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no. 9: kommunikation -> kritik medialer vernunft (6)
 

Zur Kritik der medialen Vernunft -- Teil 6

Mediale Selbstgespräche

von Goedart Palm

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* anmerkungen
* druckbares

Die Bedeutung der Verbreitungsmedien für die Kommunikationspraxis in modernen Gesellschaften ist unumstritten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Medien, wie idealtypisch angenommen, von Subjekten als emanzipatorische Kommunikationsinstrumente eingesetzt werden können, oder ob sie letztlich in ihrer Eigendynamik die gesellschaftliche Kommunikation völlig kolonisieren. Da Medien in der Lage sind, sich selbst zu vermitteln, ohne scheinbar menschliche Zwecksetzungen zu hintertreiben, schließen die beiden Positionen sich jedoch nicht aus, sondern bedingen einander.

 

I. Einleitung

'Kommunikation' wurde zur Zauber- und Allerweltsformel des gelungenen Einbaus der Subjekte in Massengesellschaften, deren kommunikative Intensität durch immer neue Verbreitungsmedien unabsehbar gesteigert wird. Idealtypisch vermittelt das Subjekt sich in der Gesellschaft, um in seiner Sozialisation die Reproduktion der Gesellschaft und des gesamtgesellschaftlichen Wissens zu gewährleisten. Von diesem einfachen Befund ausgehend teilte sich in den soziologischen Betrachtungen zuletzt bei Habermas und Luhmann immer stärker die Bedeutung von Verbreitungsmedien in der gesellschaftlichen Kommunikationspraxis mit. Historisch wird die Frage brisant, ob die gesellschaftlich relevanten Kommunikationen vom Menschen immer stärker auf Medien verlagert werden, oder Medien schließlich gar die gesellschaftliche Kommunikation in ihrer Eigendynamik völlig kolonisieren.

Die Frage klingt zwar paradox, weil doch Menschen reklamieren, Medien als (Fern)Kommunikationsinstrumente zu ihren Zwecken einzusetzen. Medien vermitteln Menschen permanent individuelle Kommunikationserfolge, die sie in der gesellschaftlichen Praxis relativ unverdächtig erscheinen lassen. Wie Lewis Mumford betont hat, ist die Kommunikation nach einer Reihe telematischer Entwicklungen wieder an den Punkt der unmittelbaren Verständigung zurückgekehrt, von dem sie ihren Ausgang genommen hat[Anm. 1]. Die neue Unmittelbarkeit verläßt aber die Grenzen der oralen Kultur, um die vormaligen Begrenzungen von Raum und Zeit in tendenziell instantaner Kommunikation zu transzendieren. Gleichwohl regte sich Mißtrauen gegen die neue Kommunikationsherrlichkeit, weil zugleich zahlreiche Medien- und Technikkritiken auf die Selbstreferenzialität von Medien verwiesen.

Bereits die berühmte Kritik von Horkheimer und Adorno an der Kulturindustrie bezichtigte Massenmedien, ein- und eigensinnig zu wirken, der Gesellschaft das Besondere auszutreiben, alles mit Ähnlichkeit zu schlagen, vor allem aber die Adressaten von Massenmedien so zu nivellieren, daß sie medienkompatibel werden. Demgegenüber bleibt es eine schwache Kritik, Menschen aufzugeben, den medialen Verblendungszusammenhang selbst zu durchbrechen, weil der gesellschaftliche Gebrauch des Mediums längst die Eingriffsmöglichkeiten des Einzelnen prägt und zugleich überfordert. Die Kritik an der kulturindustriell gefertigten Kommunikation erledigte sich nicht durch die Wirkungsmächtigkeit des Menschen, sondern die Sendeverhältnisse wurden heterogener, indem die Technologie multipolare vernetzte Kommunikationsstrukturen eröffnete. Aber wurden dadurch auch die beklagten medialen Eigendynamiken reduziert und erfolgreiche Kommunikationen zwischen Menschen ermöglicht?

 

II. Codierte Kommunikation

Paradigmenwechsel, Kommunikationsabbrüche oder idiosynkratische Mutwilligkeiten werden seit je (inter)subjektiv als Störfälle einer gelungenen Kommunikation behandelt. Bezogen auf die Entwicklung gesellschaftlichen Wissens sind sie aber konstitutiv, da die Wissensproduktion auf Vorbehalte, Korrekturen oder Neuanfänge angewiesen bleibt. Ohne Mißverständnisse, Zweifel und Widerspruch entstünde kein kommunizierbares Neuwissen. Hegels Analysen zum Widerspruch markieren diesen dialektischen Fortschritt als Begriffsgeschichte. Jeder Begriff wird aber nicht nur durch Kommunikationen vermittelt, sondern fortwährend in seinem Gebrauch variiert. Besonders deutlich wird das bei den vielbeobachteten Paradigmenwechseln, die als Kommunikationsstörung beginnen, um das Selbstverständnis der Gesellschaft von einer gelungenen Kommunikation schließlich fundamental zu verändern und zu einem neuen, vorübergehenden Standard erfolgreicher Kommunikationen zu gelangen.

Pierre Bourdieu erkennt die Grundfrage aller Kommunikation darin, ob die Voraussetzungen des Verständnisses erfüllt sind. "Verfügt der Hörer über den Code, mit dem er dekodieren kann, was ich sage?"[Anm. 2]. Kein Mensch verfügt aber je über den vollständigen Code des Gegenübers, weil er sonst über dessen Verständnishorizont, seine Konnotationen und Eigentümlichkeiten verfügen müsste -- mithin: der Andere wäre.

Die Grundfrage aller Kommunikation lautet daher: Verfügt der 'Sprecher' über einen Code, der zumindest ausreichend ist, den Adressaten aus seinem Kommunikationsgleichgewicht zu bringen? Kommunikationen ereignen sich an der fragilen Schnittstelle von bereits Bekanntem und dessen Irritation. Ihr Erfolg hängt von der schwer justierbaren Proportionalität zwischen diesen beiden Zuständen ab. So wäre etwa dem vorliegenden Text nur ein kommunikativer Erfolg beschieden, wenn der Leser in der unwahrscheinlichen Situation angesprochen wird, gerade mit diesen Mitteilungen seinen Verständnishorizont zu erweitern. Es ist statistisch wahrscheinlicher, daß der Adressat entweder dieses Kommunikationsangebot aus zahlreichen Gründen nicht versteht oder aus einer besseren Perspektive, als sie der Autor besitzt, als redundant oder unrichtig zurückweist.

 

III. Asymmetrische Kommunikation

Bereits in der primären Kommunikation ohne Einsatz technischer Medien liegen erhebliche Risiken, die Botschaft nicht oder falsch zu übertragen. Wir rufen etwa dem Suizidalen auf dem Dach zu: "Spring' nicht", aber unsere Verneinung wird vom Wind verschluckt. Indes zeigt dieses einfache Beispiel die Offenheit der Kommunikation besonders deutlich. Mein Kommunikationsversuch ist zwar mit einer Verhaltenserwartung gegenüber 'alter' verbunden, aber mein Gegenüber bleibt für mich in seiner Entscheidung kontingent. So weit das mentale Ambiente des Gegenübers besser bekannt ist, mögen Verhaltenserwartung und Kommunikationsangebot besser begründbar sein. So kann etwa eine paradoxale Kommunikation (Intervention) erfolgreicher sein, wenn 'alter' dieser Struktur auf Grund früherer Erfahrungssicherheiten eher folgen wird. In dem zuvor genannten Beispiel könnte also die Aufforderung an den Suizidalen, nun doch endlich zu springen, das (erwünschte) Gegenteil bewirken. Jede Kommunikation ist mithin offen, kann angenommen, abgelehnt oder nicht verstanden werden.

Selbst wenn Gesprächen auf Grund bestimmter Grundbedingungen der Mitteilbarkeit eine kommunikative Rationalität unterstellt wird, muß der Adressat meiner Kommunikation sich diesem Modell gerade nicht fügen. Mit anderen Worten: Die kommunikative Rationalität ist selbst ein Kommunikationsgegenstand, der angenommen oder abgelehnt werden kann. Fundamentalisten sehen etwa in einer herrschaftsfreien Kommunikation wenig Sinn und suchen keine konsensorientierten Diskursergebnisse.

Das berechtigt nicht zu der Feststellung, daß Kommunikationen gegenüber Kommunikationsverweigerern wirkungslos sein müssen. 'Alter' muß sich zwar dem Bedeutungsangebot nicht anschließen, aber die Bedeutung verunsichert sein kommunikatives Gleichgewicht. Die Folge dieser Unruhe ist in nichttrivialen Zusammenhängen nicht vorhersagbar. Warenangebote, die etwa Wohlstand kommunizieren, sind daher in fundamentalistischen Gesellschaften, die diese Botschaft zurückweisen, asymmetrisch, aber deshalb nicht erfolglos. Daher könnte der kommunikative Angriff von McDonalds oder Coca Cola auf einen fundamentalistischen Diskurs politisch effizienter sein als die christliche Frohbotschaft, weil diese symmetrisch/spiegelbildlich gekontert werden kann. Wäre die wahre Ökumene nicht länger die Transzendenz Gottes in einem überkonfessionellen Glauben, sondern die Immanenz der Ware? Warenangebote folgen einer anderen Codierung als Religionen: Sie kommunizieren unmittelbare Befriedigung, die eben gegenüber zukünftigen Heilszuständen vorzugswürdig sein mögen.

Politische oder religiöse Herrschaft, die versucht, ihre Macht auf einen jeweils erreichten Kommunikationsstandard und dem zugeordnete Codes zu fixieren, hat geringe Zukunftschancen, weil sie nicht sämtliche Irritationen eines Verständigungsniveaus kontrollieren kann. Zwar können Subjekte in ihrer Kommunikation limitiert werden: Internet-Cafes werden wie in China geschlossen oder den Mitgliedern der Gesellschaft Orwell'sche Sprachregelungen vorgeschrieben. Gleichwohl ist die Feinstruktur politischer Veränderungen mit diesen Mitteln nicht dauerhaft erfolgreich zu beeinflussen. Die Offenheit der Kommunikationen setzt sich langfristig immer gegen massenmedial verordnete Verbote, Propaganda oder gar klassische Waffen durch. Das gleichsam metaphyische Raunen von Kulturmorphologien, die vom Aufstieg und Abstieg von Kulturen handeln, kann auf Kommunikationseffekte reduziert werden. Der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten folgte nicht zuletzt der Unmöglichkeit, die kommunikative Penetration von unrichtigen Selbstbeschreibungen zu verhindern.

Kommunikative Rationalität ist in medialen Gesellschaften indes ein selten erreichter Idealtypus der Verständigung. Massenmedien reduzieren sich schon deshalb nicht auf Verständigung, weil sie ständig ihre zumeist anonymen Empfängerkreise entgrenzen wollen. Das funktioniert aber nur dann, wenn der 'Warencharakter' der Kommunikation zum Nachteil ihrer Diskursqualität verstärkt wird. So erleben wir etwa die Fernsehwelt asymmetrisch, ständig werden Kommunikationsweisen gewechselt -- Analysen, Nachrichten, Unterhaltungsformen und die ihnen zugehörigen Sprachmodelle konkurrieren miteinander. Die Adressaten nehmen Fernsehkommunikation als ein patch-work von Diskursstilen, Redeweisen, vor allem aber von Bilder- und Signalwelten wahr. Wir gewöhnen uns an hybride Kommunikationsformen: Cross-over, Infotainment, Edutainment, Werbung, die sich den Nachrichten anverwandelt und umgekehrt. In dieser Welt wird die Inkompatibilität der Botschaften und der Verständigungsabsichten der Teilnehmer zum medialen Alltag.

Im Zapping pervertiert der Zuschauer nicht das Kommunikationsmedium 'Fernsehen', sondern reagiert auf die Unvereinbarkeit der medialen Botschaften mit noch höherer Kontingenz. Das ist zuletzt nicht ein erfolgreicher Mediengebrauch der Selbstaufklärung, sondern eine individuelle Abbildung des Kommunikationschaos. In der kommunikativen Fülle wird die Leere der Botschaft geahnt, die den Adressaten in den unendlichen Rückgriff auf vermeintlich bessere Mitteilungen treibt und doch nur die Orientierungslosigkeit von Rezipienten markiert.

Das Internet überbietet die kommunikative Aufheizung des Fernsehens: Die Kommunikationsselektion wird tendenziell völlig auf den Adressaten abgewälzt. Auf Grund der nicht vermessbaren Topografie des Netzes verliert der User den Glauben an seine Kommunikationsherrschaft vollends, weil seine Kommunikationsverarbeitungskapazität ständig überfordert wird. Zwar gibt es keinen Buridanschen Netzesel, der auf tausend Wegen gleicher Entfernung Mohrrüben sieht und in der Unentschiedenheit verharrt, aber der Kommunikationsgier einer entfesselten Weltgesellschaft ist nur mit steigernder Selektivität beizukommen, die zunehmend kontingent ausfällt. Der psychologische Effekt für den User ist frustrierend, weil die Unsicherheit über selektiv notwendige Kommunikationsverweigerungen gleichsam zum Medium seiner Bewegungen wird. Dem ist nicht mit immer neuen Informationsversprechen, Infobrokern oder Metasearchengines beizukommen, weil deren feedback die wuchernde Welt einem zusätzlichen Veränderungsdruck aussetzt.

 

IV. Übertragungsstörungen

Durch die doppelte Schnittstelle, Subjekt und Medium, wird jede Vermittlung gefährdet, überhaupt erfolgreich zu sein. Ich verstehe nicht, was 'alter' sagt oder das technische Medium schluckt Informationen, deformiert sie in seinem Rauschen. Auch Marshall McLuhans These, daß sich das Medium selbst vermittele, ist tendenziell zunächst der Fall einer Kommunikationsstörung. Das Fernsehen teilt sich als reines Medium abstrakt mit, seine nichtmediale Botschaft ist daneben wirkungsschwach bis nicht vorhanden. Wir erleben etwa eine Naturkatastrophe in ihrer reinen Medienwirkung, der reale Schrecken verschwindet hinter dem medialen Ereignis.

Das Grundschema dieser medialen Kommunikationsreduktion tritt besonders wirkungsvoll in den Frühformen des Mediengebrauchs auf. "Als die Bilder laufen lernten", war es tendenziell unbeachtlich, etwas anderes als die Bewegungsillusion selbst zu vermitteln. Ob Muybridge etwa Pferde oder Menschen bewegte, ist für den frühen Kommunikationszusammenhang 'Bewegte Bilder' respektive 'Film' tendenziell vernachlässigbar. Altern Medien, werden diese phänomenologischen Momente, die Selbstreferenzen des Mediums, indes schwächer. Niemand hört mehr Radio, nur um sich von abwesenden Stimmen faszinieren zu lassen.

Technische Medien gelten in der Kommunikation historisch zunächst lediglich als Vermittlungshelfer bzw. Kommunikationsverstärker. Sie mediatisieren Informationen, um die kollektive Wissenverbreitung in einer Gesellschaft zu beschleunigen. Da sie aber Kommunikationen speichern und situationsunabhängig machen, werden mediale Verständigungen abstrakt. Wir rekonstruieren gesellschaftliches Wissen zunehmend in solchen 'geronnenen' Kommunikationen, die im kollektiven Gedächtnis bzw. Speicher erhalten werden und mehr oder minder beliebig abrufbar sind. Das Subjekt gerät in die schizoide Falle, zwar angesprochen zu werden, aber doch nicht individuell gemeint zu sein. Die Medienfrühzeit, in der sich angeblich Fernsehzuschauerinnen schminkten, um dem Nachrichtensprecher zu gefallen, kann zwar nicht als erfolgreiche Flucht aus dieser Falle gelten, macht aber deutlich, dass mediale Angebote vom Menschen psychologisch kontexualisiert werden müssen.

Wenn die telematischen Wirkungen von Verbreitungsmedien zum Standard der Welterfahrung werden, werden konsensorientierte Kommunikationsansprüche nicht nur prekär, sondern sind auch nicht mehr einzulösen. Das läßt sich leicht überprüfen, wenn etwa mediale Diskurse -- wie häufig -- in einen unendlichen Rückgriff auf eine Wahrheit führen, die immer neu konstruiert werden kann. Ob etwa Bush oder Gore der wahre Präsident der USA ist, muß zwar politisch entschieden werden, ist aber diskursiv schon deshalb nicht aufzulösen, weil politische Macht zu ihrer Selbsterhaltung die kommunikative Vernunft instrumentalisiert -- mithin unbrauchbar macht.

Da uns in der überwiegenden Zahl die kommunizierten Ereignisse ohnehin nicht unmittelbar betreffen, schwächt sich zugleich der außermediale Gehalt der Botschaft ab. Botschaften müssen folglich etwa künstlich gesteigert werden, wenn sie überhaupt noch mitteilbar sein sollen. Dramaturgische Einrichtung, Echtzeitberichterstattung, schockierende Schnitttechniken etc. sollen die kommunikativen Schwächen der Vermittlung unsichtbar machen. Medien prätendieren Unmittelbarkeit gegenüber dem Näheverlust der Welt. Dabei tritt der Effekt einer schlechten Virtualisierung von Wirklichkeit ein, weil wir zwar noch individuell glauben mögen, mit 'wirklicher Wirklichkeit' konfrontiert zu werden, aber die fehlende Übertragung in die individuelle Lebenwirklichkeit nicht dauerhaft verdrängt werden kann. So sind die 'wahren' Katastrophen zwar als Fernereignisse kommunizierbar, aber gerade darin sind sie empathisch nur bedingt mitteilbar. Die Welt reizt uns, aber wir werden empfindungslos. "Weltweite Telekommunikation in diesem Sinn wäre letztlich Exkommunikation von jeder erkennbaren Gemeinschaft" dekretierte Mumford gegenüber dem nur noch reizdurchfluteten Global Village[Anm. 3].

 

V. Ex-Kommunikationen

In der Folge technologischer Fortschritte und der Bedeutungseinbußen menschlicher Verständigung vermitteln sich Medien in der gesellschaftlichen Kommunikation immer nachhaltiger. In ihrer Autopoiesis machen sie sich von Menschen unabhängig, ohne den Glauben an ihre Instrumentalisierbarkeit vollends zu zerstören. Sie speichern, selektieren und transportieren die Information, verarbeiten sie zu Kommunikationsangeboten, die wiederum von anderen Medien aufgenommen oder abgelehnt werden. Während Menschen kommunizieren, werden sie von Medien exkommuniziert, weil deren Eigendynamik von souveräner Themenunabhängigkeit geprägt ist. Die grassierende Handymanie, die neue SMS-Herrlichkeit, oder der E-Mail-Dauerbeschuß von Usern folgen der Paradoxie, in der Kommunikation zugleich diese zu hintertreiben. Denn Kommunikation ohne Kommunikationsverzicht schließt nicht zur Autonomie der Teilnehmer auf, sondern läßt deren Identität in den mediatisierten Verhältnisssen zerfliessen. Das ließe sich zwar jenseits des Glaubens an anthropologische Grundbedingungen auch positiv beschreiben, wenn etwa das global brain als evolutiver Fortschritt einer totalisierten Weltkommunikation beschworen wird. Aber warum sollten Menschen ihre Aufhebung in einer "Megamaschine" (Lewis Mumford) fördern, wenn Restwahrscheinlichkeiten bestehen, diesen Fortschritt auch stören zu können.

Kein Mensch kann indes behaupten, die Kommunikationswirkungen in Mediensystemen auch nur annäherungsweise zu kontrollieren. Weder Programmkommissionen, Medienanstalten und schon gar nicht Einzelne beherrschen die Eigendynamik medialer Selbstgespräche. Das ist für Politiker so fatal wie für Kybernetiker, die Steuerungswirkungen ermitteln müssen, wenn sie ihren gesellschaftlichen Anspruch in vermittelten Gesellschaften einlösen wollen. In Mediendemokratien widersprechen sich politische Selbstbestimmung und mediale Eigendynamiken so fundamental, daß Politiker immer stärker auf die Fabrikation medialer Wahrheiten verwiesen werden. Prägnantes Beispiel ist etwa die erleichterte Feststellung Colin Powells, daß der Golfkrieg nicht nur im Felde, sondern auch in den Medien gewonnen worden sei. Man mag inzwischen spekulieren, welcher Sieg folgenreicher ist.

Die mediale Kommunikations- und Wissensmaschine baut Menschen in ihre Reproduktion ein, so wie Menschen sich ihrer bedienen, um ihre gesellschaftliche Wirkung sicherzustellen. Platos Warnungen vor der Verschriftlichung von Informationen, ihrer Dekontextualisierung und damit verbundenen Authentizitäts- und Wahrheitsverlusten haben sich in den medial immer stärker aufgeheizten Kommunikationsverhältnissen als wirkungslos erwiesen. Vielleicht steckte in der Angst vor dem Wahrheitsverlust bereits die Furcht vor endgültigen anthropozentrischen Einbußen gegenüber subjektlosen Kommunikationen. Andererseits hat die Verschriftlichung von Kultur immerhin den emanzipatorischen Willen zu einer herrschaftsfreieren Gesellschaft zumindest in einigen historischen Situationen eingelöst. In der Verschriftlichung bzw. kontextunabhängigen Speicherung von Kommunikationen steckt aber die fatale Dialektik, daß diese Wirkungsmacht in einer heterogen konstruierten Öffentlichkeit zersplittert.

Aber nachgefragt: Ist den Selbstvermittlungen von Medien nicht durch die 'kommunikative Gegenwehr' von Menschen zu begegnen? Die These intermedialer Autonomie könnte insoweit angezweifelt werden, als Medien zumindest in ihrem idealtypischen Zuschnitt nicht kontingent reagieren können.

Ein Videorecorder, der eine Fernsehsendung aufzeichnet, funktioniert als triviale Maschine. Der Videorecorder kann sich nicht weigern, die Aufzeichnung zu machen oder etwa so irritiert werden, das Original zu kommentieren. Es findet in der Aufzeichnung keine Kommunikation zwischen den beiden Medien statt. Die Aufzeichnung unterscheidet sich von Übertragungsunschärfen abgesehen nicht vom Original. Es fehlt scheinbar an der Offenheit der Reaktion, die wir in jeder Kommunikation voraussetzen und die erst Verhaltensveränderungen auslösen kann.

Diese vordergründige Betrachtung setzt aber den Gebrauch des Mediums mit seiner technologischen Funktion gleich. Die technische Reproduzierbarkeit ist nicht das historische Signum solcher Medien, sondern die Offenheit der Gestaltung im Gebrauch, die jede primäre Wahrnehmungsherrschaft und ihre Verdoppelung im Medium als höchst zufällig erscheinen lässt. Besonders signifikant ist die übliche Transformation einer Wahrnehmung, die etwa den Weg durch eine Kameraufzeichnung, den folgenden Schnitt, die Neukontextualisierung mit korrespondierenden oder abweichenden Wahrnehmungen in einer Reportage etc. erfährt.

Tautologisch gesprochen sind kommunikative Medieneffekte dieser Art die Wirkungen, die ein Medium auf Grund seiner Gebrauchsweisen entwickelt -- oder wie Günther Anders apodiktisch formulierte: "Jedes Gerät ist bereits seine Verwendung"[Anm. 4]. Fatal ist daran aber, daß diese Eigendynamik sich zugleich als menschlichen Intentionen folgend vermittelt. Medieninstrumentalismus und mediale Selbststeuerung schließen sich mithin nicht aus, sondern bedingen einander. Just dieser Mechanismus läßt uns auf Medien so ambivalent reagieren, weil sie sich selbst vermitteln können, ohne scheinbar menschliche Zwecksetzungen zu hintertreiben. In dieser Ambivalenz reagieren Medientheorien höchst unterschiedlich: Die Optionen reichen von der These des naiven Medieninstrumentalismus über den spätaufklärerischen Medienumgang bis hin zu unversöhnlicher Medienfeindlichkeit. Noch ist dem keine Metatheorie beigekommen, weil alle Ansätze auf eine jeweilige Medienpraxis verweisen können, ohne die disparaten Phänomene in einen übergreifenden Verständnishorizont zu integrieren.

Um auf den Ausgangspunkt kommunikativer Medienwirkungen zurückzukommen: Medien klären auf und verblenden, sie sagen die Wahrheit oder lügen, je nach Perspektive. Daß sie das ohne Existenz- oder Identitätseinbußen leisten können, macht sie kommunikativ effizienter als Menschen, die sich zumindest vorübergehend auf diese oder jene Seite der Wahrheit schlagen müssen, wenn sie kommunikativ erfolgreich sein wollen. Nicht notwendig verschwindet das verstörte Subjekt daher am Horizont des entfesselten Objekts[Anm. 5], aber der Horizont von Medien ist weiter gezogen als die kommunikative Perspektive des Subjekts je entfaltet werden könnte. Medien sind also Kreter, die uns in ihrer Selbstreferenz gerade darüber im Unklaren lassen, was sie in ihrer Gesamtheit vermitteln, während wir glauben, miteinander zu reden. Was bleibt, ist eine begründbare Medienparanoia, die vielleicht zu der Hoffnung berechtigt, daß Menschen wenigstens als kommunikative Störfälle auch in Zukunft ein relatives Eigenleben entfalten.

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