aufgelesen

 

Christoph Buggert: Lange Reise

Leipzig: Reclam, 2004, 276 Seiten.

Es gibt Bücher, bei denen man gleich auf der ersten Seite weiß, daß man auf sie gewartet hat: Bücher, die man brauchte, ohne von ihrer Existenz auch nur zu wissen, die einem den Atem rauben und die Sprache verschlagen, die vor Erzähllust nur so sprühen und die dennoch ins Verstummen führen. In denen die Sätze. Abbrechen. In der Stille. Einfach so. Ganz ohne große Geste. Denn: "Die Wahrheit läßt sich in kleinen Worten sagen." und "Nur wer klein im Kopf ist braucht große Sätze." Dies sind die Bücher die einem nur wenige Male begegnen im Leben, und für die man, allen Enttäuschungen zum Trotz, mit dem Lesen von Neuem nicht aufhört, weil man hofft, daß es sie noch gibt. Bücher, über die man dann beinahe ungläubig staunt wenn sie plötzlich da sind. Bücher, die einen daran erinnern wozu Literatur noch immer in der Lage ist.

Christoph Buggerts zweiter Roman Lange Reise ist so ein Buch. Ein Buch bei dessen Lesen man sich vor Lachen auf die Schenkel schlägt und dem es gleichzeitig gelingt, mit Worten einen vergessenen Schmerz zu berühren, der sich nur in Tränen befreien kann. In dem die Sätze eine Narbe freilegen und entkrusten, die im täglichen Leben stets wieder zuwächst, aus dem Bewußtsein rutscht, aber niemals heilt. Ein Schmerz von dem man vergessen hatte, oder noch gar nicht wußte, daß er einem gehört, einem in Leib und Kopf steckt, ein Schmerz, den Buggerts Prosa jetzt zum Vorschein bringt. Mit Sätzen, in denen sich stets ein leichtes Stottern in den Wortfluß schiebt, das langsam Denken und Sprache ausschabt, lachend wie weinend, mit Silben, die wie mit Zeitzündern versehen im Nachhall der Worte leise explodieren und ihre Widerhaken im Kopf hinterlassen. Ohne daß man sich dem Entziehen könnte.

Im Zentrum eines solchen Buches stehen unweigerlich der Tod, das Leben, und das Erzählen selbst. Welcher Text wäre schließlich kein Erzählen mit und gegen den Tod? Eine Affirmation des Lebens angesichts des unweigerlichen Verschwindens? In Buggerts Roman ist es eine Pfarrersfrau, die spürt, daß ihrer "Lebensscheibe" nichts mehr hizuzufügen ist, die sich auf die "Reise nach innen" macht, und die nun ihr Leben für ihre Kinder erzählt und niederschreibt, um zu verhindern, daß die Erinnerungen und Geschichten mit ihr begraben werden. So entsteht ein mit Leidenschaft erzähltes und vor Leben nur so strotzendes Denkmal des eigenen Lebens, ein erzähltes Leben, das als weitergegebene Geschichte Tod und Vergessen ein Schnippchen schlägt. Ein deutsches Leben, wie das so vieler, dessen Zentrum sich in den Schrecken des dritten Reiches entwickelt, und das auch Jahrzehnte später von diesem Zentrum bestimmt bleibt, immer wieder zu ihm zurückkehrt, in dem unabdingbaren und gleichzeitig unmöglichen Versuch, das Geschehene zu verstehen.

Das Geschehene, das ist das Leben einer deutschen Familie, die sich ihr einmal erobertes Glück nicht bewahren kann, weil es zur falschen Zeit am falschen Ort gewonnen wird. Weil ihm zu viele schwarze und braune Uniformen im Wege stehen. Zufällig und ohne Grund. Glück und Leben zerbrechen vollkommen unsinnig an diesen fahnenschwenkenden und stiefeltretenden Hindernissen. Und wenn auch die absolute Ungerechtigkeit des Geschehenen nicht durch Erzählung verwandelt werden kann, liegt dennoch "Trost für den ganzen Unsinn Leben." in der Geschichte die aus diesem grausamen Zufall entsteht. Einer Geschichte, die, indem sie der Sinnlosigkeit der "Haßmaschine" des dritten Reiches in die Augen sieht -- "Deutsche Momente sind die schlimmsten Momente auf der Welt" --, dem Leben, dem eigenen wie dem deutschen, ein Denkmal setzt, eines, das weh tut, wie es der Mann der Erzählerin, ein Pfarrer, der auch in den schlimmsten Zeiten nicht aufhört, von der Kanzel die Wahrheit zu sagen, und der dann doch vom braunen Dreck gegen den er ankämpft gebrochen wird und sich an ihm verliert, für die Deutschen fordert. "Aber das Denkmal muß wehtun. Weil es an etwas erinnert, das auch wehgetan hat."

Solch ein Denkmal erlaubt es nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder zu bewältigen, sondern fordert das Erinnern ein, weil es eine Wunde offen halten will und muß, die nicht heilen kann. "Es läß sich nicht wegreden, was in unserem Land passiert ist. Bewältigen läßt es sich auch nicht. Es ist da, einfach nur da. Wer meint, jetzt ist es genug. Der hat nicht begriffen, wie sehr es in ihm selber steckt." Was einfach nur da ist, kann man nicht erklären, und damit auch nicht wegerklären. Und so kann und will auch Lange Reise keinen Sinn stiften wo keiner ist, sondern kann nur erinnern und konstatieren, Tatsachen, immer wieder:

"Was haben wir gedacht, die dabeistanden und es nicht verhinderten? Das Einzige, was ich rausgekriegt habe: Wer dabei ist und es überlebt, der hat nicht alles getan. Das Einzige, was ich rausgekriegt habe: Es wird wieder passieren. ... 'Dass wir Menschen uns wie Menschen benehmen, das ist so schwer zu ertragen.' "
"Wahrscheinlich ist das schon alles, was man rauskriegen kann. Die einen haben eine Waffe, die anderen nicht. Die ohne Waffe könnten sich auch eine beschaffen. Aber dann gehören sie zu denen, die eine Waffe haben. Und das wollen sie nicht. Bestimmt ist das ein Fehler. Aber wenn niemand den Fehler macht, dann gibt es keine Hoffnung in der Welt."

Die Hoffnung, der Schwärze des Geschehens ohne Waffe in die Sicherheit des privaten Lebens zu entkommen, gibt es nicht. Das eigene Leben ist notwendig auch das deutsche, und dem sinnlosen Haß, der die deutsche Gesellschaft zerfrißt, können sich auch diejenigen nicht entziehen die ihn nicht teilen. Auch und gerade das private Glück wird vom braunen Gift zersetzt, und dieselbe einfach nur daseiende Wunde kann ebenso auch in der gescheiterten Ehe des Pfarrersehepaares schließlich nur akzeptiert werden. Diese Ehe bricht, auch wenn sie weiter bestehen bleibt, an den Folgen eines in den Nachkriegswirren geschehenen Seitensprunges zusammen. Der verursachte Schmerz kann auch durch Reden der wiederzusammengefundenen Partner nicht mehr gelindert werden, und was einmal intimste Verbundenheit war, zerfällt in die Unmöglichkeit der Kommunikation. Glück wie Schmerz wehren sich gegen das Mitteilen.

" 'Komisch eigentlich.' 'Was ist komisch?' 'Man versteht alles.' 'Und?' 'Man versteht nichts.'"

Und trotz allem ist dies erzählte Lebensdenkmal schließlich nicht Bestätigung der Endgültigkeit des Schmerzes, sondern Affirmation der Lebenslust. Die einzige echte Hoffnung derer, die sich keine Waffe besorgen wollen, so weiß die Erzählerin, ist es, das Leben bis zum letzten Moment mit aller Intensität auszukosten, ganz egal was es bringt, an Gutem oder Schlechtem, Wundervollem oder Schrecklichen. Es gilt, zu verstehen, daß Trauer, Depression, und Verzweiflung dem Haß weiter in die Hände spielen und ihn perpetuieren. Daß man der Entwürdigung durch die Waffenträger nicht durch den fehlgeleiteten Versuch begegnen kann, eine falsche Würdenfassade aufzubauen. Daß Wirtschaftswunder, blankgeschrubte Küchen, und fanatisch getrimmte Schrebergärten nicht die Lösung sind. Daß der deutsche Trauerkloß genauso fehl am Platze ist wie die deutsche Vergessens- und Bewältigungswut. Daß nur das Lachen und die Lebenslust angesichts selbst des Schrecklichsten, nur die respektlosige Buntscheckigkeit der Freude am Dasein der Haßmaschine wirklich Paroli bieten können. Daß diese aller Dunkelheit und Widerlichkeit trotzende Lebensfreude die einzige wirkliche Waffe der Waffenlosen ist:

"Wir werden geboren, wir sterben ziemlich schnell, die kurze Zeit dazwischen, die ist unsere Zeit. Wenn wir sie bloss mit Würde anfüllen, haben wir sie verschenkt. Bunt und scheckig muss sie sein, und voller Überraschungen. Wenn Schreckliches darunter ist, gut, es läßt sich nicht ändern. So schnell wie möglich muß der Kopf sich wieder nach oben kämpfen. Weg, immer weg mit dem Dreck!"

"Jede Minute Leben muss brennen!" so predigt es der Pfarrer von der Kanzel, bevor seine Flamme im Dreck der braunen Schlammlawine erstickt, und so erzählt es seine Frau weiter, um sein und ihr Leben, um das Leben selbst zu retten. Und so ist ihre Erzählung Denkmal und Rettung zugleich, dank einer buntscheckigen, respektlosen und unwiderstehlichen Poesie, deren Präzision und Respekt der erzählerischen Wahrheit gegenüber gleichzeitig größer nicht sein könnte. So wie ihr in Trauer erstickter Mann über den Austausch von Tagebucheinträgen mithilfe des Simulakrums des geschriebenen Wortes schließlich dich noch zu einer Nähe und Intimität und zu einem Glück zurückfindet, daß sich körperlich nicht mehr einlösen läßt, so löst auch die Erzählung als Ganze einen erlittenen Schmerz zwar nicht auf, kann ihn aber doch mit Hilfe der Sprache auf seine Transzendierung hin öffnen. Womit Buggerts Roman beweist, daß Worte in der Hand eines kompromißlosen Erzählers trotz allem immer noch erreichen können, was Kunst einmal versprach.

(Alexander Schlutz)

 

Heiner Frost: Lenzenhorst oder Die Zeit ausschütten

Kleve: copy-us 2002, 169 Seiten.

Literatur ist die Form des Schreibens, die versucht, hinter die allgemeinen Begriffe zu kommen. Hinter Namen, die Allgemeinheiten bezeichnen. Hinter das, was vom Zielpunkt des ausgestreckten Zeigefingers zu einem Wort geworden ist, dessen semantisches Potential nicht mehr von jener deixis abhängt. Und die dabei notwendigerweise immer wieder an sich selbst scheitert. Was Literatur interessant macht, ist die Form dieses Scheiterns selbst. In Heiner Frosts Debütroman Lenzenhorst besteht jene Form vor allem im Versuch des Erzählers, durch neologistische Wortschöpfung dort Singularität, Besonderheit und Sinn zu schaffen, wo auf Schritt und Tritt die allgemeine Wahrheit der von der oberen Hälfte der Sanduhr in die untere ausgeschütteten Zeit droht. Die Trivialität des Todes also -- jene des Geistes und schließlich auch des Körpers. Also wird Frosts Erzähler Franz zu "Erfranz", der weibliche, lesende Gegenpart des fiktionalen Autors Franz wird von "Franzi" allmählich zu "siefranzilaramali" (die Zwischenetappen dieses nominalen Pleonasmusschneeballs müssen Sie bei Frost selber nachvollziehen), und Franz' Kleinkind wird zu "der Kind", dessen bestimmter Artikel sich der Beugung unter den geforderten Kasus strikt widersetzt. So also verschriftet Franz sein sogenanntes Leben zu einer Geschichte, in der die Pronomen nicht mehr einfach nur für die Nomen --also an deren Stelle -- stehen, sondern vielmehr ganz einfach vor jenen. Franz schreibt über "Erfranz" -- über eine mögliche Mutation seiner selbst, in der er sich selbst in der dritten Person konstruieren und dann betrachten kann. So kann er sich dann auf Episoden aus Franz' Kindheit beziehen, ohne eine lückenlose Kontinuität zwischen dem "Franzjungen" und demjenigen, der da eine Geschichte erzählt, behaupten zu müssen -- oder: zu können. Denn die Verschriftlichung von Franz' Vergangenheit entspricht nicht dem obszönen Wahrheitsfetischismus des Kenneth Starr-Reports, den sich Franz aus dem Internet herunterlädt -- "ein fettweißer Stapel aus bedrucktem Papier" (S. 39). Franz nämlich kann noch nicht einmal Farben mit Sicherheit auseinanderhalten; wie sollte er sogenannte Wahrheiten festhalten wollen, die der jenes berüchtigten blauen Kleides (mit seinen noch berüchtigteren weißlichen Spuren) nachkämen? Die Antizipation des Todes in Form diverser Sterbeszenen in Franz' Erzählung aber ermöglicht ihrem Erzähler letztlich die strukturelle Einschreibung einer anderen Art von Wahrheit: der eines fiktionalen Verschwindens hinter der Sprache, hinter den Pronomen -- auf eine Weise, die sich gewissermaßen entgegensetzt zur retrospektiven Selbstversicherung einer Person verhält, die ihr Buch My Life betitelte.

(Martin Klebes)


Alle Rechte liegen bei den jeweiligen Autorinnen und Autoren.
ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/ohr/aufgelesen/
impressum | datenschutz