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no. 9: kommunikation -> editorial
 

editorial

Wenn wir den Menschen zunächst und vor allem anderen als soziales Wesen betrachten, das primär nicht lust- sondern beziehungssuchend ist, sich also durch seine Sozialität auszeichnet, dann, ja was folgt dann für das Thema der Kommunikation? Die Antwort lautet, daß Kommunikation dann ein Un-Thema ist, denn alles was ist wäre dann Kommunikation.

Es gibt viele Antworten auf die Frage nach Existenz. Aus der Sicht menschlicher Sozialität könnte die Antwort lauten: Es existiert, was kommunikativ relevant ist. Ein Ereignis wie, sagen wir mal, die Ermordung des amerikanischen Präsidenten existiert nicht per se, sondern nur durch seine wie auch immer geartete Kommunikation. Erst wenn es kommuniziert wird, bricht die First Lady in Tränen aus, reagiert der Aktienmarkt und hält der Pressesprecher Hof. Alle diese Anschlußkommunikationen aber reagieren nicht auf das Ereignis selbst, sondern erst auf seine Kommunikation. Würde der Präsident tot im Bett liegen und keinerlei Kommunikation sich auf dieses Faktum beziehen, so könnte dieses Ereignis auch genausogut nicht existieren -- da es kommunikativ nicht relevant wäre.

Daher die Aussage, daß es Kommunikationen sind, die kommunizieren, nicht Menschen, Gruppen oder Organisationen. Kommunikationen realisieren immer Anschlußoptionen anderer Kommunikationen. Daher kann durch Kommunikation oder Nicht-Kommunikation Existierendes ausgelöscht, totgeschwiegen werden, es kann aber auch anderes zur Existenz gebracht werden, was vorher nicht existierte -- seien es Stars, Themen oder mediale Stile.

Man mag sich gegen diesen umfassenden Durchdringungsanspruch von Kommunikation auflehnen, sich wehren wollen -- und wird merken, daß man das auch nur über Kommunikation tun kann -- oder über Nicht-Kommunikation, doch auch die ist selbst wieder Kommunikation. Ich bin schon da, sagte der Igel.

Da man offensichtlich nicht nicht kommunizieren kann, interessieren die vielfältigen Formen, in denen Kommunikation auftritt (bis hin zu den Versuchen, doch nicht zu kommunizieren). Von der haarspalterischen Spitzfindigkeit bis zur maximalen Ambiguität einer Zen-Weisheit, von Alltag über Kunst bis Religion, Kommunikation ist immer schon da und präsentiert sich in schillernden Gewändern vom Kochrezept bis zum politischen Selbstmord, von der ganz privaten Ehekrise bis zur öffentlichen Trennung von Boris und Barbara Becker, vom literarischen Quartett bis zum vollen Dutzend im Big-Brother-Container. Doch das ist nicht alles. Wirklich interessant wird es erst, wenn wir Kommunikation über Kommunikation hinzunehmen, privat, massenmedial oder im 'neuen Kommunikationsmekka' Internet. Denn Kommunikation hat in des seltensten Fällen rein Außerkommunikatives zum Thema; meist befaßt sie sich -- das tut doch jeder gerne -- mit sich selbst.

Und schließlich: Was findet hier gerade statt? Kommunikation über Kommunikation über Kommunikation. Denn Kommunikation ist nicht nur immer schon da, sie ist auch stets eine Nasenlänge voraus und bespiegelt sich selbst, bespiegelt sich in ihrer Selbstbespiegelung und schreibt sich auf diese Weise fort.

Darum: Lassen wir alle Hemmungen fahren, drehen wir uns mit im kommunikativen Reigen und geben wir uns für eine Weile dem Reiz der Illusion hin, wir könnten uns -- und sei es auch nur für einen Moment -- außerhalb dieses Reigens positionieren und uns unabhängig mit Kommunikation über Kommunikation über Kommunikation befassen. Und zwar wie? Genau. Durch Kommunikation.

Ina Jekeli

 

autoreninfo 
Dr. Ina Jekeli, Jahrgang 1972, studierte Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Tübingen und Paris. Sie promovierte in Tübingen mit der Dissertation: Ambivalenz und Ambivalenztoleranz. Soziologie an der Schnittstelle von Psyche und Sozialität. Osnabrück 2002. Parallel war sie an der Uni Tübingen in einem Forschungsprojekt zur Heimerziehung taetig. Seit 2002 lebt sie in Amsterdam und arbeitet im Bereich der Familiendiagnostik und Supervision bei kommunikativen und familienstrukturellen Problemen. Ina Jekeli ist seit 1997 Mitglied der parapluie-Redaktion.

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