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* Frank Hartmann: Mediologie. Ansätze zu einer Medientheorie der Kulturwissenschaften
* Katrin Kremmler: Blaubarts Handy
 

Frank Hartmann: Mediologie. Ansätze zu einer Medientheorie der Kulturwissenschaften

Wien: Facultas 2003 (WUV), 198 Seiten.

Mathematische Informationstheorie und Kybernetik bilden ab ca. 1950 die nicht immer explizite, aber entscheidende Grundlage medien- und kommunikationswissenschaftlicher Theoriebildung. "Die Kultur- und Geisteswissenschaften scheinen davon jedoch kaum berührt zu sein", meint der Autor, und er hat recht damit. Doch was heißt das? In den heute ubiquitären Cultural Studies zum Beispiel gibt es kaum eine Auseinandersetzung mit Medientechnik und Medienwirklichkeit. Ihr Kulturbegriff ist politisch korrekt und semiotisch ausdifferenziert, aber von Technik und Medien fast völlig frei gehalten. Dennoch leben wir aber in einer Medien-Kultur, und eine Mediologie soll genau diesen Umstand reflektieren.

Der Begriff stammt von Régis Debray, der "die allzu gut geschmierten Scharniere" zwischen intellektuellem, materiellem und sozialem Leben "zum Quietschen bringen" will (Debray in Hartmann). Hartmann geht es nun nicht um Sinn, Botschaft oder Nachricht, sondern um die Transformation des Systems kultureller Übermittlung selbst. Nach Phasen der Mechanisierung und der Automatisierung ist mit der globalen Vernetzung eine neue Stufe in dieser Transformation erreicht. Dafür müssen nun technische Realitäten berücksichtigt werden wie Logik von Datenstrukturen, Funktion von Programmen, das Design von Interfaces, die ständige Neuordnung von Information, das Handeln von Agententechnologien oder die Architektur der Vernetzung. Dem stehen allerdings Berührungsängste bzw. die Angst vor dem technischen Determinismus entgegen. Umgekehrt jedoch macht Hartmann eher eine Kulturwissenschaft Angst, die weiterhin exklusiv an einer kritischen Hermeneutik des Subjekts und damit an der symbolischen Ebene der Sprache festhält, und zwischen der Alltagspraxis von Mediennutzern und einer ihnen verborgenen, tendenziell dämonisierten Welt der Technik einen Graben zieht.

In fünf Kapiteln geht Hartmann auf fünf brisante Themen der Mediologie ein. Er beginnt mit einer Kritik der Medientheorie, die Medientechnik als kulturbestimmenden Faktor einfach noch nicht erkannt hat. Er geht ein auf den Iconic Turn, unter dem wir zu verstehen haben, daß Technik Sichtbarkeiten ermöglicht, die es zuvor so nicht gegeben hat. Im dritten und vierten Kapitel begründet er die Mediologie, indem er anhand der Rechenprozesse des Computers die aktuelle Verflechtung von Technik, Information und Kommunikation aufzeigt. Die automatische Signalverarbeitung der Maschine hat unsere Kultur von der Grundlage der Schrift auf die von Algorithmen umgestellt. Es geht nun nicht mehr um Verbalisieren, Beschreiben oder Aufzeichnen, sondern um Berechenbarkeit, die im wesentlichen kulturelle Kommunikation determiniert. Diese neuen Transformationssysteme sind unter dem Titel "Philosophie der digitalen Medien" Thema des vierten Kapitels. Das fünfte Kapitel untersucht weiter die neuen Bedingungen des Wissenserwerbs und ihre konstitutive bzw. transformierende Funktion für Geistes- und Kulturwissenschaften selbst.

Das Schöne an dieser Einführung in die Medien-Kultur-Wissenschaft ist ihre Lesbarkeit, die dazu angetan ist, dem konservativen Leser -- und das sind wir im Prinzip alle, die wir nicht anders können als auf dem letzten Stand des Wissens eine Weile zu verharren -- über den Graben zu helfen zwischen alltäglichem Umgang mit der Technik und einer Wahrnehmung und Reflexion auf ihre tatsächlichen Auswirkungen auf unsere Kommunikationskultur.

(Thomas Wägenbaur)

 

Katrin Kremmler: Blaubarts Handy

Hamburg: Argument 2001 (Ariadne Krimi 1131), 208 S.

Budapest im Frühjahr 1999: eine Stadt im Handy-Fieber. Die Protagonistin Gabriela Müller, 27 Jahre, ist Deutsche ungarischer Abstammung und lebt seit zwei Jahren in der Metropole. Ihre guten Kenntnisse der englischen und ungarischen Sprache haben ihr einen Job als Assistentin in einer internationalen Firma verschafft und damit auch die finanzielle Basis zur Durchführung ihres eigentlichen, ethnologischen Projekts: der Untersuchung des Handygebrauchs innerhalb der örtlichen Lesben-Szene. Den Anlaß hierfür findet sie im eigenen Alltag: "Bei der Budapester Lesbenszene handelt es sich um eine stigmatisierte soziale Gruppe, die sich in einem feindlichen Umfeld konstituiert durch Beziehungen und durch Kommunikation." Zitate aus der entstehenden Doktorarbeit, in der es gilt, den "Aspekt der kreativen Nutzung neuer Kommunikationstechnologien als politisches Moment im Rahmen des Demokratisierungsprozesses" herauszuarbeiten, ziehen sich -- mittels Schreibmaschinenschrift typographisch abgesetzt -- durch den gesamten Roman und stehen für die kommunikationswissenschaftlich abstrakte Lesart der Ereignisse. Die empirische Basis bildet der Alltag der Ich-Erzählerin, "einer studierten lesbischen Büromaus im wilden Osten", die aufmerksam kleinste Begebenheiten um sich herum wahrnimmt, wenn sie aus ihrem Mietshaus in der Plattenbausiedlung tritt, mit der Metro und Tram durch die Stadt und zur Arbeit fährt, die Verwandten in ihrer Vorstadtwohnung besucht, die Treffpunkte der Szene aufsucht und abends beim Beratungs- und Infotelefon für Lesben, Schwule und Bisexuelle Meleg Háttér tätig wird. Dort bekommt sie anschauliche Einblicke in die schwierigen Beziehungsgeflechte von Menschen, die ihren homosexuellen Neigungen noch vorwiegend heimlich nachgehen und darüber bisweilen mit kriminellen Milieus in Berührung kommen. So ergibt es sich auch, daß sie unverhofft zur Gejagten in einem Mordfall wird, bei dem das Mordopfer über eine Handyverbindung die Hotline zum akustischen Zeugen werden läßt -- allerdings ohne daß dabei die Tragweite des Gehörten gleich offensichtlich wäre.

Klassische Krimi-LeserInnen mögen beklagen, daß der Mordfall sich erst gegen Ende des Buchs ergibt und die Leiche bloße Erwähnung bleibt -- der Spannung der Erzählhandlung tut dies jedoch keinen Abbruch. Daß irgendetwas nicht stimmt und Unheil droht, deutet sich schon zu Beginn in der Firma an: Gaby wird in ihrer Position als persönlicher Assistentin der Geschäftsleitung von den Kolleginnen keine lange Verweildauer prophezeit, und die bulgarische Chefin setzt bei allerlei Transaktionen ihre Unterschrift unter Dokumente, die sie selbst nicht lesen kann. Die verschiedenen parallelen Erzählebenen mit Beobachtungen aus dem Büro, privat in der Lesbenszene und ehrenamtlich bei der Homo-Hotline laufen geschickt konstruiert aufeinander zu und zeigen, daß auch Budapest letztlich nur ein Dorf ist. Eines, das trotz aller sich mit dem Wandel auftuender sozialer, architektonischer und wirtschaftskrimineller Abgründe seinen ganz besonderen Charme hat.

Die besondere Originalität dieses geistreichen, amüsanten Bandes aus der Ariadne Krimi Reihe mit der Neigung "zum Subversiven" liegt darin, daß viele der verwandten Schilderungen authentisch sind, weil die Autorin selbst vor Ort gelebt, solide recherchiert und Feldnotizen angefertigt hat. Daß die Lesbenkommunikation sich letztlich doch nicht als so politisch und das Dissertationsthema damit als nichtig erweist, tut dem ganzen keinen Abbruch -- im Gegenteil.

Der Roman ist eine Liebeserklärung an die Stadt und seine Menschen und steckt voller kleiner, wertvoller Miniaturbeobachtungen und Reflexionen über die ungarische Gesellschaft ("Was man über diese Stadt wissen muß, lernt man in der Metro"), unterschiedliche Erwartungen an Liebesbeziehungen in Mittel- und Westeuropa und die Suche nach einer eigenen kulturellen Identität der ungarischen Lesben in Abgrenzung zum westlich-feministischen Modell.

Das Patchwork aus einfühlsamen Schilderungen anderer Charaktere, Passagen aus Original-Interviews mit lesbischen Handynutzerinnen, der Wiedergabe von Telefonaten aus der Arbeit beim Meleg Háttér, über Handy gesandten SMS-Botschaften und E-Mails sowie spontanen Gefühlsäußerungen, die der Protagonistin während der Handlung durch den Kopf schießen, ist klug zusammengestellt, schnoddrig geschrieben und spritzig zu lesen.

Die Lektüre lohnt sich also -- gewiß nicht nur für "studierte lesbische Büromäuse im wilden Osten".

(Anke Bahl)

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