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no. 20: ohr -> perspektive
 

perspektive

Das Ohr ißt mit: Abenteuer unsicht-Bar

von Alex Schaffert-Callaghan

In der deutschen Hauptstadt greift die Erlebnisgastronomie um sich. So kann man in Berlin in totaler Finsternis dinieren. Ich bin neugierig, wie das gehen soll, doch so ganz alleine will ich mich der essenstechnischen Herausforderung nicht stellen. Sich im Dunkeln bekleckern, zählt das überhaupt? Ich frage zwecks moralischen Beistands kurzentschlossen eine Freundin, den Abend mit mir im einschlägigen Etablissement zu verbringen. Carola ist von der Idee begeistert.

Pünktlich um acht stehen wir vor der Tür der unsicht-Bar. Schon im Eingangsbereich wird die künstliche Dämmerung nur von vereinzelten Kerzenlicht unterbrochen. Die Speisekarte präsentiert sich als Rätselsammlung. Mehrgängige Menüs (auch vegetarisch) werden bildhaft umschrieben, ohne die genauen Zutaten und Zubereitungsarten preiszugeben -- die soll sich der Gast selbst 'erschmecken'.

Vor dem Eingang zum Speisesaal erwartet uns Mustafa, unser Kellner und Lotse für den Abend.

"Hand auf die Schulter", instruiert er. Ich lege meine Hand auf Mustafas Jackett, Carola hakt sich bei mir unter. Unser Zug setzt sich in Bewegung, in die Dunkelheit, ins Ungewisse, "Where no man has ever gone before", wie es im Vorspann zu Raumschiff Enterprise heißt.

So wörtlich trifft Captain Kirks Motto auf die unsicht-Bar inzwischen jedoch nicht mehr zu, denn seit der Eröffnung im Frühjahr 2002 reißt der Strom der Besucher nicht ab. In nächtlicher Schwärze zu dinieren ist für die Gründer und Betreiber der Gaststätte eine Dauererfahrung, denn sie sind beide blind.

"Gefällt euch das Dekor?"

Mustafas Frage ist als Scherz gemeint, aber wir sind zu sehr damit beschäftigt, nicht über die eigenen Beine zu fallen, als sich hinter uns der schwere Vorhang zum Speisesaal schließt. Der Weg windet sich um zwei Ecken und der letzte Rest Tageslicht verschmilzt im Labyrinth hinter uns. Vor uns nichts als Finsternis. Und Stimmen, die sich im Raum zu verlieren scheinen.

Ich spüre, wie sich meine Pupillen zu Tennisbällen weiten, gierig nach dem kleinsten Lichtstrahl. Doch der existiert nicht in einer Welt, wo selbst Leuchtanzeigen von Handys verpönt sind. Mustafa rückt unsere Stühle zurecht, und wir rutschen unbeholfen auf unsere Plätze.

"Ich komm' gleich zurück mit den Getränken."

Ich taste diskret um mich. Carola sitzt links von mir, gegenüber von uns ist eine Wand, und rechts hört unser Tisch auf. Was sich jenseits dessen abspielt, weiß ich nicht.

Minuten später halte ich mich an meinem Berliner Pilsener fest, als wäre es ein Rettungsring, und fühle zum ersten Mal, was es heißt, nichts zu sehen. Die samtige Stimme der Sängerin Sade entschwebt unsichtbaren Lautsprechern und füllt den Raum.

"Was glaubst Du, wieviele Gäste außer uns hier sind?"

Carola flüstert, obwohl es dafür keinen Grund gibt.

Wir lauschen in die Dunkelheit, als ob ein Echo unsere Frage beantworten könnte. Ich merke, wie sich meine Raumwahrnehmung verschiebt. Es kommt mir vor, als säßen wir im Vergleich zu den gedämpften Stimmen anderer Menschen im Raum erhöht. Wie auf einer Bühne. Ich beginne, an meiner Sinneswahrnehmung zu zweifeln, wie Johnny Depp in Fear and Loathing in Las Vegas. Ob mir jemand was in mein Wasserglas getan hat? Ich höre ein Kichern am Nebentisch. Wahrscheinlich Dr. Gonzo, der mir einen Streich spielt und sich ins Fäustchen lacht.

"Vorsicht heiß!"

Mustafa setzt zwei schwere Teller vor uns nieder. Etwas Gewöhnung braucht es schon, einzelne Bissen vom Teller auf die Gabel und dann in den Mund zu befördern. Dank der rätselhaften Speisekarte wissen wir beide nicht so recht, was wir da essen. Carola vermutet Hühnchen. Ich tippe auf Aubergine au gratin. Und dann sind da noch die kleinen fruchtigen Körner auf meinem Beilagensalat, die eigentlich ganz gut schmecken, für die mir aber jeder Begriff fehlt.

"Hallo, alles OK?"

So lautet Mustafas periodischer Erkennungsgruß, wenn er an unserem Tisch vorbeikommt. Er mache das, um den Menschen die Angst vor der Finsternis zu nehmen. Wir erfahren, daß er auf einem Auge blind ist. Ein Autounfall sei schuld an seiner Sehbehinderung, und ohne den Job in der unsicht-Bar hätte er es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Tragisch sei das ganze gewesen, sagt Mustafa, und lacht dann ein leises, fast schon entschuldigendes Lachen. Jetzt würde ich ihn gern sehen.

Der Koch des Restaurants -- im vollen Besitz der Sehkraft, darauf wird auf der Webseite betont hingewiesen -- versteht sein Handwerk ausgesprochen gut. Gekocht wird hier vorzüglich, nur gegessen wird langsamer als anderswo. Es dauert gute zwei Stunden, bis wir beim Dessert angelangt sind. -- Und dann merke ich plötzlich, wie erschöpft ich bin.

Ich sehne mich nach dem Blickkontakt mit meinem Gegenüber. Ich bin es leid, Unterhaltungsfetzen von anderen Tischen aufzuschnappen, ohne zu sehen, wer sich hinter den Stimmen verbirgt. Sades immergleiche Melodie zirkelt in einer unendlichen Klangschleife und wird zur sanften Folter. Ich will raus ans Licht.

Die Dunkelheit hier ist total -- es gibt keine Umrisse, keine Schatten, keinen Lichtstrahl, der durch Fensterritzen oder schlecht schließende Türen dringt. Es gibt keine Kerzen, kein beleuchtetes "Ausgang"-Schild, kein dumpfes Stadtlicht, das von der Straße ins Innere scheint. Die unsicht-Bar ist ein schwarzes Loch, das jede Helligkeit verschlingt.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, für immer blind zu sein. Einzig und allein aufs Gehör angewiesen zu sein, sich Gesichter vorstellen zu müssen, Reaktionen zu rekonstruieren, Entfernungen zu schätzen, und nie zu wissen, wer sich in unmittelbarer Nähe befindet. Belauscht zu werden, angestarrt zu werden, sich einen Weg zu ertasten. Mit der Gabel zu essen und mit der Hand nachzuhelfen. Sich auf andere zu verlassen und dabei immer wieder verlassen zu werden. Im Dunkelrestaurant bleibt dieses Gedankenspiel zum Glück kontrafaktisch.

Nach dem letzten Gang werden wir zurück zur Rezeption gelotst. Dort lesen wir uns die Auflösung der Speisekarte durch. Carolas mutmaßliches Hühnchen entpuppt sich als Ente. Auf meinem Salat tummelten sich Granatapfelkerne. Im Nachhinein klingt des Rätsels Lösung ganz einfach.

Als wir das Restaurant verlassen, herrscht draußen tiefe Nacht. Mustafa wartet beim Ausgang auf uns, und wir geben uns zum Abschied die Hand. Obwohl ich ihn am Anfang des Abends schon einmal gesehen habe, kommt er mir jetzt ganz anders vor. Als sähe ich ihn zum ersten Mal.

 

autoreninfo 
Alex Schaffert-Callaghan pendelt am liebsten zwischen den USA und Deutschland und macht sich dabei Notizen zum Besonderen beider Länder. Sie hat in Deutschland und in den USA studiert, und leitet heute die Webseite für einen grossen gemeinnützigen Radiosender in Los Angeles. Sie lebt mit Ehemann, Sohn, und Kater in L.A.

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