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no. 9: kommunikation -> perspektive
 

perspektive

Literatur im Zeitalter der Ironie. Warum man nicht mehr einfach sagen kann, was man sagen will

von Tobias Hülswitt

Viele, gerade jüngere Schreibende sind kaum in der Lage, einen Ton anzuschlagen, der nicht ironisch klingt. Sicher hat ihr Innerstes einen Bruch erlitten, der seine Entsprechung im ironisch gebrochenen Ausdruck findet. Fehlt die ironische Brechung, wird ein Text sofort als platt, also nicht realistisch komplex, und als peinlich-pathetisch empfunden. Wer geradeaus schreibt, hat den Bruch nicht erlebt und damit etwas Wesentliches verpaßt. Der Mensch ist zwar am Leben, kann es aber nicht umfassend begreifen. Mit dieser Einsicht geht die Vorstellung verloren, das Denken sei weit mehr als eine private Faszination. Wer weiß, daß er bloß unzulänglich denken kann, hat Recht, wenn er seine Gedanken als flüchtig wie Scherze verkauft, also ironisch. Früher oder später wird das Ironische Teil seines Wesens und schließlich klingt alles, was er von sich gibt, so. Lesende, die denselben Bruch erfahren haben, lesen alles als Ironisches, zum Teil, weil es das tatsächlich ist, zum Teil aus Selbstschutz. Nahme man jeden Satz, der in jüngst erschienenen Büchern wie Elementarteilchen (Michel Houellebecq), Weißes Rauschen (Don DeLillo) oder Glamorama (Bret Easton Ellis) zu lesen steht, sofort und vollkommen ernst, dann wäre das eigene Leben weit vor der letzten Seite nicht mehr zu ertragen.

Also ordnet man diese Bücher unter 'Ironisches', 'Satire' und 'Schwarzer Humor' ein. Ein einfacher Trick, sie sich vom Leib zu halten. Denn was man um alles in der Welt vermeiden möchte ist, sichtbare persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Durch ihren universellen Gebrauch hat die Ironie so viele Gesichter bekommen, daß es kaum mehr möglich ist, sie immer und überall zu erkennen. Wollte man dies, dann bliebe nichts übrig, als "jeden Absatz einzeln durchzugehen", wie Houellebecq bei einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse 99 sagte. Doch das, so Houellebecq weiter, "wäre zu viel Arbeit". Richtig. und außerdem wären wir dann wieder im literaturwissenschaftlichen Seminar, dabei sind wir doch so froh, dort ganz allmählich wegzukommen durch Bücher wie Elementarteilchen, die vom rein literarischen Diskurs einfach nicht mehr erfaßbar sind.

Ironie ist heute in der Literatur diffus allgegenwärtig. Wie Zucker im Essen. Kaum eine Fertigspeise oder -mischung, in der er nicht enthalten ist: Salatkrönung, Ketchup, Käsesaucen. Man schmeckt ihn gar nicht, aber wenn er nicht drin ist, schmeckt es nicht. Diese diffuse Allgegenwärtigkeit rührt daher, daß unsere Lebensumstände oftmals absurd sind. Man bekommt das Gefühl, das Leben selbst erlaube sich ironische Späße mit uns. Zur Illustration ein kleiner Ausschnitt aus einem Gespräch, geführt im Sommer 96:

Tobias: Ich habe in Neustadt an der Weinstraße, gegenüber dem Friedhof, eine Tankstelle gesehen, die, wahrscheinlich unbeabsichtigt, einen sakralen Ausdruck hat.
Thomas: Wenn das beabsichtigt wäre, wäre es Satire, weil der Friedhof direkt gegenüber liegt.
Tobias: Es ist aber keine Absicht -- das ist das Traurige daran. Dennoch ist bezeichnend, was da sakralisiert wird, nämlich der Verkehr, der Autoverkehr.
Robert: Richtig. Wir haben über genau diese Tankstelle schon sehr heftig diskutiert, und allein die Tatsache, daß sie so heftige Diskussionen ausgelöst hat, spricht eigentlich für die Tankstelle.
Tobias: Kannst du sie noch mal kurz beschreiben?
Robert: Das Extreme an ihr ist die Waschstraße. Aber vielleicht zelebriert der Architekt wirklich das Autowaschen der Deutschen, denn es ist ja schon etwas, was der Deutsche ganz gern tut.
Thomas: Das Auto ist sein Heiligtum.
Robert: Und diese Waschstraße schaut wirklich so aus: dreieckige Fenster in einer Reihung und ein schräges Dach -- wie eine kleine Autowaschkathedrale.
Tobias: Es fehlt nur noch der Glockenturm.

Findet sich diese Waschkathedrale in einem literarischen Text verarbeitet, wird beim Lesen vermutlich gelacht. Man wird sofort annehmen, es drehe sich um Satire. Der Autor lacht vielleicht selber, findet die Waschkathedrale aber viel spöttischer als sich. Er erzählt von ihr vor allem, weil sie ihn irritiert, und das Ironische, das die Tankstelle an sich hat, wirkt im Text, als hatte er es erzeugt. Dabei ist beinahe egal, was er wahrnimmt und beschreibt, das Ironische ist schon da, in den Dingen selbst. In Weißes Rauschen flieht der Held im Auto vor einem Chemieunfall und verstrickt sich dabei im Wald; in einem Vehikel also, das in jeder Hinsicht die Umwelt zerstört, von der Herstellung über die Nutzung bis zur Verschrottung. Er flieht vor der ökologischen Katastrophe und gerät dabei in ein ethisches Dilemma. Bitterste Ironie des Autors, klar. Aber welche realistische und unironische Alternative hätte denn zur Verfügung gestanden? Man bewegt sich in den USA einfach nicht mehr zu Fuß.

Im Alltag sind Ironisches und Nicht-Ironisches kaum mehr zu trennen. In der Theorie geht es noch. Da gibt es einmal das unfreiwillig Ironische, wie die Waschkathedrale und die Autoflucht. Dann gibt es, zweitens, das bewußt Ironische, wie es das Lexikon definiert: "Spott, der sich hinter Ernst verbirgt und der das Gegenteil von dem ausdrückt, was man meint, die wirkliche Meinung aber durchblicken läßt". Und wer handhabt das bitte wo genau so? "Jeden Absatz einzeln" durchgehen müßte man, um das zu klären -- da waren wir schon.

Drittens die Ironie, die wir produzieren, um das, was wir meinen, überhaupt sagen zu können. Liebenswürdiges zum Beispiel oder Weises oder gar Spirituelles ist, wird es geradeaus gesagt, einfach zu peinlich. Um es sagen zu können, muß es mit ironischem Unterton geschehen, in der Hoffnung, daß der Empfänger es wieder zurückübersetzt. Ernst, der sich hinter Spott verbirgt: ein Riesenmißverständnis, das ständig weitere kleine erzeugt. Und doch scheint Ironie zur Zeit das letzte Mittel, etwas mitzuteilen, das wichtig sein könnte.

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