleichnamigen Romans, ist noch heute 'eine von uns'. Sie ist selbstbewußt, emanzipiert und dennoch ständig in Angst vor dem sozialen Abstieg. Um ihre Selbstbestimmung zu bewahren, muß sie wie ein Uhrwerk funktionieren: "Viel verlangt? Wird von jedem nur das verlangt, was er geben kann. Wehe, wenn er's nicht gibt." Gilgi, die ihr Selbstbewußtsein aus der Tatsache bezieht, daß sie als kleine Büroangestellte ihr eigenes Geld verdient, verliebt sich Hals über Kopf, gibt ihr geregeltes Leben auf und muß sich schließlich aus dieser sie erstickenden Liebe freikämpfen. Der neuerliche Gang zum Arbeitsamt schmerzt. Ob Gilgi es schafft, wieder in der Gesellschaft zu funktionieren, sich und ihr ungeborenes Kind allein durchzubringen, bleibt offen.

Eine vortreffliche Gesellschaftsstudie ist auch Keuns nächster schriftstellerischer Akt Das kunstseidene Mädchen. Doris, ihre ebenfalls auf deutschen Theaterbühnen berühmt gewordene kunstseidene Heldin, schreibt das 'Drehbuch' zum eigenen Lebensfilm:

"Ich will so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris. Und die Leute achten mich hoch, weil ich ein Glanz bin, und werden es dann wunderbar finden, wenn ich nicht weiß, was eine Kapazität ist, und nicht runter lachen auf mich wie heute ...".

Um einen solchen Lebensstil zu verwirklichen, braucht man die Großindustriellen, denkt sie sich und macht sich auf die Suche nach dem passenden Mann. Ihr Produktionsmittel auf dem Weg nach oben ist ihr Körper -- Aussehen ist schließlich alles.

Im Stil der späten 20er Jahre erzählt Doris von kleinen und großen Sensationen, die sie in ihrem jungen Leben durchmacht, von sporadischem Glück und enttäuschten Hoffnungen. Sie ist Gewinnerin und Verliererin zugleich, die sich treu bleibt in der eigenen Widersprüchlichkeit: Selbstbewußt, gutmütig, optimistisch, offen, naiv, hinterhältig, berechnend, feige. Sie kennt ihre Wirkung auf Männer und ist ihnen dennoch ausgeliefert. Nach der 'großen Liebe' sucht sie nicht, denn es geht ja ums Weiterkommen, und sie lernt, die Schwächen der Männer für sich zu nutzen. Bei all ihren Abenteuern hält sie sich streng an ihren ganz persönlichen Tugendkatalog: "Man muß wissen wofür. Um Geld oder aus Liebe." Einfach nur so, das wäre einfach unmoralisch. Das wäre, wie vor einem Verehrer die rostigen Sicherheitsnadeln in der Unterwäsche zu entblößen, die sie jedesmal anlegt, wenn sie sich vor einer finanziell unattraktiven Affäre schützen will.

"Zart, grau und schüchtern" sieht Doris eines Abends in der Theatergarderobe einen Pelzmantel hängen -- für sie die Liebe auf den ersten Blick. Und mehr noch: Dieser Feh ist als erotisches Signal und Statussymbol die Eintrittskarte in eine Umgebung, die ihr sonst verschlossen bliebe. Nach dem Diebstahl des Pelzmantels und der Flucht ins hoffnungsvolle Berlin quält sie erst einmal nur eine Frage: "Ob sie einem im Gefängnis den Puder fortnehmen?" Doris' Aufstiegswille kippt schon bald in bloßen Überlebenswillen; der gesellschaftlich anerkannte Einsatz weiblicher Attraktivität zur Verbesserung beruflicher und sozialer Chancen führt sie allmählich in die offene Prostitution. Zeitkritik wie nebenbei, aus der Sicht eines Mädchens, das kaum Alternativen hat. Ihr Abenteuer scheitert konsequent und endet im Wartesaal des Bahnhof Zoo: obdachlos, mittellos. Ein Stoff von heute.

Mit großem Pointengestöber fegt Irmgard Keun in Das kunstseidene Mädchen billigste Klischees hinweg: Schönsein, Karriere, Großstadtluft. Sie selbst wollte als Autorin glänzen und durfte es -- für kurze Zeit. Als 1933 die braunen Sendboten ausschwärmen, landen ihre Bücher im Zuge der nationalsozialistischen "Säuberung" öffentlicher und privater Bibliotheken von "zersetzendem Schrifttum" als "Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz" auf den sogenannten "Schwarzen Listen". Beschlagnahmt, vernichtet, verboten. Irmgard Keun protestiert vergeblich. Vier Jahre lebt die von der Nazipresse Totgesagte im Exil in Ostende, fünf weitere unter falschem Namen in Deutschland. Zu ihrem Freundeskreis zählen viele schreibende Leidensgenossen: Heinrich Mann und Egon Erwin Kisch, Stefan Zweig und Joseph Roth. Mit Roth arbeitet und liebt sie sich durch zwei Jahre ihres Exilantendaseins. Während dieser Zeit schreibt sie sich in einer tour de force mit Nach Mitternacht in die Annalen der deutschen Literatur ein. Eine meisterhafte Chronik über den Alltag im gewöhnlichen Faschismus. Wunderbare keun'sche Rollenprosa, die aufdeckt: wie gesellschaftliche Systeme, in ihrem Falle Weimar und die Anfänge des nationalsozialistischen Deutschlands, funktionieren, wie sie Menschen an sich binden konnten.

"Man muß diesen Gedanken und das Wissen um den Zusammenbruch einer Welt, das Wissen um kommende Sintflut, Krieg usw. verdrängen, wenn man schreiben will. Man kann sonst nicht leben. Dazu braucht man Alkohol,"

konstatiert Irmgard Keun im gleichen Jahr und beginnt, sich langsam aus dem Leben zu trinken.

 

"Mein Gott, ich bin doch nicht die Knef"

Gestohlene Jahre -- die Welt, die sie mochte, war kaputt. Heimgekehrt ins Rheinland und doch verloren stand sie dann in den Trümmern der Nachkriegsgesellschaft, unfähig, wieder Fuß zu fassen. Schulden, Alkoholsucht, Landeskrankenhaus -- Stationen einer Menschenmüden. In den folgenden zwei Dekaden vergaß man Irmgard Keun beinahe völlig; bis man sie Ende der 70er im Zuge der Rückbesinnung auf verbannte Dichter wieder ausgrub -- wie eine überwinterte Kartoffel.

Ihre alten Erfolge wie Das kunstseidene Mädchen, Gilgi, eine von uns, die Exilwerke Nach Mitternacht, Kind aller Länder, Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften, D-Zug dritter Klasse und auch die 1949 in der Bundesrepublik erschienene, kaum beachtete Geschichte des Heimkehrers Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen wurden neu aufgelegt. Irmgard Keun war wieder 'Gegenstand' von Festreden. Journalisten aus nahem und fernen Ausland wollten Interviews. Sie fabulierte und variierte für sie an ihrer Vita herum, bastelte an der eigenen Legende.

Blitzlichter. Jubel und ein verspäteter Marieluise-Fleißer-Preis für Irmgard Keun. In der Mainzer Uni drängelten große Studentenmassen, als sie aus Kind aller Länder las. Standing ovations. Sie rezitierte mitreißend bis zum Umfallen und grummelte: "Mein Gott, ich bin doch nicht die Knef". Dem Trubel um ihre Person konnte sie nichts mehr abgewinnen. Immer wieder fiel sie zwischen alle Stühle, litt finanzielle Not. Wenn Schecks ins Hause flatterten, schaffte sie Pelze und Schmuck an. Die Vorschüsse auf zum Teil nie Geschriebenes rieselten durch die Finger; sie mußte Spenden erbetteln. Ach, Irmgard!

Am 5. Mai 1982 betrauerte die Stadt Köln den Tod ihrer bedeutenden Tochter. Schonungslos offen ist sie angerannt gegen die "mit Falschheit möblierte Enge dieser Welt". Auf die Frage nach ihrer politischen Einstellung hat Keun einmal geantwortet: "Gesellschaftlicher Standort: vorwiegend dagegen." Sie entschied sich dafür, mit intellektueller Schärfe die kleinen Verwerfungen und menschlichen Gebrechen zu entschlüsseln und traf damit ins Mark der Gesellschaft. Ihre Figuren sind gut aufgehoben in unserer Gegenwart; einer Zeit, in der scheinbar nur die Reichen immer reicher werden, in der Suppenküchen und Obdachlosenheime wie Pilze aus dem Boden sprießen und auch Menschen in der Schlange stehen, die einst in einer bürgerlichen Existenz lebten.

Ihr Glanz, Charme und Witz strahlen noch heute aus ihrem Werk. Man schmunzelt, wenn sie etwa ihre kunstseidene Doris tagträumen läßt, wie wohl Einstein rumzukriegen wäre: "Ich würde ihm ganz kühl hinwerfen: H2O ist Wasser -- das habe ich gelernt von Hubert und würde ihn damit in größtes Erstaunen versetzen." Am 6. Februar 2005 jährte sich Irmgard Keuns Geburtstag zum 100. Mal.

Allen neu hinzugekommenen Irmgard-Keun-Fans seien folgende im Buchhandel erhältlichen Ausgaben empfohlen: Das kunstseidene Mädchen, Gilgi - eine von uns und Kind aller Länder bei List, Nach Mitternacht bei Klett. Wenn wir alle gut wären ist antiquarisch leicht zu beschaffen.

 

autoreninfo 
Barbara Damm studierte Anglistik, Komparatistik und Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Magisterarbeit mit filmwissenschaftlichem Schwerpunkt. Seit 1994 Theaterarbeit an verschiedenen öffentlichen Bühnen und in der freien Szene. Seit August 2005 Festengagement in der Schauspieldramaturgie des Theater Bonn.

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