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no. 9: kommunikation -> fidelio
 

"Gleichzeitiges Singen ist unlogisch, aber schön"

Das Quartett Nr. 3 aus Beethovens Fidelio als paradoxe Kommunikations-Situation

anhang

 

Anmerkungen

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[1] Unter dem 'Quartett' verstehen wir immer das Quartett Nr. 3 der Fassung von 1814.
Text des Quartetts Nr. 3 (Joseph Sonnleithner/Georg Friedrich Treitschke, Libretto, S. 44):
Marzelline: Mir ist so wunderbar,
  Es engt das Herz mir ein.
  Er liebt mich, es ist klar,
  Ich werde glücklich sein.
Leonore: Wie groß ist die Gefahr,
  Wie schwach der Hoffnung Schein.
  Sie liebt mich, es ist klar,
  O namenlose Pein!
Rocco:  Sie liebt ihn, es ist klar;
  Ja, Mädchen, er wird dein.
  Ein gutes, junges Paar,
  Sie werden glücklich sein.
Jaquino: Mir sträubt sich schon das Haar,
  Der Vater willigt ein.
  Mir wird so wunderbar,
  Mir fällt kein Mittel ein.
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[2] Libretto, S. 44.
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[3] Bie, S. 15.
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[4] Zum Kommunikationsmodell dramatischer Texte vgl. Pfister, S. 20-22.
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[5] Dahlhaus, S. 45.
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[6] Bie, S. 222.
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[7] Vgl. Kirsch, S. 189.
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[8] Dahlhaus, S. 46.
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[9] Ebda., S. 46f. Die These von der Vorausdeutung des positiven Endes imQuartett verfolgend, läßt sich eine auffällige dramaturgische Parallele zwischen dieser Szene und dem kontemplativen Ensemble im Finale ("O Gott! -- Welch ein Augenblick!"; Partitur, S. 258) ausmachen: In beiden Fällen ist ein Moment aufgehobener Zeit komponiert, wobei die Erfüllung der Hoffnung auf eine glückliche Lösung des dramatischen Konflikts im ersten Falle nichts als Verheißung, im zweiten Falle aber eingetreten ist. So findet sich der Gedanke der Vorausdeutung bei Bloch noch zugespitzter: "Im Fürsich des Quartetts glänzte dies ferne Ziel noch still [...]. 'O Gott! welch ein Augenblick!' singt Leonore an der höchsten Stelle des Werkes, ganz umgeben von Musik des Jetzt; alle Wege Fidelios führen nach diesem Rom." (Bloch, S. 209.)
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[10] Zu den etymologischen Implikationen des Wortes 'wunderbar' siehe weiter unten.
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[11] Szondi, S. 116.
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[12] Bloch, S. 209.
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[13] Zitiert nach: Szondi, S. 160.
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[14] Kramer, S. 61.
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[15] Daß es zu den definierenden Merkmalen eines kontemplativen Ensembles zu rechnen ist, daß durch die Musik gleichsam tönende Sprachlosigkeit verwirklicht wird, hat Dahlhaus (S. 44) betont, indem er von kontemplativen Ensembles als von "herausgehobenen Augenblicken einer von Musik erfüllten Sprachlosigkeit (was die Personen sagen, fügt sich nicht zum Dialog, sondern wirkt, paradox ausgedrückt, wie beredtes Verstummen)" sprach.
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[16] Adorno, S. 57.
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[17] Takt 9, Partitur, S. 59.
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[18] Allerdings ist dieser Kontrast eigentlich erst nach der Geburt des Stimmfachs des hochdramatischen Soprans im späten 19. Jahrhundert möglich, also zu Beethovens Zeit in der beschriebenen Weise wohl nicht hörbar gewesen.
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[19] Einen Kontrast zwischen gegensätzlichen Textzeilen und gleichem musikalischen Material kann man auch im Terzett Nr. 5 beobachten, wenn Marzelline und Leonore in "seligen" Terz- und Sextparallelen (getrübt von einer Sekunde zuvor) gleichzeitig von "süßen" und "bittren Thränen" singen. (Nr. 5, Takt 146-155 und 171-181, Partitur, S. 83-85.)
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[20] Ein Gegenbeispiel hierzu wäre das Duett Nr. 15 "O namenlose Freude!", in dem der einheitliche Affekt zur selben Musik, also die totale Übereinstimmung des Materials, Ausdruck für größte Harmonie ist -- in seligen Terz- und Sextparallelen. Es handelt sich hierbei um eine Vereinheitlichung, die eigentlich keiner Vereinheitlichung bedarf -- ein allgemeines Problem dramatisch motivierter Musik, die häufig der Gefahr erliegt, zum Pleonasmus zu verkommen. Man könnte dies als eine Art Überinformation bezeichnen, zu der die Unterinformation im Quartett in Opposition steht.
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[21] Vgl. Grimm: Art. wunderbar, wunderlich, bes. Sp. 1912.
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[22] Serres, S. 107.
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Literaturhinweise

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  • Adorno, Theodor W.; Theodor W. Adorno Archiv (Hrsg.): Nachgelassene Schriften, Abteilung I: Fragment gebliebene Schriften, Bd. 1: Beethoven. Philosophie der Musik. Fragmente und Texte, hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main 1993.
  • Bie, Oskar: Die Oper (1913). Reprint München 1988.
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  • Csampai, Attila (Hrsg.);Holland, Dietmar (Hrsg.): Ludwig van Beethoven. Fidelio. Texte, Materialien, Kommentare. Reinbek bei Hamburg 1981.
  • Dahlhaus, Carl: Über das "kontemplative Ensemble". In: Dahlhaus, Carl: Vom Musikdrama zur Literaturoper. München 1989, S. 41-49.
  • Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Art. wunderbar, wunderlich, In: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 14, II. Abteilung: WILB-YSOP, Leipzig 1960, Sp. 1841-1852, 1903-1919.
  • Kirsch, Winfried: Zur musikalischen Konzeption und dramaturgischen Stellung des Opernquartetts im 18. und 19. Jahrhundert. In: Die Musikforschung 27 (1974), S. 186-199.
  • Kramer, Ursula: Das "intime, aber starke Drama" und seine Chancen für Inszenierung und Musik. In: Peter Tschaikowsky. Eugen Onegin. Programmheft, Staatstheater Mainz, Spielzeit 1991/92, S. 56-63.
  • Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. München 71988.
  • Serres, Michel: Der Parasit. übers. von Michael Bischoff. Frankfurt a. M. 1984.
  • Szondi, Peter; Mattenklott, Gert (Hrsg.): Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert. Der Kaufmann, der Hausvater und der Hofmeister. Frankfurt am Main 1973.

 

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